Was haben wir im Irak zu suchen?

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Was haben wir im Irak zu suchen?

Die meisten US-Bürger wollen keine hässlichen Amerikaner sein von Howard Zinn

Sehr schnell hat sich herausgestellt, dass der Irak kein befreites, sondern ein besetztes Land ist. Der Ausdruck „besetztes Land“ ist uns im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg vertraut. Damals sprachen wir vom besetzten Frankreich, vom besetzten Europa, und die Besatzer waren die Deutschen. Nach dem Krieg war die Rede von der sowjetischen Besetzung Ungarns, der Tschechoslowakei, ganz Osteuropas. Es waren die Nazis und die Sowjets, die andere Länder besetzten. Und wir waren diejenigen, die sie von der Besatzung befreiten.

Heute sind wir die Besatzer. Wir haben den Irak von Saddam Hussein befreit, wohl wahr, aber nicht von uns. So wie wir 1898 Kuba von den Spaniern befreit haben, aber nicht von uns. Die spanische Tyrannei wurde gestürzt, aber die Vereinigten Staaten etablierten in Kuba einen Militärstützpunkt, wie heute im Irak. Damals ließen sich US-Unternehmen in Kuba nieder, so wie heute Bechtel und Halliburton und die Ölkonzerne im Irak. Die USA verfassten und oktroyierten damals, unterstützt von einheimischen Komplizen, eine Verfassung, die für Kuba gelten sollte, so wie sie heute – mit Hilfe dortiger Gruppierungen – eine Verfassung für den Irak entwerfen. Das ist keine Befreiung, das ist eine Besetzung.

Und es ist eine hässliche Besetzung. Am 7. August 2003 war in der New York Times zu lesen, dass General Sanchez, der US-Oberbefehlshaber in Bagdad, über die irakische Reaktion auf die Besetzung besorgt sei. Von Irakern aus dem proamerikanischen Lager bekomme er Nachrichten wie diese übermittelt: „Wenn man einem Vater vor den Augen seiner Familie eine Kapuze über den Kopf zieht und ihn zu Boden wirft, hat man damit seine Würde und Respektabilität in den Augen seiner Angehörigen erheblich beeinträchtigt.“

Am 19. Juli 2003, noch bevor die Fälle von Folter im Abu-Ghraib-Gefängnis von Bagdad aufgedeckt waren, brachte der Fernsehsender CBS folgende Nachricht: „Amnesty international untersucht mehrere Verdachtsfälle von Folterungen durch amerikanische Stellen im Irak. Einer dieser Fälle ist der von Khraisan al-Aballi. Sein Haus wurde von US-Soldaten gestürmt, die Khraisan al-Aballi und dessen 80-jährigen Vater verhafteten und seinen Bruder anschossen. […] Alle drei Männer wurden mitgenommen. […] Khraisan sagt, beim Verhör habe man ihn nackt ausgezogen und länger als eine Woche wach gehalten, indem man ihn an Händen und Füßen fesselte, ihm eine Tüte über den Kopf stülpte und ihn zwang, zu stehen oder zu knien. Khraisan sagt aus, er habe den Bewachern beteuert: ‚Ich weiß nicht, was ihr wollt. Ich habe nichts.‘ Er sagt: ‚Ich bat sie, mich zu töten.‘ Nach acht Tagen ließen sie ihn und seinen Vater wieder laufen. […] Trotz wiederholter Aufforderung weigerten sich die US-Vertreter, den Fall zu diskutieren.“

Es ist bekannt, dass im November 2004 während der US-Offensive etwa drei Viertel der Stadt Falludscha – sie hat 360 000 Einwohner – zerstört wurden, wobei hunderte von Menschen ums Leben kamen. Das erklärte Ziel der Operation war, die Stadt von terroristischen Banden zu säubern, die angeblich als Teil einer „baathistischen Verschwörung“ agierten. Es sei jedoch daran erinnert, dass am 16. Juni 2003, also nicht einmal sechs Wochen nachdem Präsident Bush den Sieg im Irakkrieg verkündet hatte, zwei Reporter des Knight-Rider-Pressekonzerns in einem Bericht über Falludscha geschrieben hatten: „In dutzenden von Interviews, die wir in den letzten fünf Tagen geführt haben, betonten die meisten Befragten – in der gesamten Region –, es gebe keine Verschwörung von Baath-Mitgliedern oder von sunnitischen Kämpfern gegen die US-Soldaten; es gebe nur Leute, die zum Kämpfen bereit seien, weil Verwandte von ihnen verwundet oder getötet wurden oder weil sie sich selbst bei Hausdurchsuchungen und Straßenkontrollen gedemütigt gefühlt haben. Eine Frau meinte, nachdem man ihren Mann abgeholt hatte – wegen irgendwelcher leeren Holzkisten, die sie als Brennholz gekauft hatten –, die eigentlichen Terroristen seien die USA.“ Dieselben Journalisten konnten in Agilia, einem nördlich von Bagdad gelegenen Dorf, von Einwohnern erfahren, „dass zwei Bauern aus ihrem Dorf und fünf Leute aus einem Nachbardorf von US-Soldaten erschossen wurden, als sie ihre Tomaten- und Gurkenfelder bewässerten“.

Die Spielkarten des Sergeants

Wenn man Soldaten in ein Land schickt, ihnen sagt, sie würden dort als Befreier begrüßt, sie sich aber inmitten einer feindseligen Umgebung wiederfinden, dann werden aus diesen Soldaten verängstigte, schießwütige Besatzer. Es waren solche nervösen und verschreckten GIs, die am 4. März dieses Jahres an einem Checkpoint an der Straße zum Bagdader Flughafen das Auto beschossen, in dem die gerade von ihren Kidnappern freigelassene Journalistin Giuliana Sgrena und italienische Geheimdienstoffiziere saßen. Nicola Calipari, einer ihrer Begleiter, wurde von den GIs tödlich getroffen.

Wir alle kennen die Berichte über US-Soldaten, die verbittert darüber sind, dass sie so lange im Irak festsitzen. Vor kurzem schilderte ein ABC-Reporter aus dem Irak, wie ihn ein US-Sergeant beiseite nahm und sagte: „Ich habe meine eigene ‚Most wanted‘-Liste.“ Damit spielte er auf die Spielkarten an, die die US-Regierung in Umlauf gebracht hatte – mit den Köpfen von Saddam Hussein, seinen Söhnen und anderen untergetauchten Mitgliedern seines Regimes. Wobei der Sergeant allerdings hinzufügte: „In meinem Spiel sind die Asse Paul Bremer, Donald Rumsfeld, George Bush und Paul Wolfowitz.“

Die amerikanische Öffentlichkeit weiß inzwischen auch einiges über die Gefühle der Deserteure, die nach ihrem Heimaturlaub die Rückkehr in den Irak verweigern. Noch im Mai 2003 hatten bei einer Gallup-Umfrage nur 13 Prozent der Befragten gemeint, der Krieg im Irak laufe schlecht. Zwei Jahre später ist die Stimmung radikal umgeschlagen. Nach einer Umfrage, die am 17. Juni in der New York Times veröffentlicht wurde, halten inzwischen 51 Prozent aller Amerikaner die Irakinvasion und die Beteiligung an diesem Krieg für einen Fehler. 59 Prozent der Befragten sind mit der Irakpolitik der Bush-Regierung nicht einverstanden. Interessant ist auch, dass Umfragen unter Afroamerikanern eine stabile Mehrheit von 60 Prozent gegen den Irakkrieg ausweisen.

Noch folgenreicher als die Besetzung des Irak ist vielleicht die Besetzung des eigenen Landes. Wenn ich morgens die Zeitung lese, habe ich das Gefühl, in einem besetzten Land zu leben, in dem eine fremde Clique die Macht übernommen hat. Damit meine ich nicht die mexikanischen Arbeiter, die täglich versuchen, über die Grenze zu kommen, ohne erwischt zu werden – wobei sie ironischerweise auf ein Territorium gelangen wollen, das die USA den Mexikanern 1848 weggenommen haben –; diese Mexikaner sind mir keineswegs fremd. Und die 20 Millionen Menschen in diesem Lande, die keine US-Bürger sind und deshalb – dank des 2001 beschlossenen Patriot Act – jederzeit aus ihren Wohnungen gezerrt und auf unbegrenzte Zeit vom FBI eingesperrt werden können, diese Menschen sind mir auch nicht fremd. Aber die kleine Gruppe von Leuten, die in Washington die Macht übernommen haben – die Clique um Bush, Cheney und Rumsfeld – all diese Leute sind für mich Fremde.

Wenn ich morgens aufwache, ist mein erster Gedanke: Dieses Land ist in der Gewalt eines Präsidenten, der im November 2000 unter fragwürdigen Umständen und eigentlich nur dank einer Entscheidung des Supreme Court die Wahlen gewann. Und der sich seit seiner Wiederwahl im November 2004 mit Edelschurken umgibt, die sich um Menschenleben nicht scheren – sei es hier oder anderswo –, denen die Freiheitsrechte egal sind, denen egal ist, was mit der Erde, mit dem Wasser, mit der Luft geschieht, das heißt: denen egal ist, welche Welt unsere Kinder und Enkelkinder einmal vorfinden werden.

Wie die Soldaten im Irak spüren immer mehr Amerikaner, dass hier etwas furchtbar schief läuft, dass dies nicht das Land ist, das wir uns vorgestellt haben. Tag für Tag kommen immer neue Lügen ans Licht. Und die allergrößte Lüge ist die, dass alles Tun und Handeln der USA entschuldbar sei, weil wir uns in einem „Krieg gegen den Terrorismus“ befinden. Womit über die Tatsache hinweggesehen wird, dass jeder Krieg Terrorismus ist; dass es Terrorismus ist, wenn man private Wohnungen stürmt, wenn man Angehörige verschleppt, wenn man Menschen foltert; und dass wir keinen Deut an Sicherheit dazugewinnen, wenn wir andere Länder bombardieren und besetzen.

Was diese Regierung unter „Krieg gegen den Terrorismus“ versteht, wird einigermaßen klar, wenn man sich die Rede ansieht, die Verteidigungsminister Rumsfeld – einer der Köpfe auf der „Most wanted“-Liste des Sergeants von Bagdad – kurz vor der Irakinvasion vor der Konferenz der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel gehalten hat. In dieser Rede machte er klar, wer und was seiner Ansicht nach den Westen bedroht. Dabei sprach er wirklich vom Westen als einer Art Heiliger Allianz, obwohl die USA mit ihrem Vorgehen die meisten westlichen Länder vor den Kopf gestoßen hatten und sich stärker um die Staaten des Ostens bemühten. Er wollte die Nato-Verteidigungsminister davon überzeugen, dass die USA lediglich vorhätten, die Iraker zu befreien – so wie sie die östlichen Länder von der sowjetischen Besatzung befreit hatten. Um klar zu machen, warum diese „Bedrohung“ des Westens so unsichtbar und undefinierbar sei, sagte Rumsfeld damals: „Es gibt Dinge, die wir kennen. Und dann gibt es noch das bekannte Unbekannte. Das heißt, es gibt Dinge, von denen wir heute wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen. Dass für sie keine Beweise existieren, ist folglich kein Beweis für ihre Nichtexistenz. Nur weil man keine Beweise dafür hat, dass etwas existiert, bedeutet das nicht, dass man Beweise dafür hat, dass es nicht existiert.“

Wie schön, dass uns Rumsfeld über solche Fragen aufgeklärt hat! Denn das erklärt auch, warum die Bush-Administration, nachdem sie die Attentäter vom 11. September nicht ergreifen konnte, im Dezember 2001 kurzweg entschied, in Afghanistan einzumarschieren. Und noch immer weiß diese Regierung nicht, wo die Verbrecher sind. Rumsfelds Ausführungen erklären auch, warum die Regierung, ohne genau zu wissen, welche Waffen Saddam Hussein versteckt hielt, im März 2003 den Irak erobert und bombardiert und dabei unter Missachtung der Vereinten Nationen einige tausend Zivilisten und Soldaten umgebracht und die irakische Zivilbevölkerung terrorisiert hat. Erklärt wird damit schließlich auch, warum die Bush-Regierung, obwohl sie nicht wusste, wer die Terroristen sind – und wer nicht –, mehrere hundert Verdächtige in Guantánamo eingesperrt hat.

Im Amnesty-international-Report 2005 wird das Gefangenenlager mit dem Gulag verglichen und festgestellt, dass das Verhalten Amerikas anderen Regierungen einen Freibrief für menschenverachtende Politik liefere. Ferner wird hervorgehoben, dass die USA die Bedeutung der Foltervorwürfe herunterzuspielen versuchten. Die Amerikaner seien bemüht, so der Vorwurf von amnesty, den Begriff Folter umzudefinieren, um die bestehende internationale Ächtung von Folter aufzuweichen. In dem Bericht wird jedoch betont, dass Foltermethoden tendenziell überall dort angewandt werden, „wo die offiziellen Stellen diese nicht uneingeschränkt verurteilen“. Doch weder die US-Regierung noch der Kongress haben, trotz der durch Abu Ghraib ausgelösten öffentlichen Empörung, eine gründliche Untersuchung dieser Vorfälle durch unabhängige Instanzen gefordert.

Der Krieg im Irak dauert nun schon 28 Monate und wird zweifellos noch viel mehr Opfer fordern, und das nicht nur jenseits der Grenzen, sondern auch innerhalb der USA. Die Bush-Regierung behauptet nach wie vor, dass die Zahl der Toten und Verwundeten im Irak – anders als in Vietnam – nicht sehr hoch liege.1 Doch die Zahl der indirekten Opfer – aufgrund von körperlichen und geistigen Erkrankungen – wird noch steigen. Nach dem Vietnamkrieg etwa sind Kinder von Kriegsveteranen mit Missbildungen auf die Welt gekommen, die durch Agent Orange verursacht waren, ein hochgiftiges Herbizid, das die US-Luftwaffe über großen Gebieten Vietnams versprüht hatte.

Offiziell wurden im ersten Irakkrieg 1991 nur ein paar hundert US-Soldaten getötet, doch die Veteranenorganisation AGWFA (American Gulf War Veterans Association) berichtete kürzlich, in den letzten zehn Jahren seien 8 000 ihrer Mitglieder gestorben. Und etwa jeder dritte der insgesamt 600 000 Soldaten, die am ersten Golfkrieg teilgenommen haben, klagt über Beschwerden, die er auf die damals eingesetzten Waffen- und Munitionstypen zurückführt. Welche Langzeitwirkungen das abgereicherte Uran, mit dem bestimmte Munitionsarten ummantelt sind, auf die derzeit im Irak stationierten Soldaten hat, ist unbekannt.

Was ist zu tun? Wir müssen all dies öffentlich benennen. Wir sind der festen Überzeugung, dass Menschen Gewalt und Terror nur dann unterstützen, wenn man sie belügt. Und dass sie sich, wenn sie die Wahrheit erfahren, gegen die Regierung stellen werden, so wie es während des Vietnamkriegs geschehen ist.

Wir haben die Unterstützung der übrigen Welt. Die USA können auf die Dauer nicht all die Menschen ignorieren, die im Februar 2003 gegen den Krieg demonstriert haben. Eine Regierung mag über noch so viele Waffen und noch so viel Geld verfügen, ihre Macht bleibt fragil. Wenn sie in den Augen der Bürger ihre Legitimität einbüßt, sind ihre Tage gezählt.

Wir müssen uns bemühen, diesen Krieg zu beenden. Mit allen friedlichen Mitteln, konventionellen wie unkonventionellen. Die Geschichte gesellschaftlicher Veränderungen ist das Resultat von Millionen kleiner und großer Aktionen, aus denen in bestimmten historischen Momenten eine Macht erwächst, die auch die stärkste Regierung nicht mehr unterdrücken kann.

Fußnote: 1 Am 20. Juni 2005 beliefen sich die Verluste der USA Im Irak auf 1 724 Tote und 12 896 Verwundete (Quelle: www.antiwar.com/casualties). Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Howard Zinn ist emeritierter Professor für Geschichte an der Boston University und Autor u. a. von: „A People’s History of the United States“, New York (Harper Collins) 2003, und „You Can’t Be Neutral on a Moving Train: A Personal History of Our Times“, Boston (Beacon Press) 1994.

Le Monde diplomatique vom 12.08.2005, von Howard Zinn

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