Die Faschisten von Santa Cruz

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Die Faschisten von Santa Cruz

Ein Besuch bei der Oberschicht in Boliviens reichster Provinz

von Maëlle Mariette

Oktober 2019: Santa Cruz protestiert gegen Morales’ Wiederwahl ÁLVARO GUMUCIO LI
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Schon bei der Ankunft in Santa Cruz de la Sierra ist alles anders als erwartet: Am Flughafen trifft man auf Männer im Anzug mit Gelfrisur, rothaarige Mennoniten-Familien und Frauen, die ab einem gewissen Alter offenbar meinen, sich unter das Skalpell eines Schönheitschirurgen legen zu müssen. Die Kunden, die ins Taxi steigen, haben meist eine hellere Haut als der Chauffeur. Auf der Fahrt in die Stadt, auf einer endlosen, schnurgeraden Straße werden Karren von riesigen SUVs überholt, und am Straßenrand stehen die neuesten Mähdrescher, so dass man erahnen kann, woher der Reichtum dieser Gegend stammt. Wir fahren an Elendsvierteln vorbei, dann an Luxusvillen mit Fitnessstudios im Erdgeschoss und Schwimmbädern auf dem Dach, und gelangen schließlich ins alte Stadtzentrum mit seinen Kolonialbauten.

Santa Cruz de la Sierra liegt im östlichen Flachland Boliviens und ist die Hauptstadt des größten und am dichtesten besiedelten Verwaltungsbezirks des Landes. Das Departamento Santa Cruz, das ein Drittel des bolivianischen Staatsgebiets umfasst, ist größer als Deutschland. Es zählt 2 Millionen Einwohner, von denen die meisten in der Hauptstadt wohnen. Aufgrund seiner bedeutenden Erdgasvorkommen und einer starken, industrialisierten Landwirtschaft ist die Provinz der Wirtschaftsmotor des Landes, über 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werden hier erzeugt.

Auf meiner letzten Reise im Dezember 2018 hatte ich im Flugzeug Natalia Ibañez kennengelernt, die mich in ihrer Stadt herzlich willkommen hieß. „Santa Cruz ist die modernste Stadt Boliviens. Sie haben bestimmt die vielen Wohnanlagen gesehen“, sagte sie und meinte damit die Gated Communitys unter privatem Wachschutz, die man hier überall findet. „Wir hier in Santa Cruz wissen, wie man Geld investiert und gewinnbringend anlegt. Nicht wie die Indios, die es in der Erde verbuddeln, um es ihrer ‚Pachamama‘ zu opfern.“ Damals hatte Señora Ibañez nur einen Traum: Präsident Evo Morales, den „ungebildeten Indio“, aus dem Amt zu vertreiben.

Fast ein Jahr später treffe ich sie im „Divine“, einem schicken neuen Nagelstudio ganz in Marmor und Glas. Die zahlreichen weiblichen Angestellten tragen kurzärmlige weiße Blusen, Schuhe mit Keilabsatz und blaue Kontaktlinsen, so dass sie ähnlich austauschbar wirken wie die Sängerinnen in den Musikvideos, die auf den Bildschirmen an den Wänden flimmern. Die Kundinnen des Salons bemühen sich, nur auf Englisch miteinander zu sprechen (bis sie eine fehlende Vokabel zwingt, ins Spanische zurückzufallen). Hier gilt es als letzter Schrei, für einen Ami gehalten zu werden. Selbst am Flughafen stellen sich viele Einwohner von Santa Cruz, die auch einen US-amerikanischen Pass besitzen, in die Schlange für ausländische Passagiere, obwohl sie mit ihrem bolivianischen Ausweis viel schneller durch die Kontrolle kommen.

Natalia freut sich über den Sturz des „Indios“

Während sich Natalia Ibañez die Nägel machen lässt, erzählt sie mir, wie sehr es sie freue, dass ihr Traum in Erfüllung gegangen sei. Ihr Cousin habe „Bolivien von der Hölle der Diktatur befreit“: Luis Fernando Camacho, ein dynamischer, millionenschwerer Anwalt, der, wie die ganze Welt seit den Veröffentlichungen des Internationalen Netzwerks investigativer Journalisten (ICIJ) vom April 2016 weiß, in Panama drei Offshore-Firmen gegründet hat, über die bolivianische Firmen und Privatpersonen – darunter er selbst – Geld waschen und Steuern vermeiden konnten.

Im November 2019 wurde Evo Morales durch einen Staatsstreich unter Beteiligung von Militär und Polizei gestürzt, seitdem lebt er im Exil.1 Zuvor hatte es einen 21-tägigen Generalstreik gegeben, aus Protest gegen das umstrittene Endergebnis der Präsidentschaftswahl vom Oktober, nach dem der amtierende Präsident bereits im 1. Wahlgang knapp gewonnen hatte. Das Comité pro Santa Cruz unter dem Vorsitz Luis Camachos tat in dieser Zeit alles, um den Zorn der Bevölkerung zu schüren. Camacho rief die Bürgerinnen und Bürger damals dazu auf, sich rund um die monumentale Statue „Christus der Erlösers“ auf einem der großen Verkehrsknotenpunkte der Stadt zu versammeln, wo er seine Roadmap zur Fortsetzung der Proteste verkünden wollte.

Inzwischen kandidiert Camacho für das Amt des Präsidenten – die Wahl war ursprünglich für den 3. Mai 2020 vorgesehen, musste aber wegen der Coronapandemie auf den 6. September verschoben werden. „Vom wirtschaftlichen und logistischen Standpunkt aus betrachtet, ist der Sturz des Indios zu 80 Prozent Santa Cruz zu verdanken“, erklärt mir Natalia Ibañez. Das bestätigt auch Sirce Miranda, die ebenfalls in Santa Cruz lebt: Jeden Abend seien ihr damaliger Lebensgefährte und weitere Mitglieder des Comité pro Santa Cruz zu den verschiedenen Blockade-Stationen in der Stadt gefahren, um die Demonstranten für ihren Einsatz mit Geld und Reis zu „entschädigen“. Darüber geriet sie so in Empörung, dass sie die Beziehung schließlich beendete.

Das Comité pro Santa Cruz hat seinen Sitz in der Canada-Strongest-Straße im Stadtzentrum, in einem hübschen Kolonialgebäude mit großem, schattigem Innenhof, über dem die grün-weiße Fahne von Santa Cruz weht. Das Comité sei „die moralische Regierung von Santa Cruz“, erklärt der Geschäftsführer Diego Castel. Es habe die Aufgabe, „die Interessen von Santa Cruz gegenüber dem Staat zu vertreten“.

Obwohl es sich eigentlich um einen Dachverband von etwa 300 zivilgesellschaftlichen Vereinen handelt, ist das Comité seit seiner Gründung im Jahr 1950 fest in der Hand der örtlichen Oligarchie. Wer hier den Vorsitz übernehmen möchte, muss von einflussreichen Unternehmern protegiert werden und darf sich bei der Finanzierung der Wahlkampagne nicht lumpen lassen, wie Herland Vaca Diez Busch erklärt, der das Comité von 2011 bis 2013 geleitet hat.

Herland zitiert aus „Mein Kampf“

Weitere Bedingungen sind, „dass man in Santa Cruz geboren ist und dort seit mehr als 15 Jahren lebt“, ergänzt Castel und fügt hinzu: „Das ist schon sehr fortschrittlich! Bis vor Kurzem mussten auch die Eltern aus Santa Cruz stammen.“ Die Eltern eines Sohns wohlgemerkt, denn die Fortschrittlichkeit reicht nicht so weit, dass eine Frau den Vorsitz des mächtigsten Vereins in dieser konservativen Stadt übernehmen könnte. Es gibt zwar auch einen Frauenverband, aber der bleibt der Macht fern und kümmert sich ausschließlich um den geselligen Part des Vereinslebens.

Bei meinem Besuch in der Geschäftsstelle treffe ich denn auch eine der prominenten Frauen des Comité femenino: Maria Carmen Morales de Prado, liebevoll „Negrita“ genannt, deren Geburtstagsfeier zum 60. die Klatschspalten der Stadtgazetten füllte. Sie erklärt mir: „Das Comité ist ein Sprungbrett für den Eintritt in die Politik.“ In der Tat haben die meisten Politiker in Santa Cruz diese Schule durchlaufen: Einer der ehemaligen Vorsitzenden wurde das sechste Mal hintereinander zum Bürgermeister gewählt, ein anderer steht seit drei Amtszeiten an der Spitze des Verwaltungsbezirks. Sichtlich bewegt berichtet Morales de Prado von den letzten Monaten mit den jungen Mitgliedern des Comités, die „zu allem bereit waren, um der Demokratie zum Sieg zu verhelfen“. Diese jungen Leute, die de Prado liebevoll „tia“ (Tante) nennen, treffen sich im Jugendverband (Unión Juvenil Cruceñista). Viele Mitglieder dieser „Eingreiftruppe des Comités zur Wiedererlangung der Demokratie“ landen wegen gewalttätiger Ausschreitungen regelmäßig im Gefängnis.

Der Jugendverband unterhält ein eigenes Büro im Haus des Comités. Die Aktivisten treffen sich im ersten Stock in eiskalt klimatisierten Räumen, der Fußboden ist mit Zigarettenkippen übersät. Die Mitglieder sind 300 junge, weiße Menschen unter 30, die meist studieren und aus der Mittel- und Oberschicht stammen (obwohl es angeblich immer mehr Mitglieder aus der Unterschicht geben soll). Sie haben keinerlei Hemmungen, bei ihren Treffen mit ausgestrecktem Arm den faschistischen Gruß zu zeigen. Die Interna­tio­nale Menschenrechtsliga bezeichnet die Unión Juvenil Cruceñista als paramilitärische Gruppe. Sie wurde 1957 von Carlos Valverde Barbery gegründet, dem Führer der Bolivianischen Sozialistischen Falange, die 20 Jahre zuvor nach dem Vorbild der falangistischen Milizen in Spanien entstanden war.

Wer der Union beitreten will, muss auch der Falange angehören, wie uns später Gary Prado Araúz, ein stadtbekannter Anwalt, bestätigt. In einem Film über die Geschichte der Organisation2 erklärt Valverde Barbery: „Die Unión Juvenil Cruceñista wurde als ‚bewaffneter Arm‘ des Comités gegründet und ist nicht nur für den Straßenkampf zuständig, sondern auch für die Indoktrinierung der Bevölkerung und die militärische Unterstützung des Comités.“ In diesem Jugendverband unternahm auch Camacho seine ersten Schritte und wurde 2002 mit nur 23 Jahren zu ihrem jüngsten Vizepräsidenten gewählt.

Der Arzt Herland Vaca Diez Busch, der mit seinen 72 Jahren immer noch praktiziert, sitzt in seiner Privatklinik am Schreibtisch. Vor ihm stehen Fotos seiner Kinder und Enkel und alte Bücher über die Geschichte der Provinz, im Regal daneben eine Marienstatue und die Flagge mit dem Stadtwappen. Er sei einer der Gründer und Chefideologen der Befreiungsbewegung der Camba-Nation (Movimiento Nación Camba de Liberación, MNC-L), erklärt er mir stolz. Nach Ansicht dieser Bewegung ist Bolivien „eine Art südamerikanisches Tibet, das aus den zurückgebliebenen und elenden Volksgruppen Aymara und Quechua besteht“. Im Land herrsche eine „vorrepublikanische, illiberale, traditionelle gewerkschaftliche Konfliktkultur“ und das bürokratische Zentrum (gemeint ist La Paz) pflege den „abscheulichen Zentralismus eines Kolonialstaats, der seine ‚inneren Kolonien‘ ausbeutet, sich unsere wirtschaftlichen Überschüsse aneignet und uns seine Kultur, die Kultur der Unterentwicklung, auferlegt“. Auf der einen Seite stehen demnach die Camba, die im Osten des Landes leben und meist weiß und „verwestlicht“ sind, auf der anderen die Colla, eine abwertende Bezeichnung für die Indigenen aus den Anden im Westen des Landes.

„Santa Cruz schuldet Bolivien gar nichts“, meint Vaca Diez Busch. „Als ich 1948 geboren wurde, war diese Stadt bloß ein Dorf, keine Straße war geteert, und sie hatte nur knapp 40 000 Einwohner. Schauen Sie, wie sie aufgeblüht ist! Heute sind wir über anderthalb Millionen! Der Zentralstaat hat uns vernachlässigt, er hat lieber die Bergbauprovinzen unterstützt. Wir aus Santa Cruz haben um Hilfe gebeten, aber da der Staat uns nichts geben wollte, mussten wir die Dinge selbst in die Hand nehmen.“ Heute habe man ein eigenes Wasser-, Telekommunikations- und Stromnetz: „Alles, was in Santa Cruz entstanden ist, haben wir im Schweiße unseres Angesichts geschaffen.“ Dass der bolivianische Staat in Santa Cruz die Infrastruktur (wie Straßen oder Gaspipelines) ausgebaut und massiv in die Agrarindustrie der Provinz investiert hat, aus der diese nun ihren Reichtum bezieht, spielt für den Arzt offenbar keine Rolle.

Damit ich mir ein „richtiges Bild“ von der Region Santa Cruz, ihrer Kultur und ihren Werten machen kann, lädt mich Vaca Diez Busch ein, ihn und seinen Bruder Tulio übers Wochenende nach Concepción, einer kleinen Stadt 300 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt, zu begleiten. Wir fahren in einem BMW. Die Brüder sind begeistert von der Aussicht, mir „ihr Santa Cruz“ zu zeigen, dem sie sich so tief verbunden fühlen. „Weißt du, die Collas sind eine besondere Rasse. Sie sind faul und unwissend. Sie warten darauf, dass die Unterstützung vom Himmel fällt. Sie ergreifen niemals die Initiative“, erklärt mir Vaca Diez Busch. Er habe immer dafür gesorgt, dass seine Kinder „keinen Umgang mit Armen haben, damit sie nicht faul werden. Ich will, dass sie von Menschen lernen, die Erfolg haben und arbeiten, denn Reichtum zieht Reichtum nach sich.“

Nachdem er mir die luxuriöse Ausstattung seines Wagens vorgeführt hat, fährt der Arzt fort: „In Santa Cruz hätten wir uns noch weiter entwickeln können, aber der ‚Indio‘ hat uns daran gehindert. Er gehört zu den Leuten aus dem Westen, die uns seit ihrer Geburt hassen. Deshalb haben sie uns ausgebremst. Mit den Arbeitnehmerrechten, den staatlichen Hilfen und so weiter haben sie unsere Unternehmen kaputtgemacht. Wenn in deiner Firma drei Frauen gleichzeitig schwanger werden, kannst du den Laden dichtmachen. Wusstest du, dass man ihnen eine ‚Stillprämie‘ zahlen muss, zusätzlich zum doppelten 13. Monatsgehalt für alle Mitarbeiter? Das ist das Risiko, wenn man Frauen beschäftigt …“

Auf halber Strecke kommen wir durch San Julián, eine Stadt, die vor 30 Jahren aus dem Boden gestampft wurde. Ein Großteil der 48 000 Einwohner sind indigene Bauern, die aus dem Landesinneren zugewandert sind. „Dieser Dschungel“ sei „ein Beispiel für die Colla-Invasion“, sagen die Brüder, und die Einwohner von Santa Cruz deren „Opfer“. „Diese Wilden werfen mit Steinen nach uns, wenn wir mit dem Auto durch ihre Stadt fahren. Sie fallen nicht nur bei uns ein, sie schlagen uns auch, und manchmal töten sie uns. Man muss sich von diesen Verrückten fernhalten“, erklären die beiden, die für eine Unabhängigkeit ihrer Provinz eintreten.

Wir durchqueren die Stadt jedoch ohne Zwischenfall. Auf der Straße sehen wir mehrere Frauen, die die traditionellen Zöpfe und weiten Röcke der Anden-Hochebene tragen. „Die haben hier nichts zu suchen“, meint der Bruder des Arztes. „Sie passen nicht in diese Gegend. Für die ist es hier viel zu warm, sie schwitzen und stinken.“ Zweifellos passen die indigenen Frauen nicht zu den Schönheitsidealen von Santa Cruz, die von den „Magníficas“, den hellhäutigen, großen und schlanken Models verkörpert werden, die jeden September knapp bekleidet zwischen glänzenden Mähdreschern und mit Hormonen vollgepumpten Rindern auf der Internationalen Wirtschaftsmesse von Santa Cruz (Fexpocruz) posieren.

Wir fahren durch riesige Soja- und Maisfelder und hören dabei die sanften Stimmen der beliebten Camba-Sänger Aldo Peña und Gina Gil, die ihre größten Hits singen („La cruceñidad, Pena cruceña“ oder „Viva Santa Cruz“). Was bedeutet eigentlich „cruceñidad“? Die Frage stürzt die beiden Brüder in Verwirrung. Sie denken lange über eine Antwort nach.

Die ebenfalls aus Santa Cruz stammende Gabriele Oviedo, Miss Bolivien von 2003, antwortete beim Miss-Universe-Wettbewerb auf die Frage nach ihrem Land: „Die Leute, die Bolivien nicht kennen, denken leider, dass wir alle Indios sind. Dieses Bild stammt aus La Paz, mit seinen kleinwüchsigen armen Leuten und einheimischen Völkern. Ich komme aus der anderen Hälfte des Landes, aus dem Osten, wo es nicht kalt, sondern sehr heiß ist, wo wir groß und weiß sind und Englisch sprechen. Das Vorurteil, Bolivien sei nur ein Andenstaat, ist falsch.“

Nach einigen Minuten des Nachdenkens beantwortet Herland Vaca Diez Busch meine Frage, indem er aus dem Gedächtnis eine Passage aus „Mein Kampf“ zitiert. Ich glaube, falsch verstanden zu haben, und frage nach: „Das Buch von Adolf Hitler?“ „Natürlich“, antwortet er, „das ist doch ein Klassiker! Kennst du es?“

Unsere Fahrt dauert bereits über drei Stunden. Die Landschaft ist inzwischen hügeliger und üppiger geworden. Wir durchqueren kleine Dörfer, in denen niedrige Kolonialhäuser die Straßen aus gestampfter Erde säumen. Unterwegs sehen wir mehrere Harley-Davidsons, auf denen dicke weiße Männer in Cowboyhemden sitzen. Sie lassen ihre Haare im Wind wehen und überholen die kleinen, völlig verschlammten Motorräder der dunkelhäutigeren Familien. Die beiden Brüder freuen sich, wieder in ihre Jugendzeit einzutauchen, denn ein Teil ihrer Familie stammt aus dieser Gegend. Tulio Vaca Diez Busch sagt zu seinem Bruder: „Hey, Digga, erinnerst du dich, als dieser Indio dort auf der Straße geschlagen wurde, nachdem sie ihn vom Rad geholt hatten?“

Endlich erreichen wir San Javier, wo wir von Kameraden der Unabhängigkeitsbewegung empfangen werden. Sie haben sich vor dem Rathaus versammelt, um hier einen Mojón – einen 2,20 Meter hohen und 20 Zentimeter dicken Holzpfahl – einzuweihen. Der Organisator der Zeremonie, Joe Nuñez Klinsky, ein Unternehmer mit rotem Bart, erklärt sichtlich begeistert: „Das Ziel dieser bürgerschaftlichen Aktion besteht darin, die Zeichen der Autonomiebewegung in jeder Stadt des Landes aufzurichten.“ Damit wolle man einen Prozess begleiten, der zu einer verfassunggebenden Bundesversammlung in Bolivien führen soll. „Das wäre der erste Schritt hin zu einer Unabhängigkeit von Santa Cruz.“

Etwa 50 Menschen sind anwesend, vor allem Männer um die 60 in Hemd und Jeans, die Mokassins oder Cowboystiefel tragen, mit Schirmmützen auf dem Kopf und Messerhalftern am Gürtel, Ray-Ban-Sonnenbrillen und dicken goldenen Uhren. In seiner Rede erwähnt Vaca Diez Busch auch seinen Onkel Germán Busch Becerra, den Sohn eines deutschen Arztes, der sich im Chacokrieg zwischen Bolivien und Paraguay von 1932 bis 1935 durch seine Heldentaten hervorgetan und 1937 zum Präsidenten des Landes erklärt hatte.

Unter allgemeinem Applaus reißt Busch schließlich die grün-weiße Flagge von Santa Cruz von dem Mojón. Danach singen alle mit der Hand auf dem Herzen die Hymne von Santa Cruz. Die meisten der Anwesenden zählen zur Oberschicht von Santa Cruz und besitzen hier Ländereien. Als ich bemerke: „Es ist erstaunlich, dass Sie fast alle blaue Augen haben, so wie ich“, lautet die Antwort: „Mein Vater oder Großvater war Europäer, es gibt hier viele Nachfahren von Deutschen.“

Als die Zeremonie beendet ist, setzen wir unseren Weg nach Concepción fort, zur Hazienda des dritten Bruders, eines Multimillionärs („und ich spreche von Dollar!“, präzisiert Tulio Vaca Diez Busch), der wie die meisten Großgrundbesitzer in der Umgebung über Konzessionen für Holz und Zuckerrohr verfügt und Rinderzucht betreibt. Als wir auf dem Hauptplatz des hübschen Kolonialdorfs ankommen, das in allen Reiseführern verzeichnet ist, erklärt mein Begleiter, in diesem Ort sei „ein großer Mann“ geboren worden, nämlich General Hugo Banzer Suárez, der es zweimal ins Präsidentenamt schaffte: zuerst von 1971 bis 1978, als er nach einem Staatsstreich ein Militärregime errichtete und den früheren SS-Mann und Kriegsverbrecher Klaus Barbie als Sonderberater für die Unterdrückung der Opposition verpflichtete, und dann von 1997 bis 2001, diesmal nach einer demokratischen Wahl.

Wir essen im Restaurant am Platz, die Reste unseres Mahls kommen in einen Plastikbeutel, den man anschließend „dem Indio“ gibt, der die Hazienda des Multimillionärs bewacht. Vaca Diez Busch kommentiert diese großzügige Geste: „Die Leute, die in La Paz an der Macht sind, hassen uns, denn wir haben immer in gutem Einvernehmen mit unseren Indios zusammengearbeitet.“ Dieses brüderliche Zusammenleben erlebe ich jedoch erst am nächsten Tag, als ich zur Sonntagsmesse in die Jesuitenmission von Concepción gehe. Auf der einen Seite sitzen weiße Großgrundbesitzer, deren Kinder Disney-Zeichentrickfilme auf den Smartphones ihrer Eltern gucken, auf der anderen Seite die indigenen Landarbeiter, deren Kinder neidisch auf ihre Altersgenossen blicken. Der Pfarrer beginnt den Gottesdienst mit dem Satz: „Meine lieben Brüder und meine lieben Schwestern, wir sind alle hier versammelt, damit der Wilde Evo Morales nie wiederkommt.“

Zusammen mit den drei Brüdern fahre ich zur Hazienda Berlin, die 20 Kilometer außerhalb der Ortschaft liegt. Es handelt sich um ein 1200 Hektar großes Anwesen, auf dem uns der Eigentümer Oscar Mario Justiniano in seiner beeindruckenden, von einer großen Pergola umrahmten Villa im Kolonialstil empfängt. Wir sind nicht allein: Etwa 15 Männer, die wir bereits bei der Unabhängigkeitszeremonie getroffen hatten, sind ebenfalls angereist. Dieser Zirkel trifft sich schon seit Kindertagen: Es sind die Klassenkameraden von Justiniano und Tulio Vaca Diez Busch von der La-Salle-Schule in Santa Cruz, einer konfessionellen Privatschule für die Kinder der Oberschicht. „Sie ist die beste der Stadt, denn sie ist die teuerste“, erklärt mir einer der Männer und fügt hinzu: „Sie haben das Geld gewinnbringend angelegt und unter anderem in Holz und Viehzucht investiert.“

Ein Lamm und zwei Schweine werden am Spieß gegrillt, Justinianos Angestellte reichen uns Erfrischungen, die Atmosphäre ist festlich. Beim Essen erklärt mir einer der Herren: „Frankreich ist ein großes Land, denn ihr habt eine große Armee und die Atombombe. Ein entwickeltes Land bedeutet militärische Schlagkraft.“ Ein anderer Kamerad antwortet ihm: „Santa Cruz ist so groß wie Frankreich, und es verfügt über großen Reichtum. Stell dir vor, wir hätten eine Armee wie Frankreich, dann könnten wir gegen die Invasion dieser Indio-Barbaren kämpfen und sie endgültig ausrotten.“ Nach dem Essen legen sich manche in Hängematten, um die vielen Kilo Fleisch zu verdauen, andere trinken Bier. Ich erfahre, dass der Freundeskreis jedes Jahr am 9. Oktober Che Guevaras Ermordung in der Provinz Santa Cruz feiert und allen Kommunisten ein ebensolches Schicksal wünscht.

Denn Kommunismus bedeutet Steuern. Unter der Präsidentschaft von Evo Morales seien die Einwohner von Santa Cruz einer Art „Erpressung“ zum Opfer gefallen, berichtet mir Pa­blo Mendieta Ossio, der Leiter des Wirtschaftszentrums der Kammer für Industrie, Handel, Dienstleistungen und Tourismus von Santa Cruz: „Das Problem ist nicht so sehr der Steuersatz, denn die Steuern sind in Bolivien sehr niedrig, sondern die Prüfungen, die in den letzten Jahren verstärkt wurden. Denn daraus können sich zahlreiche Irrtümer der Finanzbehörden ergeben, die Bußgelder nach sich ziehen.“ Die Unternehmen hätten dadurch große Steuerschulden angehäuft, deren Eintreibung sie in Schwierigkeiten bringe, so Mendieta Ossio.

Mit dem Amtsantritt von General Banzer Suárez wurde in Bolivien eine Tradition des Steuererlasses („perdonazo tributario“) begründet: Sobald ein neuer Präsident gewählt war, erließ er der Oberschicht ihre Steuerschulden. Doch als Evo Morales die Staatsgeschäfte übernahm, folgte er diesem Brauch nicht mehr, so dass viele Wohlhabende heute dem Staat mehrere Millionen Dollar schulden. Die Übergangsregierung unter Jeanine Añez, die nach dem Staatsstreich vom November 2019 an die Macht kam, will nun allerdings die Ordnung wiederherstellen und „der Erpressung durch die Vorgängerregierung ein Ende setzen“, wie Wirtschaftsminister José Luis Parada verkündete. Derzeit arbeitet er an einem neuen Amnestiegesetz – trotz aller Einwände, dass solche Gesetzesvorhaben nicht von einer Interimsregierung unternommen werden dürften.

Heute ist Gottesdienst. Eine stattliche Reihe von SUVs parkt vor der evangelikalen Kirche in Santa Cruz und lässt wenig Zweifel am Wohlstand der Gläubigen. In dem riesigen Patio, wo alle auf den Beginn der Zeremonie warten, herrscht eine familiäre Atmosphäre, alle kennen sich – man sieht Frauen auf Pumps mit Stilettoabsätzen, Männer, denen die Markenhemden über ihren Bodybuilder-Körpern zu eng sitzen, oder junge Leute in Jeans und teuren Sneakern. Sobald alle in den großen Saal getreten sind, beginnt der Gottesdienst mit Musik. Ein Sänger stimmt in Begleitung einer Band christliche Lieder an, die Gemeinde singt im Chor mit.

Der Text wird dabei auf zwei Großbildschirmen an der Wand eingeblendet, vor Bildern von Sonnenaufgängen, Flammen oder dem Sternenhimmel. Ein Lichttechniker lässt farbige Spots im Rhythmus der Musik tanzen. Schnell wird der Ton des Sänger-Animators, der sich zwischen den Songs mit ein paar Schlucken Red Bull erfrischt, beschwörender. Die Gläubigen heben die Arme, singen lauter, manche fallen auf die Knie, weinen oder schließen die Augen. In diesem Augenblick betritt der etwa 40-jährige Pastor die Szene, ebenso modisch gekleidet wie seine Schäfchen. Seine Predigt liest er von einem Tablet ab. Am Ende der Zeremonie fordert er die Gläubigen auf, „Gott zu danken“, und fügt hinzu: „Alle müssen geben, auch wenn man nicht viel Geld hat. Denn wenn man Gott zeigen will, dass man ihn liebt, muss man sich das auch etwas kosten lassen.“

Der Gitarrenkoffer auf der Bühne füllt sich rasch mit großen Scheinen. Der Pastor bewirbt seine Kirche auch mit einer Facebook-Seite, wo er Star-Auftritte bei „umwerfenden“ christlichen Rockkonzerten ankündigt. Zwischen Fotosammlungen junger Frauen unter der Überschrift „Hier gibt es schöne Mädchen, kommt zu uns!“ findet man auch Aufnahmen des Pastors in Gesellschaft von Luis Camacho, der „uns dank der Macht Gottes auf übernatürliche Weise vom Bösen befreit hat“.

1 Siehe Renaud Lambert, „Das Ende der Ära Morales“, LMd, Dezember 2019.

2 „Historia de la Unión Juvenil Cruceñista“, Onlinevideo.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Maëlle Mariette ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 13.08.2020, von Maëlle Mariette