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Peking, 1966

Diese Fotos sind keine Reportage über die Kulturrevolution. Vielmehr handelt es sich um die Eindrücke einer jungen Frau, die Ende 1965 als Neunzehnjährige nach China ging und bis Ende 1968 als Sekretärin in der französischen Botschaft arbeitete. Sie zeugen vom unbefangenen, neugierigen Blick auf eine andere Welt – „auf das verborgene Gesicht der Erde“ – und vom Interesse an einer enthusiastischen Jugend, die als ein Vorläufer der 68er-Revolte gelten kann. Die Aufnahmen verfolgen keine Absicht, sie wollten nichts zeigen oder beweisen. Sie waren der – ganz persönliche – Versuch, Erlebtes festzuhalten, ohne jede Ahnung, dass diese Aufmärsche als eines der wichtigsten Ereignisse in die Geschichte des neuen Regimes eingehen sollten.

Auch bringen diese Fotos nicht die dunkle Seite und die Schrecken der Kulturrevolution1 an den Tag, denn die habe ich nicht gesehen. Wie bei allen Fotos handelt es sich lediglich um einen Ausschnitt der Realität. Ihren Sinn bekommen sie erst durch Kommentare, Anmerkungen und die Einordnung in den historischen Kontext. Vierzig Jahre lang lagen sie vergessen in einer Schachtel.

Aus jener Zeit gibt es kaum Bildmaterial. Abgesehen von einigen Studenten und dem Personal der verschiedenen Botschaften lebten in Peking nur ein paar Ausländer, von denen die wenigsten aus dem Westen stammten. Die Zeit der Ping-Pong-Diplomatie kam erst viel später.2 Heute sind wir einer Fülle von Bildern und Informationen ausgesetzt, und kaum noch jemand vermag sich eine Welt ohne Fernsehen oder Radio, ohne Telefon oder Internet vorzustellen. In China waren damals ausnahmslos alle Ausländer, auch die vereinzelten Nachrichtenkorrespondenten, in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und durften sich lediglich im Umkreis von zwanzig Kilometern um die Stadt mit einem Zugangskorridor zu den Ming-Gräbern und zur Chinesischen Mauer aufhalten. (Sonstige Reisen waren nur mit Sondergenehmigung und unter starker Überwachung möglich.) Da jeder Ausländer eine potenzielle Gefahr darstellte, war jeglicher Kontakt zur Bevölkerung verboten. Hinzu kam die sowieso erhebliche Sprachbarriere. So waren wir inmitten dieser streng überwachten Menge nur allzu leicht zu erkennen.

Nur wenige Informationen drangen nach draußen. Wenn man beispielsweise einmal das Archiv von Le Monde nach großen Schlagzeilen auf der ersten Seite durchforstet, gab es im Lauf von zwei Jahren genau einen zweispaltigen Bericht über die erste große Sommerdemonstration! Danach erschienen in unregelmäßigen Abständen Meldungen der Nachrichtenagenturen. Jeder Versuch einer politischen Analyse scheiterte an eben diesen spärlichen Informationen und an der Schwierigkeit, den Sinn einer bis dahin unbekannten Form der Inszenierung zu entschlüsseln.

Aber diese Momentaufnahmen sind nicht nur aufgrund der besonderen Umstände außergewöhnlich, sondern auch, weil es sich um Farbfotos handelt (Agfacolor-Dias). In der damaligen Presselandschaft herrschte schließlich die Schwarzweißfotografie vor, und das galt auch für die seltenen professionellen China-Reportagen. In China wurden lediglich für offizielle Publikationen Farbfilme verwendet. Sie stammten aus Hongkong – wo sich das Botschaftspersonal mit allem versorgte, woran es mangelte – und wurden auch dort entwickelt. Das erklärt die oft spezielle Reaktion der Chinesen angesichts dieser Fotos: „Sie wecken Erinnerungen in mir, aber meine sind schwarzweiß.“

„War es für Sie denn nicht gefährlich?“, „Sind Sie nicht bedroht worden?“, „Konnten Sie unbehelligt fotografieren?“, werde ich häufig gefragt. Nein, ich hatte nie auch nur das geringste Problem. Ich war im selben Alter wie diese Rotgardisten und war in ihren Augen offenbar ungefährlich. Ich erntete ungläubiges Staunen oder ein Lächeln. Die jungen Menschen, die damals an mir vorbeidefilierten, vor allem jene, die vom Land kamen, hatten ja praktisch noch nie einen Ausländer zu Gesicht bekommen. Aber das habe ich erst vierzig Jahre später bei der genaueren Betrachtung der auf mich gerichteten Blicke bemerkt: Ich habe sie fotografiert, dabei war ich in Wirklichkeit der Gegenstand ihrer Neugier. Wir haben einander entdeckt. Solange Brand

Fußnoten: 1 Diese sind in Li Zhenshengs Buch „Roter Nachrichtensoldat: Ein chinesischer Fotograf in den Wirren der Kulturrevolution“, Berlin (Phaidon) 2003, zu sehen. Zhensheng hatte unter den Holzdielen seiner Wohnung die Negative seiner Fotos versteckt, die er während seiner Reportagereisen aufgenommen hatte; Aufnahmen, die er dem Propagandaministerium hätte aushändigen müssen. 2 1971 reiste zum ersten Mal seit 1949 eine amerikanische Tischtennismannschaft nach Peking – ein wichtiges Zeichen für die politische Annäherung beider Länder.

Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn

Solange Brand war von 1980 bis 2004 Artdirektorin von Le Monde diplomatique, Paris. Über ihre Zeit in Peking schrieb sie das Buch „Pékin 1966. Petites histoires de la Révolution culturelle“, Rennes (Editions de l’oeil électrique) 2005. Die Fotos aus dem Band werden in einer Wanderausstellung gezeigt.

Le Monde diplomatique vom 09.10.2009,