Die Macht der seltenen Erden

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Die Macht der seltenen Erden

China nutzt seine Spitzenposition bei der Förderung und Verarbeitung der begehrten Metalle im Handelskrieg gegen die USA

von Camille Bortolini

Schmelzhütte nahe der Stadt Damao (Innere Mongolei) DAVID GRAY/reuters
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Ganzhou, 20. Mai 2019. Staatspräsident Xi Jinping schlendert durch die Gänge einer Fabrik, in der Magnete aus seltenen Erden hergestellt werden. Bei seinem „Inspektionsbesuch“, über den die Staatsmedien ausführlich berichten, wird er von seinem engsten Wirtschaftsberater Liu He begleitet, der als Chefunterhändler den Handelsstreit mit den USA entschärfen soll.

Den Zeitpunkt hatte das Duo bewusst gewählt: Zehn Tage zuvor hatte die Trump-Regierung die US-Zölle auf chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar angehoben, und am 17. Mai setzte Washington den Telekommunikationsgiganten Huawei auf die schwarze Liste. Damit war der Konzern aus Shenzhen von der Versorgung mit Komponenten aus den USA abgeschnitten, auf die er teilweise dringend angewiesen ist (zum Beispiel Halb­leiter und Android-Betriebssysteme). Zwei schwere Schläge, die Peking kalt erwischt haben.

Die Botschaft, die Xi Jinping mit seinem Besuch in der Fabrik für seltene Erden aussandte, war unmissverständlich: Die Chinesen besitzen eine Waffe, mit der sie den Amerikanern ihre Attacken heimzahlen können. Was das ausbuchstabiert bedeutet, konnte man zum Beispiel in der englischsprachigen chinesischen Tageszeitung Global Times nachlesen: In einem Kommentar konstatierte Professor Jin Canrong, der an der Pekinger Renmin-Universität Internationale Beziehungen lehrt, China habe „drei mächtige Trümpfe in der Hand, um den Handelskrieg gegen die USA für sich zu entscheiden“, und einer davon sei der komplette Exportstopp für seltene Erden.1 Kurz danach plädierte der chinesische Wirtschaftsverband für seltene Erden für eine solche Vergeltungsmaßnahme.2

Dass das nicht nur eine leere Drohung ist, hat China schon einmal unter Beweis gestellt: Als im September 2010 Japans Marine vor der Küste der umstrittenen Senkaku/Diaoyu-Inselgruppe den Kapitän eines chinesischen Fischkutters verhaftete, stoppte Peking – ohne dies jemals öffentlich zuzugeben – abrupt den Export seltener Erden nach Japan und versetzte damit die Weltmärkte in Panik.

Selbst wenn sie mitunter nur in winzigen Mengen benötigt werden, sind seltene Erden für die Produktion von Elektrogeräten und für Schlüsseltechnologien der Energiewende (bestimmte Windräder, Fahrzeuge mit alternativen Antrieben) unverzichtbar. Auch in der Rüstungstechnik kommen seltene Erden zum Einsatz. Seit den späten 1990er Jahren kommen im Schnitt 90 Prozent der weltweit produzierten Menge aus China.

Dabei befindet sich nur ein Drittel der bekannten weltweiten Lagerstätten auf chinesischem Boden. Nach den Daten des United States Geological Survey (USGS) kommen sie auch in Brasilien, Russland, Indien, Australien und in mehreren Ländern Südostasiens vor.3 Seit 2010 wurden mehrere Erkundungsprojekte in Kanada, im südlichen Afrika, in Kasachstan und Grönland gestartet. Auch Nordkorea behauptet, es verfüge über gigantische Vorkommen.

Dennoch hält China seit Langem ein Quasimonopol – und zahlt dafür einen hohen Preis: Auf das Land geht saurer Regen nieder, und Schwermetalle belasten Ackerflächen und Grundwasserkörper. Seit Deng Xiaopings „Forschungs- und Entwicklungsprogramm“ von 1986 setzt Peking auf die Erschließung seltener Erden. Damals waren noch die USA der absolute Marktführer – mit der Mountain-Pass-Mine in Kalifornien und der Verarbeitung durch die General-Motors-Tochter Magnequench in Indiana.4

Deng hat jedoch früh das geopolitische Potenzial der chinesischen Vorkommen erkannt. Auf seiner berühmten „Südtour“ durch China brachte der hochbetagte Staats- und Parteichef seine Vision 1992 noch einmal auf den Punkt: „Der Nahe Osten hat das Öl, China hat die seltenen Erden.“ Fortan wurde der Aufbau der Industrie mit allen Mitteln vorangetrieben: Die chinesischen Behörden stellten Flächen bereit, lieferten billige Energie und subventionierten die Erschließung neuer Minen. Nur die extrem prekären Arbeitsbedingungen der Bergleute kümmerten sie wenig, und mit Umweltbedenken hielt man sich ebenfalls nicht lange auf.

Gleichzeitig wurde der Binnenmarkt von der ausländischen Konkurrenz abgeschottet. Während die USA ihre Bergbauaktivitäten zurückfuhren, schritt der Ausbau der chinesischen Produktion unaufhaltsam voran: 60 000 Tonnen 1998, 80 000 Tonnen 2002, 100 000 Tonnen 2004, 120 000 Tonnen 2006 (nicht eingerechnet der illegale Abbau, der schätzungsweise 20 bis 40 Prozent der Gesamtabbaumenge ausmacht). 2003 wurde die US-Produktion eingestellt, und andere Erzeugerländer fördern höchstens 1000 Tonnen pro Jahr.

China sicherte seine marktbeherrschende Stellung am Anfang der Produktionskette und versuchte zugleich ausländische Unternehmen anzulocken, die das technische Know-how für die Verarbeitung mitbrachten. Dabei ging man sehr zielstrebig vor: 1995 kaufte das chinesische Unternehmen Zhong Ke San Huan die Firma Magnequench, um fünf Jahre später die Produktionsanlagen in Indiana zu demontieren und in der wichtigen Hafenstadt Tianjin wieder aufzubauen.

Außerdem führte die chinesische Regierung nach und nach etliche ­Exportrestriktionen (Ausfuhrsteuern, Genehmigungspflichten, Quoten) ein, um erstens den wachsenden Bedarf im eigenen Land zu decken und zweitens für seine Abnehmer die Beschaffung zu verteuern. Gestützt auf sein Quasi­monopol in der Förderung, senkte China 2010 die Exportquoten drastisch auf 30 000 Tonnen pro Jahr. Vier Jahre später wurde das Land deswegen von der Welthandelsorganisation (WTO) zwar verurteilt5 , aber der Schaden war bereits entstanden.

Um sich gegen Versorgungsengpässe zu wappnen und Mehrkosten zu vermeiden, eröffneten US-amerikanische und japanische Verarbeitungsunternehmen Niederlassungen in China. Entlang der gesamten Produktions­kette – einschließlich wertschöpfungs­inten­si­ver Aufgaben wie der Magnetherstellung – wurden Partnerschaften gebildet, die chinesischen Unternehmen einen Technologietransfer bescherten und sie zu Branchenweltmeistern machten.

Diese Art von Entwicklungspolitik wurde für China zur industriellen Erfolgsgeschichte. Dank eigener Unternehmen wie der Shenghe Resources Hol­ding wurde das Ziel, den gesamten Weg von der Förderung im Bergwerk bis zur Fertigung anspruchsvoller Komponenten abzudecken und Produkte mit höherer Wertschöpfung zu erzeugen, mehr als erreicht: 80 Prozent der besonders gefragten Neodym­magnete, die man unter anderem für Handys, Elek­tro­mo­to­ren, Kernspin­tomografen und bestimmte Windräder benötigt, werden mittlerweile in China produziert.

Riesige Seen mit giftiger Schlacke

Die Ökobilanz war indes verheerend, mit für die betroffenen Provinzen katastrophalen Folgen: In der Inneren Mongolei entstanden riesige Seen mit giftiger Schlacke, es häuften sich die Fälle von Schwefelsäurevergiftung und regelrechten „Krebsdörfern“. Auf lokaler Ebene, zum Beispiel in der Autonomen Region Guangxi, kam es zu Protesten gegen die zerstörerischen Abbaupraktiken. Seit Xi Jinping die Bekämpfung der Umweltverschmutzung zur „entscheidenden Schlacht“ erklärt und damit hohe Erwartungen geweckt hat, bringen die Umweltkosten des Bergbaubetriebs die Regierung zunehmend in Erklärungsnot.

Hinzu kommt, dass die auf 44 Mil­lio­­nen Tonnen geschätzten chinesischen Vorkommen nicht unerschöpflich sind, zumal die weltweite Nachfrage weiterhin steigen dürfte. Bis 2035 könnte sich der Verbrauch mancher seltener Erden verzwanzigfachen. Das bringt China in eine paradoxe Lage: Gerade weil es die gesamte Wertschöpfungs- und insbesondere die Verarbeitungskette in der Hand hat, muss es seinen Förderbetrieb begrenzen.

Darum sind die Behörden seit Anfang der 2010er Jahre darauf bedacht, die offizielle Produktionsmenge auf dem Niveau von 100 000 bis 120 000 Tonnen pro Jahr zu halten. Parallel versuchen sie, die seit jeher stark zersplitterte Branche in großen Unternehmen zu bündeln, um die illegale Förderung zu beschränken. Vor allem aber wandten sie sich um die Mitte des Jahrzehnts neuen Partnern zu, um die Versorgung zu sichern: Zur allgemeinen Überraschung wurde China 2018 zum Nettoimporteur von mindestens sieben Metallen, die den seltenen Erden zugerechnet werden.6

2019 importierte das Land nach Angaben der chinesischen Zollbehörde 47 000 Tonnen Seltenerderze und 36 000 Tonnen Seltenerdoxide; in beiden Fällen übersteigen die Importe mittlerweile die Exporte. Diese rohen oder wenig veredelten Metalle stammen aus Australien (mit der Zwischenstation Malaysia, wo beispielsweise die australische Lynas Corporation einen Teil der Raffinierung angesiedelt hat), Myanmar, Vietnam oder Afrika.

Peking steht nun vor der Herausforderung, sich die neuen Importquellen dauerhaft zu sichern. Der Branchenriese Shenghe schloss 2015 einen Vertrag mit dem deutschen Unternehmen Tantalus Rare Earths ab, das eine Förderstätte in Madagaskar betreibt. Im Jahr darauf übernahm Shenghe die Aktienmehrheit am australischen Bergbauunternehmen Greenland Minerals Ltd. und sicherte sich vertraglich die gesamte Produktion schwerer seltener Erden aus der grönländischen Lagerstätte Kvane­fjeld. Sobald die Produktion anläuft, bekommt Shenghe jedes Jahr 32 000 Tonnen dieser kostbaren Erze.

Besonders erstaunlich ist, dass ein erheblicher Teil der Importe neuerdings aus den USA kommt. Nachdem die US-Regierung erkannte, wie erpressbar sie angesichts der Abhängigkeit vom Konkurrenten China ist, unterstützte sie die Wiederinbetriebnahme der Mountain-Pass-Mine.

Was der Mine, die seit Anfang 2018 wieder aktiv ist, jedoch noch fehlt, ist eine Raffinationsanlage. Darum exportieren die US-Amerikaner das Roherz einstweilen nach China. Dort wird es raffiniert und verarbeitet, bevor China das Endprodukt (zum Beispiel ­Magnete) wieder in die USA, aber auch nach Europa, Japan oder Indien exportiert.

Deshalb ist es fraglich, ob die Androhung eines neuerlichen chinesischen Exportstopps überhaupt glaubwürdig ist. Neue Ausfuhrbeschränkungen könnten zwar den chinesischen Unternehmen kurzfristig Vorteile bringen, weil sie ihnen einen privilegierten Zugang zu Endprodukten verschaffen, für die sich in etlichen Bereichen nur schwer Ausweichlösungen finden lassen. Zugleich aber würde China seinen Partnern einen Anreiz zur Diversifizierung ihrer Handelskanäle liefern – und damit seine Schlüsselrolle in der Wertschöpfungskette gefährden. Paradoxerweise würden also von solchen Exportrestriktionen ausgerechnet Chinas Konkurrenten profitieren. Sie würden voraussichtlich einen „Angebotsschock“ erzeugen und damit die Weltmarktpreise in die Höhe treiben, sodass der Betrieb neuer Förderstätten rentabler würde.

Außer Frage steht in jedem Fall der erklärte Wille Washingtons, sich von China unabhängig zu machen. In den USA soll bis Ende 2020 die Verarbeitung der in Mountain Pass geförderten Seltenerderze wieder anlaufen, und das Pentagon bekundete die Absicht, den Bau von Raffinationsanlagen in den USA zu finanzieren. Dass die Trump-Regierung andere Partner – allen voran Kanada und Australien – kontaktiert, wird von den chinesischen Behörden aufmerksam registriert. Im Sommer 2019 amüsierte sich die Global ­Times über den erklärten Wunsch des Mannes im Weißen Haus, Grönland zu kaufen, und bewertete das als Indiz für die „Angst“ der Amerikaner vor der chinesischen Dominanz in der Pro­duk­tion seltener Erden.7

Ein Jahr nach Xi Jinpings Besuch in der Magnetfabrik von Ganzhou hat China seine Drohung, ein Embargo gegen die USA zu erlassen, immer noch nicht wahr gemacht. Abgelenkt von dem lautstarken Handelsstreit der beiden Großmächte, ist den meisten Beobachtern entgangen, dass China seine Produk­tions­mengen an seltenen Erden 2020 um 10 Prozent angehoben hat. Vielleicht sieht Peking darin eine Möglichkeit, durch ein höheres Angebot die Preise auf dem Weltmarkt zu senken, um damit den neuen Bergbauvorhaben, mit denen die USA liebäugeln, von vornherein den Boden zu entziehen.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist allerdings fraglich, seit die Covid-19-Pandemie die chinesischen Bergwerke und die Weltwirtschaft stillgelegt hat. Sobald man sich jedoch wieder über die globale Abhängigkeit von China Gedanken machen wird, werden die seltenen Erden mit Sicherheit wieder ins Rampenlicht rücken.

1 Jin Canrong, „China has three trump cards to win trade war with US“, Global Times, Peking, 15. Mai 2019.

2 „China rare earth groups support counter-measures against US ‚bullying‘ “, Reuters, 7. August 2019.

3 „Minerals Commodity Summaries“, US Geological Survey, Reston, Januar 2020.

4 Siehe Olivier Zajec, „China – Herr über die seltenen Erden“, LMd, November 2010.

5 WTO-Streitsache DS432, „China – Maßnahmen betreffend die Ausfuhr von Seltenen Erden, Tungsten und Molybdän“, Genf, 26. Mai 2015.

6 „China becomes world‘s biggest importer of rare earths: analysts“, Reuters, 13. März 2019.

7 Wang Jiamei, „Greenland interest exposes US rare earth deficit“, Global Times, Peking, 21. August 2019; siehe auch Michael T. Klare, „Warum Trump Grönland kaufen wollte“, LMd, Oktober 2019.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Camille Bortolini war von 2017 bis Dezember 2019 als Wirtschaftsanalyst für die Agence France Trésor des französischen Wirtschaftsministeriums in Peking tätig. Die in diesem Beitrag geäußerten Ansichten geben die persönliche Meinung des Verfassers wieder.

Le Monde diplomatique vom 09.07.2020, von Camille Bortolini