Wiedergutmachung in explosiver Währung

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Wiedergutmachung in explosiver Währung

Die Geschichte der westdeutschen Militärhilfe für Israel

von Daniel Marwecki

Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer auf Israelreise, 1. Mai 1966 SVEN SIMON/ullstein bild
Wiedergutmachung in explosiver Währung
Kasten: Die deutsche Frage und Israel

Das offizielle Deutschland sieht seine Beziehung zu Israel als eine von der Geschichte auferlegte Verpflichtung. Darüber hinaus ist das Verhältnis der Deutschen zum jüdischen Staat vor allem durch ihr eigenes historisch-politisches Selbstverständnis bestimmt. Überaus klar wurde dies bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Gründung Israels. Am 26. April 2018 erklärte Martin Schulz im Bundestag für die Sozialdemokraten: „Indem wir Israel schützen, schützen wir uns selbst – vor den Dämonen unserer eigenen Vergangenheit.“

Wenn sich deutsche Politiker über Israel äußern, reden sie meist über sich selbst. In der Beziehung zum jüdischen Staat vergewissert sich Deutschland gleichsam seiner postnazistischen liberalen Identität. Deshalb sagt uns der offizielle Diskurs über Israel sehr viel über die deutsche Befindlichkeit, aber nur wenig über die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen.

Die Bundesrepublik Deutschland wie der Staat Israel wurden nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schoah gegründet. Die Beziehungen zwischen beiden Staaten begannen mit dem Wiedergutmachungsabkommen von 1952, also kurz nach dem Ende eines Re­gimes, unter dem unzählige Deutsche an der fast vollständigen Vernichtung der europäischen Juden beteiligt waren.

Warum so früh? Die offizielle deutsche Antwort, es sei eine Frage der „Moral“ gewesen, kann kaum überzeugen. Dem steht die unbestrittene Tatsache entgegen, dass ehemalige Nazis im bundesrepublikanischen Nachkriegsdeutschland weiter hohe Posten bekleideten und die gesellschaftliche Täterschaft und Teilnahme an der Barbarei geleugnet wurde.

Dass es nicht „die Moral“ war, hat Konrad Adenauer selbst bezeugt. Im Januar 1966 wurde er von Günter Gaus nach den Motiven für seine „Wiedergutmachungspolitik“ befragt. Der erste Nachkriegskanzler gab zur Antwort : „Wir hatten den Juden so viel Unrecht getan, wir hatten solche Verbrechen an ihnen begangen, dass sie irgendwie gesühnt … oder wiedergutgemacht werden mussten, wenn wir überhaupt wieder Ansehen unter den Völkern der Erde gewinnen wollten.“ Dann fügte er hinzu: „Die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen.“1

Die Wiedergutmachungszahlungen waren für Adenauer weniger ein Gebot der Moral als ein Mittel, den Ruf Deutschlands wiederherzustellen. Überraschender ist der Verweis auf die „Macht der Juden“ – und das verräterische „auch heute noch“ –, mit dem er das übelste aller antisemitischen Vorurteile bedient. Es waren also der Wunsch nach moralischer Rehabilitierung und die fixe Idee vom übermäßigen Einfluss der Juden auf die öffentliche Meinung, die Adenauers Israel-Politik bestimmten. Aber warum hat der Staat, der auch infolge der deutschen Barbarei entstanden ist, die besudelte Hand dieser noch keineswegs entnazifizierten Bundesrepublik ergriffen?

Bei Israels Gründung waren ein Drittel der Bevölkerung Holocaust-Überlebende. Die meisten Israelis hatten Familienangehörige oder Freunde verloren. Dass dieses Land mit dem Land der Mörder Beziehungen anknüpfte, hatte einen einzigen Grund: materielle Not. Zudem waren die Perspektiven Israels im Nahen Osten nach dem Unabhängigkeitskrieg und der Vertreibung eines Großteils der palästinensischen Bevölkerung so prekär wie ungewiss.

Für die Bundesrepublik war das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel der erste größere Vertrag über Reparationszahlungen nach 1945. Die BRD verpflichtete sich, 3,45 Milliarden D-Mark an Israel zu zahlen (7,8 Milliarden Dollar nach heutigem Kurs). Zwei Drittel dieser Summe wurden mit Rohstoffen, Maschinen und Schiffen beglichen. Der Rest floss in die Öllieferungen britischer Unternehmen. Für Israels Chefunterhändler Nahum Goldmann war das Abkommen „geradezu eine Rettung“.

Für die BRD war die moralische Rehabilitation eine kostengünstige Sache. Die jährlichen Zahlungen überstiegen nie 0,2 Prozent des Bruttosozialprodukts. Sie waren keine Belastung, sondern im Gegenteil ein Beitrag zum westdeutschen „Wirtschaftswunder“, weil die Reparationen die Produktion der Exportindustrie ankurbelten.

Die anfangs wirtschaftliche „Normalisierung“ weitete sich rasch auf die militärische Ebene aus. Im Zeitraum zwischen dem Suez-Krieg (1956) und dem Sechstagekrieg von 1967 wurde die Bundesrepublik für Israel neben Frankreich zum wichtigsten Rüstungslieferanten. Schimon Peres, damals Vizeverteidigungsminister, schrieb: „Die USA halfen uns finanziell, aber nicht mit Waffen. Frankreich half uns mit Waffen, aber nicht mit Geld. Deutschland konnte einen weitsichtigen Schritt zum Brückenbau über die Vergangenheit mit einer Waffenhilfe tun, ohne dafür Geld oder sonst etwas zu fordern.“2

Nach Dokumenten des bundesdeutschen Außenministeriums umfasste die ab 1957 geleistete Militärhilfe3 hauptsächlich leichte Waffen, Patrouillenboote und militärische Ausbildung.1962 folgte ein erster umfassender Rüstungskooperationsvertrag, der die Lieferung von schwerer Artillerie, Transportflugzeugen, Hubschraubern, Schiffen und U-Booten vorsah. 1964 wurde Bonn von Washington gedrängt, 150 US-amerikanische Patton-Kampfpanzer auf die deutsche Lieferliste zu setzen. Das Pentagon wollte eine direkte Lieferung an Israel vermeiden, um im arabisch-israelischen Konflikt neutral dazustehen.

Das erklärt einiges, aber nicht alles an der Geschichte der bundesdeutschen Militärhilfe, die für Israel im Wortsinne lebenswichtig war. Bei seinem Antrittsbesuch im Bundeskanzleramt im August 1965 verkündete Asher Ben-Natan, Israels erster Botschafter in Bonn, dass der Nahostkrieg nur „wenige Tage“ dauern werde. Israel müsse nur immer vorbereitet sein, auch deshalb spiele die deutsche Militärhilfe „für die Sicherheit Israels eine sehr große Rolle“.

Wie richtig diese Einschätzung war, zeigte sich zwei Jahre später. Dass der arabisch-israelische Krieg von 1967 nur sechs Tage dauerte, lag auch an der bundesdeutschen Militärhilfe. Der BRD-Botschafter in Tel Aviv berichtete zwei Tage nach Kriegsende in einer Depesche an sein Außenministerium: „Ein Generalstabsoffizier sagte mir, dass sich die von uns gelieferten modernisierten und stärker armierten Panzer M48 hervorragend bewährt hätten.“4

Wie wichtig die kombinierte Militärhilfe Frankreichs und Deutschlands war, bewies der Kriegsverlauf vom Juni 1967. Die französischen Mirage-Jets verschafften den Israelis die absolute Luftüberlegenheit, den Sieg gegen Äypten auf der Sinai-Halbinsel sicherten die aus Deutschland gelieferten Panzer. BRD-Diplomaten bekamen später von ihren arabischen Kollegen immer wieder vorgehalten, wie wichtig die deutschen Waffenlieferungen für die israelische Kriegsführung gewesen seien.

Bonns erster Botschafter in Tel Aviv war Antisemit

Eine wichtige Hilfe war auch der Kredit über 644,8 Millionen D-Mark, der wie die Waffen der Geheimhaltung unterlag (Kodename „Operation Geschäftsfreund“). Diese Gelder wurden 1965 nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Entwicklungshilfe umdeklariert. Fünfzig Jahre später enthüllte der sicherheitspolitische Experte Hans Rühle, der lange höchste Stellen im Bonner Verteidigungsministerium bekleidet hatte, dass dieses Geld „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ein „maßgeblicher“ Beitrag zur Finanzierung des israelischen Atomwaffenprogramms gewesen sei.5

Mit der Vertiefung der Beziehungen zu Israel ging es in der frühen Bundesrepublik jedenfalls weitaus zügiger voran als mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Mit der Folge, dass sich im Verhältnis zu Israel eine Wahrnehmung breitmachte, die den alten Antisemitismus auf bizarre Weise ins Gegenteil verdrehte. So schrieb etwa Gerhard von Preuschen, der offizielle Beobachter der Bundesregierung beim Eichmann-Prozess, in seinem Abschlussbericht an das Auswärtige Amt: „Eine der stärksten Eindrücke für den europäischen Besucher ist der vollkommen neue und sehr vorteilhafte Typus der israelischen Jugend. Sie hat fast gar nichts mehr an sich von dem, was man gemeinhin als jüdisch anzusehen gewohnt war. Großgewachsen, vielfach blond und blauäugig, frei und selbstbewusst in den Bewegungen mit gut geschnittenen Gesichtern stellen die Kinder der eingewanderten deutschen Juden einen neuen, bisher unbekannten Typus des Juden dar.“6

Dieser unverblümte Rassismus zeugt von einem überaus selbstbezogenen Blick auf Israel und die Israelis. In ähnlicher Weise würdigte die westdeutsche Presse, vorweg die Springer-Zeitungen, Israels „Blitzsieg“ von 1967 und General Mosche Dajan, der mit Wehrmachtsgeneral Rommel verglichen wurde. Die besiegten arabischen Armeen wurden dagegen mit Begriffen verunglimpft, die noch aus dem Wortschatz des preußischen Militarismus stammten.

Das letzte Kapitel dieser kuriosen Beziehungsgeschichte aus der Nachkriegszeit handelt von dem ersten Bonner Botschafter in Israel. Die internen Berichte von Rolf Pauls, früherer Wehrmachtsgeneral und Träger des Eisernen Kreuzes, strotzen nur so von antisemitischen Klischees, etwa wenn er seine israelischen Gesprächspartner vorzugsweise mit zwei Dingen assoziierte: Geld und Macht.

„Sie sagen Moral, aber meinen Geld“, notierte Pauls 1965. Auch glaubte er, wie Adenauer, dass „Israel und die Juden an den Weltzentren der öffentlichen Meinungsbildung entscheidenden Einfluss ausüben“. Deshalb könne Deutschland es sich nicht leisten, Israel die Unterstützung aufzukündigen. Für den Fall befürchtete er, dass „die Juden von Jerusalem über London bis New York alle Hunde von der Kette lassen“.

Auf der anderen Seite gibt es Kritiker der bundesdeutschen Israel-Politik, die ein anderes moralisches Argument vorbringen: Während sich die Bundesrepublik zur Verantwortung für die Sicherheit Israels bekenne, bleibe sie gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Palästinenser. Diese Kritik übersieht freilich, dass das Ganze von vornherein mit Moral wenig zu tun hatte.

Natürlich wusste man im Nachkriegsdeutschland, als man den jungen israelischen Staat mit Reparationszahlungen und Waffenlieferungen unterstützte, von den palästinensischen Flüchtlingen. Doch in einer Epoche der gewaltsamen Bevölkerungsverschiebungen – im Nachkriegseuropa wie in den alten Kolonialgebieten – brachte man kaum Verständnis für das Elend eines vertriebenen Volkes auf, das nicht die Mittel hatte, sich Gehör zu verschaffen.

Über das Gebot humanitärer Hilfe für palästinensische Flüchtlinge wurde damals innerhalb der Bundesregierung durchaus diskutiert. Denn man wollte auch das Wohlwollen der arabischen Staaten zurückgewinnen, die zu Recht vermuteten, dass das Bonner Engagement für Israel über die sichtbare Unterstützung hinausging. Es gab auch humanitäre Hilfen, wobei die BRD-Regierungen unbedingt den Eindruck vermeiden wollten, eine „indirekte Verantwortung“ auch für die vertriebenen Palästinenser anzuerkennen.

Heute unterstützt Deutschland zwar weiterhin das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser in Gestalt eines Staats auf dem Territorium des Westjordanlands, des Gazastreifens und Ostjerusalems. Diese Unterstützung bleibt jedoch dem Primat der Beziehungen zu Israel untergeordnet. Dass die Palästinenser bis heute keinen Staat haben, hat also auch Deutschland mit zu verantworten.

1 Das Gaus-Interview im ZDF unter: archive.org/details/AdenauerInterview.

2 Shimon Peres, „David’s Sling“, London (Littlehampton) 1970, S. 71.

3 Am 27. Dezember 1957 einigten sich die Verteidigungsminister Franz Josef Strauß und Schimon Peres; die ersten Lieferungen erfolgten Anfang 1958.

4 Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD) 1967/214.

5 Rühles Darstellung ist plausibel, aber schwer zu belegen. Siehe: „Hat Deutschland Israels Atomwaffen finanziert?“, Die Welt, 14. April 2015.

6 Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA), B1, Bd. 81, 13. September 1961.

Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier

Daniel Marwecki unterrichtet Geschichte und interna­tio­nale Politik an der School of Oriental and African Studies in London sowie an der Universität Leeds. Sein Buch „Germany and Israel: Whitewashing and Statebuilding” erscheint Ende April bei Hurst, London.

Deutsche Frage und Israel

Während die Bundesrepublik dem Staat Israel wichtige Hilfen gewährte, unterstützte die Deutsche Demokratische Republik die Palästinenser. Dieser quasi spiegelbildliche Gegensatz war Teil des Kalten Kriegs, bezeugt aber darüber hinaus eine besondere Systemkonkurrenz: Das DDR-Regime pflegte eine rabiate Form des Antizionismus, während die Bundesrepublik eine ausgeprägt prozionistische Haltung an den Tag legte.

Dass der Nahe Osten zum Schauplatz des deutsch-deutschen Konflikts wurde, lag vor allem an der Hallstein-Doktrin der Bundesrepublik, die einen Alleinvertretungsanspruch für das gesamte deutsche Volk beanspruchte und die diplomatische Anerkennung der DDR durch andere Staaten als unfreundlichen Akt betrachtete. Diese Doktrin gab den arabischen Staaten, voran Nassers Ägypten, ein Druckmittel an die Hand: Sie konnten, um die Hilfe der BRD für Israel zu behindern, mit der Anerkennung der DDR drohen. Auch dies ist ein Grund, warum die Bundesrepublik bis 1965 die geheime Unterstützung Israels formellen diplomatischen Beziehungen vorgezogen hat.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2020, von Daniel Marwecki