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Australien im Pyrozšn

Grimmiges Land

Australien im Pyrozän

Der Kontinent brennt, doch der Premierminister setzt weiter auf Kohle und leugnet den Klimawandel

von Maxime Lancien

Australien, Januar 2019. Im Tiefland von New South Wales herrschen 47 Grad Celsius. Der Darling River, mit 2844 Kilometern der längste Fluss des Kontinents, quält sich durch sein Bett. Die rote australische Erde ist von Trockenrissen durchzogen. Manchmal nimmt der Himmel einen Orangeton an. Dann verschlucken Sandstürme Orte wie Mildura und tauchen sie in eine Art Nacht, die nicht von dieser Welt ist.

Im Murray-Darling-Becken, der Kornkammer des Kontinents, bestimmten schon immer die Trockenzeiten den Lebensrhythmus in den Weinbergen und auf den Obstplantagen, Weiden und Baumwollfeldern, die sich auf 1 Million Quadratkilometern von Victoria bis nach Queensland erstrecken – eine Fläche so groß wie Ägypten. Doch als im Januar 2019 die extreme Hitze zu einer starken Vermehrung von Blaualgen führte und hunderttausende vergiftete Fische den Fluss hinuntertrieben, machten einige Gemeinden die Agrarindustrie für diesen Ökozid verantwortlich.1 Politische Instrumentalisierung sei das, konterte Premierminister Scott Morrison sogleich in einem Interview2 und erklärte, schuld daran sei nur die Trockenheit, und darum mache er sich nach wie vor große Sorgen.

Ein Jahr später ist die Situa­tion noch dramatischer: Der Sommer 2019/20 ist der heißeste und trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Riesige Flächen stehen in Flammen. Dieses „Angry Summer“ getaufte Klimaphänomen hatte das Land erstmals 2012 heimgesucht. Sieben Jahre später griff man schon zum Super­lativ: Von „Angriest Summer“ war nun die Rede.3 An nur 90 Tagen wurden 206 Temperaturrekorde gebrochen. Am 24. Januar kletterte das Quecksilber im Städtchen Port Augusta im Bundesstaat South Australia auf 49,5 Grad. „I love a sunburnt country / A land of sweeping plains, / Of ragged mountain ranges, /Of droughts and flooding rains“, dichtete die australische Schriftstellerin Dorothea Mackellar 1908 in ihrem später vielzitierten „My Country“. Angesichts der Bilder von der ausgemergelten Erde haben die berühmten Zeilen alles Schwärmerische verloren und lesen sich heute mit einem bitteren Beigeschmack.

Derweil reagieren die zuständigen Behörden im Murray-Darling-Becken auf die Klimaerwärmung wie gehabt. Eine Untersuchung von 2018, im Auftrag der Murray-Darling Basin Royal Commission durchgeführt, zeigt, wie nachsichtig die Behörden mit der Agrarindustrie umgehen. Die Feuchtgebiete im Flusseinzugsgebiet verdorren. Doch die Bedrohung wird von den Investoren der Megafarmen ignoriert. Sie pumpen illegal Massen von Wasser aus dem Darling River.

„Nicht die Wissenschaft, sondern die Politik hat die maximalen Wassermengen festgelegt, die aus den Flüssen und Bächen des Beckens entnommen werden dürfen“, so der Bericht.4 3 Millionen Menschen hängen von diesem sterbenden Ökosystem ab. Selbst in den Brunnen und den Speicherbecken wird das Trinkwasser mittlerweile knapp. Werden die Farmer mit ihren Familien und die Aboriginal-Gemeinden die ersten Klimaflüchtlinge Aus­tra­liens sein?

Ozeanien ist der Kontinent mit dem höchsten Anteil an endemischen Tier- und Pflanzenarten. Das trifft zum Beispiel für 80 Prozent der Säugetiere zu, was damit zu tun hat, dass der australische Kontinent, nachdem er sich vor 40 Millionen Jahren vom Superkontinent Gondwanaland abgetrennt hatte, sehr lange isoliert war. Erst nachdem britische Siedler im 18. Jahrhundert die Hauskatze (Felix catus) und den Fuchs (Vulpes vulpes) aus Europa einführten, gerieten die hiesigen Säugetierpopulationen unter Druck.

Innerhalb von zwei Jahrhunderten verschwanden 10 Prozent der 273 endemischen Landtierarten Australiens; in Nordamerika starb nur eine einzige Art aus.5 Die Erderwärmung bedroht die Existenz der besonders gefährdeten Arten noch zusätzlich, sodass mittlerweile 21 Prozent der endemischen Säugetiere vom Aussterben bedroht sind. Das von der US-amerikanischen Umweltjournalistin Elizabeth Kolbert beschriebene sechste Massensterben6 lässt leere Wälder, Savannen und Riffe zurück.

Als der Sommer im November 2018 ins Land zog, konnte man beobachten, wie zwischen Cairns und Adelaide tausende Flughunde (Pteropus) am Boden verendeten. Justin Welbergen, Dozent für Tierökologie in Sydney und spe­zia­lisiert auf Fledermäuse, erforscht die Auswirkungen extremer Temperaturen auf deren Verhalten und Popula­tion. „Es gibt kaum Zweifel daran, dass unsere Sommer immer wärmer werden. Dadurch kommt es immer häufiger und in immer größeren Gebieten zu Sterbewellen unter den Fledermäusen. Vor allem die Weibchen und ihre Jungen sind betroffen.“ Die massive Dezimierung dieser für die Bestäubung der Pflanzen unverzichtbaren Tiere hat verheerende Auswirkungen für den australischen Busch.

Andere scheuere und solitär lebende Tiere sowie nachtaktive Arten verenden unbemerkt in den Tiefen der Regenwälder, wie Koalas, Weißschwanz-Rußkakadus, Wellensittiche, Zebrafinken und Rosenkehlelfen.7 Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (Melomys rubicola), die auf der nach und nach im Meer versunkenen Sandinsel Bramble Cay zu Hause war, ist 2019 bereits ausgestorben.

2014 bescherte der Koala der Tourismusbranche 3,2 Milliarden australische Dollar an Einnahmen, das entspricht rund 2 Milliarden Euro. 30 000 Arbeitsplätze hingen direkt von diesem pflanzenfressenden Beuteltier ab, das mittlerweile als „funktional ausgestorben“ gilt. Das heißt: Der Koa­la ist nicht mehr in der Lage, sich in seinem Ökosystem zu behaupten und sich zu vermehren.

Allein der wirtschaftliche, gesellschaftliche und symbolische Wert des Korallenriffs Great Barrier Reef wird auf 56 Milliarden australische Dollar geschätzt.8 Der Versuch, die ökologischen Schäden in Zahlen zu beziffern, soll das Bewusstsein für die Problematik schärfen. Ob das gelingt, ist fraglich, wenn man einen Vergleich mit der australischen Bergbauindustrie anstellt: Diese Branche mit mehr als 247 000 Beschäftigten exportiert Güter im Wert von 248 Milliarden australischen Dollar.

Fast 90 Prozent der australischen Bevölkerung leben weniger als 30 Kilometer von der Küste entfernt, 15 Millionen allein zwischen Brisbane und Melbourne; das ist mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 25,4 Mil­lio­nen. Entsprechend hoch ist der Druck auf die Wasserressourcen insbesondere des Murray-Darling-Beckens. Unter den Industrieländern ist Australien am anfälligsten für den Anstieg des Meeresspiegels und außertropische Zyklone.

„Unsere Heimat ist von den Fluten des Meeres umsäumt“, heißt es in der Nationalhymne „Advance Australia Fair“. Es sind „steigende Fluten“, die Australien säumen, kommentiert die Klimaforscherin Joëlle Gergis: „Ein wesentlicher Teil unserer nationalen Identität wird verlorengehen. Das Phänomen zeigt sich bereits in einer permanenten Küstenerosion.“9

Das Worst-Case-Szenario geht von einem Anstieg des Meeresspiegels um mehr als 1 Meter bis zum Jahr 2100 aus. Auf die Versicherer kämen Forderungen in Höhe von 226 Milliarden australischen Dollar für Immobilien und Infrastruktureinrichtungen zu, die den Überschwemmungen und der Erosion zum Opfer fallen würden. Im Juni 2016 wurde der Küstenstreifen von Queensland bis Tasmanien von schweren Stürmen heimgesucht. Die aufgepeitschte Brandung zerstörte vor allem in Sydneys Stadtvierteln Collaroy und Narrabeen Häuser und Straßen. Weil die Strände erodieren, brechen sich die Wellen direkt am Beton.

„Durch die Verbrennung von Erdgas und Erdöl und den Kahlschlag in den Wäldern entstehen Treibhausgase, die Ursache der Angry Summers sind“, stellt die australische Nichtregierungsorganisation Climate Council fest. Die im Südosten gelegene Insel Tasma­nien wird eigentlich durch die „Roaring Forties“ gekühlt – kräftige Westwinde, die in der Region um den 40. Grad südlicher Breite wehen.

Im Januar 2019 zeigte das Thermometer dort aber 35 Grad Celsius. Schwarze Wolken tauchten die Stadt Hobart in ein surreales, helldunkles Licht. Hinter den Bergen brannten die Regenwälder. 500 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen, um die botanisch äußerst wertvollen, teilweise über 1000 Jahre alten King-Billy- und Huon-Koniferen zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine bis dahin eigentlich feuchte Fläche von 2000 Hektar verbrannt.

Auf dem Kontinent geht die teilweise selbst vom Feuer geformte australische Landschaft in alarmierender Geschwindigkeit in Rauch auf. „Die Buschfeuersaison hat in Queensland länger gedauert als normal, und in Tasmanien hat sie früher begonnen“, stellt der Climate Council fest. Er fordert ein koordiniertes politisches Handeln, um die Nettoemissionen „bis 2050 auf null zu reduzieren“.

Das ist ein schier unmögliches Unterfangen in einem Land, das Kohle-Exportweltmeister ist. Zumal die Medien des Milliardärs Rupert Murdoch, der 70 Prozent der australischen Presse kontrolliert10 , die fossilen Energieunternehmen sowie Thinktanks wie der Minerals Council of Australia und die Australian Coal Association den „Mythos“ der Klimaerwärmung abstreiten. Nach der „roten Bedrohung“ im Kalten Krieg malt die politische Rechte in Australien nun eine „grüne Bedrohung“ an die Wand.

In Townsville liegt die Arbeitslosenquote mit 7,5 Prozent ein Prozentpunkt über dem Durchschnitt im Bundesstaat Queensland. Im September 2018 waren 17,7 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 17 und 24 Jahren ohne Arbeit. Alle Hoffnung richtet sich auf den Aufschluss der Carmichael-Kohlegrube (siehe Karte), das Projekt könnte sich künftig zur größten Steinkohleförderung der Welt entwickeln. Gegen Umweltschützer wird mit Aufklebern wie „Don’t take my ­coal job and I won’t take your soy latte“ mobilgemacht.

Bis die Ressourcen in schätzungsweise 150 Jahren erschöpft sein werden, könnten hier Jahr für Jahr 60 Millionen Tonnen Kohle gefördert werden. Obwohl die Finanzbehörde von Queensland die finanzielle Tragfähigkeit des Projekts anzweifelt, konnte der Investor, der indische Mischkonzern Adani, von Anfang an auf die Unterstützung der Regierung zähle. Sowohl Campbell Newman (Liberal National Party), von 2012 bis 2015 Premierminister des Bundesstaats, als auch seine Nachfolgerin Annastacia Palaszczuk (Labor) haben ihren Wählern versprochen, dass tausende Arbeitsplätze über mehrere Generationen gesichert seien.

Dabei macht Adani kein Geheimnis daraus, die Mine „von der Grube bis zum Hafen“ automatisieren zu wollen. Vorbild ist der Bergbauriese Rio Tinto, der seine fahrerlosen Lkws von einer Schaltzentrale in Perth aus steuert.

„Im Haushaltsjahr 2017/18 lag der Anteil der Förderabgaben für Kohle bei nur 6,4 Prozent der Gesamteinnahmen des Bundesstaats Queensland. Angesichts der sinkenden Kohlepreise dürfte dieser Anteil bis zum Haushaltsjahr 2021/22 auf 4,6 Prozent sinken“, schreibt der Schriftsteller James Bradley in seinem Essay über Austra­liens „Kohlewahn“.11

Laut einer Studie des Australia Institute gehören 86 Prozent der australischen Bergbauindustrie ausländischen Unternehmen, die innerhalb von zehn Jahren mehr als eine halbe Milliarde australische Dollar ausgegeben haben, um die verschiedenen Regierungen zu beeinflussen.12 Bei den letzten Parlamentswahlen vom Mai 2019, immerhin als „Klimawandel-Wahl“ etikettiert, wurde Scott Morrison, ein Pfingstler und glühender Verfechter des Kohleabbaus, in seinem Amt als Premierminister bestätigt.

Wer deswegen jedoch gleich behauptet, die Australier würden sich nicht für den Klimawandel interessieren, mache es sich zu einfach, meint der Klimaforscher Lesley Hughes: „Die Sorge um lokale Arbeitsplätze hat entscheidend zum Verlust einiger Labor-Sitze beigetragen.“ In Queensland kam die Entschlossenheit der rechtskonservativen Koalitionsregierung besser an als die unklare Haltung der Labor Party, die sich nicht wirklich für oder gegen die Mine entscheiden konnte.

Dabei könnte Australien einen anderen Weg einschlagen. Rund 100 Landesregierungen und 300 Städte haben sich schon der Cities Power Partnership für eine „nachhaltige energetische Zukunft“ angeschlossen. Dass sich immer mehr Industrieländer wie zum Beispiel Japan, Südkorea, China oder Taiwan für Alternativen zur Kohle interessieren, hat auch die Regierung in Canberra motiviert. So wurde das Ministerium für Industrie, Innovation und Wissenschaften mit einem Strategieplan für den Ausbau der Wasserkraft beauftragt.13

Aber wollen die Bundesstaaten überhaupt einen Kurswechsel vollziehen? „Das ist eine andere Geschichte“, räumt Anne Poelina ein. Sie lebt nahe dem Fluss Mardoowarra (Fitzroy River) in der Region Kimberley im Norden von Western Australia. Sie gehört zur Gruppe der indigenen Nyikina Warwa, ist Hebamme, Heilerin und Geschäftsführerin der Organisation Madjulla Inc., die sich auf Erziehung, Forschung und Bildung spezialisiert hat.

Poelina arbeitet mit Wissenschaftlerinnen – insbesondere Ökologen –, Künstlerinnen, Geschichtenerzählern und Juristinnen zusammen. „Die Aborigines möchten sich an der Energiewende beteiligen. Sie sind wahnsinnig frustriert, dass sie nicht in die Debatte einbezogen werden. Ich bin ja der Meinung, dass sowohl die Aborigines als auch die Großkonzerne von der Energiewende profitieren würden.“ Lokale Kultur, traditionelle Medizin, jahrtausendealte landwirtschaftliche Kenntnisse und erneuerbare Energien – das Potenzial ist da, es müsse nur genutzt werden.

Im Animismus der Aborigines rangiert das „Gesetz der Erde“ vor dem des Menschen. Seit 60 000 Jahren werden geografische und astronomische Kenntnisse singend von Generation zu Generation weitergegeben. Diese „Songlines“ kartografieren gewissermaßen den Kontinent. Sie erzählen die Geschichte eines Landstrichs, eines Flusses oder eines Waldes. Im krassen Widerspruch zu dieser Philosophie bedroht die industrielle Viehzucht derzeit das Ökosystem des Fitzroy River. Während Australien im wahrsten Sinne des Wortes auszutrocknen droht, erklärt Anne Poelina: „Wasser ist das neue Gold. Es ist ein rares Gut.“

Vor der Küste bei Perth empört der Wettlauf um die Ausbeutung der Erdgasvorkommen den Schriftsteller Tim Winton, der seit über 25 Jahren für den Schutz der Meere kämpft (siehe Kasten). Die Firma Subsea 7 plant den Bau einer Fabrik für die Herstellung von Gaspipelines im Süden von Exmouth. Die kilometerlangen Rohre zur Erschließung der Erdgasvorkommen sollen quer durch das Ningaloo Reef laufen. Seit Beginn der 2000er Jahre gehen die Einwohner von Western Australia deshalb für den Schutz des Korallenriffs, das die Unesco 2011 zum Welterbe erklärt hat, auf die Barrikaden; gerade hat der Protest wieder an Fahrt gewonnen.

Im Juni 2019 kündigte die Umweltschutzbehörde in Perth an, den Antrag von Subsea 7 der strengsten Kontrolle zu unterziehen, die es gibt: der öffentlichen Umweltverträglichkeitsprüfung. „Ningaloo ist eines der außergewöhnlichsten Meeresrefugien der Welt. Die Begegnung mit den Walen dort ist atemberaubend. Die Tiere kommen, weil sie neugierig sind“, erklärt Winton sichtlich ergriffen von dem Naturschauspiel. In dem Meeresgebiet lebt die weltweit größte Population von Buckelwalen, die sich hier neben Seeschweinen (Dugongs), Mantarochen und Delphinen fortpflanzen.

An der gegenüberliegenden Küste des Kontinents befindet sich im Meer vor Cairns der größte lebende Organismus der Welt: das Great Barrier Reef. Dieses Naturwunder, seit 1981 Unesco-Weltnaturerbe, ist touristisch sehr bedeutsam, sorgt für die Erneuerung der Fischereiressourcen und schützt das Meeresufer vor Erosion. Doch die Klimaerwärmung bedroht seine Existenz.

David Cazzulino, der in Cairns für die Australian Marine Conservation Society tätig ist, erklärt die Gründe: „Die in der Zuckerrohrindustrie eingesetzten Düngemittel haben die Küstengewässer lange verschmutzt. Heute unterstützt die Regierung die Farmer bei der Umsetzung von weniger schädlichen Anbaumethoden. Doch es gibt nach wie vor großen Widerstand, die alte Gewohnheiten aufzugeben.“ Cazzulino blickt nicht sehr optimistisch in die Zukunft und fragt sich, wie Australien von den Ländern rund um den Globus die Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen verlangen kann, wenn Queensland, vor dessen Küste das Great Barrier Reef liegt, selbst eine gigantische Kohlemine einrichten lässt.

Seit 2013 hat die konservative Regierung die Industrie dazu ermuntert, am Grund der Ozeane herumzuwühlen. Dabei hatte sich die Labor-Regierung 2012 noch für einen ehrgeizigen Plan zum Schutz der Meere eingesetzt, in den zehn Jahre Forschungsarbeit eingeflossen sind. Damals war Oppositionschef Tony Abbott der Meinung, eine exzessive Regulierung zur Schaffung von Meeresschutzgebieten käme einem „Wegschließen“ der Ozeane gleich. Für den Fall des Wahlsiegs versprach er, den Plan auszusetzen.

Warten auf die nächste Ölpest

Im Wahlkampf begeisterte Abbott bei der Versammlung der Australian Fishing Trade Association die anwesenden Vertreter der Freizeitschifffahrt mit einer Geschichte aus seiner Kindheit. Als kleiner Junge war Abbott mit seinem Großvater auf das Meer vor der Gold Coast hinausgefahren, um zu fischen. Nun setze er sich dafür ein, „dass künftige Generationen dasselbe Privileg genießen können“.14

Nach seiner Wahl im September 2013 machte er sich ans Werk. „Von 2013 bis 2017 gab die Regierung viel Geld aus, um mit Unterstützung der Lobbyisten der Industrie- und Freizeitfischerei einen neuen Text zu entwerfen“, so Jessica Meeuwig, Leiterin des Centre for Marine Futures an der University of Western Australia. Meeuwig gehört zu den Forscherinnen, die den ursprünglichen Meeresschutzplan erstellt haben.

Im Juli 2017 präsentierte die Regierung einen neuen Plan, auf den über 1400 Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt mit einem besorgten Aufruf reagierten.17 Durch das am 1. Juli 2018 in Kraft getretene Gesetz wurden die Meeresgebiete, die bisher für die Fischerei und die Erdgas- und Erdölförderung tabu waren (Marine National Park Zone IUCN II), um 400 000 Quadratkilometer verkleinert und unter weniger strengen Schutz gestellt (Habitat Protection Zone IUCN IV). Die für die Freizeitfischerei freigegebene Zone macht heute 97 Prozent der australischen Gewässer aus und erstreckt sich von der Küstenlinie mehr als 100 Kilometer ins Meer. 16 der 44 im Jahr 2012 geschaffenen Meeresparks genießen keinerlei Schutz mehr.

Der neuseeländische Biologe Bill Ballantine wies schon vor 40 Jahren darauf hin, wie unverzichtbar Meeresschutzgebiete und die Ausweisung von spezifischen Fischereizonen ist, damit sich der Bestand der Meerestiere wieder erholen kann. „1975 trug Ballan­tine zur Einrichtung des weltweit ersten Meeresschutzgebiets Cape Rodney-Okakari Point Marine Reserve bei, das auch unter dem Namen Leigh Park bekannt ist“, berichtet Meeuwig, die diesen engagierten und visionären Meeresforscher für seine Arbeit bewundert. Ein solcher Schutz würde auch die Widerstandsfähigkeit der Korallen gegen die Erwärmung der Ozeane verbessern.

Obwohl die Schutzzonen ausgeweitet werden müssten, schlägt Australien den entgegengesetzten Weg ein. Laut dem norwegischen Energieunternehmen Equinor (ehemals Statoil) lagern die größten Erdölreserven des Kontinents in der Großen Australischen Bucht.

Equinor möchte die Explorationsbohrung Stromlo-1 durchführen, die 2020/21 betriebsbereit sein soll. Es fragt sich, ob dieses Projekt vernünftig ist. Denn über den Südlichen Ozean fegen oft Stürme hinweg, die mächtige Brecher produzieren. Nicht weniger als 23 Meter hoch war eine Welle, die 2018 von einer Boje registriert wurde.16 Derweil versucht Equinor die Bedenken zu zerstreuen: Die Bohrtätigkeit werde sich auf den Zeitraum zwischen Oktober und Mai beschränken, in dem relativ ruhige Wetterverhältnisse vorherrschten.

Bis heute ist das Zusammenwirken zwischen den Meeresströmungen und der Geologie der Großen Australischen Bucht ein Geheimnis. Zwischen 2013 und 2017 haben Forscher die Existenz von 277 neuen Spezies nachgewiesen. In diesem Ökosystem, in dem Südliche Glattwale, Weiße Haie, Seelöwen, Pottwale und verschiedene Tiefseekreaturen koexistieren, lassen sich die wechselseitigen Beziehungen kaum ermessen. Equinor, das bisher letzte Unternehmen, das diesen Naturschatz bedroht, gibt sich gelassen und selbstsicher: „Gibt es Erdöl in der Großen Australischen Bucht? Vielleicht. Ist es möglich, dies ohne Risiko festzustellen? Absolut.“

Keine wissenschaftliche Studie scheint das Selbstvertrauen des norwegischen Unternehmens erschüttern zu können. Auch nicht die Erinnerung an die schlimmste Ölpest in der Geschichte Australiens: Am 21. August 2009 explodierte die Förderplattform „Montara“, über Wochen flossen Millionen Liter Erdöl in die Timorsee. Doch es war nur eine weitere Katastrophe in der langen Reihe von Umweltverbrechen, die das moderne Australien immer wieder erschüttert haben.

1 „Pumped“, ABC, 24. Juli 2017.

2 Interview von Paul Kennedy, „ABC News Breakfast“, 14. Januar 2019, www.pm.gov.au.

3 „The Angriest Summer“, Climate Council of Aus­tra­lia, 2019.

4 Bret Walker SC, „Murray-Darling Basin Royal Commission Report“, Regierung von South Australia, 29. Januar 2019.

5 John C. Z. Woinarski, Andrew A. Burbidge und Peter L. Harrison, „Ongoing unraveling of a continental fauna: Decline and extinction of Australian mammals since European settlement“, Proceedings of the National Academy of Sciences, Washington, D. C., April 2015.

6 Elizabeth Kolbert, „Das sechste Sterben: Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“, Berlin (Suhrkamp) 2016.

7 Justin Welbergen, „Canaries in the coalmine: Flying-foxes and extreme heat events in a warming climate“, Vortrag beim Griffith Climate Change Seminar, Griffith University EcoCentre, Nathan, Queensland, 3. Juli 2014.

8 „At what price? The economic, social and icon value of the Great Barrier Reef“, Deloitte Access Economics, 2017.

9 Joëlle Gergis, „Sunburnt Country. The History and Future of Climate Change in Australia“, Melbourne (University Press) 2018.

10 Robert Manne, „Bad news: Murdoch’s Australian and the shaping of a nation“, Quarterly Essay, Carlton (Victoria), Nr. 43, September 2011.

11 James Bradley, „How Australia’s coal madness led to Adani“, The Monthly, Carlton (Victoria), April 2019.

12 Hannah Aulby (The Australia Institute), „Undermining Our Democracy: Foreign Corporate Influence through the Australian Mining Lobby“, August 2017.

13 Hydrogen Strategy Group, „Hydrogen for Australia’s Future. A Briefing Paper for the COAG Energy Council“, August 2018.

14 „Abbott coalition will suspend Marine Park process“, Sail World, Southampton (Vereinigtes Königreich), 27. August 2013.

15 „Safeguarding Australia’s Marine Parks Network: The science case“, Ocean Science Council of Australia, Juli 2017.

16 „A record wave height measured in the Southern Ocean“, MetOcean, Mai 2018.

Aus dem Französischen von Markus Greiß

Maxime Lancien ist Journalist und Mitbegründer der Zeitschrift Paysageur.

Grimmiges Land

Fremantle (Western Australia), der Schriftsteller Tim Winton sitzt auf der Terrasse des Bathers Beach House und schwärmt von dem sonnenverwöhnten Flecken Erde, für den die Regierung in Canberra so wenig Verständnis hat. Bathers Beach war eine der größten Walstationen an Australiens Westküste. Winton stammt aus Perth. Viermal wurde er schon mit dem renommierten Miles Franklin Literary Award ausgezeichnet. In seinem jüngsten Werk „Island Home. A Landscape Memoir“ erzählt er die ­Geschichte des australischen Kontinents.

Die Siedler, die ab 1688 im Kielwasser des Entdeckers William Dampier Aus­tralien in Besitz nahmen, haben Spuren hinterlassen. „Die Toponymie des Landes vermittelt einen Eindruck davon, wie groß ihre Abscheu und Bestürzung war. In Western Australia gibt es zahlreiche Beispiele für entsprechende Ortsnamen. Die Stadt Useless Loop (Unnütze Schlaufe) oder der Lake Disappointment (See der Enttäuschung) sind nur zwei davon.“ Die Verachtung der Europäer für diese mysteriöse Terra Australis ist auch nach 1788, dem Jahr der Ankunft der ersten Flotte von Einwanderer­schiffen (First Fleet), nicht gewichen. Noch heute konzentriert sich die Bevölkerung an den Rändern eines Kontinents, den sie „Fierce Country“ (Das grimmige Land) nennen. Erklärt das damit verbundene Desinteresse auch, weshalb die Australier die ökologischen Kosten ihres Lebensstils ignorieren?

Australien ist der am stärksten urbanisierte Staat der Welt und derjenige, der die Umwelt am meisten schädigt. Die meisten Inlandsreisen werden im Flieger absolviert. „Wer sich die Geschichte des Landes anschaut, sieht sich mit der Zerstörung von Ökosystemen, Sprachen und Aborigine-Kulturen konfrontiert.“ Wie gestrenge Eltern haben die Siedler das Land dressiert. Doch der mit der kolonialen Eroberung verbundene Begriff „Territory“ wird nach und nach durch das Wort „Country“ ersetzt, das die kindliche Verbundenheit der Menschen mit dem Land zum Ausdruck bringt. „Die Australier meiner Generation und die Jüngsten empfinden sich wahrscheinlich eher als Kinder dieser Insel. Das ist ein wichtiger Unterschied.“

Wintons großes Vorbild ist David Banggal Mowaljarlai: „Einer der größten inoffi­ziel­len Botschafter der australischen Geschichte“. Mowaljarlai, Jahrgang 1925, Angehöriger der Ngarinyin, machte sich als Erzähler, Jurist, Künstler und Philosoph einen Namen. Er ist Erfinder des Two-way Thinking, das zwei komplett unterschiedliche Weltanschauungssysteme miteinander versöhnen soll. Die gegenseitige Neugier zwischen dem schwarzen und dem weißen Australien könne dabei helfen, einen neuen Blick auf diese rätselhafte Wüste zu werfen. „Wenn wir die Geschichten unseres Landes mit den Guida – wie wir die weißen Australier nennen – teilen, werden sie unser Land in ihr Herz schließen, es verstehen und lieben – und ihm niemals schaden“, erklärte Mowaljarlai.

Le Monde diplomatique vom 09.01.2020, Maxime Lancien