In der Falle von Moria

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In der Falle von Moria

Das völlig überfüllte Lager auf der Insel Lesbos ist zum Symbol für die gescheiterte Flüchtlingspolitik der EU geworden

von Jiannis Papadopoulos

Im improvisierten Camp neben dem Hotspot-Lager Moria, 13. Dezember 2019 GIORGOS MOUTAFIS/reuters
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Mustafa Mustafa arbeitete in einer Möbelwerkstatt in Aleppo und war ein geschätzter Schreiner. Er hatte ein Grundstück gekauft, auf dem er ein Haus bauen wollte. Dann kam der Bürgerkrieg auch in sein Viertel. Ende 2014 musste er mit seiner Familie in Richtung türkische Grenze fliehen; ein paar Monate später entschloss er sich, allein nach Europa aufzubrechen, seine Frau Mariam und seine sechs Kinder ließ er zurück. Das Geld für die Reise beschaffte er sich von zwei Geschwistern. Mustafas Schwester Amal, die in den Niederlanden lebt, erzählte mir am Telefon, dass ihr Bruder es nach Deutschland schaffen wollte, um dort Asyl zu beantragen. Anschließend wollte er sich bei den deutschen Behörden um eine Familienzusammenführung bemühen.

Mitte 2015 kam Mustafa in Griechenland an, ob über den Grenzfluss Ev­ros oder eine der Ägäisinseln, ist unbekannt. Danach reiste er über die damals noch offene Balkanroute nach Deutschland. Dort wurde ihm Anfang 2016 ein „Aufenthaltsrecht aus humanitären Gründen“ bewilligt. Die entsprechende Bescheinigung wurde am 2. Februar 2016 in Wismar ausgestellt. Sie gewährte Mustafa „bestandskräftig“ die „Flüchtlingseigenschaft im Sinne des § 3, Abs. 1 AsylVfG“.

Zwar wollten die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern auf meine Anfrage nicht bestätigen, ob die bei Mustafa gefundenen Dokumente echt sind. Aber alles spricht dafür, denn seiner in den Niederlanden lebenden Schwester Amal schickte er ein Foto, das ihn lachend vor dem Tauzieher-Denkmal auf dem Platz vor der Wismarer Marienkirche zeigt.1

In Wismar hatte Mustafa große Probleme. Er könne sich nicht mit seiner deutschen Umgebung verständigen, und es gäbe kaum Arabisch sprechende Menschen, klagte er gegenüber seinen beiden Brüdern, die in Holland und in Schweden leben. Auch machte er sich Sorgen um seine Kinder. Ende 2016 beschloss er nach Griechenland zurückzukehren, erzählte mir sein Bruder Hussein. Es war ihm klar geworden, dass sich das Verfahren der Familienzusammenführung selbst nach positivem Asylbescheid lange hinziehen würde. Zudem plante einer seiner Söhne, ebenfalls von der türkischen Küste auf griechischen Boden zu gelangen. Mustafa wollte ihn abholen, um ihm die Erfahrungen zu ersparen, die viele unbegleitete Minderjährige auf ihrem Weg nach Europa machen.

Auf welchem Weg Mustafa im Spätherbst 2016 nach Griechenland reiste, wissen wir nicht. Eine Nachfrage bei den griechischen Behörden blieb unbeantwortet. Unbekannt ist auch, wann und wo er in eine Polizeikontrolle geriet. Seine Schwester Amal berichtet, dass die griechischen Behörden offensichtlich die Echtheit seiner deutschen Dokumente anzweifelten und ihn für einen neu angekommenen Flüchtling hielten.

Mustafa sei deprimiert gewesen, sagt seine Schwester. Auf ihrem Handy hat sie einen Anruf aufgezeichnet, in dem ihr Bruder sagt: „Jedes Mal wenn ich hingehe und sie frage, was mit mir geschieht, sagen sie, ich soll in zwei Tagen wiederkommen. Niemand hilft einem. Nicht einmal die Vereinten Nationen.“ In seiner Verzweiflung stellte Mustafa schließlich den Antrag, zu seiner Familie zurückzukehren. Deshalb schickten ihn die griechischen Behörden nach Moria, von wo abgewiesene Asylbewerber in die Türkei „rücküberstellt“ werden.

Mustafa traf mitten in einem sehr kalten Winter in Moria ein. Das heute so berüchtigte Hotspot-Lager war schon damals völlig überfüllt. Viele Neuankömmlinge waren in einem improvisierten Zeltlager untergebracht, das rund um das Hauptlager entstanden war. Hier endete Mustafas Reise: Am Morgen des 28. Januar 2017 fand man ihn tot in seinem Zelt.

Das Lager Moria auf der ost­ägäi­schen Insel Lesbos wurde im September 2013 eröffnet. Es liegt fünf Kilometer außerhalb der Hauptstadt Mytilene auf dem Gelände eines ehemaligen Militärlagers. Anfangs war es eine geschlossene Anlage, die als Abschiebeknast diente: eine Ansammlung von Containern, umgeben von einem hohen, mit Stacheldraht bewehrten Gitterzaun. Moria ist als Dauerlager für so viele Menschen völlig ungeeignet. Ende Januar 2020 hausten in dem Lager, das für 2840 Flüchtlinge angelegt war, 19 411 Menschen. Die Überfüllung ist Nährboden für gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Flüchtlingsgruppen. Die chronischen Probleme des Lagers, zuallererst die katastrophalen hygienischen Zustände, wurden nie angegangen, weder von der früheren noch von der heutigen Athener Regierung.

Das gilt auch für die übrigen Hotspots auf den Inseln, die ähnlich überfüllt sind (siehe Artikel auf Seite 11). Besonders unerträglich sind diese Zustände für Kinder und Jugendliche. Und die wurden im Lauf der Jahre immer mehr. In ganz Griechenland registrierten die Behörden Ende 2019 über 5300 unbegleitete Minderjährige. Die meisten von ihnen sind männliche Jugendliche, nur 8,7 Prozent sind unter 14 Jahre alt, und nur 7,4 Prozent sind Mädchen. 43 Prozent dieser Gruppe kommen aus Afghanistan, 22 Prozent aus Pakistan und 12 Prozent aus Sy­rien.2 Von diesen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen schlafen viele auf der Straße. 1054 von ihnen haben eine provisorische, meist illegale Unterkunft gefunden, etwa in besetzten Häusern. Ungefähr 2000 leben in sogenannten Aufnahme- und Iden­ti­fi­ka­tions­zen­tren“ wie Moria. Knapp 200 werden auf Polizeiwachen festgehalten, was die griechischen Behörden als „Schutzbewachung“ bezeichnen. Dort bleiben sie oft wochenlang, bis sich für sie ein Bett in einem Heim für Minderjährige findet. In ganz Griechenland gibt es für unbegleitete Flüchtlinge und Migranten 52 solcher Heime mit 1352 Plätzen.

Ende November 2019 erklärte die Regierung Mitsotakis das Thema Unbegleitete zu einem Schwerpunkt ihrer neuen Migrations- und Flüchtlingspolitik. Der Regierungschef bezeichnete ihr Schicksal als eine „Wunde“, die sein Land unverzüglich und auf eigene Initiative schließen müsse.

Moria ist auch hier das krasseste Beispiel: Im jüngsten Report der NGO Hias3 be­schreibt die Sozialarbeiterin Chrysa Papadakis die Bedingungen, denen die Jugendlichen ausgesetzt sind, bevor man sie in andere Einrichtungen weiterschickt. In Moria sind sie zusammen mit Erwachsenen in der sogenannten Rubb Hall untergebracht. Das ist ein riesiges in Schlafkojen unterteiltes Plastikzelt. Duschen gibt es nicht, die nächsten chemischen Toiletten liegen außerhalb.

Auch die sogenannte sichere Zone von Moria ist alles andere als sicher. Der zitierte Bericht schildert verstörende Vorfälle, bis hin zu Vergewaltigungen oder handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Minderjährigen, die außerhalb des Lagers campieren. Eine stellenweise durchlöcherte Umzäunung trennt die „sichere Zone“ nur unzureichend vom umliegenden Olivenhain, in dem das improvisierte Zeltlager entstanden ist.

Das Frühjahr 2016 brachte zwei entscheidende Entwicklungen: die Sperrung der Balkanroute und die Vereinbarung zwischen der Türkei und der EU. Letztere sah unter anderem vor, dass Flüchtlinge, deren Asylbegehren abgewiesen wurde, in die Türkei „zurückgeführt“ werden sollten. Das bedeutete für die auf Lesbos angekommenen Menschen, die in Moria einen Asylantrag stellten, dass sie auf unabsehbare Zeit festsaßen. Sie wussten nicht, ob man sie aufs griechische Festland bringen würde, um dort ein neues Leben aufzubauen oder die Reise nach Westeuropa fortsetzen zu können; oder ob man sie in die Türkei zurückschicken würde. In dieser Ungewissheit leben die meisten Insassen von Moria nun schon mehrere Jahre.

Was das für die Psyche der Flüchtlinge bedeutet, kann die ita­lie­ni­sche Psychologin Pina Deiana erzählen, die für die NGO Ärzte ohne Grenzen in Moria vor allem Frauen betreute. „Wir fühlen uns, als würden wir in einem tiefen Brunnen leben“, erzählte eine der Frauen, „ohne zu wissen, ob wir jemals herauskommen.“ Eine andere Frau sagte, sie wolle am liebsten in ein Koma fallen und erst wieder aufwachen, wenn sie in Deutschland ­angekommen ist, wo ihr Mann auf sie warte.

In den letzten Jahren kamen aus Mo­ria immer wieder Berichte über Selbstmordversuche. Dass auch Minderjährige versucht haben, sich das Leben zu nehmen, kam erstmals 2018 ans Licht. „Bei uns wurde ein unbegleiteter Junge eingeliefert, der versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden“, erzählte mir damals Luca Fontana von Ärzte ohne Grenzen. 2019 hat die Organisation, die nahe dem Lager Moria eine Kinderklinik unterhält, vier Selbstmordversuche von Minderjährigen erlebt und 20 Jugendliche behandelt, die sich Verletzungen beigebracht hatten.

Die Lebensbedingungen in Moria sind seit Langem menschenunwürdig und lebensgefährlich. Im Sommer 2018 monierten Inspekteure des Gesundheitsamts von Lesbos defekte Abwasserleitungen, die die Toiletten des Lagers zu einer akuten Gefahrenquelle machen, und „ständig überfüllte Müllcontainer, die Unmengen gesundheitsgefährdender Insekten anziehen“.4

Im November 2019 kündigte Regierungschef Mitsotakis endlich an, dass man rasch angemessene Aufnahmezentren für 4000 unbegleitete Minderjährige errichten und mit pädagogischem, ärztlichem und psychologischem Personal ausstatten werde. Bereits Ende September waren 54 unbegleitete Minderjährige aus Thessaloniki in zwei neue Aufnahmezentren gebracht worden, die das griechische Rote Kreuz im Zentrum von Athen eröffnet hatte. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nicht einmal die Bewerbungsfrist für das betreuende Personal abgelaufen.

So stellte zunächst das Rote Kreuz das Personal für eine provisorische Betreuung – mit verhängnisvollen Folgen: Am Abend des 20. September musste die Polizei einschreiten. Nach einem Streit um ein angeblich gestohlenes Handy hatten vier Jugendliche Verletzungen erlitten, wahrscheinlich durch Messerstiche. Und schon nach wenigen Tagen waren fünf der untergebrachten Minderjährigen spurlos verschwunden.

Das Untertauchen unbegleiteter Jugendlicher ist für die griechischen Behörden seit Jahren ein Dauerproblem. Die Unterkünfte für die Minderjährigen sind keine geschlossenen Anstalten. Für einen Jugendlichen ist es also ziemlich leicht, abzuhauen und sich weiter auf den Weg nach Mitteleuropa zu machen. Das geschieht häufig unter dem Druck von Schleusern oder auch der eigenen Familie.

Schon 2015 verzeichnete die Vermisstenabteilung der Polizei in Attika über 1000 Fälle untergetauchter Jugendlicher, von denen nur 192 wieder aufgefunden wurden. Über die aktuelle Zahl der Unbegleiteten, die aus den Unterkünften verschwinden, war von der Polizei keine Auskunft zu bekommen. Aber das Problem besteht weiter.

Am 11. Oktober 2019 wurde der Jugendliche N. A., der aus seiner Athener Unterkunft verschwunden war, von der Polizei in Piräus aufgegriffen und im Polizeirevier des Stadtteils Dra­petso­na abgeliefert, wo er über zwei Wochen lang in einer Arrestzelle verbrachte. Am 28. Oktober konnte sein Anwalt seine Freilassung durchsetzen, nachdem er per Eilverfahren den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angerufen hatte.

Der Anwalt berichtete, sein Mandant sei in Drapetsona in einer von Kakerlaken wimmelnden Zelle ohne richtiges Bett oder gar Bettwäsche festgehalten worden. N. A. wurde schließlich am 31. Oktober von Athen nach London ausgeflogen, von wo er sein Verfahren auf Familienzusammenführung mit seiner in London lebenden Schwester betreiben kann.

Mustafa Mustafa hatte die Hoffnung auf eine Zukunft seiner Familie in Deutschland aufgegeben, als er im Januar 2017 in Moria ankam. Für den 46-Jährigen war die letzte Station seiner Odyssee ein schneebedecktes Campingzelt, das ihm keinen Schutz vor der grimmigen Kälte bot. In einer WhatsApp-Sprachnachricht, die er an seine Schwester Amal sandte, hört man seine Verzweiflung: „Die Zustände hier sind erniedrigend. Auf der Insel operieren Banden und Mafiosi, selbst innerhalb des Lagers. Die Polizei kann nichts machen. Die können dich mit einem Messer abstechen, ohne dass die Polizei etwas tut.“5

Wenige Tage später fand man Mustafa tot in seinem Zelt, sein Körper zusammengerollt auf der Seite liegend, die Hände zu Fäusten gekrümmt. Das gerichtsmedizinische Protokoll registriert seine Bekleidung: zwei T-Shirts, eine Weste und eine Strickjacke mit Reißverschluss; und zwei Trainingshosen über einer olivgrünen Hose. Um sich warmzuhalten, hatte er alles angezogen, was er hatte. Das forensische Gutachten über die Todesursache stellt fest, dass Mustafa an einer Kohlen­mon­oxid­ver­gif­tung gestorben war. Erstickt im Schlaf. Viele Flüchtlinge heizten damals ihre Zelte mit Holz und Holzkohle, die sie in selbst gebastelten Kohlebecken verbrannten. Eine andere Möglichkeit hatten sie nicht: Das Einzige, was man ihnen gegen die Kälte gab, waren ein Anorak und eine Decke.

Vier Tage vor Mustafas Tod war in demselben Zelt ein Flüchtling aus Ägypten gestorben, ebenfalls im Schlaf erstickt. Offenbar hatte sie niemand auf die Gefahr einer Koh­len­mon­oxid­ver­gif­tung hingewiesen. Die Familien beider Verstorbenen haben den griechischen Staat inzwischen auf Entschädigung verklagt.

Der Leichnam von Mustafa Mus­ta­fa traf am 14. März 2017 in Syrien ein. Sein Begräbnis wurde von Verwandten organisiert.

1 Das Foto wie auch Faksimiles der Aufenthaltsberechtigung vom 2. Februar 2016 wurden in der griechischen Zeitung Kathimerini vom 27. November 2017 veröffentlicht.

2 Die Zahlen stammen vom Nationalen Zentrum für soziale Solidarität im griechischen Arbeitsministerium.

3 Die Hebrew Immigrant Aid Society (Hias) wurde 1881 in den USA gegründet, um jüdischen Flüchtlingen aus Russland und Osteuropa zu helfen. Heute kümmert sich die Hias um nichtjüdische Menschen in aller Welt, die vor Kriegen, Epidemien oder Naturkatastrophen geflohen sind.

4 Die Berichte der Inspekteure datieren vom 7. und 10. Juli 2018.

5 Die 46 Sekunden lange Botschaft hat mir Mustafas Schwester übermittelt.

Aus dem Griechischen von Niels Kadritzke

Jiannis Papadopoulos ist Journalist bei der Athener Tageszeitung Kathimerini.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.02.2020, von Jiannis Papadopoulos