Blatt der Elite

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„The Economist“ – eine Erfolgsgeschichte von Alexander Zevin

Die Printmedien sind in der Krise. Während Auflagen, Abonnentenzahlen und Werbeeinnahmen zurückgehen, lassen die erhofften Erlöse durch die Onlineausgaben auf sich warten. Die Situation ist allenthalben schwierig. Nicht aber für das Londoner Wirtschaftsmagazin The Economist.

Zwar verzeichnet auch der Economist seit einiger Zeit rückläufige Kioskverkäufe, aber der langfristige Erfolg des Blatts ist mittlerweile selbst eine unendliche Medienstory, vor allem in den USA, wo mehr als die Hälfte seiner Leser leben. Als Chefredakteur Bill Emmott 2006 seinen Abschied nahm, fragte sich ein Kommentator im National Public Radio leicht verwundert, wie eine Wochenzeitschrift mit einem „einschläfernden Namen“ und „bisweilen esoterischen Inhalten“ es schaffen konnte, in den USA 2005 ihre Auflage um 13 Prozent zu steigern, was sonst nur noch Boulevardblättern wie US Weekly und Star gelungen war. Und als der Economist für 2010 eine Gesamtauflage von 1,42 Millionen meldete (davon 820 000 in den USA, zehnmal so viel wie 1982), überschlugen sich die Kommentaren vor Bewunderung.

Die New York Times führte den Erfolg des vergleichsweise teuren Magazins auf eine clevere Vermarktungsstrategie zurück. Der klare weiße Schriftzug auf rotem Grund im Titel spreche ambitionierte Leser an, und das Heft eigne sich als Statussymbol für Leute, die gern zu den Gutbetuchten gehören wollen.1 „Es ist einsam an der Spitze, aber da gibt’s wenigstens was zu lesen“, lautete ein Werbeslogan aus dem Jahr 2007.

1991 behauptete James Fallows in einem der wenigen negativen Artikel über den Economist, dieser verkaufe nur alte Weisheiten an US-Akademiker, die sich von dem britischen Duktus und dem „aufgemotzten Oxbridge-Stil“ einlullen ließen. Zutreffender ist sicher sein Hinweis auf die Klassenzugehörigkeit der Leser, die offenbar in ausgesprochen gesicherten Verhältnissen leben: Sie zählen nicht nur in den USA3 , sondern auch weltweit zu den reichsten Konsumenten von Hochglanzmagazinen („jeder dritte Leser ein Millionär“). Zudem sind viele von ihnen ausgesprochen konsumfreudige Zeitgenossen: 2007 wurde auf der Economist-Website stolz gemeldet, dass 4,7 Prozent der Leser für eine Armbanduhr gut und gerne 3 000 Dollar hinlegen und dass mehr als 20 Prozent einen Keller mit Jahrgangsweinen besitzen. Das Magazin wird also von der Elite der freien Welt geschätzt und gelesen: von Unternehmern und Managern wie von Erstsemestern und offenbar auch von der erzkonservativen US-Politikerin Sarah Palin.

Dass der Economist sich auf dem US-Markt durchsetzen konnte, erklären kritische Stimmen sowie andere Zeitungsmacher, die auch gern so erfolgreich wären, mit dem besonderen Stil des Blatts. Übersehen wird dabei, dass eine Zeitung, die es schafft, selbst in schwierigen Zeiten zu wachsen, mehr braucht als journalistische Brillanz. Für ein Wirtschaftsmagazin, das die Weisheit des Markts feiert und für staatliche Interventionen nicht viel übrig hat, ist der Erfolg eine Bestätigung für die eigene politische Linie.

Tatsächlich wird der Economist im Allgemeinen so wahrgenommen, wie er sich selbst darstellt: als ein mit dem gesunden Menschenverstand argumentierender Repräsentant der „extremen Mitte“. Kürzlich hat ein Editorial, das die Politik der britischen Konservativen lobte, die Linie des Blatts etwas nüchterner formuliert: „Der Economist hält keiner Partei die Treue, aber er hält an seiner Voreingenommenheit für den Liberalismus fest.“

Das liberale Bekenntnis zeugt von einer seltenen Kontinuität, die bis ins Jahr 1843 zurückreicht, in eine Zeit, als Großbritannien noch die einzige Industriemacht der Welt war. Gegründet wurde das Blatt von dem Hutfabrikanten James Wilson mit dem Ziel, gegen die „Corn Laws“ zu opponieren. Seitdem hat sich der Economist fast bis zur Erschöpfung dem Freihandel verschrieben. Die Protagonisten des Manchester-Kapitalismus sahen in den Getreidezöllen, mit denen das britische Parlament 1815 auf den Preisverfall bei Getreide reagiert hatte, seit Ende der 1830er Jahre eine doppelte Bedrohung: Die Zölle würden die Lebensmittel verteuern und damit die Lohnkosten hoch halten; und sie würden ihre Exporte behindern, denn der Rest der Welt könne britische Industrieerzeugnisse nur dann kaufen, wenn er im Gegenzug landwirtschaftliche Produkte an Großbritannien verkaufen könne. Die Corn Laws wurden 1846 aufgehoben.

Dass der Economist stilistisch eleganter und thematisch vielfältiger wurde, war das Verdienst seines zweiten Herausgebers Walter Bagehot. Der Verfasser des berühmten Buches „The English Constitution“ fügte dem Biss, für den das Blatt inzwischen bekannt war, die argumentative Eloquenz hinzu. Die regelmäßige Kolumne über die britische Innenpolitik wird bis heute unter dem Titel „Bagehot’s Notebook“ veröffentlicht. Und Walter Bagehots alte Forderung nach der Unabhängigkeit der Bank of England hat am Ende sogar dazu beigetragen, dass 1997 ein entsprechendes Gesetz beschlossen wurde.

Hier zeigt sich die einzigartige institutionelle Qualität des Magazins, zu deren Erhaltung auch die geteilte Besitzstruktur beiträgt. Die Mediengruppe Pearson hält über ihren Geschäftsbereich Financial Times Limited 50 Prozent der Aktien, hat also keine Kontrollmehrheit. Der Chefredakteur wird von den „Treuhändern“ eingesetzt, die lediglich sogenannte Trust-Aktien halten und keine Dividende beziehen. Diese Position haben in 169 Jahren nur 16 Personen bekleidet, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Regel Oxbridge-Absolventen waren.

Ein weiterer Grund für den Korpsgeist der Economist-Redakteure wird jedem Leser ins Auge fallen: Die Artikel erscheinen ohne Autorennamen. Die etwa 70 Journalisten, von denen rund 50 in der Londoner Redaktion sitzen, schreiben also anonym (Ausnahmen sind Gastbeiträge und die Abschiedsartikel ausscheidender Redakteure). Über Inhalt und Konzept der Hefte entscheiden die Mitarbeiter in einem ungewöhnlich demokratischen Prozess.

Die Redaktion residiert im todschicken Saint James im Bezirk Westminster, weitab von den Bankern und Brokern der Londoner City und auch vom Zeitungsviertel in der Fleet Street. Man kann sich leicht vorstellen, dass hier die Economist-Leser in einem privaten Club ausspannen, teure Weine, Zigarren oder angesagte Kunst kaufen, sich ihre Anzüge schneidern oder einen Spazierstock mit Monogramm anfertigen lassen. In dieser Enklave für den urbanen Gentleman ragt das Redaktionsgebäude auf, dessen brutalistische Architektur noch genauso subtil aufdringlich anmutet wie bei seiner Einweihung vor 48 Jahren. Die Stararchitekten Peter und Alison Smithson, von denen die Entwürfe für den Neubau kamen, sprachen damals von „einem didaktischen, einem nüchternen Bau“, und irgendwie wirken die drei unterschiedlich hohen Bürotürme wie eine Kritik und zugleich wie eine Bestätigung ihrer pompösen Umgebung.

Im Innern empfängt einen ein Labyrinth von engen Büroräumen. An diesem Montagmorgen ist Redaktionskonferenz beim Chefredakteur. Es ist eng, die Mitarbeiter sitzen, stehen oder lehnen an der Wand. Man beschließt die Aufmacher für die einzelnen Ressorts, reißt trockene Witze und fällt eine vorläufige Entscheidung über die Gestaltung der Titelseite. Bei meinem Besuch zählte ich etwa vierzig Journalisten, ungefähr ein Drittel Frauen, ein Viertel jünger als 30.

Böse Zungen behaupten, der Economist werde von anonymen frühreifen Zwanzigjährigen gemacht. Doch davon kann keine Rede sein: Die Mehrheit sind Männer in den mittleren Jahren, eine relativ neue Entwicklung, sagt Gideon Rachman, der fünfzehn Jahre lang Chefredakteur war und heute als Kolumnist für die Financial Times arbeitet: „In den frühen 1990er Jahren war der Economist ein Sprungbrett für ehrgeizige junge Journalisten, die ins Rampenlicht der Fleet Street wollten. Heute werden die Leute beim Economist deutlich besser bezahlt und der Job ist viel sicherer, deshalb stehen die Bewerber Schlange.“ Dadurch sei die Belegschaft zwar im Durchschnitt älter, aber insgesamt homogen geblieben, und das mache es leichter, eine gemeinsame Linie beizubehalten.

Aufgemotzter Oxbridge-Stil

Beharrlichkeit kann eine Stärke und eine Schwäche sein – was sich beim Economist seit der Finanzkrise 2008 besonders deutlich zeigt. Einerseits ist er gegen gewisse Formen der Hysterie immun: Als US-Finanzminister Hank Paulson um Beistand für seinen Bail-out-Plan für die Wall-Street-Banken bettelte, erteilte das Blatt nüchterne Ratschläge, wie auf den Zusammenbruch des Immobilienmarkts, den Rückgang der Investitionen, die rasant wachsende Arbeitslosigkeit und die volatilen Bondmärkte reagiert werden sollte. Der unaufgeregte Ton war Ehrensache: Man hatte das alles schließlich schon mal erlebt.

In ihren ersten hundert Jahren begleitete die Zeitschrift – die ja selbst ein Produkt der 1840er Hungerjahre war – die großen Krisen des Kapitalismus (von 1893, 1896 und der 1930er Jahre) wie deren Überwindung, dazu den Gründerkrach von 1873 in Wien und Berlin, die Bankenpanik von 1907, den US-Börsenkrach von 1929, die Währungskrise von 1931 (um nur einige große ökonomische Entgleisungen zu nennen). Ähnlich ereignisreich ging es nach 1945 weiter: mit dem Ende des in Bretton Woods beschlossenen Systems der festen Wechselkurse, den Ölpreiskrisen der 1970er Jahre und den darauffolgenden regionalen Krisen, die mit dem Rückgang des globalen Wirtschaftswachstums zusammenhingen.

Die Ratschläge des Economist in Sachen weltweiter Finanzkrise fielen zwar gewohnt selbstsicher aus, ihnen fehlte aber die inhaltliche Klarheit und Konsistenz. Und erstaunlicherweise waren sie weder konsequent liberal noch originell. So hat das Blatt die Bankenrettung, trotz grummelnder Bedenken gegen die falschen Anreize („moral hazard“), durchaus begrüßt. „Dies ist eine Zeit, in der man Dogmen und politische Kalküle beiseiteschieben und sich auf pragmatische Antworten konzentrieren muss“, mahnte der Leitartikel vom 9. Oktober 2008. „Und das bedeutet auf kurze Sicht mehr staatliche Eingriffe, als es Steuerzahlern, Politikern oder eben auch marktliberalen Zeitungen normalerweise lieb sein kann.“

Zwar sei damit zu rechnen, dass die Wähler „gegen das protestieren, was sie als Verschleuderung von Hunderten Milliarden Dollar an uneinsichtige Banker wahrnehmen, aber die Regierungen haben klug gehandelt. Ihren Bürgern blieb das schreckliche Schicksal erspart, das an die 1930er Jahre mit dem Sturm auf die Banken und den Menschenschlangen vor den Brotläden erinnert hätte.“ Denn kein Land der Welt und keine Wirtschaftsbranche wäre vor dem drohenden „finanziellen Herzinfarkt“ sicher gewesen.

Bereits im Januar 2009 hieß es dann aber, dass mit den Staatseingriffen Schluss sein müsse. So konnte man am 24. Januar 2009 lesen, Verstaatlichungen im Bereich des Wholesale Banking – die vor allem den Derivatehandel treffen sollen4 – würden das „Recht auf Eigentum“ untergraben, die Vetternwirtschaft begünstigen, Vermögen vernichten und das private Unternehmertum ersticken.

Die Empfehlungen der Redaktion waren vage, manchmal schwankend. Mehr Koordination sei nötig, vor allem innerhalb der Eurozone, um die Banken zu retten und die Ausbreitung der Staatsschuldenkrise zu verhindern. Am 9. Dezember 2010 lautete die Devise, man dürfe auf keinen Fall die Spekulanten an die Kette legen, die in mehreren Ländern die Zinsen für Staatsanleihen (und damit die Schulden dieser Länder) in die Höhe getrieben hatten. Der einzige konsistente Vorschlag – jenseits der geforderten Rückkehr zu fiskalischer Disziplin und, falls möglich, auch Lohnsenkungen – kam am 16. Dezember 2011 und betraf die Ausgabe von Eurobonds, um eine Kategorie neuer, unverdorbener Staatspapiere zu schaffen. Die Idee war allerdings vom Brüsseler Thinktank Bruegel abgekupfert. Mit der angeblichen Kühnheit ist es nicht mehr weit her.

Immerhin war im Economist schon ab Sommer 2010 zu lesen, welche politischen Voraussetzungen gegeben sein müssten, damit die Wirtschaft wieder wachsen könne. Mehr Schwierigkeiten hatte die Redaktion, die Ursachen der Krise zu erklären. In einem Leitartikel vom 20. September 2010 hieß es: „Schuld sind die Leute, die das System betreiben, und nicht das System selbst.“ Ein paar Monate vorher hatte es zur legislativen Blockade im US-Kongress geheißen, die Schuld dafür liege „eher bei Obama als im System“.

Was die Eurokrise betrifft, so verdammte man die Korruption von Berlusconi, beschuldigte Sarkozy, die Reformen in Frankreich vermasselt zu haben, und zeigte sich mit dem zähen Krisenmanagement à la Merkel weitgehend einverstanden. Als sich dann die Staatsschuldenkrise seit Frühjahr 2011 immer weiter ausbreitete, wurde die Merkel-Politik kritischer beurteilt, nicht aber die EU selbst oder ihre mangelnde demokratische Legitimation.

Im Oktober 2008 hatte der Economist kurz und knapp erklärt: „Der Kapitalismus ist das beste Wirtschaftssystem, das die Menschen bislang erfunden haben. Aber auf lange Sicht hängt sehr viel davon ab, wem die Schuld für die gegenwärtige Katastrophe zugeschrieben wird.“

Die Aufgabe der Redaktion bestand in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht darin, nachzufragen, sondern das System zu verteidigen. Und zwar mitsamt seiner alten Vorkrisenstrategie: niedrige Zölle, mehr Privatisierungen, weitere Schrumpfung des öffentlichen Sektors. Anfang 2012 stand sogar wieder die „Deregulierung der Finanzmärkte“ auf der Tagesordnung: Auf dem Cover der Ausgabe vom 7. Januar stand die Forderung – unter Anspielung auf die deutschen Luftangriffe von 1940: „Rettet die City“.

Wer den Economist liest, lernt immer etwas. Schon der Gründer James Wilson legte, nach Aussage seines Nachfolgers Walter Bagehot, den größten Wert auf klare und genaue Fakten, Zahlen, Tabellen und Schaubilder, die es Geschäftsleuten und den Politikern erleichtern sollten, informierte Entscheidungen zu treffen. Als erstes Blatt überhaupt veröffentlichte der Economist eine Liste der aktuellen Großhandelspreise. Bis heute bringt er auf mehreren Seiten die wichtigsten ökonomischen und finanziellen Kennziffern, aber auch Daten zur Emission von Treibhausgasen, Vorausschätzungen für das BIP wichtiger Länder, globale Kapitalbewegungen oder neuerdings den berühmten Big-Mac-Index, der einen groben Vergleichsmaßstab für die Kaufkraft verschiedener Währungen darstellt. Nur selten bietet der Economist hochaktuelle oder investigative Reportagen; seine Stärke war und ist die Lieferung der besten verfügbaren Zahlen und Fakten.

Die Vielfalt der Berichterstattung ist allerdings einzigartig. Keine andere Wochenzeitung bietet in einer einzigen Ausgabe so unterschiedliche Artikel wie über den elektronischen Handel in China, die Auswirkungen der Finanzkrise auf Las Vegas, Friedensverhandlungen im Nahen Osten, die Suche nach Leben auf dem Mars, ein neues Kunstmuseum in Katar und dazu einen Nachruf auf einen obskuren südafrikanischen Naturforscher, der von einem Krokodil gefressen wurde.

Der Economist hatte von Anfang einen enzyklopädischen Ehrgeiz, wie schon sein erster (nur kurz geführter) Titel zeigt: „The Economist, Weekly Commercial Times, Bankers’ Gazette & Railway Monitor. A Political, Literary, and General Newspaper“. Das Blatt hatte lange Zeit einen geringen Umfang, erst in den 1920er Jahren kam es auf 50 Seiten, die in den 1940er Jahren aufgrund der Papierknappheit wieder auf ein Dutzend schrumpften. Heute kommt eine normale Ausgabe auf über 100 Seiten. Allerdings sind die Artikel nach wie vor kurz, abgesehen von Sonderthemen, die als größerer Block (von bis zu 20 Seiten) in der Mitte des Magazins stehen.

Die Schwächen des Economist rühren weniger von der Kürze der Artikel als von einer notorischen Selbstgewissheit, die auch eine offene Auseinandersetzung mit seinen Kritikern verhindert. Paul Krugman zum Beispiel führt weiß Gott keinen Kreuzzug gegen das freie Unternehmertum, aber selbst er wird gelegentlich mit wütendem Furor als „plumper Keynesianer“, als „akademischer Volksheld der amerikanischen Linken“ oder als „Michael Moore für Intellektuelle“ bezeichnet.

Während vor zehn Jahren den frühen Globalisierungsgegnern noch vorgeworfen wurde, sie seien „geistlos“ und „egoistisch“ und wollten mit ihrem Protektionismus den aufstrebenden Entwicklungsländern den Weg aus der Armut verwehren, wird der aktuellen Occupy-Bewegung immerhin zugestanden, dass sie „zu Recht auf schwerwiegende Missstände“ hinweise.

Widerspruch wird beim Economist gern als ein Zeichen von Unreife abgetan. Das hat übrigens dazu geführt, dass er nach den ersten Demonstrationen in Tunesien am 6. Januar 2011 zu dem Schluss kam, die Studenten und Gewerkschafter könnten Präsident Ben Ali wohl kaum aus dem Sattel heben. Noch irritierender war das Porträt von Ben Ali, dem noch am 26. Februar bescheinigt wurde, er sei „den friedlichen Massen mit Zugeständnissen“ entgegengekommen. Allerdings hat der Diktator diese „Zugeständnisse“ dann erst nach 234 Toten und 510 Verletzten zugestanden.

Wenig Nachsicht hat das Magazin mit dem akademischen Betrieb und allem, was danach riecht. Hier ist seine Kritik manchmal überaus erhellend. So zum Beispiel der Bericht über die Vielzahl von Doktoranden und deren Ausbeutung durch die Universitäten, die sich auf diese Weise billige Arbeitskräfte und akademisches Prestige verschaffen.5 Die Schlussfolgerung aus all den interessanten Informationen – über die Relation von Abbrechern und Absolventen, globale Trends bei der Produktion von Dissertationen und die Gehälter von jungen Lehrkräften – lautete natürlich nicht, die Universitäten brauchen mehr Geld, um mehr Dozenten zu beschäftigen. Vielmehr plädierte der Artikel dafür, einfach weniger Doktoranden auszubilden. Ab und zu leistet sich die Redaktion auch miese Pointen, etwa wenn sie im Nachruf auf Tony Judt (12. August 2010) den Philosophen Louis Althusser als „verrückten marxistischen Gattenmörder“ abserviert.

Der Economist war vermutlich nie die perfekte Mischung aus ökonomischem, sozialem und politischem Liberalismus, wie sein gegenwärtiger Chefredakteur John Micklethwait gegenüber der US-Leserschaft gern behauptet. Historisch ging der Freihandel schließlich den anderen Dimensionen der Freiheit voraus, und für die sozialen und politischen Errungenschaften mussten die Menschen häufig einen hohen Preis bezahlen.

Eine der sympathischen Seiten des Blatts ist die Abneigung gegen sentimentale Argumente, obwohl die von ihm verordnete Freihandels-Arznei nicht immer wirksamer, geschweige denn humaner war. Zum Beispiel machte Wilson gegen ein Verbot des Handels mit Sklavenhalterstaaten geltend, dieses würde einerseits den britischen Konsumenten wie den Sklaven schaden und andererseits für das Ende der Sklaverei nicht viel bringen. Auch auf die Große Hungersnot in Irland (1845 bis 1849) reagierte Wilson wieder nur mit seinem Plädoyer für den Freihandel. Als diese Politik – samt der erhofften Agrarreform – gescheitert war, warf er den Iren in seiner Zeitung Undankbarkeit vor und drängte auf eine repressive Politik.

Die Stimme des Liberalismus seit 170 Jahren

Mit der französischen Politik hatte der Economist seit jeher seine Schwierigkeiten. So begrüßte Bagehot 1851 die alles andere als liberale Machtergreifung Napoleons III. mit dem Argument, der französische Nationalcharakter, den er als „nervös, wankelmütig, oberflächlich, logikversessen und kompromisslos“ beschrieb, sei für die Feinheiten eines parlamentarischen Systems nach englischem Vorbild wenig geeignet. Allerdings begründete er die besondere Eignung der Engländer für das parlamentarische System mit deren „einmaliger Dummheit“, während er den Franzosen das Kompliment machte, ein wahrer Franzose könne gar nicht dumm sein, denn sein Wesen sei der Esprit.6

Von solchen kleinen Flecken auf der liberalen Weste einmal abgesehen hielt der Economist über das ganze 19. Jahrhundert an seinem dreifachen Credo fest: erstens langsame soziale Reformen, um das Feuer der Revolutionen, die sich 1848 auf dem Kontinent ausbreiteten, zu ersticken, zweitens Freihandel und drittens Frieden in Europa.

Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es beim Economist zwei wichtige Veränderungen. Die erste betrifft den politischen Ton und die intellektuelle Substanz: In den 1940er Jahren akzeptierte man den Sozialstaat – was einer Anerkennung dessen gleichkam, dass der alte Liberalismus von Mister Wilson ernste Mängel hatte. 1943 schlug der damalige Chefredakteur Geoffrey Crowther in einem Essayband (aus Anlass des hundertsten Geburtstags des Blatts) versöhnliche Töne gegenüber der Linken an: Der Laissez-faire-Liberalismus habe zu Ungleichheit und Unsicherheit geführt, die nur durch staatliche Interventionen korrigiert werden könne. Mit den Sozialisten streite man sich „nicht über ihre Ziele, sondern nur über die Methoden, mit denen sie die Ziele erreichen wollen“.7

Unter der Ägide der Chefredakteure Crowther (1938 bis 1956) und Tyerman (1956 bis 1965) präsentierte der Economist die größte Vielfalt an Talenten und Meinungen. Unter den vielen schreibenden Akademikern und Journalisten waren damals mehrere Emigranten aus den von den Nazis besetzten europäischen Ländern, darunter so unwahrscheinliche – und interessante – Autoren wie der marxistische Historiker Isaac Deutscher, der über Zentraleuropa und die Sowjetunion schrieb, und der Frankreichkorrespondent Daniel Singer.

Seit Mitte der 1960er Jahre rückte das Blatt mehr und mehr nach rechts. Heute vertritt es die Ansicht, dass der nach 1945 etablierte Wohlfahrtsstaat nur noch ein Wachstumshemmnis sei und dass die letzten sozialen Errungenschaften abgebaut werden müssten. Dabei hat es der Economist besonders auf die Gewerkschaften abgesehen. So argumentierte er am 6. Januar 2011, für die Sanierung der Staatshaushalte reiche es nicht aus, den Angestellten im öffentlichen Dienst die Pensionen zu kürzen und ihr Renteneintrittsalter zu erhöhen, man müsse vielmehr im „Krieg gegen die Gewerkschaften des öffentlichen Sektors“ auch flexible Zeitverträge durchsetzen. Dieser Geist wäre vor fünfzig Jahren genauso unvorstellbar gewesen wie das dürftige sprachliche Niveau.

Am gravierendsten hat sich der Charakter der Zeitschrift allerdings im Bereich der Außenpolitik verändert. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach sich der Economist zwar für das britische Empire aus, das er für eine kluge Einrichtung hielt, äußerte sich aber nur selten chauvinistisch. Imperialisten wie Cecil Rhodes oder Austen Chamberlain wurden wegen ihrer hemmungslosen Verschwendung von Staatsgeldern regelmäßig attackiert. In der Zwischenkriegszeit setzte er sich leidenschaftlich für die Stärkung des Völkerbunds ein, dem auch Deutschland, Russland und die Vereinigten Staaten beitreten sollten. Zwischen 1919 und 1939 erschienen 150 Artikel, die für Abrüstung und eine gemeinsame Sicherheitspolitik eintraten.8

Das änderte sich schlagartig in der Zeit des Kalten Kriegs. Ein Wendepunkt war dabei paradoxerweise die britisch-französische Invasion der Suezkanalzone 1956, gegen die das Blatt anschrieb – allerdings nicht so sehr aus Überdruss an imperialen Abenteuern als vielmehr aufgrund einer neuen Unterwürfigkeit gegenüber den USA.9 Damit wurde die unverbrüchliche transatlantische Loyalität zum außenpolitischen Leitfaden des Economist, der prompt vom Pazifismus zur Kriegsbegeisterung umschwenkte.

Seitdem hat die Redaktion den USA noch in jedem wichtigen Konflikt den Rücken gestärkt, vom Vietnamkrieg über den Golfkrieg von 1990/1991 und den Balkankrieg bis zum Einmarsch in den Irak und in Afghanistan. Sie hat Barack Obamas Truppenverstärkungen in Afghanistan ebenso begrüßt wie die Entscheidung, in Pakistan zunehmend unbemannte Drohnen einzusetzen. Auch in Sachen Nordkorea und Iran befürwortetet sie die harte Linie der US-Regierung, während sie der UNO regelmäßig stümperhaftes und bürokratisches Agieren bescheinigt.

Noch einseitiger ist die Berichterstattung über Lateinamerika, vor allem über die Länder mit linken Regierungen und insbesondere über Venezuela. Obwohl Hugo Chávez 13 von 14 landesweiten Wahlen gewonnen hat, schreibt das Blatt ständig über Befürchtungen, die das Land „immer schneller in Richtung Diktatur abgleiten“ sehen (Ausgabe vom 23. September 2010 und vom 5. Januar 2012). Als Quelle dienen dabei dieselben Oppositionsparteien und privaten Medien, die Chávez 2002 mit Unterstützung der USA aus dem Amt putschen wollten.

Das vielleicht deutlichste Anzeichen für die Übereinstimmung mit der US-Außenpolitik ist die Haltung des Blatts zum Fall Julian Assange und Wikileaks. Die Chance, für ein klassisch liberales Anliegen, nämlich die Presse- und Informationsfreiheit einzutreten, wollte der Economist offenbar nicht wahrnehmen. Die USA haben das Recht, hieß es in einem Artikel vom 9. Dezember 2010, Leute zu bestrafen, die ihre Geheimdokumente stehlen und veröffentlichen, auch wenn die sich als „digitale Jakobiner“ verstehen.

In gewisser Hinsicht hat der Economist den Liberalismus seiner jungen Jahre wieder entdeckt. Seine Auffassungen von der Rolle des Staats und der Weisheit der Märkte unterscheiden sich im Kern nicht sehr von denen seiner großen Chefredakteure des 19. Jahrhunderts. Aber heute kann das Blatt seine Steckenpferde nicht mehr offen pflegen. Der Liberalismus selbst hat sich gewandelt. Der offensichtlichste Unterschied zu früher ist die Nähe des Magazins zu den Positionen eines bestimmten Landes, nämlich den Vereinigten Staaten. Ohne sich dem Vorwurf des nationalen Chauvinismus aussetzen zu müssen, kann der heutige Economist kriegerische Unternehmungen gutheißen, deren (humanitäre, patriotische oder materielle) Rechtfertigung ihm früher so suspekt gewesen wären, dass er sie den eigenen Ministern nicht abgenommen hätte.

Entsprechend ist der derzeitige Chefredakteur, der seine Lehrjahre in US-Banken und -Nachrichtenredaktionen verbracht hat, ein Produkt dieser neuen editorischen Linie. Der Economist von heute sucht die Balance zwischen dem klassischen Liberalismus seiner Glanzzeit und dem aktuellen Neoliberalismus. Diese Variante der politischen Ökonomie verbreitet er 169 Jahre nach seiner Gründung überall auf der Welt, außer in Afrika – damit hat er seinen Einfluss weit über sein einstiges britisches Publikum hinaus ausgedehnt.

Fußnoten: 1 Jeremy W. Peters, „The Tends ist Sophisticated Gardens“, New York Times, 8. August 2010. 2 The Washington Post, 6. Oktober 1991. 3 Das Medianeinkommen der Economist-Leserschaft in den USA beträgt 166 626 Dollar pro Jahr, das der Wall-Street-Journal-Leser liegt mehr als 10 000 Dollar darunter. 4 Wholesale Banking umfasst den Handel an den internationalen Kapitalmärkten – in der Regel für Großkunden – mit Devisen, Aktien, festverzinslichen Wertpapieren und spekulativen Kapitalmarktprodukten wie Derivaten. 5 „The Disposible Adademic, Why doing a PhD is often a waste of time“, 16. Dezember 2010 (www.com/node/17723223). 6 Zitiert nach: Norman S. John-Stevas (Hg.), „The Collected Works of Walter Bagehot“, New York (Oxford University Press) 1986, Bd. IV, S. 81. 7 „The Economist: 1843–1943“, New York (Oxford University Press) 1944, S. 13–15. 8 Graham Hutton, „The Economist and Foreign Affairs“ (in dem Essayband von 1944, siehe Anmerkung 7). 9 Der Artikel „Channel Crossing“ vom 6. Oktober 1956 begründet die Kritik am Suez-Abenteuer folgendermaßen: Großbritannien und Frankreich seien nicht mehr mächtig genug, ihre kolonialen Angelegenheiten allein zu regeln. Jetzt müsse sich Europa auf die USA verlassen. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Alexander Zevin lehrt Geschichte an der University of California in Los Angeles.

Le Monde diplomatique vom 14.09.2012, von Alexander Zevin

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