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Naturschutz mit Sturmgewehr

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Naturschutz mit Sturmgewehr

Die angeblich gemeinnützige NGO African Parks erobert die Nationalparks südlich der Sahara

von Jean-Christophe Servant

An der Arbeit als Parkdirektor gefällt Jean-Pierre Wilhelm vor allem, dass er wie in der Fernsehserie „Daktari“ aus den 1960er Jahren, „mitten unter Löwen lebe“. Vom Tisch aus, an dem er mit seinem Team zu Mittag isst, blickt man in eine weite Savannen- und Hügellandschaft, die sich über 4800 Quadratkilometer erstreckt. Seit Juni 2019 herrscht der sechzigjährige Elsässer über dieses Reich. Für die südafrikanische NGO African Parks (AP) leitet er den Nationalpark Pendjari, ein Biosphärenreservat im Nordosten von Benin, etwa 40 Kilometer von der Stadt Tanguieta entfernt. Auf dem Weg in dieses Naturschutzgebiet, dessen Verwaltung die beninische Regierung im Mai 2017 an AP übertragen hat, fährt man an Baumwollfeldern und Gemüsegärten vorbei.

Der nach dem Fluss Pendjari benannte Park ist das letzte Rückzugsgebiet für Elefanten und Löwen in dieser Gegend. Er ist Teil des großen, länderübergreifenden Nationalparkkomplexes W-Arly-Pendjari (WAP), zu dem auch die Parks Arly in Burkina Faso und W im Grenzgebiet von Burkina Faso, Niger und Benin gehören. Im Vergleich zu diesen beiden staatlich geführten Parks sei Pendjari „am wenigstens heruntergekommen“, prahlt AP-Chef Peter Fearnhead.

Wie kommt eine Nichtregierungsorganisation dazu, einen afrikanischen Nationalpark zu führen? Vor nicht allzu langer Zeit beschränkten sich NGOs noch darauf, Gelder für den Erhalt staatlicher Schutzgebiete zu sammeln, setzten sich damit allerdings auch der Kritik aus, übergriffige Ranger zu finanzieren. So geschehen beim World Wide Fund For Nature (WWF).1 Die gemeinnützige Organisation African Parks, die vor 20 Jahren von dem niederländischen Milliardär Paul Fentener Van Vlissingen gegründet wurde (siehe Kasten), nimmt die Dinge hingegen selbst in die Hand. Und dabei verknüpft sie die Bewahrung des afrikanischen Naturerbes mit Unternehmergeist und Rentabilitätsdenken.

Die 16 Parks, die AP auf dem gesamten Kontinent verwaltet, werden von einer wohlhabenden, hauptsächlich westlichen Kundschaft besucht. Die Übernachtung in einer der Luxuslodges kostet 600 Dollar und mehr. In Benin will AP eine Fünfsterne-Lodge bauen, von der aus die zahlungskräftigsten Kunden Ausflüge in ein exklusiv für sie reserviertes Safarigebiet machen können. Außerdem setzt die NGO auf Jagdtouristen. Im Pendjari-Park sind bereits drei Jagdgebiete für Großwild wie Warzenschweine ausgewiesen, mit denen der Park ebenso viel Geld verdient wie mit Fotosafaris.

Weitere Einnahmequelle könnten sich auch auf dem boomenden Markt für Arzneipflanzen ergeben, schließlich wachsen im Park allerlei Pflanzen, die zwar in der traditionellen Heilkunde zur Anwendung kommen, deren Wirkstoffe aber noch nicht patentiert sind. Insgesamt geht es der Organisation nicht nur darum, die Natur zu schützen, sondern auch darum, sie zu Geld zu machen. Gegenüber ihren Kritikern verfolgt sie dabei eine Nulltoleranzpolitik.

Mit ihrem Ansatz, Naturschutz als Business zu betreiben, ist African Parks auch ein Vorreiter im Bereich der Public-private-Partnerships (PPP). Diese seien dazu bestimmt, „alle elf Biome – also Großlebensräume – des Kontinents zu retten“, erklärt Erik Mararv, der schwedische AP-Regionaldirektor für Westafrika, der in der Zentralafrikanischen Republik geboren und aufgewachsen ist.

Gute Geschäfte mit Fotosafaris und Jagdtourismus

Nach einem inzwischen ausgereiften Modell schließt AP mit den jeweiligen Staaten langfristige Verträge ab, die Laufzeit beträgt im Schnitt 20 Jahre. Die nationalen Regierungen behalten die Hoheitsgewalt über die Parks, während sich die NGO verpflichtet, sämtliche Mittel – auch militärische – bereitzustellen, um die Schutzgebiete zu renaturieren, die Fauna wiederzubeleben und die ansässigen Dorfgemeinschaften zu unterstützen.

Nachdem sich AP zunächst vor allem im südlichen Afrika (in Malawi und in Sambia) betätigt hatte, übernahm die Organisation auch die Verwaltung mehrerer Naturschutzgebiete in instabilen Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik oder der Demokratischen Republik Kongo (DRK). „In manchen der entlegensten und am schlechtesten erschlossenen Regionen Afrikas sind unsere Ranger die einzige stabilisierende Kraft“, unterstreicht Mararv. Die NGO hat damit eine Vorreiterrolle inne bei der Militarisierung der afrikanischen Nationalparks.

Laut ihrer Website verfügt die Organisation über „das ausgedehnteste und vielfältigste Portfolio afrikanischer Ökosysteme, die von einer NGO verwaltet werden“. Die 16 Nationalparks, die sich auf zehn Länder südlich der Sahara verteilen, umfassen zusammengenommen eine Fläche von 12 Millionen Hektar. AP beschäftigt 5000 Mitarbeiter, davon 1000 Parkwächter, und verfügt damit über das größte private Rangerkontingent in ganz Afrika.

Ihre Bemühungen zur Wiederansiedlung bedrohter Arten bescherten der Organisation viel mediales Lob, insbesondere im US-amerikanischen Magazin National Geographic, das zugleich einer der Geldgeber von AP ist.2 Überdies vermochte die NGO einflussreiche Fürsprecher zu gewinnen, wie den britischen Ex-Prinzen Harry, der bis Ende 2017 als Ehrenpräsident wirkte, und den Australier John Scanlon, ehemals Chef der Weltnaturschutzunion IUCN, der heute als APs Weltbotschafter fungiert.

Im Schatten dieser „weißen Retter“ werden die gut bezahlten Ranger vor Ort (in Benin verdienen sie fast 300 Euro; das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 65 Euro) regelmäßig paramilitärisch geschult. Durchgeführt werden diese Trainings von ehemaligen Offizieren der südafrikanischen, französischen oder israelischen Armee. Den Rangern, die die meisten Wilderer festnehmen oder die meisten Tierfallen entdecken, zahlt AP eine Prämie. Jedes Jahr werden alle Mitarbeiter evaluiert.

Der Lebensweg von Parkdirektor Jean-Pierre Wilhelm sagt einiges über APs Managementmodell: Er hat die französische Elite-Ingenieurschmiede École des Mines in Nancy besucht, als Offiziersanwärter der Reserve in der KFOR-Truppe der Nato im Kosovo gedient und anschließend 18 Jahre lang mehrere Bergwerke in Afrika geleitet, darunter eine Eisenmine in Mauretanien und eine Goldmine in Burkina Faso.

Man könnte meinen, dass die Tätigkeit in einer extraktiven und noch dazu so umweltschädlichen Industrie eigentlich im Widerspruch steht zur Weltanschauung seines neuen Arbeitgebers. Wilhelm betont jedoch die Gemeinsamkeiten: In beiden Bereichen brauche man die Unterstützung der lokalen Bevölkerung. „Wenn wir die Leute durch unsere Aktivitäten an den Rand drängen, kann alles ganz schnell kippen“, erklärt er.

Rund um den Pendjari-Park leben fast 200 000 Menschen. Um seine 230 Mitarbeiter zu motivieren, darunter 100 frisch eingestellte Ranger und vier Wasserschutz- und Forstbeamte der beninischen Regierung, zitiert der Parkdirektor gern einen Spruch, der auch aus einem Handbuch zur Selbstoptimierung stammen könnte: „Allein kommst du schneller voran – aber gemeinsam kommen wir weiter.“

APs Nulltoleranzpolitik hat laut Jérome Sambini vom kommunalen Radiosender Nanto FM jedenfalls dazu geführt, dass sich das Gefängnis in der Bezirkshauptstadt Natitingou gefüllt hat. Der Journalist berichtet außerdem von einer „angespannten Beziehungen zu den Anwohnern des Parks“. Im Februar 2018, ein Jahr nach der Übernahme der Parkverwaltung durch die NGO, hatten sich traditionelle Jäger über die Jagdverbote im Schutzgebiet hinweggesetzt. Die Ranger beschlagnahmten ihre Motorräder und überstellten diese ans Kommissariat in Tanguieta. Daraufhin plünderten Hunderte das AP-Büro und setzten ein Dutzend Fahrzeuge in Brand.

Eine andere Quelle in Tanguieta berichtet, die Ranger hätten im selben Jahr „ohne Abstimmung mit den Fulbe-Hirten eine ganze Rinderherde mit 350 Tieren getötet, die sich illegal im Park aufhielt“. Je nach Jahreszeit ziehen die Hirten mit bis zu 10 000 Tieren durch den Nationalpark nach Süden. „Für die Gemeinden, die am Rande des Pendjari leben, wird es auch immer schwieriger, zu ihren Fetischen zu gelangen, die sich innerhalb des Parks befinden und die vor allem bei Gesundheitsproblemen konsultiert werden“, sagt die beninische Journalistin Flore Nobime.3

Auf ähnliche Hindernisse stoßen die Dorfbewohner, wenn sie Raphia und Bambus für ihre Dächer sammeln wollen, oder Pflanzen und ­Wurzeln suchen, die in der traditionellen Heilkunde verwendet werden. Auch „Bushmeat“, etwa von großen Nagern wie der Rohrratte, die man früher im Park erlegte, wird immer seltener und teurer.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Vorgehensweise von African Parks Kritik hervorruft. „2004 gab es große Proteste, weil AP die Umsiedlung von mehreren tausend Nomaden vom Volk der Mursi betrieben hatte, die im äthiopischen Nationalpark Omo lebten“, erzählt Bram Büscher, ein niederländischer Forscher, der die Kommerzialisierung der Nationalparks im südlichen Afrika untersucht.

Damals musste AP Äthiopien verlassen. Büscher meint: „Solange die lokalen Communitys nicht an der Verwaltung der Parks beteiligt werden, wird AP das neokoloniale Modell solcher ‚Naturschutzfestungen‘ für eine überwiegend weiße Kundschaft fortführen.“ In seinem Büro im Pendjari-Park spricht Direktor Wilhelm etwas widerwillig über die „kulturelle Schwierigkeit, ein Managementmodell, das aus dem anglofonen Südafrika stammt, im frankofonen Teil Afrikas einzuführen“, und fügt hinzu: „Wir haben aber begonnen, etwas lockerer mit den Fischern umzugehen, die in den Park kommen.“

Der Parkdirektor sieht sich außerdem mit einer angespannten Sicherheitslage konfrontiert. Anfang Mai 2019, als er seinen Posten noch gar nicht angetreten hatte, wurden zwei französische Touristen im Pendjari-Park entführt. Die Geiselnehmer konnten anhand ihrer Mobilfunkdaten aufgespürt und in Burkina Faso von französischen Spezialkräften unschädlich gemacht werden.

Angeblich wollten sie ihre Beute der Dschihadisten-Gruppe Ansar ul-Islam verkaufen, die 2016 erstmals in Mali aufgetaucht war und hauptsächlich aus Fulbe besteht.4 Die Entführer ermordeten den einheimischen Reiseführer der beiden französischen Touristen, den 29-jährigen Fiacre Gbédji. In Benin, wo man solche Verbrechen bisher nicht gekannt hatte, war der Schock groß.

Dafür, dass dieses Drama in Zusammenhang steht mit der Aufstockung der Sicherheitskräfte im Pendjari-Park, gibt es keine Beweise. Die Probleme waren allerdings bekannt: Drei Monate vor der Entführung, auf die das französische Außenministerium mit einer Reisewarnung reagierte, hatte das Institute for Security Studies mit Sitz in Pretoria bereits in einem Artikel gewarnt: „Bei Maßnahmen gegen Extremisten in Benin müssen die Konflikte vor Ort berücksichtigt werden, vor allem diejenigen, die um die Gebiete von Nationalparks und deren Verwaltung geführt werden.“5 Einer der Guides im Park fragt sich, ob sein Kollege aus Rache ermordet wurde. Sicher ist, dass in diesem Grenzgebiet Touristen ebenso wie Ranger symbolträchtige Ziele darstellen für Dschihadisten, Straßenräuber oder Schmuggler.

Nach Angaben eines Forstbeamten ist die Ausrüstung der Sicherheitskräfte im Pendjari-Park weit moderner als die der regulären beninischen Streitkräfte. Wilhelm rechtfertigt das so: „Wenn sich hier noch mal so ein Vorfall ereignet, wäre das das Ende des Pendjari-Parks.“ Mittlerweile habe man sich nach militärischem Vorbild organisiert: „Oberste Priorität hat die Informa­tions­beschaffung. Wir bezahlen die Anwohner, damit sie uns Auskünfte liefern.“ Der Direktor weiß, dass er auf die Unterstützung der Beniner angewiesen ist, und versucht sie mit pa­trio­ti­schen Parolen zu gewinnen: „Dieser Park ist der Stolz der Nation, wir alle stehen hier Seite an Seite.“

Auch für Benins Präsidenten Patrice Talon steht viel auf dem Spiel. Der Geschäftsmann, der im Baumwollbusiness reich geworden ist, hat den Pendjari-Nationalpark zum Leuchtturmprojekt seines Entwicklungs- und Investitionsprogramms „Benin entdecken“ gemacht, das vor allem auf Tourismus setzt. Im August 2016, kurz nach seiner Wahl, war Talon bei einem Staatsbesuch in Kigali das erste Mal in Kontakt mit AP gekommen. In Ruanda ist die NGO seit 2010 an der Verwaltung des Akagera-Nationalparks beteiligt. Talon gilt als Bewunderer des ruandischen Präsidenten Paul Kagame und seines neoliberal-autoritären Regierungsstils.

Guy Dossou Mitokpè, ein ehemaliger Abgeordneter der beninischen Oppositionspartei Restaurer L’Espoir (Die Hoffnung wiederherstellen), erklärt: „Der Auftrag an AP wurde unter völliger Geheimhaltung erteilt, ohne das Parlament hinzuzuziehen, ohne Ausschreibung und ohne dass wir den Vertrag einsehen konnten.“ Das werfe viele Fragen auf, meint Mitopke. „Ein Nationalpark mit einem eigenen Flugplatz, wo man tun und lassen kann, was man will, darf nicht zu einer Enklave innerhalb des beninischen Staats werden.“

Zugangskontrollen für Einheimische

Die Tourismusbranche in Tanguieta hingegen begrüßt die Anwesenheit von AP: „Ich habe fast jeden Tag geweint“, sagt Adamou Akpana, Vorsitzender der Vereinigung der Touristenführer im Pendjari. „Der Park war dem Untergang geweiht, weil so viel gewildert wurde. Es gab keinerlei Kontrollen.“ Vor der Eröffnung des Nationalparks 1961 war das Gebiet ein Jagdgelände der Kolonialverwaltung. 1996 wurde der Park an das Nationale Verwaltungszentrum der Tierschutzgebiete (Cenagref) und die Dorfvereine zur Verwaltung der Tierschutzgebiete des Pendjari (Avigref) übertragen.

Nach gemeinsamen Beratungen wurden damals die Zugangsbestimmungen für die Anwohner gelockert, so dass sie beispielsweise zur Abhaltung von Ritualen in den Park durften. In einer schmalen Pufferzone am Rande des Parks, der „kontrollierten Nutzungszone“, durften die Dorfbewohner Ackerbau betreiben, ihre Tiere tränken, fischen und jagen. „Doch ab 2011 gab es Spannungen zwischen den Dorfvereinen (Avigref) und der Zentralverwaltung (Cenagref),“ erzählt Akpana. „Die ‚amtliche Wilderei‘ durch einige Forstbeamte nahm immer weiter zu. Der Pendjari wurde zu einem riesigen Marktplatz unter freiem Himmel, in dem einige Geschäftsleute mit guten Verbindungen in die Politik mit Wildtieren und Edelhölzern handelten.“

Mit Zustimmung der beninischen Regierung schloss AP das Cenagref von der Parkverwaltung aus, entließ die 15 „schlecht ausgebildeten“ Forstranger und rekrutierte in den umliegenden Dörfern neue „Ökoranger“. Im Dezember 2017 erreichte die „Säuberungsaktion“ auch die 700 Kilometer weiter südlich gelegenen Hauptstadt Cotonou – diesmal mit eindeutig politischer Dimension. Sie traf Hauptmann Patrice Trekpo, Interimsgeneralsekretär der Landesgewerkschaft Wasser, Forst und Jagd (SYNA-EFC).

Der hatte im Sender Golfe TV Africa die „Privatisierung des Pendjari-Parks“ und die „Nichteinmischungsklauseln“ im Konzessionsvertrag kritisiert, die es den Sicherheitskräften des Wasser- und Forstschutzamts untersagte, im Park zu patrouillieren. Trekpo wurde vom Dienst als Armeeoffizier suspendiert, erhielt 60 Tage Arrest und ein Disziplinarverfahren. Schließlich wurde er vom Ministerrat wegen Rebellion und aufrührerischer Aktivitäten seines Postens enthoben.

Anfang Juni 2019 brachte der Gewerkschaftsverband von Benin (CSTB) Trekpos Fall vor das Verwaltungsgericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die Klage richtete sich gegen die Regierung und das Parlament Benins wegen des Verstoßes gegen Arbeits- und Grundrechte von Beschäftigten. „Es gibt aber nur wenige, die Patrice Trekpo unterstützen“, klagt Anselme Amoussou, Generalsekretär des Verbands der unabhängigen Gewerkschaften von Benin (CSA-­Bénin). Unter den Beamten der Wasser- und Forstverwaltung hätten viele Angst vor Repressalien.

Von Gewerkschaften hält African Parks ohnehin nicht viel, man setzt lieber auf die Unterstützung einer globalen Elite von Philanthropen (siehe Kasten). Im Aufsichtsrat in Johannesburg weht der Wind der großen weiten Geschäftswelt. In ihm sitzt etwa Valentine Chitalu, einer der reichsten Männer Sambias. „Chitalu war in den 1990er Jahren Generaldirektor der Zambia Privatisation Agency, die mit dem Verkauf von etwa 230 Staatsbetrieben betraut war“, berichtet ein sambischer Journalist, der anonym bleiben möchte. „Der Witz ist, dass Chitalu dann Aufsichtsratsposten in einigen der Firmen bekam, die er selbst mit privatisiert hatte. In manchen führte er sogar den Vorsitz.“

Dasselbe sei passiert, als der sambische Staat Konzessionen für die Nationalparks Liu­wa Plain und Bangweulu an African Parks vergab. Der ­Millionär Chitalu saß im Aufsichtsrat der Zambia Wildlife Authority (Zawa), die für die Nationalparks im Land verantwortlich ist. „Durch seine Vermittlung konnte AP das Management übernehmen“, erklärt der Journalist. Gerade plant eines seiner Unternehmen, die Mukuba Property Development Company, den Bau eines Viersternehotels mit Golfanlage und Konferenzzentrum mitten im Mosi-oa-Tunya-Nationalpark am Ufer der Viktoriafälle, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Naturschützer und Anwohner befürchten, dass dieses Projekt einen der letzten Korridore für den Durchzug der Elefanten zerstören könnte.6

Chitalu führt auch den Vorsitz beim Investmentfonds Phatisa, der sich vor allem in der afrikanischen Agrarindustrie betätigt. Gemeinsam mit dem britischen Entwicklungsfonds CDC Group und der französischen Entwicklungsbank Proparco soll Phatisa in die Palmölproduktion des kanadischen Feronia-Konzerns in der Demokratischen Republik Kongo investiert haben.

An dieser gibt es heftige Kritik vonseiten der lokalen Bevölkerung. Im Juli 2019 wurde ein Mitglied des Informations- und Unterstützungsnetzwerks für die kongolesischen NGOs (RIAO-RDC) von einem Mitarbeiter des Feronia-Sicherheitsdienstes getötet.7 Auf Valentine Chitalus vielseitige Aktivitäten angesprochen, beschränkt sich AP-Chef Fearnhead auf Allgemeinplätze: Solche Widersprüche seien „zutiefst menschlich“.

In diesem Jahr wird AP wohl drei weitere Konzessionen zugesprochen bekommen. Angeblich steht die Organisation kurz davor, die Verwaltung des Nationalparks Iona im Südwesten Angolas und des Nyungwe-Parks im Südwesten Ruandas zu übernehmen. Bis zur Übernahme des grenzüberschreitenden W-Parks sollen es ebenfalls nur noch wenige Monate sein. An der Südgrenze des Pendjari-Parks werden die Anwohner demnächst vor einem 92 Kilometer langen Elektrozaun stehen. Das Material dafür wurde aus Südafrika importiert.

1 Tom Warren und Katie J. M. Baker, „WWF funds guards who have tortured and killed people“, Buzzfeed, 4. März 2019.

2 Siehe David Quammen, „To save wildlife, African governments turn to private management“, National Geographic, 12. November 2019.

3 Siehe Flore Nobime, „Difficultés d’accès aux ressources: grincements de dents autour de la Pendjari“, L’Evénement précis, Cotonou, 9. Oktober 2019.

4 Siehe Rémi Carayol, „Hirten unter Verdacht“, LMd, Mai 2017.

5 Siehe Michaël Matongbada, „Can Benin protect itself from terrorism in the region?“, Institute for Security Studies, 8. März 2019, www.issafrica.org.

6 „Livingstone residents to oppose to the construction of a golf course, hotels in the Mosi-o-Tunya National Park“, Lusaka Times, 27. September 2019.

7 Karen McVeigh, „UK development bank launch inquiry after murder of Congolese activist“, The Guardian, London,27. September 2019.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Jean-Christophe Servant ist Journalist.

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Paul Fentener van Vlissingen (1941–2006), der 1999 die Organisation African Parks (AP) gründete, stammte aus einer der reichsten Industriellenfamilien der Niederlande. Er war Geschäftsführer des Mischkonzerns SHV Holdings, der Handelsbeziehungen zum südafrikanischen Apartheidregime unterhielt. Die Idee für die Gründung von AP kam ihm angeblich nach einem Galadiner bei Nelson Mandela, an dem auch die niederländische Königin Beatrix teilgenommen hatte. Zu Tisch war über die Zukunft der südafrikanischen Na­tio­nal­parks diskutiert worden. Van Vlissingen ergriff die Gelegenheit, sein Image aufzubessern, das durch seine geschäftlichen Aktivitäten während der Rassentrennung ramponiert worden war.

Ursprünglich als Wirtschaftsunternehmen gegründet, wandelte sich AP erst 2005 in eine gemeinnützige Organisation um – mit dem Ziel, mehr Regierungen, internationale Organisationen, Stiftungen und Mäzene als Spender zu gewinnen. Den Aufsichtsrat in Johannesburg dominieren Geschäftsleute, die sich gern den Anstrich von Philanthropen und Umweltschützern geben: Der Vorsitzende Robert-Jan van Ogtrop ist Partner bei der Kapitalgesellschaft Phatisa, die auf industrielle Landwirtschaft setzt; mit dabei sind auch der südafrikanische Banker Ted Woods und Rosette Chantal Rugamba aus Ruanda, die mit Songa Africa ein Unternehmen für Luxustourismus gegründet hat.

In Europa, der Schweiz und den USA sammeln verschiedene Stiftungen von African Parks Spendengelder. Samuel Robson Walton, Chef des US-amerikanischen Familienunternehmens Walmart, des größten privaten Arbeitgebers der Welt, zählt zu den großzügigsten Unterstützern von African Parks.⇥ J.-C. S.

Le Monde diplomatique vom 13.02.2020, Jean-Christophe Servant