Gemeinsam gegen Israel

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Gemeinsam gegen Israel

In Gaza versuchen die Jungen unabhängig von Hamas und Fatah zu agieren

von Olivier Pironet

Fischmarkt in Gaza Xinhua/dpa
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Ein strahlender Junimorgen, bunte Fischerboote im weißen Sand, der Himmel blau, die Gischt weiß – das ideale Postkartenmotiv. Aber die Illusion hält nicht lange an. Das Mittelmeer hier ist verschmutzt, der Horizont von Kriegsschiffen verstellt, der Himmel voller Jagdflieger und Drohnen: Das ist der Gazastreifen, mit knapp 2 Millionen Menschen auf gut 365 Quadratkilometern so dicht besiedelt wie London und seit 13 Jahren von Israel einer Blockade vom Land, vom Meer und aus der Luft unterworfen.

Mit düsteren Mienen begrüßen uns die Fischer in ihrer Hütte in der 40 000-Einwohner-Stadt Beit Lahia nahe der Grenze zu Israel. Zwei Tage war jede Ausfahrt verboten, weil vom Gazastreifen aus mit Brandsätzen versehene Ballons und Drachen in Richtung israelischer Dörfer und Kibbuzim losgelassen wurden. Der Gazastreifen lag daraufhin zwei Nächte unter Raketenbeschuss,1 nun ist „Ruhe“ eingekehrt. Israel hat den Fischfang wieder erlaubt, allerdings nur in einem Umkreis von 10 Seemeilen (18,5 Kilometern), weit entfernt von den lohnenden Fischgründen. 85 Pro­zent der Gebiete, zu denen die Fischer nach internationalem Recht Zugang hätten, bleiben ihnen versperrt.

Jihad al-Sultan, Gewerkschaftsvertreter der Fischer im Norden des Gazastreifens, zeigt mit dem Finger aufs Meer. „Die israelischen Patrouillenbote sind drei, vier Kilometer entfernt, du siehst sie mit bloßem Auge. Wenn unsere Fischer draußen sind, werden sie regelmäßig beschossen, meistens ohne Vorwarnung. Erst vor Kurzem wurden mehrere verletzt und ihre Boote schwer beschädigt.“

Nach Angaben des palästinensischen Zentrums für Menschenrechte Al-Mezan hat die israelische Marine im ersten Halbjahr 2019 mehr als 200-mal mit Gummigeschossen und Wasserwerfern auf die Fischer geschossen, sechzehn von ihnen verletzt und ein Dutzend Boote beschlagnahmt. 2018 wurden zwei palästinensische Fischer getötet. Im Jahr 2000 gab es im Gaza­strei­fen ungefähr 10 000 Fischer. Von den rund 3700 Fischern, die heute noch aktiv sind, leben 95 Prozent unter der Armutsgrenze (5 Euro am Tag), 2008 waren es 50 Prozent.

Auch in Khuza’a, einem Dörfchen in der Nähe von Chan Yunis, der zweitgrößten Stadt im Gazastreifen, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Trotzdem lädt uns der 34-jährige Bauer Khaled Qadeh zu einem Imbiss in das kleine Ruhezelt am Rand seines Felds ein. Seine Landwirtschaft ist 11 Dunam (1,1 Hektar) groß und nur ein paar hundert Meter vom israelischen „Grenzzaun“ entfernt.

65 Kilometer Mauern, Gräben, Metallschranken, Gitter und Stacheldraht umgeben den Gazastreifen entlang der „grünen Linie“, der Waffenstillstandsgrenze von 1948. Ägypten hat seine Grenze zum Gazastreifen ähnlich gesichert. Auf Gazagebiet reklamieren die Israelis zudem eine bis zu 1,5 Kilometer breite Pufferzone für sich. „Meine Familie hat noch 20 Dunam auf der anderen Seite der grünen Linie, aber die haben wir verloren“, sagt Qadeh.

Von dem einen Hektar, der ihm bleibt, kann der Bauer nur ein Drittel richtig bewirtschaften. „Der Rest meiner Felder grenzt an die 300 Meter breite No-go-Zone, und ich kann sie kaum bestellen, weil die Israelis mich ständig daran hindern, dorthin zu gehen. Sie haben den Finger schnell am Abzug. Hinzu kommen die Schäden, die ihre Panzer und Bulldozer verursachen. Alle Bauern im Grenzgebiet werden oft beschossen, auch hier, wo wir gerade sitzen. Die Israelis verbieten mir, nachts zu arbeiten, obwohl es da wenigstens ein bisschen kühler ist. Sobald sie die kleinste Bewegung wahrnehmen, schießen oder bombardieren sie.“

Während er erzählt, patrouilliert ein israelischer Panzer in der Ferne. Nach der Aufgabe der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen 2005 wurde die Pufferzone eingerichtet, 2006 das Embargo verhängt. Seither sind ­Qadehs Erträge um 80 Prozent zurückgegangen. Da seine Arbeit die einzige Einnahmequelle der Familie ist, hat er inzwischen einen Riesenberg Schulden. Mit dem Land, was ihm bleibt, kann er die seinen ernähren und durch den Verkauf seiner Produkte 400 Schekel (100 Euro) im Monat verdienen. 44 000 Personen, ungefähr 10 Prozent der Berufstätigen, sind im Agrarsektor beschäftigt. Seit 2014 ist er um gut ein Drittel geschrumpft.2

Die Situation der Fischer und Bauern gleicht der des gesamten Gaza­strei­fens: Isabelle Durant, Vizedirektorin der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der UNO (Unctad), nennt sie „katastrophal“ und „unerträglich“.3 Schon 2012 schlug die UNO Alarm und prophezeite, das Gebiet werde bis 2020 „unbewohnbar“ sein, wenn die mit Unterstützung Ägyptens von Israel verhängte Blockade nicht aufgehoben werde.4 Nach den Gaza-Kriegen 2012 und 2014, in denen insgesamt 2500 Palästinenser und 72 Israelis getötet wurden, stellte Robert Piper, damals Entwicklungshilfekoordinator der UNO für die Palästinensergebiete, 2017 fest: „Die Situation hat sich schneller verschlechtert als erwartet. Vielleicht ist Gaza schon heute unbewohnbar.“5

Die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre, die Arbeitslosigkeit liegt bei 53 Prozent (70 Prozent bei der Jugend, 85 Prozent bei den Frauen) – Weltrekord. 2018 schrumpfte die Wirtschaft um 6,9 Prozent.6 Außerdem wurden die Infrastrukturen und die Produktionskapazitäten vernichtet, wie Unctad berichtet.7

Ali al-Hayek, der Präsident der Palästinensischen Unternehmer (PBA), den wir in seinem Büro im Zentrum von Gaza-Stadt treffen, rechnet uns vor, dass „allein die materiellen Zerstörungen und die Kosten des Wiederaufbaus des letzten Kriegs [2014] sich auf 11 Milliarden Dollar belaufen. Mehr als tausend Fabriken, Werkstätten und Geschäfte wurden dem Erdboden gleichgemacht. Israel führt auch einen Wirtschaftskrieg gegen uns.“

Wegen des Embargos mussten viele Unternehmen schließen, Mitarbeiter entlassen oder die Löhne senken. Der Hamas-Politiker Ghazi Hamid, stellvertretender Minister für gesellschaftliche Entwicklung, fasst die Lage so zusammen: „Der Gazastreifen gleicht einem riesigen Militärgefängnis, in dem man ein ganzes Volk eingesperrt hat und dem man Beruhigungsmittel in Form von humanitärer Hilfe verabreicht, damit es nicht explodiert.“

Es fehlt an Strom, sauberem Wasser und Medikamenten

Die Belagerung beeinträchtigt den Alltag auf allen Gebieten. Im Juni 2006 zerstörte Israel das einzige Kraftwerk. Seitdem ist die Stromversorgung ein Glücksspiel. Das Kraftwerk wurde zwar teilweise wieder aufgebaut, aber da es an Kraftstoff fehlt, läuft es nur mit 20 Prozent seiner Kapazität. Deshalb muss Gaza den Strom vor allem von Israel beziehen, das ihn streng rationiert und der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland in Rechnung stellt.

„Wir haben nur acht bis zwölf Stunden am Tag Strom, zu ganz unterschiedlichen Zeiten“, erklärt uns die 34-jährige Journalistin und Übersetzerin Ghada al-Kord. „Die meisten Haushalte können sich keinen Generator leisten, um die Ausfälle zu überbrücken. Das heißt zum Beispiel, dass wir fast nichts im Kühlschrank aufbewahren können. Wir müssen uns also jeden Tag neu organisieren. Aber vor zwei Jahren war es noch schlimmer.“ Von April 2017 bis Januar 2018 weigerte sich nämlich Mahmud Abbas, der Präsident der Palästinenserbehörde, die Stromrechnung an Israel zu bezahlen, um seine Rivalen der Hamas unter Druck zu setzen. Zehn Monate lang hatte die Bevölkerung nur noch drei bis vier Stunden Strom am Tag. Auch das Wasser ist knapp. Wegen der Verschmutzung der Grundwasserleiter an der Küste, von denen Israel 85 Prozent kontrolliert, sind mehr als 95 Prozent des Grundwassers im Gazastreifen verunreinigt.

Al-Schifa ist das größte Krankenhaus im Gazastreifen. Einst genoss es einen guten Ruf, heute sagen die Menschen: „Man spaziert lebendig rein und kommt mit den Füßen zuerst wieder raus.“ Das Verbot, dringend notwendige Produkte einzuführen, der Personalmangel, die Stromausfälle, aber auch vorsätzliche Beschädigungen durch die israelische Artillerie haben das Gesundheitswesen weitgehend zerstört. „Es mangelt an allem“, beklagt der Sprecher der Sanitätsverwaltung von Gaza, Aschraf al-Qadra: „Mehr als 50 Prozent der grundlegenden Medikamente fehlen, 65 Prozent der Krebskranken werden nicht behandelt, ein großer Teil der chirurgischen Eingriffe kann nicht durchgeführt werden.“

Im Al-Schifa-Krankenhaus bröckelt der Putz, die Wartesäle sind überfüllt, das Personal ist überlastet. Mohamed Chahin kümmert sich als Chirurg und Orthopäde vor allem um diejenigen, die bei den wöchentlichen Demons­tra­tionen für den „Großen Marsch der Rückkehr“ vor dem israelischen Grenzzaun von Soldaten verwundet werden.

Jeden Freitag, am Tag der Proteste, müssen die Ärzte viele Verletzte behandeln. „Manche Patienten sind noch sehr jung“, erzählt Chahin. „Sie haben schwere Verletzungen, wie wir sie bisher nicht kannten. Die Israelis setzen Sprengmunition ein, die das Muskelgewebe, die Gelenke und die Nerven zerstört. Wenn ihre Scharfschützen nicht auf Brust oder Kopf zielen, um zu töten, schießen sie auf die Beine oder die empfindlichsten Körperteile, um irreversible Verletzungen beizubringen. Als hätten sie Anatomiekurse besucht. Viele Demonstranten bleiben ihre ganzes Leben lang behindert. Oft müssen wir amputieren, weil uns das Material für die Behandlung fehlt.“

Von den 30 000 Verletzten seit dem Beginn des „Marschs der Rückkehr“ haben fast 140 Menschen, darunter etwa 30 Kinder, einen Arm oder ein Bein verloren. 1700 weiteren droht nach Angaben der UNO in den nächsten beiden Jahren eine Amputation, weil die Mittel für Operationen fehlen.

Die Jugendlichen stehen in der ersten Reihe der Demonstranten beim „Großen Marsch der Rückkehr“. An der unbewaffneten Protestbewegung beteiligen sich jede Woche tausende Familien. Sie begann am 30. März 2018 mit dem jährlichen Gedenken an das, was die Palästinenser Nakba, Katastrophe, nennen.

Nakba bezeichnet den Exodus von 1948. Die arabischen Nachbarstaaten hatten den von der UN-Generalversammlung im November 1947 verabschiedeten Teilungsplan für Palästina abgelehnt und überfielen den entstehenden jüdischen Staat. Als Reaktion auf den militärischen Angriff aus Ägypten, Syrien, Libanon, Jordanien und dem Irak vertrieben die siegreichen Israelis 800 000 Palästinenser, die im damals ägyptischen Gaza, im Westjordanland und den Nachbarstaaten Zuflucht fanden.

An einem Freitagnachmittag fahren wir nach Malaka im Osten Gazas, zu einem der fünf Orte, an denen die wöchentlichen Proteste stattfinden. Es herrscht eine freundliche, familiäre Atmosphäre, man hat ein riesiges Zelt aufgestellt, in dem die Alten und Versehrten sitzen. Eine Lautsprecherstimme erinnert an den Sinn der Demons­tra­tion: für das Recht auf Rückkehr und die palästinensische Einheit, gegen die Konferenz von Bahrain über den neuen amerikanischen „Friedensplan“. Viele palästinensische Fahnen knattern im Wind. Wir gehen nicht bis zur Gefahrenzone, wo die Jugendlichen die israelischen Scharfschützen herausfordern.

Die Idee einer Großdemonstra­tion vor der israelischen Absperrung entstand in den Köpfen von zwanzig jungen Männern. Einer von ihnen ist der 35-jährige Ahmad Abou Artema: „Durch die Mobilisierung der Bürger wollten wir das von den UNO-Resolu­tio­nen bestätigte Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr in ihr Land bekräftigen und unserem Wunsch nach Würde Ausdruck verleihen.“

Sehr schnell schlossen sich die politischen Parteien der Bewegung an, insbesondere Hamas und Fatah schienen ihre Zwietracht überwinden zu wollen, die Palästina vergiftet. „Die Frage der Flüchtlinge ist nationaler Konsens. Es war also normal, dass alle Parteien uns unterstützten“, findet Artema. „Der ‚Gro­ße Marsch‘ ist neben den Waffen eine Option, unsere Rechte gegenüber den Besatzern geltend zu machen“, sagt der Hamas-Politiker Hamid. „Er verleiht unserer Sache Sichtbarkeit.“

Die wöchentlichen Proteste sollten bis zum 15. Mai 2018 dauern, halten aber bis heute an. Neue Forderungen wie das Ende der Blockade oder die Verteidigung Jerusalems wurden erhoben. Seit Beginn wurden mehr als 200 Palästinenser getötet, darunter 50 Kinder, aber auch Rettungskräfte und Journalisten. Im Februar 2019 gelangte eine Untersuchungskommission der UNO zu dem Ergebnis, die Gewalttaten Israels bei Demonstrationen am Rand des Gazastreifens könnten „Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ darstellen.8

Diese Anschuldigungen hat der israelische Ministerpräsident zurückgewiesen. Unter Verweis auf Drachen und Ballons mit Brandsätzen, die die Protestierenden in die angrenzenden israelischen Ortschaften hätten fliegen lassen, entgegnete Benjamin Netanjahu, Israel müsse „seine Souveränität und die seiner Bürger schützen und sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen“9 . Er kann auf die Unterstützung der Israelis zählen: Im Mai 2018, als es auf palästinensischer Seite fast 100 Tote gab, ergab eine Umfrage, dass 70 Prozent der Israelis die Schüsse auf die Protestierenden für berechtigt hielten.10

Angesichts der Opfer unter den Demonstranten und der Schäden durch Feuerballons auf israelischem Gebiet hagelt es auch Kritik an der Führung der Palästinenser. Die „internationale Gemeinschaft“ und die westliche Presse beschuldigten die Parteien – allen voran die Hamas –, die Jugendlichen zu instrumentalisieren und sie den Eliteschützen an den Grenzanlagen zum Fraß vorzuwerfen.

Khaled al-Batsch, Chef des Islamischen Dschihad in Gaza und Mitglied des Organisationskomitees des „Marschs der Rückkehr“, weist die Anschuldigungen zurück. „Man hat uns ermahnt, den Weg des friedlichen Widerstandes zu gehen, das haben wir mit diesen Demonstrationen getan. Und jetzt sollen wir für die hohe Zahl palästinensischer Opfer verantwortlich sein! Die eigentlich Schuldigen werden nicht verurteilt. Wer tötet uns, wer tötet unsere Kinder? Erfahrene Scharfschützen, die genau wissen, was sie tun. Bis jetzt gab es auf israelischer Seite keinen einzigen Toten bei diesen Demonstra­tio­nen. Warum gibt es keine Sanktionen gegen Israel?“

Bei der Demonstration am 14. Juni 2019 treffen wir Maher Misher, Funk­tio­när der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und ebenfalls Mitglied des Organisationskomitees.11 Für ihn ist die Bewegung in zweifacher Hinsicht verdienstvoll: „Einerseits können wir damit Druck auf Israel ausüben, denn die Schäden, die simple Feuerdrachen in den israelischen Ortschaften anrichten, haben einige Bewohner dazu gebracht, fortzugehen. Andererseits hat sie die Frage des Rückkehrrechts international wieder in den Vordergrund gerückt. Deshalb muss der Marsch weitergehen.“

Vor allem unter den Jugendlichen sind jedoch auch andere Stimmen zu hören, viele beteiligen sich nicht mehr an dem Marsch, „Die Hamas hat die Bewegung übernommen, um ihr Image zu verbessern und ihre Legitimität zu erhöhen, obwohl sie auf dem absteigenden Ast ist“, sagt Loai A., ein 26-jähriger Menschenrechtsaktivist. Immer mehr Palästinenser werfen der von Yahya Sinwar geführten Hamas Autoritarismus und moralistischen Starrsinn vor – und vor allem, dass sie sich nicht um ihre sozialen Bedürfnisse kümmere.

Im März 2019 protestierten unter der Losung „Bidna na’ich“ (Wir wollen leben) Tausende gegen Preiserhöhungen und die Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die Hamas bezichtigte die Demonstranten, von der Fatah manipuliert zu sein, und antwortete mit Härte: Mehrere hundert Teilnehmer wurden verprügelt und verhaftet.12 „Warum sollen wir den ‚Großen Marsch‘ unterstützen, wenn die Hamas nichts für uns tut und uns unterdrückt?“, fragt Loai bitter. „Ich sage der Hamas: Ich bin bereit, mein Bein zu opfern, aber es muss zu irgendetwas gut sein, und im Gegenzug müsst ihr euch um uns kümmern.“

Ist die Fatah eine Alternative? Die Palästinenserbehörde unter Fatah-Chef Mahmud Abbas hat sich in den Augen zahlreicher Bewohner des Gazastreifens und einer Mehrheit der Palästinenser im Westjordanland diskreditiert. Die Versöhnungspolitik gegenüber Israel während des „Friedensprozesses“ ist gescheitert, der Siedlungsbau nimmt weiter zu, und die Sicherheitszusammenarbeit zwischen der Polizei der Autonomiebehörde und der israelischen Armee im West­jor­dan­land wird von der Bevölkerung abgelehnt.13 Dazu kommt, dass Korruption die Institutionen vergiftet hat, als die Fatah in Gaza an der Macht war, weshalb damals die Stimmung zugunsten der Hamas umschlug.

Eine wachsende Zahl von Gaza-Bewohnern lehnt also Fatah und Hamas gleichermaßen ab. Sie verlangen wie ihre Landsleute im Westjordanland radikale politische Veränderungen und einen Generationswechsel. Die 18-jährige Studentin Amira al-Achcar wohnt mit ihren acht Geschwistern und ihrer Mutter im Flüchtlingscamp Nuseirat. Sie hat nur einen Wunsch: „Ich hasse Gaza, meine Kindheit wurde von drei Kriegen zerstört, ich will hier nur noch raus.“

Matthias Schmale ist Direktor des UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) in Gaza, das Unterricht für fast 280 000 Kinder organisiert und mehr als 1 Million Menschen in der Enklave mit Lebensmitteln unterstützt. Er berichtet: „Jeden Tag treffe ich außergewöhnliche, gebildete Menschen, die sich Frieden mit Israel wünschen, aber sie sind mit ihren Kräften am Ende. Man kann schon verstehen, dass sich manche der Gewalt zuwenden, wenn man sieht, was Israel einem ganzen Volk antut.“

Entgegenkommen von Israel ist ebenso wenig zu erwarten wie Hilfe von anderen arabischen Staaten. Deshalb wünschen sich viele die Lösung des Konflikts zwischen Fatah und Hamas. Am 12. Oktober 2017 haben beide Parteien ein Versöhnungsabkommen unterzeichnet, das die Rückkehr der Palästinenserbehörde in den Ga­za­strei­fen ermöglichen sollte. Aber der Prozess tritt auf der Stelle. Abbas verlangt die Entwaffnung der Hamas, was diese strikt ablehnt.

Inzwischen, warnt der Hamas-Politiker Ahmed Youssef, „versinkt die Bevölkerung jeden Tag etwas tiefer im Elend. Gaza ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann.“ Er tritt für eine Kompromisslösung zwischen beiden Parteien ein. „Wir müssen das palästinensische Haus wieder aufbauen, um Tel Aviv die Stirn zu bieten. Das ist nur möglich, wenn wir die Macht gemeinsam ausüben. Jeder muss Zugeständnisse machen.“ Und Imad al-Agha, ein hoher Fatah-Funktionär in Chan Yunis, sagt: „Wir müssen diesen Zwist beenden, der nur Israel in die Hand spielt, und unsere Kräfte vereinen.“

Kann diese Versöhnung nicht unter Führung der Jugend stattfinden? Hassan Ostaz, ein 29-jähriger Fatah-Kämpfer, ist davon überzeugt. „Man muss zugeben, dass im Moment nur die Hamas den Israelis Widerstand leistet. Wir müssen die Kluft überwinden und überlegen, wie wir gemeinsam gegen die Besatzung kämpfen können. Das versuchen wir zum Beispiel, indem wir Treffen mit der Hamas-Jugend organisieren.“

Mohammed Haniyeh, 28, der die Hamas-Jugend im Organisationskomitee des „Großen Marschs“ vertritt, teilt sein Büro mit Vertretern der Fatah-Jugend. Auch für ihn steht jetzt gemeinsames Handeln auf der Tagesordnung: „Wir müssen unverzüglich eine Einheitsregierung bilden, Neuwahlen organisieren und unseren Staat im West­jor­dan­land und in Gaza errichten.“

Ein solcher Staat wird in dem im Juni von Washington vorgestellten und von den Golfstaaten unterstützten „Jahrhundertvertrag“ mit keinem Wort erwähnt. Dieses x-te Friedensprojekt begräbt jede Hoffnung auf ein unabhängiges Palästina und sieht den Ga­za­strei­fen als vom Westjordanland unabhängiges Territorium. Für Youssef ist das nur „ein mieser Scherz“.

1 Tzvi Joffre, „IAF attacks targets in Gaza Strip after rocket fire“, The Jerusalem Post, und „Israeli air force fires many missiles into Gaza“, International Middle East Media Center, beide 14. Juni 2019.

2 Siehe Jahresbericht des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha), New York, Mai 2018, und Ali Adam, „Israel is intensifying its war on Gaza’s farmers“, The New Arab, London, 19. März 2018.

3 Tom Miles, „UN bemoans unsustainable Palestinian economy“, Reuters, 12. September 2018.

4 „Gaza in 2020: A liveable place?“, UNO, New York, August 2012.

5 „Gaza ten years later“, UN-Report, Juli 2017.

6 Diese Angaben sind auf den Webseiten von Weltbank, Unctad und vom Palästinensischen Zentralamt für Statistik (PCBS) verfügbar.

7 „Rapport sur l’assistance de la Cnuced au peuple palestinien“, Unctad, Genf, 12. September 2018.

8 „Gaza: des enquêteurs de l’ONU suspectent Israël de crimes contre l’humanité lors des manifestations“, UNO Info, 28. Februar 2019, https://news.un.org.

9 Tovah Lazaroff, „Netanyahu: UN set new hypocrisy record with Israeli war crimes allegation“, The Jerusalem Post, 28. Februar 2019.

10 Siehe „The Peace Index – April 2018“, 2. Mai 2018, www.peaceindex.org/files/Peace_Index_Data_April_2018-Eng.pdf.

11 An diesem Tag wurden im Gazastreifen mehr als 90 Palästinenser, darunter 28 Kinder und 4 Rettungskräfte verletzt.

12 Entsar Abu Jahal, „Human rights group documents Hamas abuses“, al-Monitor, 26. April 2019.

13 Über die Sicherheitszusammenarbeit siehe Olivier Pironet, „Zone, Lager und Gefängnis“, LMd, Oktober 2014.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Le Monde diplomatique vom 12.09.2019, von Olivier Pironet