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Das skandinavische Modell

Gibt es in den fünf skandinavischen Ländern ein gemeinsames Sozialmodell, das sich vom Rest Europas unterscheidet?1 Eine erste skandinavische Konferenz über soziale Fragen fand bereits 1907 statt. Damals kamen Politiker, Gewerkschafter, engagierte Bürger und Fachleute zusammen, um über besonders vordringliche Themen wie soziale Absicherung bei Arbeitsunfällen und Arbeitsschutz zu verhandeln.

Bei diesem regelmäßigen Austausch über soziale Fragen ist es bis heute geblieben, weshalb die Länder des hohen Nordens auf den Außenstehenden wie eine große Familie wirken. Tatsächlich haben sie ungefähr gleichzeitig ganz ähnliche Antworten auf die zentralen Herausforderungen wie Krankheit, Alter, Armut und Arbeitslosigkeit gefunden. Und dies trotz großer demografischer und historisch bedingter Unterschiede: Schweden hat mit seinen 9,3 Millionen Einwohnern eine fast doppelt so große Bevölkerung wie Dänemark, Finnland oder Norwegen; Schweden und Dänemark waren einst mächtige Reiche, während Norwegen, Finnland und Island lange zu anderen Großreichen gehörten und erst Anfang des 20. Jahrhunderts unabhängig wurden. Kopenhagen ging vor 1939 mit dem sozialstaatlichen Umbau voran, das vom Krieg verschonte Schweden folgte unmittelbar nach 1945.

Skandinavien war aufgrund des rauen Klimas und der kargen Böden lange eine bettelarme Region. Das änderte sich erst langsam ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis dahin waren 2,5 Millionen Menschen, mehr als ein Viertel der Bevölkerung, in die Neue Welt ausgewandert, um der Armut zu entkommen. Noch 1875 war Skandinavien überwiegend agrarisch geprägt: In Schweden lebten und arbeiteten 87 Prozent der Bevölkerung auf dem Land, in Dänemark 75, in Norwegen 81 und in Finnland 94 Prozent.

In der ganzen Region waren politischer, sozialer und ökonomischer Wandel parallele Prozesse: Die absoluten entwickelten sich zu konstitutionellen Monarchien (1849 in Dänemark; der Schwedische Ständereichstag wurde bereits ab 1809 schrittweise zu einem modernen Parlament); die Agrarreformen am Ende des 18. Jahrhunderts brachten eine neue Klasse selbständiger Hofbesitzer hervor, und mit der modernen Großindustrie – Stahlwerke in Schweden, Lebensmittelindustrie in Dänemark – kam ein allgemeiner Urbanisierungsprozess in Gang.

Seit die Reformation im 16. Jahrhundert von Norddeutschland aus auch Skandinavien erreichte, lag die Armenfürsorge in der Hand der mächtigen lutherischen Staatskirchen, die mit moralischer Strenge über ihre Zöglinge wachte. Die Zuständigkeit der Kirchenvorstände für Armenfürsorge und Schulunterricht wurde mit der Zeit – zuerst in Schweden, dann in Norwegen und Dänemark – von den Kommunen übernommen. Der Staat machte die Gesetze, und die Gemeinden setzten sie aus eigenen Mitteln um. Die Hauptlast trugen die größten Steuerzahler, nämlich die Grundbesitzer. Immer wenn die Zentralregierung soziale Verbesserungen anordnete (bezüglich Altersruhegeld, Gesundheit, Waisenfürsorge), mussten die Kommunen zusehen, wie sie diese möglichst kostengünstig umsetzen konnten, ohne die Steuern zu erhöhen.

In den 1920er- und 1930er-Jahren veränderte sich das Kräfteverhältnis unter dem wachsenden Einfluss der Gewerkschaften. In den Parlamenten verloren Konservative und Liberale auf Kosten der Sozialdemokraten, die in Dänemark, Schweden und Norwegen Mehrheitskoalitionen bildeten. Nur in Finnland blieb der allgemeine Linksruck aus. Nachdem Finnland 1917 seine Unabhängigkeit erlangt hatte, begann kurz danach der Kampf zwischen Anhängern der Russischen Revolution und dem bürgerlichen Lager, den am Ende die „Weißen“ für sich entschieden.

Als sich Gewerkschaften und Arbeitgeber schließlich auf eine dauerhafte Zusammenarbeit verständigten, auf der Basis einer gewissen Regulierung des Arbeitsmarkts, war der erste Schritt in Richtung eines Sozialstaats vollzogen. Der bedeutet heute, dass ausnahmslos jeder Bürger einen Anspruch auf soziale Absicherung hat. Und dass die Leistungen des Wohlfahrtsstaats nicht aus Sozialversicherungsabgaben, sondern aus Steuermitteln finanziert werden. Lediglich das Arbeitslosengeld wird aus freiwilligen Versicherungsbeiträgen der Beschäftigten finanziert (nur in Norwegen nicht).

Das goldene Zeitalter des Wohlfahrtsstaats begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die gemeinsame Idee war ein dritter Weg zwischen wirtschaftsliberaler Gesellschaft und sozialistischer Utopie. Das lief auf einen Reformkapitalismus hinaus, der soziale Großzügigkeit mit wirtschaftlicher Leistungsstärke verband. Alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte waren sich darin einig, dass die Marktgesellschaft möglichst geringe soziale Ungleichheiten produzieren sollte. Weltweit galt dieses System als sozialdemokratische Version des Wohlfahrtsstaats schlechthin, der alles abdeckt: soziale Absicherung, Rente, Krippen und Altenheime, Pflege, Gesundheit, Erziehung, Bildung, Ausbildung, Forschung und Kultur. Dieser Typ Wohlfahrtsstaat war das Ergebnis von mehr als 60 Jahren sozialdemokratischer Regierungsarbeit – in politischer Alleinverantwortung oder in Koalitionen – in Schweden und 45 Jahren in Norwegen oder Dänemark.

Die Wirtschaftskrise der 1980er- und 1990er-Jahre, das Ende des Kalten Kriegs, der politische Bedeutungsverlust der Sozialdemokratie und die Globalisierung der Finanzwelt haben das nordische Sozialstaatsmodell geschwächt. Seither orientiert sich Skandinavien sozialpolitisch mehr in Richtung Westen, wo die Staaten allerdings weniger freigiebig sind. J.-P. S.

Fußnote: 1 Niels Finn Christiansen u. a., „The Nordic Model of Welfare. A Historical Reappraisal“, Kopenhagen (Museum Tusculanum/University of Copenhagen) 2006.

Le Monde diplomatique vom 09.10.2009,