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Von den Rängen auf die Straße

Von den Rängen auf die Straße

Bei den Protesten in Algerien stehen Fußballfans in der ersten Reihe

von Mickaël Correia

Am Abend des 2. April herrscht Partystimmung im Zentrum von Algier. Unter dem Druck der Straße und der Armee hat Präsident Abdelaziz Bouteflika gerade seinen Rücktritt erklärt.1 Vor der Grande Poste, einem symbolträchtigen Bauwerk im neomaurischen Stil, singt die versammelte Menge „La Casa del Mouradia“. Das Lied ist seit der ersten großen Demonstration am 22. Februar zur Hymne des Protests avanciert. Seinen Ursprung hat es allerdings auf den Fantribünen der Union Sportive de la Médina d’Alger (USMA), eines der wichtigsten Fußballklubs des Landes.

Der Titel bezieht sich auf den Präsidentenpalast in El Mouradia, einem Viertel auf den Hügeln über Algier, und spielt gleichzeitig auf die erfolgreiche spanische TV-Serie „La casa del papel“ („Haus des Geldes“) an, die von einer Bande Profidiebe handelt. Komponiert wurde das Lied von der Fangruppe Ouled El Bahdja („Kinder der Strahlenden“, ein Kosename für Algier). Eingangs wird die Hoffnungslosigkeit der algerischen Jugend geschildert, um in den nachfolgenden Strophen unverblümt mit den 20 Jahren der Bouteflika-Herrschaft abzurechnen.

Seit etwa 15 Jahren haben sich die Fangesänge in den algerischen Stadien zu einem vollwertigen Musikgenre entwickelt. „Chnawas“ werden sie genannt („die Chinesen“), weil es so viele davon gibt. Die Fans des Vereins Mouloudia Club d’Alger (MCA) haben ihre eigene Musikgruppe, Torino, die im vergangenen Januar ihren Song „3am Said“ herausgebracht haben. Das Lied ist eine scharfe Kritik am Justizsystem und eine kaum verhohlene Anklage gegen Said Bouteflika, den Bruder und Sonderberater des Expräsidenten.

Die Fans der Union Sportive de Madinet d’El Harrach aus einem Vorort von Algier sind bekannt für ihren polemischen Song „Chkoun sbabna?“ („Wer ist schuld an unserem Elend?“). Die Stars der Szene sind aber eindeutig Ouled El Bahdja. Die 2010 gegründete Fangruppe landete mehrere Hits im Internet: „Quilouna“ („Lasst uns in Ruhe“, 2017), in dem die staatliche Korruption verurteilt wird, oder „Babour el­louh“ („Holzboot“, 2018), in dem es um die „harragas“ geht, diejenigen, die versuchen, auf seeuntüchtigen Booten das Mittelmeer zu überqueren.

„‚La Casa del Mouradia‘ bringt auf den Punkt, was die Jugend vom Regime hält“, sagt Mehdi Mahloul, ein 17-jähriger USMA-Fan, der in einem Vorort Algiers lebt. „Seit das Lied im April 2018 auf YouTube gestellt wurde, wurde das Video über 5 Millionen Mal angeklickt. In meiner Schule singen es alle, auch die Mädchen. Logisch, dass der Song auch auf den Demos gesungen wird.“

Die Fans von USMA kommen vor allem aus der Kasbah, dem historischen Zentrum von Algier und Geburtsort des Chaabi, eines volkstümlichen arabisch-andalusischen Musikstils, der während der französischen Kolonialzeit entstand. Neben dem Chaabi sind ihre Kompositionen aber auch vom Raï beeinflusst, einem Musikstil aus Westalgerien, der sich häufig durch seine sozialkritischen Texten auszeichnet. Die Usmistes genannten USMA-Ultras sangen im Juni 1969 beim algerischen Pokalfinale zum ersten Mal gemeinsam die Refrains von Volksliedern.

Heute handeln die Texte von illegaler Migration, Drogenkonsum und Arbeitslosigkeit. Sie kritisieren den autoritären Staat und die korrupte politische Führung. In einem Land, in dem 45 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre sind und in dem knapp 30 Prozent der 16- bis 24-Jährigen keinen Job haben,2 spiegeln die Stadiongesänge die zerstörten Hoffnungen und Träume der „zawalis“, der Jugend aus den Elendsvierteln, wider.

„Seit der Unabhängigkeit 1962 sind die Fußballstadien ein Resonanzboden für die sozialen Forderungen der männlichen Bevölkerung“, erläutert der frankoalgerische Politologe Youcef Fatès von der Universität Paris Nan­terre. „In den Klubs herrscht noch immer der Geist des sozialen Widerstands und des antikolonialen Kampfs.“

Mit seinen 5 Millionen Fans gehört der MCA zu den beliebtesten Vereinen. Seit seiner Gründung 1921 verkörperte Mouloudia als erster rein muslimischer Fußballklub des Landes das anti­koloniale Algerien. Die französische Ko­lo­nial­ver­waltung verfügte deswegen 1930, dass alle muslimischen Klubs einen bestimmten Anteil europäischer Spieler aufnehmen mussten.

Yacef Saâdi, lokaler Militärchef der FLN während der Schlacht von Algier 1957, und Zoubir Bouadjadj, Mitglied der revolutionären „Gruppe der 22“, die der FLN vorausging, waren beide Spieler bei USMA und rekrutierten dort auch Kämpfer. Insgesamt kamen etwa 40 „Märtyrer der Befreiung“ aus den Reihen der algerischen Fußballklubs. Im April 1958 wurde die „Elf der Unabhängigkeit“ gegründet, eine Mannschaft der FLN, die international für den algerischen Befreiungskampf warb.

Während der Kolonialzeit intonierten die Fans religiöse Gesänge („na­chids“), um ihre arabisch-muslimische Identität zu unterstreichen. Nach der Unabhängigkeit skandierten dann kabylische Fans, die größtenteils den Club Jeunesse Sportive de Kabylie (JSK) unterstützen, während des Pokalfinales 1977 „Imazighen“ („Wir sind Berber“) und drückten damit ihren Protest gegen den anwesenden Präsidenten Houa­ri Boumedienne und sein Regime aus.

Auch Boumediennes Nachfolger Chadli Bendjedid wurde in den 1980er Jahren regelmäßig von den Tribünen verspottet. Nach dem Massaker in Bab El Oued, einem Stadtviertel Algiers, im Oktober 1988, bei dem hunderte Demonstranten von Sicherheitskräften getötet wurden, skandierten die Fans „Bab El Oued Chouhada“ („Bab El ­Oued, Märtyrer!“) – eine Hommage an die Getöteten. Aus den Reihen der Anhänger der Front Islamique du Salut (FIS) ertönte kurz darauf auch der Ruf „Dawla Islamiya“ („Islamischer Staat“).

In den 2000er Jahren haben die Stadien als Orte des Protests noch einmal an Bedeutung gewonnen. „Die Fans waren der Funke, der die Anti-Regime-Proteste seit dem 22. Februar entzündet hat“, erklärt Youcef Fatès.

Die Ultras organisieren sich in autonomen Gruppen und sorgen bei Spielen mit Gesängen, Spruchbändern und sogenannten Tifos – Choreografien, bei denen großflächige, szenisch inszenierte Tribünenbilder entstehen – für Stimmung. Die ersten Ultragruppierungen entstanden 1968 in Italien aus den sozialen Protestbewegungen. Es waren junge linke Demonstranten, die die Prinzipien der radikalen politischen Gruppierungen ins Stadion trugen: institutionelle und finanzielle Unabhängigkeit, Anonymität und gegenseitige Solidarität. Die ersten italienischen Ultras gingen so weit, sich selbst in der Namensgebung von den Gruppen des bewaffneten Kampfs jener Zeit inspirieren zu lassen. So entstanden die Rotschwarzen Brigaden des AC Mailand oder die Tupamaros des AS Rom.

In der 1980er Jahren breitete sich die Ultrakultur in Europa aus. Über das Internet und die sozialen Medien erreichte sie um die Jahrtausendwende Nordafrika. Die Ultras des tunesischen Vereins Espérance Sportive de Tunis waren 2002 die ersten afrikanischen Vertreter dieser Fußballgegenkultur. Ab 2005 gründeten sich Ultragruppen in Marokko und zwei Jahre später auch in Algerien und Ägypten. Teilweise existieren Verbindungen zwischen Fangruppen über das Mittelmeer hinweg. So bekennen sich die Ultras von USMA auch zum AC Mailand, mit dem sie die Farben Schwarz und Rot gemein haben.

Stadionboykotte und die Gesänge der Ultras

Die autonome Jugendkultur der Ul­tras wurde von den Regimen und ihren Polizeikräften bald als Gefahr für ihre Autorität eingestuft: Es kam zu Verhaftungen, physischer Gewalt und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Durch die Schikanen der Sicherheitskräfte in den Techniken der Selbstverteidigung geübt, standen die Fans von Espérance Tunis und des Lokalrivalen Club Africain bei den Demonstrationen des „Tunesischen Frühlings“ im Januar 2011 von Anfang an in den vordersten Reihen. Auch in Ägypten waren es im Februar und November 2011 die Fans der beiden großen Kairoer Klubs, Zamalek und Al Ahly, die den Tahrir-Platz gegen die Schlägertrupps des Muba­rak-­Re­gimes verteidigten. Ihre Slogans aus dem Stadion wurden bald auch von den übrigen Demonstranten aufgegriffen. Und schließlich waren es die Ul­tras der Istanbuler Klubs Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray, die ab Mai 2013 bei den Protesten gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans politische Präsenz im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz zeigten.

In Algerien gründete sich die erste Ultragruppe 2007. Die „Verde Leone“ sind Fans des Mouloudia Club d’Alger. „Der Name Mouloudia bezieht sich auf ‚mawlid‘, das Fest, mit dem die Geburt des Propheten gefeiert wird“, erklärt der 30-jährige Kacem, ein Mitglied der Verde Leone, der eigentlich anders heißt. „Die beiden Farben unseres Klubs, Grün und Rot, symbolisieren den Islam und das Blut der Märtyrer. Die Tradition des Widerstands wird von Generation zu Generation weitergegeben. Jeden Freitag demonstrieren wir gegen das Regime, nicht als Ultras, sondern als Bürger Algeriens.“

Mit ihrem antiautoritären Gemeinschaftsgeist, aber auch durch ihre Kultur übersteigerter Männlichkeit ziehen die Ultragruppen einen großen Teil der männlichen Jugend an. Beim jüngsten Pokalfinale im Mai 2018 fielen die Sprechchöre der JSK-Fans gegen das Regime, die Sicherheitskräfte und den Premierminister Ahmed Ouyahia außergewöhnlich heftig aus. Einige Monate später beeindruckten die gut organisierten Fangruppen das ganze Land, als sie auf den Demonstrationen stolz die Trikots ihrer Mannschaften trugen und ihre regimekritischen Gesänge anstimmten. Seit Beginn der Proteste haben sich die Ultragruppen Algiers außerdem zu „khawa“ („Brüdern“) erklärt und ihre sportlichen Rivalitäten beigelegt, um ihre Kräfte im Kampf gegen die Machthaber zu bündeln.

Besonders deutlich wurde dies am 14. März. Im Stadion des 5. Juli 1962 in Algier war an diesem Tag das Spiel zwischen USMA und MCA angesetzt, auch das „Derby der verfeindeten Brüder“ genannt. Viele der Fans beider Mannschaften leben in denselben Stadtvierteln, in der Kasbah und in Bab El Oued. Die Begegnung ist für die Leidenschaft auf den Rängen und für die spek­takulären Choreografien der Fans bekannt.

Diesmal jedoch war alles anders: Am Morgen des Spieltags tauchte an den Häuserwänden ein Aufruf der MCA-Fans auf: „Man geht auf keine Hochzeit, wenn die Mutter krank ist“, hieß es dort. „Boykottiert die Tribüne, im Interesse des Landes und des Klubs! Wir rufen alle Fans dazu auf, unserem Weg zu folgen und sich nicht entzweien zu lassen. Morgen werden wir auf die Straße gehen und Algerien anfeuern!“

Bei Anpfiff waren drei Viertel der 80 000 Plätze im Stadion leer – ein Novum in der Geschichte des algerischen Fußballs. „Wir haben die geplante Choreo abgesagt, weil das Regime das prächtige Schauspiel auf den Rängen bei vorherigen Derbys instrumentalisiert hat, um ein falsches Bild der so­zia­len Realität im Land zu zeichnen“, gibt einer der Gründer von Ouled El Bahdja zu Protokoll.

Besitzer und Präsident von USMA ist seit 2010 Ali Haddad, ein steinreicher Geschäftsmann, der dem Bouteflika-Clan nahesteht. Von den Fans wurde er nie akzeptiert. Seit dem 3. April sitzt er in Untersuchungshaft, nachdem er wenige Tage zuvor bei dem Versuch, über die algerisch-tunesische Grenze das Land zu verlassen, verhaftet worden war. Bis zu seinem Rücktritt am 28. März war Haddad Präsident des größten algerischen Arbeitgeberverbands. Unter anderem war er 2015 in einen großen Korruptionsskandal im Zusammenhang mit dem Bau der Ost-West-Autobahn verwickelt. Im Song „Ultima Verba“ („Letzte Worte“), den Ouled El Bahdja ein paar Tage vor dem ersten Protestmarsch online stellte, heißt es: „Die Zeit gehört uns. Der Staat wird fallen, zusammen mit denen, die die Autobahn gebaut haben!“

1 Siehe Akram Belkaïd und Lakhdar Benchiba, „Wer entscheidet in Algerien?“, LMd, April 2019.

2 Nationales Statistikamt, Algier, September 2018.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Mickaël Correia ist Autor von „Une Histoire populaire du football“, Paris 2018.

Le Monde diplomatique vom 09.05.2019, Mickaël Correia