Pogrome im Russischen Bürgerkrieg

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Pogrome im Russischen Bürgerkrieg

von Jean-Jacques Marie

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Am 21. Januar 2019 wurde in Kiew von Vertretern der ukrainischen Regierung eine Gedenktafel für Simon Petljura in einer nach ihm benannten Straße enthüllt. Ein anderes Denkmal für Petljura war bereits am 14. Oktober 2017 in der Stadt Winnyzja eingeweiht worden.

Der Geehrte war von 1918 bis 1920 Befehlshaber der nationalistischen Truppen und hat in der heutigen Ukraine den offiziellen Status eines Na­tio­nal­helden. Derselbe Simon Petljura hat Pogrome zu verantworten, bei denen zehntausende Juden ums Leben kamen. Die Massaker ereigneten sich während des Bürgerkriegs, in dem sich auf dem Territorium des früheren Zarenreichs die Bolschewiki und konterrevolutionäre „weiße“ Truppen gegenüberstanden. Die Gegner der neuen Regierung sahen in der bolschewistischen Revolution ein jüdisches Komplott, weshalb sie alle Juden für Kommunisten hielten. Im Laufe des Bürgerkriegs kam es in Russland, in Weißrussland und in der Ukraine zu insgesamt etwa 1500 Pogromen.1

Besonders vernichtend wirkte das Stereotyp vom kommunistischen Juden in der Ukraine, wo nach dem Zerfall des Zarenreichs auch das Streben nach Unabhängigkeit erstarkt war. Hier hatte es die Rote Armee nicht nur die Freiwilligenarmee des Generals Anton Denikin zum Gegner, sondern auch die Nationalisten von Petljura und – ab Frühjahr 1919 – bewaffnete Gruppen aufständischer Bauern, die sogenannten Grünen.

Inmitten der kriegerischen Auseinandersetzungen wurden in der Ukraine 100 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder getötet und ebenso viele verletzt. Eine halbe Million Menschen mussten bettelnd auf der Straße leben, weil man ihre Wohnungen und Häuser zerstört und geplündert hatte.

Exemplarisch für den Ablauf der Pogrome steht das Massaker vom 15. und 16. Februar 1919 in der Stadt Pros­ku­row (heute Chmelnyzkyj). Berichten zufolge drangen Soldaten der nationalistischen Petljura-Armee „mit gezücktem Säbel in die Häuser ein und brachten alle Juden um, die sie finden konnten, unabhängig von Alter oder Geschlecht. Diejenigen, die sich im Keller versteckt hatten, wurden durch Handgranaten getötet.“

Kurz darauf folgten die Pogrome von Kiew. Dort hatten die Bolschewiki im Januar 1918 die Macht übernommen. Danach wechselte die Herrschaft mehrfach zwischen den „Weißen“ und den „Roten“. Am 29. August 1919 marschierten Petljuras Truppen in der Stadt ein und massakrierten mehrere hundert Juden. Auch am folgenden Tag ging das Morden weiter. Die „Schwarzen Hundertschaften“ – eine ultramonarchistische, mit Denikins „Weißen“ verbündete Truppe – überfielen nach Kiew fahrende Züge und zwangen die Reisenden, das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis aufzusagen. Wer das nicht konnte, wurde gefoltert und auf die Gleise geworfen.

In allen bewaffneten Verbänden der Ukraine gab es radikalisierte Antisemiten: 39,9 Prozent der Pogrome wurden von Petljuras Truppen verübt, 31,7 Prozent von den „grünen“ Armeen diverser ukrainischer Bauernführer, 17,2 Prozent von Denikins Truppen, 2,6 Prozent von der polnischen Armee. 8,6 Prozent gingen auf das Konto der Roten Armee, wobei es sich meist um Einheiten handelte, die sich der Befehlshierarchie entzogen hatten.

In den Wirren des Bürgerkriegs wechselten die vielfach zwangsrekrutierten Soldaten immer wieder die Seiten. So zum Beispiel die Kosaken, die ehemals als Hilfstruppen der Armee die Grenzen des Zarenreichs gesichert und dafür gewisse Selbstverwaltungsrechte erhalten hatten.

Ein Kosakenkommandeur (Ataman) namens Zeliony (was „der Grüne“ bedeutet) befehligte zeitweilig eine Einheit der Roten Armee, stellte sich dann aber an die Spitze rebellierender Bauern. Diese „grüne“ Armee Zelionys trieb in den Städten, die sie erobert hatte, alle jüdischen Familien aus ihren Häusern und ließ sie auf einem zen­tra­len Platz antreten, wo sie zusammengeschossen wurden.

Anfang Mai 1919 sagte sich auch der Ataman Nikifor Grigoriew von der Roten Armee los und erklärte die Juden zu Feinden, da sie „Christus gekreuzigt haben“. In Zna­men­ka stoppten seine Truppen einen Eisenbahnzug und erschossen 200 jüdische Passagiere. Und Mitte Mai marodierten sie drei Tage lang durch Jelisawetgrad (heute Kropywnyzkyj) und brachten fast 3000 Juden um. Ende Mai wurden Gri­go­riews Soldaten von der Roten Armee aus der Stadt vertrieben.

In den verschiedenen politischen Lagern reagierte die militärische Führung auf die Massaker sehr unterschiedlich. Während die „weißen“ Offiziere ihren Soldaten für jeden getöteten Juden eine Prämie zahlten, wurden in der Roten Armee die Mörder bestraft. Leo Trotzki ließ mehrere Dutzend Kosaken exekutieren, die sich an Pogromen beteiligt hatten.

1920 schickte Feliks Dzierżyński 80 Soldaten der Roten Armee, die ein Pogrom in Wladimir vorbereitet hatten, für drei Monate hinter Gitter. Am 27. Juli 1918 erließ Lenin ein Dekret, mit dem „alle, die Pogrome anzetteln“, für vogelfrei erklärt wurden, und wies „die regionalen Sowjeträte an, mit aller Strenge gegen die antisemitische Bewegung vorzugehen.2

Die Täter waren Bauern, Kosaken und Weißgardisten

Auch die russisch-orthodoxe Kirche hatte den Hass auf das „Volk der Jesuskreuziger“ seit Langem geschürt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hetzten die Schwarzen Hundertschaften pöbelnde Menschenmengen auf jüdische Viertel. Wenn diese dann – berauscht von Wodka und Psalmen – mordend, brandschatzend und vergewaltigend durch die Straßen zogen, sah das Militär entweder tatenlos zu oder griff nur halbherzig ein.

Nach der Revolution von 1905, die der zaristischen Autokratie das eine oder andere Zugeständnis abringen konnte, regte sich ein politischer Antisemitismus, den Zar Nikolaus II. auf den Begriff brachte. In einem Brief vom 17. Oktober 1905 lieferte der von pathologischem Hass auf die „Judenclique“ getriebene Herrscher für die Pogrome folgende Erklärung: „Das Volk hat sich über die Frechheit und Unverfrorenheit der Revolutionäre und Sozialisten empört, und da neun Zehntel von ihnen Juden sind, richtete sein Zorn sich gegen diese … “3

Nach der Oktoberrevolution artikulierte sich dieser konterrevolutionäre Antisemitismus noch hemmungsloser. Die Anhänger des gestürzten Regimes setzten die Juden mit den Bolschewiki oder Kommunisten gleich und denunzierten sie mehr denn je als Fremdkörper, die die Gesellschaftsordnung von innen heraus zersetzen wollten. In der Propaganda der „Weißen“ und der ukrai­ni­schen Nationalisten wurden die Worte „Bolschewik“ und „Jude“ zu Synonymen – so wie 1905 die Worte „revolutionär“ und „Jude“.

Die Gleichsetzung erzeugte eine mörderische Energie. Einem Rabbiner, der ihn anflehte, seine Gemeinde zu verschonen, entgegnete der Ataman Kozyr-Zyrka: „Ich weiß, dass du und deinesgleichen Bolschewiken seid, so wie alle Juden! Ich werde euch alle vernichten.“ Und seine Soldaten grölten, während sie ihre Opfer niedermetzelten: „Bringt alle Juden um, sie sind alle Bolschewiken!“4

Auch die Freiwilligenarmee ließ über ihre Propagandaorganisation Osvag verbreiten: „Die Juden müssen für alles bezahlen: für die Februar- und Oktoberrevolution, für den Bolschewismus und für die Bauern, die den Landbesitzern ihren Grund und Boden geraubt haben.“5

Die Osvag verbreitete mancherorts auch eine Neuauflage der „Protokolle der Weisen von Zion“. Bekanntlich ist der Text eine Fälschung, die erstmals 1903 im zaristischen Russland von der politischen Partei in Umlauf gebracht wurde, um die Pogrome zu rechtfertigen und zu neuen Pogromen anzustacheln.

Viele Juden hörten als Letztes, wie ihre Mörder grölten: „Jetzt zahlt ihr für Trotzki.“ An der Person des Kriegskommissars machten sich alle einschlägigen Klischees fest. Karikaturen zeigten ihn als Vampir mit blutigen Lippen und Hakennase, rittlings auf der Kremlmauer oder auf einem Berg von Schädeln sitzend, mit dem Davidstern um den Hals oder zu Füßen einer Karl-Marx-Statue, umringt von jüdischen Bolschewiki, die eine junge Russin erdolchen.

Trotzki, Kamenew, Sinowjew – die jüdischen Namen der Führer der Bolschewiki wurden von der „weißen“ Propaganda rastlos und genüsslich ausgeschlachtet. Die historische Wahrheit ist natürlich weitaus komplexer.

„Die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung hielt sich von der Arbeiter- und Bauernrevolution, bei der das Volk die Fabriken und das Land in ihre Gewalt brachte, gänzlich fern“, schrieb der russische Zionist und Wirtschaftswissenschaftler Boris Brutzkus.6 Indes wurde die weiße Freiwilligenarmee von wohlhabenden Juden finanziert; der Bankier Abraham Halperine ließ dem Kosaken-Ataman Alexei Kaledin 800 000 Rubel zukommen. In Odessa beschloss im Februar 1918 ein Kongress ukrainischer Rabbiner die cherem (die jüdische Entsprechung zur Ex­kommunikation) gegenüber der Sowjetmacht.

Im selben Monat verurteilte die Konferenz des „Bunds“, der jüdischen Arbeiterpartei, in Kiew mit 762 zu 11 Stimmen bei 7 Enthaltungen das Vorgehen der Bolschewiki. Der führende Zionist Daniil Pasmanik, Vorsitzender des Verbands der jüdischen Gemeinden auf der Krim (und 1918/19 Mitglied der antibolschewistischen Regierung der Krim), gratulierte der Freiwilligenarmee zu ihrem „großen Heldenmut und Opfersinn im selbstlosen Kampf gegen die Bolschewiken“.7 Diese Worte galten einer Armee, die mit dem Schlachtruf „Tod den Juden!“ in Städte und Dörfer einfiel und gelobte, „das ganze Judenpack niederzumachen“.

Mehrere jüdische Organisationen versuchten die Öffentlichkeit des Westens wachzurütteln. Zugleich aber unterstützten einige westliche Regierungen die „Weißen“ mit Truppen, die helfen sollten, die Revolution niederzuschlagen. Am 18. Januar 1918 brandmarkte die Wochenzeitung Jewrejskaja Nedelja („Die jüdische Woche“) „die Pogromstimmung“ in der Ukraine. Und im Januar 1919 gründeten einige jüdische politische Parteien ein zentrales Hilfskomitee für die Pogromopfer, das auch Augenzeugenberichte von Überlebenden sammelte. Daraus entstand ein detaillierter Bericht über die Geschehnisse.

Angesichts der heftigen Reaktionen in Europa und den USA versuchten die Pogromisten ihre Taten zu verschleiern. Petljura erklärte, es seien die Bolschewiki gewesen, die „die jüdische Bevölkerung erschossen haben und weiterhin erschießen“. Um dann wiederum zu behaupten, er wisse nichts von „Pogromen, Plünderungen und Massenmorden an der friedlichen jüdischen Bevölkerung“ und werde dergleichen auch niemals zulassen.8

General Alexei von Lampe, der in den 1930er Jahren für einen Zusammenschluss von „Weißen“ und Nazis warb, um „den Bolschewismus zu stürzen“, redete die Pogrome klein. Er sprach von „Plünderungen und Beschlagnahmungen, die sich nicht vorrangig gegen die Juden, sondern gegen alle Bewohner der eroberten Städte richteten“ und auf die schwierige Versorgungslage zurückzuführen seien. „In den Gebieten, in denen die ‚Weißen‘ agierten“, behauptete von Lampe, „gab es keine Judenpogrome, also keine organisierten Tötungs- oder Plünderungsaktionen gegen Juden.“9

Am 8. August 1919 forderte eine jüdische Abordnung Denikin auf, die Pogrome öffentlich zu verurteilen. Der General reagierte ausweichend. Der russische Botschafter in Paris, der den „Weißen“ treu ergebene Wassili Mak­la­kow, warnte Denikin vor dem ungünstigen Eindruck, den die Pogrome bei europäischen und amerikanischen Kreditgebern machen würden. Winston Churchill, der keine besondere Sympathie für die Juden hegte und in erster Linie die Gegner Sowjetrusslands einen wollte, fordert Denikin auf, „in den von seiner Armee kontrollierten Gebieten die Morde an Juden zu verhindern“.10

Denikin hatte jedoch nicht den Mut, sich gegen sein Offizierskorps zu stellen. Der General, den das Schreckgespenst des judäo-bolschewistisch-freimaurerischen Komplotts umtrieb, ließ es bei vagen Verurteilungen bewenden. Ungeachtet solcher Ausweichmanöver setzten die Regierungen in London, Paris, Washington und anderswo ihre politische, finanzielle und militärische Unterstützung der „Weißen“ fort. Überdies versicherte Botschafter Ma­kla­kow einem Mitglied der antibolschewistischen Regierung auf der Krim, dass seine westlichen Alliierten sich mit einer verbalen Verurteilung der Pogrome und zwei, drei entsprechenden Dekreten zufrieden geben würden.11

Am 25. Mai 1926 wurde der „Po­gro­mist Petljura“ (wie selbst Maklakow ihn nannte) mitten auf dem Pariser Boulevard Saint-Michel erschossen. Der Täter war der Anarchist Scholom Schwartz­bard, der damit die Opfer der Pogrome rächen wollte. Im Prozess gegen den Attentäter erklärte der französische General Henry Freydenberg, der 1919 als Generalstabschef des französischen Expeditionskorps in Odessa mit dem ukrainischen Nationalisten zu tun gehabt hatte: „Petljura hat immer wie ein Freund Frankreichs gehandelt und hat alles getan, um aufs Freundschaftlichste mit der französischen Okkupationsarmee zu kooperieren.“12

Jean-Jacques Marie

1 Lidia Miliakova, Nicolas Werth (Hg.), „Le Livre des pogroms. Antichambre d’un génocide. Ukraine, Russie, Bié­lorussie, 1917–1922“, Paris (Calmann-Lévy – Mémo­rial de la Shoah) 2010. Viele der folgenden historischen Details und Zitate entstammen dieser Darstellung.

2 Iswestija, Moskau, 27. Juli 1918. Siehe Jean-Jacques Marie, „L’Antisémitisme en Russie. De Catherine II à Poutine“, Paris (Tallandier) 2009.

3 Zitiert nach Wasilij Schulgin, „Schto nam w nich ne nrawitsja“ (Was uns an ihnen nicht gefällt), Sankt Petersburg (Chors) 1992.

4 Auch der Kosaken-Ataman Palienko stieß ins gleiche Horn: „Jeder Jude ist ein Bolschewist“ (zitiert nach Lidia Miliakova, siehe Anmerkung 1).

5 Zitiert nach Oleg Budnizkij, „Ewrei i russkaja rewoljuzija“ (Die Juden und die russische Revolution), Moskau/Jerusalem (Gesharim) 1999.

6 Siehe Budnizkij (Anmerkung 5).

7 Daniil Pasmanik, „Rewoluzionnye gody w Krymu“ (Revolutionsjahre auf der Krim), Paris (Société anonyme imprimerie de Navarre) 1926.

8 Simon Petljura, „Glawnyj ataman: W plenu nesbytotschnych nadeshd“ (Der Oberbefehlshaber – ein Gefangener unerfüllbarer Hoffnungen), Moskau/Sankt Petersburg (Letnij Sad) 2008.

9 Alexei von Lampe, Possiev, Nr. 3, Moskau, 1981.

10 Oleg Budnizkij, „Rossijskie ewrei meshdu krasnymi i belymi“ (Die russischen Juden zwischen Roten und Weißen), Moskau (Rosspen) 2005.

11 Es handelte sich um Alexander Kriwoschein, den Vizevorsitzenden der „weißen“ Regierung auf der Krim.

12 Alain Desroches, „Le Problème ukrainien et Simon Petlura. Le feu e la cendre“ Paris (Nouvelles Editions latines) 1962.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Jean-Jacques Marie ist Historiker.

Le Monde diplomatique vom 12.12.2019, von Jean-Jacques Marie