Gletschersterben in Bolivien

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Gletschersterben in Bolivien

An Gletschern lässt sich die Entwicklung des Erdklimas hervorragend erforschen. Weltweit gehen die Eisriesen zurück, doch in den tropischen Anden schmelzen sie besonders schnell. Das bringt die Landwirtschaft zunehmend in Schwierigkeiten. Und Großstädten wie La Paz geht das Trinkwasser aus.

von Cédric Gouverneur

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Der Chacaltaya mit seinen zwei Gipfeln von 5395 und 5421 Metern Höhe liegt in der Cordillera Real, rund 30 Kilometer nördlich von La Paz. Von hier aus sind die bolivianische Verwaltungshauptstadt und das benachbarte El Alto als eine Ansammlung von zehntausenden kleinen roten Punkten zu sehen: die typischen unverputzten Ziegelhäuser.

Hundert Meter unterhalb des Gipfels endet die Serpentinenstraße an einem kleinen Parkplatz hoch über dem Altiplano, dem Hochplateau der Anden. Die Fensterläden eines alten, dem Verfall preisgegebenen Gebäudes schlagen im Wind. Die Architektur lässt an eine Alpenhütte denken, denn das Haus wurde einst tatsächlich vom österreichischen Alpenverein errichtet. Heute erinnert es daran, dass am Chacaltaya bis 2009 das höchstgelegene Skigebiet der Welt in Betrieb war.

In den Sommermonaten von Dezember bis März stürzten sich damals wohlhabende Gäste in Haarnadelkurven und trotzten dem „Soroche“ (wie die Höhenkrankheit in den Anden genannt wird). Im Winter der südlichen Hemisphäre herrscht in Bolivien Trockenzeit, der Schnee fällt im Sommer während der Regenzeit. Oder vielmehr: Der Schnee fiel …

„In den neunziger Jahren war hier ein 15 Meter dicker Gletscher“, sagt Edson Ramírez und deutet auf einen steinigen Hang, wo einige verbogene Metallstangen rosten – die Überreste eines Skilifts. Ramírez ist Hydrologe und Glaziologe am Institut für Wasserkunde und Hydraulik der Universität Mayor de San Andrès (Umsa) in La Paz.

Seit fast 30 Jahren beobachtet er die tropischen Gletscher der Anden. Der Wissenschaftler seufzt: „2003 hatte ich gewarnt, dass dieser 18 000 Jahre alte Gletscher bis 2015 verschwunden sein könnte. Ich war zu optimistisch. Das letzte Eis ist zwischen 2009 und 2011 geschmolzen.“ Von der Existenz des Gletschers zeugt heute nur noch der Name des Bergs. In der indigenen Aymara-Sprache bedeutet Chacaltaya „Eisbrücke“.

Am Chacaltaya gibt es kein Eis mehr

Nach einigen Stunden Fahrt durch die Cordillera Real stehen wir vor dem Gletscher an der Westflanke des 6088 Meter hohe Huayna Potosí. Wissenschaftlichen Berechnungen zufolge ist auch das Schicksal dieses majestätischen Eisriesen besiegelt. Schwarze Felsen umgeben ihn, werden von der Sonne aufgeheizt und beschleunigen sein Abschmelzen. „Das Eis verliert jedes Jahr 2 Meter an Dicke und zieht sich um 20 Meter zurück“, erläutert Edson Ra­mí­rez. „Unsere Berechnungen zeigen, dass die Gletscher in der Cordillera Real seit 1980 37 Prozent ihrer Fläche eingebüßt haben. Und dabei sind Millionen Bolivianer vom Schmelzwasser der Gletscher abhängig.“

Ramírez und sein Kollege Francisco Rojas kontrollieren eine hydrome­teo­ro­logische Station, die sie neben einer kleinen Farm am Rande des Gletschers eingerichtet haben, um Niederschlagsmenge, Temperatur, Windgeschwindigkeit zu messen. Um Geld zu sparen, hat Francisco Rojas sie selbst gebaut: „Mit einem 3-D-Drucker, Trichtern und Plastikrohren habe ich für insgesamt 25 000 Dollar 25 Geräte gebaut. So viel kostet sonst ein einziges, wenn man es im Handel kauft.“

Der Kleinbauer Guillermo Aruquipa, 73 Jahre, besitzt Lamas, Schafe und Kühe: „Als ich mich mit meiner Familie 1974 hier niedergelassen habe, reichte der Gletscher noch bis dorthin.“ Er zeigt auf eine Vertiefung weit unterhalb des heutigen Gletscherendes. „Und das Eis war blau! Nichts ist mehr wie früher.“ Die steigende Temperaturen haben auch das Ökosystem verändert: „Hier vermehrt sich jetzt eine Raupenart, die es hier früher nicht gab. Meine Lamas fressen sie und werden krank davon.“

Der Bauer lädt seine Besucher zu einem Käse ein, und Edson Ramírez raunt uns zu: „Wir sind hier gern gesehene Gäste, solange wir genau erklären, was wir tun und warum wir es tun.“ In der Vergangenheit haben Bergbewohner häufig die wissenschaftliche Anlagen zerstört, weil sie misstrauisch gegenüber den „Eindringlingen“ aus der Stadt waren und kaum über deren Absichten informiert wurden.

2014 riefen Hydrologen aus den vier Mitgliedstaaten der Andengemeinschaft CAN (Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien) mit Unterstützung der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) ein Programm ins Leben, um ihr Vorgehen zu erklären. Ramírez betont: „Seither beschädigen sie unsere Ausrüstung nicht mehr. Im Gegenteil, einige Bauern bitten uns sogar ausdrücklich, Messgeräte zu installieren. Sie sind besorgt und wollen Informationen.“

Die meisten Gletscher auf der Erde haben sich seit dem Ende der Kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgezogen. Seit Ende der 1970er Jahre hat sich diese Entwicklung weltweit beschleunigt, aber kaum irgendwo schmelzen die Gletscher so schnell wie in den tropischen Anden.1 Anlässlich der UN-Klimakonferenz (COP24) im Dezember 2018 in Katowice (Polen) ­veröffentlichte die Unesco einen Atlas zum Thema. Darin stellt sie fest, dass einige der bolivianischen Gletscher seit den 1980er Jahren „zwei Drittel ihrer ­Masse oder sogar mehr“ verloren haben.2

Der Atlas dokumentiert auch, dass die Schneefallgrenze in den tropischen Anden im Laufe des 20. Jahrhunderts um durchschnittlich 45 Meter gestiegen ist. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte die Temperatur hier „um 2 bis 5 Grad ansteigen“. Der letzte Gletscher Venezuelas wird wahrscheinlich „bis 2021“ verschwunden sein, bis 2050 dürften in der gesamten Region nur noch einige der größten und höchstgelegenen Gletscher übrig bleiben. Selbst wenn man ein Szenario mit verhältnismäßig moderatem Temperaturanstieg zugrunde legt, werden die Gletscher in den tropischen Anden bis Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich „zwischen 78 und 97 Prozent“ ihrer Masse verloren haben.

Wie ein französisches Team von Glaziologen herausfand, trägt die Gletscherschmelze in den Anden auch entscheidend zum Anstieg der Meeresspiegel bei. Auf regionaler Ebene fiel sie seit 2010 mit einer extremen Trockenheit zusammen. Mit paradoxen Folgen, wie die Forscher aus Frankreich schreiben: „Der drastische Rückgang der Eises hat die negativen Auswirkungen der extremen und langanhaltenden Dürre auf den Wasserhaushalt teilweise abgemildert.“3

61 Prozent der Wasserversorgung von La Paz speist sich gewöhnlich aus Schmelzwasser, in trockenen Jahren sogar bis zu 85 Prozent. Den „Water Peak“, also den maximalen Abfluss von Schmelzwasser, haben die meisten Gletscher in der Region bereits überschritten – einige von ihnen schon in den 1980er Jahren. Seitdem fließt immer weniger Wasser ins Tal. „Diese Bergregion unterliegt einem nie dagewesenen Wandel“, konstatiert die Unesco und zieht eine Parallele zum 11. Jahrhundert. Damals ging der Untergang der Tiahuanaco-Kultur mit „raschen und ausgeprägten klimatischen Veränderungen“ einher.

Bereits in den 1990er Jahren warnten Edson Ramírez und seine Kollegen die Behörden: „Aber damals gab es noch kein Gefühl der Dringlichkeit“, erinnert er sich. Zumal die beschleunigte Gletscherschmelze der stromabwärts lebenden Bevölkerung kurzzeitig eine Zeit des Wasserreichtums bescherte. Magali Garcia, leitende Agrar­inge­nieu­rin am Institut zur Erforschung und Entwicklung chemischer Verfahren der Umsa, erzählt, dass es selbst zu Beginn der 2000er Jahr noch sehr schwierig gewesen sei, „die politisch Verantwortlichen von der Existenz des Klimawandels zu überzeugen“.

Garcia erforscht die Folgen der Erd­erwärmung auf die landwirtschaftlichen Anbaumethoden: „Die Andenbauern sehen, wie sich die Gletscher zurückziehen und die Bewölkung abnimmt. Die Sonne brennt immer heißer, der Regen fällt konzentrierter, die Verdunstung beschleunigt sich; selbst wenn die Niederschlagsmenge gleich bleibt. Die Bauern haben bereits vor einem Vierteljahrhundert verstanden, was geschieht, weil sie dem Klima jeden Tag ausgesetzt sind. Aber es hat ihnen niemand zugehört, schon gar nicht die städtischen Eliten.“

Der Schwund des Chacaltaya-Gletschers hat ein neues Bewusstsein geschaffen. Mit diesem sichtbaren Beweis konfrontiert, starteten die vier CAN-Länder 2012 ein Projekt, um den Folgen des beschleunigten Rückgangs der Andengletscher zu begegnen. Informationen aus Langzeitbeobachtungen sollen die politische Entscheidungsfindung erleichtern.

Das Eis wird seitdem nicht nur mit Kameras, Sonden und Drohnen überwacht, sondern auch mithilfe eines Kommunikationssatelliten, der nach Tú­pac Katari benannt ist. Der Aymara-Anführer stand im 18. Jahrhundert an der Spitze eines Aufstands gegen die spanische Kolonialmacht. Gleichzeitig sensibilisieren Regierung und NGOs die Bevölkerung für die Folgen des ­Klimawandels auf die Wasserressourcen.

Die Zeit drängt. Zwischen November 2016 und März 2017 führte das Wetterphänomen El Niño, bei dem sich das Meer vor der Westküste Südamerikas außergewöhnlich erwärmt, in Bolivien zur schlimmsten Dürre seit 1980: Die Niederschläge gingen um 40 Prozent zurück, und die Temperaturen stiegen um durchschnittlich 2 bis 3 Grad. Bolivien kennt zwar regelmäßig wiederkehrende Dürreperioden. Doch 2016 waren erstmals nicht nur die Städte Cochabamba, Oruro, Potosí und Sucre vom Wassermangel betroffen, sondern auch der Großraum La Paz/El Alto mit seinen mehr als 2 Millionen Einwohnern.

Die Trockenzeit, die gewöhnlich von April bis September dauert, nahm 2016 kein Ende. Ab Oktober wurde vielerorts das Wasser abgestellt. „Wir saßen tagelang auf dem Trockenen, konnten uns nicht mehr waschen und nicht kochen“, erinnert sich eine Ladenbesitzerin aus La Paz. Die Agrar­in­ge­nieu­rin Magali Garcia erläutert: „In Cochabamba sind die Menschen an Trockenheit gewöhnt. Sie sind besser darauf eingerichtet, und sie haben Zisternen. Auch die Bauern hatten 1983, 1987 und 2006 schon schlimmere Dürren erlebt, aber die Paceños, die Einwohner von La Paz, traf es vollkommen unvorbereitet.“

In 94 Barrios (Stadtvierteln), rund einem Drittel der Hauptstadt, wurde das Wasser rationiert. Betroffen waren insbesondere die wohlhabenderen Stadtteile im Süden. Für die Mittel- und Oberschicht, die es gewohnt ist, einfach nur den Hahn aufzudrehen, ein wahrer Schock. Viele Einwohner irrten mit leeren Behältern in den Straßen umher. Wer er sich leisten konnte, kaufte Wasser in Flaschen. Auf dem Land verdursteten ganze Lamaherden, die Bauern waren ruiniert. Die Schulferien begannen einige Tage früher, weil auch in den Schulen das Wasser fehlte. Es kam zu Solidaritätskundgebungen zwischen den Bewohnern der unterschiedlichen Barrios, aber auch zu Ausschreitungen.

Am 21. November 2016 rief Präsident Evo Morales den Notstand aus und rief die Armee zu Hilfe. Gleichzeitig bat er seine Landsleute um Geduld: „Strukturelle Lösungen brauchen Zeit.“ Das Wasser wurde aus ländlichen Gemeinden angekarrt, die im Gegenzug Geld für neue Infrastruktur forderten. Viele der Tanklaster erwiesen sich zudem als ungeeignet für den Wassertransport, weil sie zuvor Treibstoff transportiert hatten. Die Regierung musste Tankwagen aus Argentinien leihen. Als das Wasser endlich in La Paz eintraf, brach unter den Stadtbewohnern Streit aus.

Die Wasserkrise hatte auch eine politische Dimension: Im Jahr 2000 hatte die Privatisierung der Wasserversorgung in Cochabamba für eine Verdopplung der Preise gesorgt. Die darauf folgenden Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen.4 Als Evo Morales 2006 zum Präsidenten gewählt wurde, machte er die Privatisierungen rückgängig und schuf ein Umwelt- und Wasserministerium. 2009 wurde der Zugang zu Wasser als Grundrecht in der neuen Verfassung des plurinationalen bolivianischen Staats als „elementares Grundrecht“ im „Rahmen der Souveränität des Volkes“ verankert. Auf eine Initiative Boliviens hin verabschiedete die UN-Generalversammlung am 28. Juli 2010 eine Resolution, die den Zugang zu „einwandfreiem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung“ zum Menschenrecht erklärt.5

Während der Dürre von 2016 demonstrierten dennoch zwischen 3000 und 5000 Einwohner aus den wohlhabenden Vierteln La Paz’ gegen die Regierung. Die Wasserkrise vertiefte den Graben zwischen dem Präsidenten und der Mittelschicht, die ihm vorwarf, „sich nur um die Armen und die Indigenen zu kümmern“ – in Unterhaltungen eine immer wieder gehörte Phrase (siehe Beitrag von Maëlle Mariette auf Seite 6/7). Es rollten Köpfe: Die Wasser- und Umweltministerin Alexandra Moreira sowie drei hochrangige Funktionäre mussten nicht nur ihre Posten räumen, sie wurden wegen „Verletzung der Sorgfaltspflicht“ und „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ sogar gerichtlich verfolgt.

Im Februar 2017 stellte die Regierung 200 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Dürre und den Klimawandel bereit. Seit Morales im November 2019 aus dem Amt gejagt wurde6 , ist die Zukunft dieser Wasserpolitik ebenso ungewiss wie die Zukunft Boliviens: Die für Mai 2020 vorgesehenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen wurden auf September verschoben.

Víctor Hugo Rico Arancibia war von November 2016 bis November 2019 Generaldirektor der Behörde für Trinkwasser und Abwasserreinigung. Noch im Amt versicherte er uns, die zuständigen Stellen hätten „ihre Lektion“ aus der Krise gelernt, hätten Frühwarnsysteme eingerichtet und würden bei Bedarf „stufenweise den Zivilschutz einschalten“ (auf Stadt-, Bezirks- und Landesebene). Um auf künftige Dürren vorbereitet zu sein, wurden zwischen 2016 und 2019 im Umland von La Paz drei neue Wasserreservoirs gebaut. In El Alto grub man neue Brunnen. Wasserleitungen wurde erneuert und Lecks abgedichtet, um die Versickerung zu minimieren.

Im Bezirk 4 von El Alto konnte auf diese Weise der Wasserverlust von 39,6 auf 26,5 Prozent des Gesamtvolumens reduziert werden. „Wir müssen die verschiedenen Möglichkeiten der Anpassung an den Klimawandel genauer studieren und Strategien zum Umweltschutz und zur Renaturierung entwickeln“, räumte Arancibia ein. So ist beispielsweise die Abholzung im Departement von La Paz in den vergangenen Jahrzehnten dafür verantwortlich, dass die Bäche, die den Grundwasservorrat speisen, immer weniger Wasser führen.

Während der Dürre 2016 verdursteten ganze Lama­herden

Edson Ramirez warnt, dass künftige Dürren noch dramatischer ausfallen könnten, wenn das Land nicht mehr auf das Schmelzwasser der Gletscher zählen kann. Er nimmt uns mit zum Speicherbecken von Tuni, unterhalb des Huayna-Potosí-Gletschers. Das 1975 errichtete Reservoir fasst 26 Millionen Kubikmeter Wasser und versorgt La Paz und El Alto. „2016 sorgte nur das Gletscherwasser dafür, dass der Pegel im Speicher konstant blieb. Sie können sich vorstellen, was es für eine Katas­trophe gibt, wenn das Eis verschwindet.“ Die verbleibende Lebenserwartung des Gletschers schätze er auf 60 Jahre.

Die anderen Reservoirs von La Paz und El Alto speisen sich nicht aus Gletschern, sondern werden durch die feuchten Luftmassen gefüllt, die sich in den nahe liegenden subtropischen Ebenen bilden und hier abregnen, erklärt Arancibia. Er richtet sich darauf ein, dass die Extremwetterlagen infolge des weltweiten Temperaturanstiegs immer unberechenbarer werden. 2018 und 2019 verursachten sintflutartige Regenfälle Überschwemmungen und lösten Erdrutsche aus.

Angesichts dieser Aussichten bemühen sich lokale Wissenschaftler besonders darum, die hochgelegenen Feuchtgebiete der Anden zu retten, die Bofedales. Die sind nicht selten bis zu 10 Meter tief und speisen sich aus Schmelzwasser, Regenwasser und unterirdischen Grundwasserzuflüssen. Sie wirken wie natürliche Schwämme, die das Wasser speichern und zugleich Sedimente filtern. Wenn weniger Schmelzwasser zufließt, dürften diese fragilen Ökosysteme jedoch langfristig schrumpfen. In der Folge könnte die Qualität der Böden abnehmen oder diese könnten gar austrocknen, mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität der Bofedales und, noch gravierender, auf ihre Fähigkeit, Kohlendioxid zu binden – denn die Freisetzung dieses CO2 würde die Erderwärmung zusätzlich beschleunigen.7

Edson Ramírez prognostiziert, dass die Bofedales in der Trockenzeit die Rolle der Gletscher übernehmen werden. Um sie zu bewahren, gibt es an der Umsa ein Forschungsprojekt zu präkolumbianischen Bewässerungssystemen, von denen einige um die Bofedales herum noch existieren. „Diese Kanalsysteme ermöglichen es, den Wasserlauf zu verändern und den Kreislauf innerhalb des Bofedals aufrechtzuerhalten, sodass dieser sich aus sich selbst speisen kann.“ In zwei bis drei Jahren sollen diese Systeme in großem Stil angewendet werden.

Die Agraringenieure Miguel Ángel López und Mauricio Cussi haben an der Umsa eine Studie zu den Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Landwirtschaft veröffentlicht. Mit ihnen gemeinsam fahren wir nach Choj­ña­pata, einer kleinen Gemeinde unweit der Stadt Achacachi. Hier in über 4000 Metern Höhe bestellen einige dutzend Aymara-Familien die Hänge oberhalb mehrerer Bofedales. Am Horizont glitzert der Titicacasee. „Die ­Terrassen an diesen Berghängen sind über tausend Jahre alt“, erläutert Perez. „Sie schützen den Boden vor Erosion.“ Die Felder liegen abwechselnd brach, um den Boden nicht zu sehr auszulaugen.

Die beiden Wissenschaftler stellen uns Juan Mamani vor. Der 70-Jährige wurde hier geboren, zusammen mit seiner Frau bestellt er einige Felder und züchtet Lamas. Seine zehn Kinder sind weggezogen, nach La Paz, Chile, Argentinien. Jedes Jahr im Oktober huldigen die Mamanis der Inka-Göttin Pachamama (Mutter Erde). Er weist mit dem Kinn auf den benachbarten Berg. „Wir umrunden dreimal den Gipfel. Auf ­Knien!“

Juan Mamani ist jeden Tag mit den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert, aber er beschwert sich nicht: „In meiner Jugend war es viel kälter. Der Frost zerstörte die Kartoffelernte. Seit etwa zwanzig Jahren hat sich das Wetter geändert. Es schneit nicht mehr so viel. Und wir können viel mehr unterschiedliche Feldfrüchte anbauen!“

Paradoxerweise hat der Temperaturanstieg die Lebensbedingungen der Andenbauern kurzfristig verbessert. Sie können jetzt neben diversen Knollengemüsen auch Saubohnen, Erbsen, Gerste und Hafer anbauen. „Wir verkaufen unsere Erzeugnisse in der Stadt“, erklärt Mamani. Die Gemeinde hat sogar genügend Mittel, um ab und zu einen Traktor zu mieten. Den traditioneller Spaten Huizo verwenden sie heutzutage nur noch an Stellen, die mit dem Traktor schwer zugänglich sind. Diese Entwicklung kommt den Bauern entgegen, die es seit der Raupenplage schwer haben mit der Lamazucht.

Perez und Cussi entnehmen einem frisch bestellten Feld Bodenproben und messen den Kohlenstoffgehalt. „Der Traktor dringt tiefer ins Erdreich als der Spaten. Das laugt den Boden aus und setzt CO2 frei“, erklären sie. Was kurzfristig für mehr Erträge sorgt, wird mittel- und langfristig zum Problem: „Aber es ist heikel, das den armen Bauern zu erklären, für die es endlich etwas einfacher geworden ist, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da könntest du sie genauso gut darum bitten, ganz mit der Arbeit aufzuhören.“

1 Antoine Rabatel und andere, „Current state of glaciers in the tropical Andes: a multi-century perspective on glacier evolution and climate change“, The Cryosphere, Nr. 7, Göttingen, 22. Januar 2013.

2 „The Andean Glacier and Water Atlas: the impact of glacier retreat on water resources“, Unesco/Grid-Aren­dal, Paris, Dezember 2018.

3 Etiénne Berthier und andere, „Two decades of glacier mass loss along the Andes“, Nature Geoscience, Nr. 12, London, 16. September 2019.

4 Verfilmt von Iciar Bollain in „Und dann der Regen“ („Tambien la Lluvia“, 2010). 2018 verurteilte ein Gericht in Florida Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada und seinen ehemaligen Verteidigungsminister, die sich 2003 in die USA abgesetzt hatten, zu 10 Millionen Dollar Schadenersatz für die Opfer von staatlicher Gewalt und Repression. Siehe auch: Walter Chávez, „Wasserkrieg, Erdgaskrieg, Bürgerkrieg“, LMd, November 2003.

5 Resolution A/64/L.63/Rev.1.

6 Siehe Renaud Lambert, „Das Ende der Ära Morales“, LMd, Dezember 2019.

7 Mathias Vuille (Hg.), „Rapid decline of snow and ice in the tropical Andes: impacts, uncertainties and challenges ahead“, Earth-Science Reviews, Nr. 176, 2018.

Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein

Cédric Gouverneur ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 13.08.2020, von Cédric Gouverneur