Der vergessene Tyrannenmörder

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Der vergessene Tyrannenmörder

Der vergessene Tyrannenmörder

Als Dimitri Tsafendas am 6. September 1966 den südafrikanischen Premier­minister Hendrik Verwoerd mit vier Messerstichen tötete, schockte er das ganze Land und stürzte meine Familie in Panik, Angst und Verzweiflung.

von Nikos Konstandaras

Der Attentäter von Kapstadt, der im Plenarsaal des Parlaments den „Architekten der Apartheid“ umgebracht hatte, war der Cousin meines Vaters. Ich war erst fünf Jahre alt, und doch spürte ich die Angst vor Vergeltung, die damals unter den Griechen Südafrikas herrschte, als selbst Schulkinder von ihren Klassenkameraden als „Mörder“ beschimpft wurden.

Aber irgendwann wurde über Tsafendas und seine Tat in meiner Familie wie in ganz Südafrika nicht mehr gesprochen – als hätte es ihn nie gegeben. Obwohl der Täter noch 33 Jahre weiterlebte, geriet sein Name praktisch in Vergessenheit. Erst jetzt hat ein griechisch-britischer Politologe das jahrzehntelange Beschweigen beendet. Harris Dousemetzis hat das Leben und die Motive des Dimitri Tsafendas zehn Jahre lang bis ins Detail erforscht. Daraus entstand die Biografie: „The Man Who Killed Apartheid“1 , die endlich ein Urteil revidiert, das über fünfzig Jahre lang Bestand hatte: dass der Mord an Verwoerd die Tat eines Wahnsinnigen war, der auf die innere Stimme seines Bandwurms hörte. Der Richter Andries Beyers hatte 1966 erklärt: „Ich kann über einen Mann, dem alle Anlagen zu rationalem Denken fehlen, so wenig Recht sprechen wie über einen Hund oder einen toten Gegenstand.“ Dann verurteilte er den 48-jährigen Angeklagten zu einer unbefristeten Haft, die im Oktober 1999 endete, als Tsafendas mit 81 Jahren in einem psychiatrischen Krankenhaus verstarb.

Dabei hatte Verwoerds Mörder seine Motive gegenüber der Polizei klar benannt. In der förmlichen Sprache der Verhörprotokolle liest sich das so: „Ich war fest überzeugt, dass mit dem Verschwinden des südafrikanischen Premierministers ein Wandel der Politik eintreten würde.“ Die Stimme des Bandwurms kommt in dem Protokoll nicht vor, vielmehr betonte Tsafendas: „Es war meine eigene Idee, ihn zu töten.“ Und er fügte hinzu: „Es war mir egal, was danach mit mir passieren würde. Ich war über die Rassenpolitik so empört, dass ich meinen Plan, den Premierminister umzubringen, durchgeführt habe.“

Diese Aussage wurde dem Gericht nicht zur Kenntnis gebracht. Vielmehr tat das Regime alles, um Tsafendas Motive aus der Geschichte zu tilgen. Dafür gab es vielfache Gründe. Die Staatssicherheit hatte beschlossen – in Absprache mit Justizminister John Vorster, der Verwoerd als Premierminister folgte –, den Täter als geisteskrank zu präsentieren. Man wollte das Eingeständnis vermeiden, dass Tsafendas den gigantischen Sicherheitsapparat besiegt hatte. Die Tat eines schizophrenen Penners konnte man als unvorhersehbares Ereignis präsentieren, einen Tyrannenmord nicht.

Dousemetzis hat 44 Zeugen befragt.2 Zweifel über Tsafendas’ Geisteszustand von haben nur vier geäußert, von denen ihn aber keiner näher kannte. Was dessen Verhalten in der Haft betrifft, so gibt es eine plausible Erklärung: Die Behörden gaben dem Attentäter, der jeden Tag schwer gefoltert und mit dem Tod bedroht wurde, deutlich zu verstehen, dass er sein Leben retten könne, indem er sich für geisteskrank erklärt. Tsafendas hatte sich in der Vergangenheit wiederholt als geistesgestört ausgegeben, um Polizei oder Behörden auszutricksen, wenn er mittellos in fremden Ländern gestrandet war. Deshalb ging er auf das „Angebot“ des Regimes ein. Auch während seiner ganzen Gefängniszeit war er darauf bedacht, den Anschein aufrechtzuerhalten, weil er befürchtete, man könnte ihn, wenn er für zurechnungsfähig erklärt würde, immer noch hinrichten.

Laut Dousemetzis tröstete er sich mit dem Gedanken, das Ganze sei eher ein „Sieg“ als eine „Kapitulation“. Schließlich hatte er den Tyrannen getötet und selbst überlebt. Nach Aussage eines Zeugen, der Tsafendas im Gefängnis besucht hat, war er zutiefst überzeugt, das Apartheidsystem würde „ohne seinen führenden Kopf Verwoerd“ früher oder später zusammenbrechen: „Und dann würde man ihn vielleicht sogar begnadigen. Zudem sah er die Chance, aus einem Krankenhaus oder aus einem Gefängnis auszubrechen.“ Es ist nicht so gekommen. Tsafendas saß vielmehr jahrzehntelang in den schrecklichsten Gefängnissen Südafrikas. Die Aufseher schlugen ihn zusammen; häufig urinierten oder spuckten sie in sein Essen. Erst 1994 verlegte ihn die erste demokratisch gewählte Regierung Südafrikas in eine psychiatrische Klinik.

Die Story von der geistigen Macke kam auch der griechischen Community in Südafrika zupass, die Vergeltungsakte seitens weißer Anhänger des Apartheidregimes befürchtete. Das galt speziell für meine Familie. Eine meiner deutlichsten Kindheitserinnerungen ist diese Szene am Tag des Attentats: Die Familie drängt sich um das Radio, tödliche Stille, als die schroffe Stimme des Ansagers einsetzt, dann wirres Durcheinanderreden, immer lauter, während ich zu verstehen versuche, was passiert ist. Danach hörte ich nichts mehr davon. Ich wusste nur, dass Tsafendas ein Verwandter war, dass er verrückt war, dass niemand in der Familie über ihn redete. Dass er selbst behauptet hatte, ein Bandwurm in seinem Darm habe ihm den Mord befohlen. Was gab es da noch zu sagen? Eine Menge, wie wir heute wissen.

Eine Akte bei der portugiesischen Geheimpolizei

Dimitri Tsafendas wurde 1918 in Mosambik geboren, seine Eltern waren Michalis Tsafandakis, Schiffsingenieur aus Kreta, und Amelia Williams, die eine mosambikanische Mutter und einen deutschen Vater hatte. Michalis hat Amelia nicht geheiratet, sich aber um den gemeinsamen Sohn gekümmert. Später heiratete er Marika, die Schwester meiner Großmutter. Diese Marika hat den Jungen Dimitri zusammen mit ihren eigenen Kindern aufgezogen. Michalis und Marika waren beide in Ägyptens griechischer Community aufgewachsen, ehe sie ins südliche Afrika emigrierten. Für Dimitri war es ein schwerer Schock, als er mit 17 zufällig erfuhr, dass Marika nicht seine leibliche Mutter war. Von seinem Vater, der während seines Studiums in Italien zum Anarchisten geworden war, hat Dimitri den Stolz auf die „griechische“ Demokratie und die rebellische Tradition seiner kretischen Familie übernommen. Er beschloss sogar bei seinem Nachnamen die Endsilbe -akis zu kappen, als er hörte, dass diese Verkleinerungsform den Kretern von der türkischen Obrigkeit aufgezwungen worden war.

Das aufgeweckte Kind wuchs zu einem leidenschaftlichen Idealisten heran, den es in die Welt hinaustrieb. Als Jugendlicher bekannte er sich zum Kommunismus, schloss sich aber auch einer christlichen Kirche an. In Mosambik gab er armen Dorfbewohnern Englischstunden und machte sich für die Unabhängigkeit von Portugal stark. Im Zweiten Weltkrieg diente er auf einem US-Frachter im Nordatlantik, seit 1947 kämpfte er im griechischen Bürgerkrieg aufseiten der Kommunisten. Als die 1949 geschlagen waren, vagabundierte er durch halb Europa. Die portugiesische Geheimpolizei Pide führte eine Akte über Tsafendas, seit er zwanzig war. Darin hieß es, die Geschichte seines Lebens sei wie ein „echter Abenteuerroman“.

Nach Nordamerika war Tsafendas, der seine Jugend in Mosambik, Ägypten und Südafrika verbracht hatte, im Alter von vierundzwanzig Jahren aufgebrochen. Weil er 1942 illegal in Kanada eingereist war, wanderte er ins Gefängnis, führte dann aber einen Häftlingsausbruch an und flüchtete in die USA, wo er erneut festgenommen wurde. Nachdem er in der Handelsmarine gedient hatte, wurde er 1947 nach Griechenland abgeschoben, rechtzeitig, um am Bürgerkrieg teilzunehmen. Nach 1949 reiste er durch Frankreich, Spanien und Portugal, bevor er nach Mosambik zurückkehrte.

1951 wurde er von den Kolonialbehörden nach Portugal ausgewiesen, danach reiste er nach Skandinavien und ins damalige Westdeutschland. In Großbritannien nahm er an den großen Antiapartheiddemonstrationen teil, dann zog es ihn in den Nahen Osten, nach Ägypten, Libanon und Israel. 1961 ging er nach Istanbul, wo er griechischen und türkischen Kindern gratis Englisch beibrachte. Später war er Lehrer an der besten Sprachenschule, die ihm ein glänzendes Arbeitszeugnis ausstellte, das ihm 1966 in Südafrika half, den Job als Parlamentsbote zu bekommen.

Auf all seinen Reisen war Tsafendas die portugiesische Geheimpolizei auf den Fersen. Sein rebellisches Temperament und sein politisches Engagement brachten ihn nicht nur in Portugal und Mosambik, sondern auch in anderen Ländern in Schwierigkeiten. Seit seiner Haft in den USA hatte Tsafendas gegenüber Gefängnisaufsehern und Ärzten immer wieder so getan, als sei er geistesgestört. Doch wann immer nötig, präsentierte er sich als geistig stabil, was er mit Referenzen früherer Arbeitgeber belegen konnte. Die halfen ihm auch, als er sich 1966 für den Posten eines Parlamentsboten bewarb.

Dass er trotz früherer Einreiseverbote nach Südafrika zurückkehren konnte, verdankte er allerdings seiner Familie. Sie hatte ihm geholfen, einen Passbeamten in der südafrikanischen Botschaft in Mosambik zu bestechen, der ihm für seinen gültigen portugiesischen Pass ein Visum für Südafrika ausstellte. Damals war die Liste der Einreiseverbote noch nicht so leicht zu überprüfen wie in unserem digitalen Zeitalter.

Die Verwicklung in den Visumkauf war einer der Gründe, warum in unserer Familie die Angst vor Repressalien der Regierung umging – und warum man auf Tsafendas sauer war. Zeit seines Lebens hatte er mit allen möglichen Leuten über politische Themen gestritten, was einige seiner Verwandten in Rage gebracht hatte. Aber 1965 hatte er versprochen, in dieser Hinsicht keinen Ärger mehr zu machen. Das hatte ihm die Rückkehr in die Familie ermöglicht.

Was brachte ihn dazu, unter Bruch dieses Versprechens das Attentat gegen den Mann zu begehen, den er als „besten Schüler Hitlers“ bezeichnete? Es waren seine Familienbande, die dabei eine zentrale Rolle spielten. Wie Dousemetzis herausgearbeitet hat, entwickelte schon der junge Dimitri eine starke Identifizierung mit seinem Vater Michalis und dessen politischer Ideenwelt. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, überlegte Michalis, sich dem Widerstand gegen Franco anzuschließen; als sein 18-jähriger Sohn das hörte, musste man ihn davon abhalten, selbst nach Spanien zu gehen. Und als sich Dimitri eingestand, dass er Angst hatte, auf einem Frachter anzuheuern, der auf dem Nordatlantik von deutschen U-Booten versenkt werden könnte, fragte er sich, was wohl Michalis von solcher „Feigheit“ halten würde. Dimitri fühlte sich offensichtlich ständig unter Zwang, der revolutionären Fami­lien­tradition gerecht zu werden.

Die Lektüre dieser bewegenden Biografie hatte für mich auch eine sehr persönliche Seite. Sie stellte mich vor die Frage, was ich selbst zum Beschweigen der Person und der historischen Bedeutung des Dimitri Tsafendas beigetragen habe. Obwohl meine Familie stumm blieb, hätte ich beharrlicher fragen können. Von den Menschen, denen Dousemetzis die meisten seiner Informationen und Einsichten verdankt, habe ich viele gekannt. Die Schwester meines Vaters, Mary Eintracht, war Dimitri besonders nah, aber weder sie noch mein Vater haben jemals mit mir über Tsafendas gesprochen. Selbst dann nicht, wenn ich fragte. Trotz meiner verstummten Familie hätte ich in den Archiven forschen, hätte die spärlichen zugänglichen Materialien sichten können und die wenigen Berichte derer, die Tsafendas im Gefängnis erlebt haben. Ich hätte all diese Quellen nutzen und entdecken können, dass die offizielle Wahrheit eine Fälschung war.

Als Journalist habe ich die vielleicht wichtigste Geschichte meines Lebens versäumt, weil ich glaubte, es gebe da nichts zu finden. Heute frage ich mich: Was wäre gewesen, hätte die Familie diesem „tapferen und großherzigen Menschen“ (Dousemetzis) zur Seite gestanden? Hätte es mehr Vergeltungsakte gegen die Griechen und andere Einwanderergruppen gegeben, mehr Übergriffe auf griechische Geschäfte? Die Legende vom „schizophrenen“ Täter hatte in dieser Hinsicht tatsächlich beruhigende Wirkung. Und was wäre passiert, wenn Familienangehörige damals ausgesagt hätten, dass Tsafendas keineswegs verrückt war? Hätte es sein Todesurteil bedeuten können?

Einer der Gründe, warum ich als Zweiundzwanzigjähriger aus Südafrika weggegangen bin, war ein lähmender Widerspruch: Als junger Weißer hatte ich schreckliche Schuldgefühle, aber zugleich fühlte ich mich ohnmächtig, weil ich im Kampf gegen die Apartheid keinen Platz hatte. Aber was, wenn wir die wahren Motive von Tsafendas erfahren hätten? Vielleicht wären mehr Leute aktiv geworden, hätten sich nicht mehr ohnmächtig gefühlt. Und vielleicht hätten ich und andere dem Kampf nicht den Rücken gekehrt.

Dimitri Tsafendas hat die Apartheid nicht getötet. Ihm selbst hat das Vortäuschen einer „Geisteskrankheit“ ermöglicht, das Ende des kranken Systems zu erleben. Aber selbst in seiner physischen und psychischen Isolation kamen ihm niemals Zweifel an der Notwendigkeit dessen, was er getan hatte. Gegenüber einem griechischen Priester bezeichnete er Verwoerd als Verbrecher, unter dem Millionen Menschen gelitten haben, den man aber nicht vor Gericht stellen konnte, weil er selbst das Gesetz war.

„Würdest du schweigen und seine Verbrechen weiter mitansehen?“, fragte der Attentäter. „Oder würdest du etwas tun, um ihn zu stoppen? Du bist nicht nur schuldig, wenn du ein Verbrechen begehst, sondern auch, wenn du nichts unternimmst, um es zu verhindern, wenn du die ­Chance dazu hast.“

Und dann zitierte Tsafendas seinen Lieblingsdichter Nazim Hikmet: „Wenn ich nicht brenne, / wenn du nicht brennst, / wenn wir nicht brennen, / Wer wird dann Licht / in die Dunkelheit bringen?“

1 Harris Dousemetzis, unter Mitarbeit von Gerry Loughran, „The Man Who Killed Apartheid: The Life of Dimitri Tsafendas”, Johannesburg (Jacana Media) 2018.

2 Dousemetzis hat seine Recherchen in einem umfassenden Bericht dokumentiert, der am 23. April 2018 an den südafrikanischen Justizminister Michael Masutha übergeben wurde. Das 2193 Seiten umfassende Dokument ist zu finden unter: www.sahistory.org.za/sites/default/files/file%20uploads%20/report_to_the_minister_of_justice_2.pdf.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Nikos Konstandaras ist Kolumnist der Athener Zeitung Kathimerini. © LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.06.2019, von Nikos Konstandaras

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