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Werben um die Taliban

Mittlerweile reden sowohl Moskau als auch Washington mit der islamistischen Miliz in Afghanistan – mit unterschiedlichem Erfolg

von Georges Lefeuvre

Am 20. Dezember 2018 meldeten New York Times und Wall Street Journal, dass Donald Trump den Abzug von 7000 US-Soldaten aus Afghanistan beschlossen habe. Tags zuvor hatte der US-Präsident schon den Rückzug aus Syrien angekündigt.1

An jenem 20. Dezember trat auch Verteidigungsminister James Mattis zurück, zum Entsetzen der afghanischen Regierung und der US-Diplomaten in Kabul. Die Verlautbarung Trumps kam umso überraschender, als er im August 2017 – wenn auch zähneknirschend – zugestimmt hatte, die Militärpräsenz um 4000 Soldaten zu erhöhen.

Trotz aller Kritik hielt der Präsident an den Abzugsplänen fest, die er drei Tage später auf CBS in der ihm eigenen Art begründete: „Wir werden sehen, was mit den Taliban passiert. Sie wollen den Frieden, sie sind müde, ich glaube, wir sind alle müde. Wir müssen diese endlosen Kriege beenden und unsere Jungs wieder nach Hause holen.“

Damit waren auf einen Schlag nicht nur die Gewichte innerhalb der aus 38 Staaten bestehenden Anti-­Tali­ban-­Koa­li­tion2 verschoben, sondern auch die Rahmenbedingungen für den Dialog, den die USA seit Sommer 2018 mit Vertretern der Taliban in Doha führen. Mit seiner Entscheidung legitimierte Trump zugleich auch die Strategie Wladimir Putins, der die Taliban schon seit 2016 in die Gespräche mit Vertretern der afghanischen Gesellschaft einbezogen hat.

Trump hatte im September 2018 Zal­may Khalilzad zum US-Sonderbeauftragten für die Aussöhnung in Afghanistan ernannt, um den seit Juli mit den Taliban geführten Gesprächen neuen Schwung zu geben. Kha­lil­zad ist US-Amerikaner paschtunischer Abstammung. Als Abteilungsleiter im konservativen Thinktank Rand (Research and Development Corporation) hatte er Ende der 1990er Jahre mit den damals herrschenden Taliban über die Sicherheit der geplanten Gaspipeline Turkmenistan–Afghanistan–Pakistan–Indien (Tapi) verhandelt. Nach Beginn der US-Intervention in Afghanistan 2001 vertrat er Washington als Sonderbeauftragter und Botschafter in Kabul.

Der Verhandlungsführer war also fraglos gut gewählt. Aber worüber sollte er verhandeln? Auf den ersten Treffen von Juli bis Dezember waren die Taliban lediglich bereit, über einen Gefangenenaustausch zu verhandeln oder auch über die Namen, die von der US-Liste der gesuchten Terroristen gelöscht werden sollten. Alle weiteren Themen wollten sie erst diskutieren, nachdem Washington einen Plan zum vollständigen Rückzug der US-Truppen vorgelegt hätte. Offenbar ist Trump, um seinen guten Willen zu demonstrieren und schnell zu einem Abschluss zu kommen, dieser Forderung teilweise nachgekommen.

In Sachen Afghanistan ist es also eher Trump, der des Krieges „müde“ zu sein scheint, während die Taliban wieder an Terrain gewinnen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber aus verschiedenen Quellen lässt sich schließen, dass die Taliban mindestens 50 der 407 afghanischen Distrikte kontrollieren und in mehr als 200 die dominante politische Kraft sind.3 Demnach wären nur 38 Prozent des Territoriums unter der vollen Kontrolle der staatlichen Behörden verblieben. Und das, obwohl 2018 die meisten Luftangriffe seit dem Rückzug eines Großteils der Nato-Truppen im Dezember 2014 geflogen wurden. Nach Angaben des Oberkommandos der U. S. Air Force wurden 7362 Bomben und Raketen abgefeuert, 2017 lag die Zahl bei 4361 und 2015 bei 947.4

Die Kriegsmüdigkeit in Washington ist nachvollziehbar. Zwischen Oktober 2001 und Oktober 2018 sind 2401 US-Soldaten gefallen. Die Kosten des Unternehmens haben mittlerweile 900 Milliarden Dollar erreicht, sie übersteigen damit die Ausgaben für den Marshallplan. Und die Dauer des Einsatzes am Hindukusch, nämlich mehr als 6000 Tage, übersteigt die Gesamt­dauer des militärischen Engagements beider Weltkriege und des Koreakriegs.

Zudem ist die Moral der afghanischen Armee auf einem Tiefpunkt. Präsident Aschraf Ghani nannte im Januar 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Zahl, die bis dahin als Militärgeheimnis behandelt wurde: 45 000 Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte wurden getötet, seitdem sie Ende 2014 die Nato abgelöst hatten. Da die Gesamtzahl der seit 2001 gefallenen afghanischen Soldaten 58 596 beträgt, bedeutet dies ein gewaltiges Ansteigen der Opferzahlen.5

Die vierte Verhandlungsrunde, die Ende Januar 2019 in Doha abgehalten wurde, brachte lediglich die vage Erklärung, man werde den Waffenstillstand und den Truppenabzug weiter diskutieren. Außerdem soll weiter darüber gesprochen werden, ob die Taliban zusichern, dass von Afghanistan niemals eine terroristische Bedrohung für die USA ausgehen wird und dass sie einen Dialog mit der Ghani-Regierung aufnehmen.

Zalmay Khalilzad bleibt zuversichtlich und setzt auf den neuen Verhandlungsführer der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar. Der Mitbegründer der Bewegung setzt sich seit Langem für Verhandlungen ein. 2010 wurde er in Karatschi verhaftet und im Oktober 2018 auf Wunsch Washingtons freigelassen.

Die fünfte Verhandlungsrunde begann am 24. Februar. Am 28. waren Details des US-Rückzugsplans in der New York Times zu lesen.6 Das Pentagon schlägt vor, zunächst die Hälfte seiner 14 000 Soldaten abzuziehen. Die anderen 7000 sollen drei bis fünf Jahre lang nur zur Terrorbekämpfung eingesetzt werden, während die 8000 Soldaten der Koalitionspartner als Ausbilder der afghanischen Armee fungieren sollen.

Niemand weiß, ob das Pentagon diesen Plan vorab mit seinen Partnern abgesprochen hat. Die Regierung in Kabul fragt sich besorgt, ob Washington im Zuge des Abzugs auch die jährliche Unterstützung von 5,2 Milliarden Dollar reduzieren oder gar streichen könnte. In diesem Fall würde „das aktuelle Regime nicht überleben“, warnt der irische Afghanistanexperte Mi­chael Semple.7

Enge Verbindungen zu al-Qaida

Die Taliban lehnten den Plan rundweg ab. Sie fordern den vollständigen Rückzug aller ausländischen Truppen, der ihrer Ansicht nach technisch innerhalb von sechs bis acht Monaten abgewickelt werden kann. Damit verlief auch die fünfte Verhandlungsrunde ohne greifbare Ergebnisse, obwohl sie eine Woche länger dauerte als vorgesehen.

Alles hängt also vom Rückzug ab, und da der nicht zustande kommt, sind die Gespräche offenbar festgefahren. Die Taliban bestehen vor allem auf der Reihenfolge: zuerst Rückzug, dann Gespräche zwischen den afghanischen Parteien über einen Waffenstillstand und die Rechtmäßigkeit des Kabuler Regimes. Als Gegenleistung bieten sie an, die Verbindungen zu terroristischen Gruppen abzubrechen, die die USA bedrohen könnten.

Die heikelste Frage ist die Defini­tion der Bezeichnung „terroristisch“. Das Problem ist dabei nicht der „Islamische Staat“ (IS), den die Taliban auch bekämpfen, sondern al-Qaida, mit der sie enge Beziehungen pflegen. In der Tat hat Al-Qaida-Führer Mullah Ai­man al-Sawahiri dem Taliban-Chef Mullah Haibatullah Achundsada als „Anführer der Gläubigen“ Gefolgschaft geschworen.

Zum Triumvirat Achundsadas gehört auch Siradschuddin Haqqani. Dessen Netzwerk ist eng mit Al-Qaida-Zellen in aller Welt verbunden. Und zwar teils direkt, teils über die pakistanischen Tehrik-i-Taliban (TTP), deren aktive Mitglieder sich nach Afghanistan zurückgezogen haben, nachdem die pakistanische Armee sie aus der Region Wa­si­ristan vertrieben hatte. Diese Beziehungen lassen sich nur schwer auflösen. Aber einige Taliban-Anhänger kontern mit dem Hinweis, dass al-Qaida seit 17 Jahren keine Ziele mehr in den USA angegriffen hat.

Dieses Argument kann man lachhaft oder empörend finden, aber die Verhandlungsführer der Taliban wollen offenbar ihre Basis nicht brüskieren. Ihre Frühjahrsoffensive 2019 hat früher als sonst begonnen – während die Verhandlungen in Doha noch liefen. Bei Angriffen auf zwei Militärbasen in den Provinzen Helmand und Badghis am 28. Februar und am 11. März gab es fast 50 Tote; mehr als 40 afghanische Soldaten wurden gefangen genommen. Die Taliban wollen ihre militärische Stärke unter Beweis stellen, während die USA möglichst schnell dieser Hölle entkommen wollen.

Washington steht mit dem Rücken zur Wand. Außer einem Rückzug haben die USA nicht viel anzubieten. Unter diesen Voraussetzungen würde die kämpfende Basis der Taliban größere Zugeständnisse nicht akzeptieren, die nur zur Schwächung, wenn nicht Spaltung der Bewegung führen würden.

Wenn die USA diesen Krieg schon nicht gewinnen können, möchten sie ihn wenigstens nicht total verlieren. Da ihre Soldaten an den Kampfhandlungen beteiligt sind, müssen sie mit dem direkten Gegner verhandeln, also den Taliban. Das ist der Unterschied zu Russland, den zentralasiatischen Republiken, China und Iran, deren Hauptfeind der IS ist. Und mit dem führen sie vor allem einen Krieg der Zahlen.

Samir Kabulow, Putins Sonderbeauftragter in Kabul, spricht von 20 000 bis 30 000 Anhängern des IS in Afghanistan. Dagegen heißt es in einem Bericht von Experten des UN-Sicherheitsrats vom Oktober 2016, die Zahl der IS-­Kämpfer sei von 3500 auf 1600 gesunken.8 Die UN-Experten führen das auf die Neustrukturierung der Taliban unter dem neuen Chef Achundsada zurück. Doch die Anzahl der Zellen ist weniger wichtig als ihre Mobilität.

Aus der Sicht Putins haben die Taliban ein nationales Programm der Rück­eroberung, während der IS das Programm eines internationalen Terrorismus verfolgt, das Teile seines Einflussgebiets – Zentralasien und Tschetschenien –, aber auch China destabilisieren könnte. Das erklärt die Annäherung Russlands an die Taliban seit 2016. Kabulow hatte damals verkündet: „Die Taliban sind zu einer unumgänglichen politischen Kraft geworden, sie haben die Idee des globalen Dschihad aufgegeben.“9

Die Moskauer Konferenzen hatten von Anfang an einen multilateralen Rahmen unter Beteiligung von Ländern, die die Lage ähnlich beurteilten. Ende Dezember 2016 waren Russland, Afghanistan, Pakistan, Iran und China beteiligt, im Februar 2017 kamen die zentralasiatischen Republiken hinzu. Im April 2017 wurden auch die USA eingeladen; die allerdings nicht reagierten. Trump zog es vor, am selben Tag die „Mutter aller Bomben“, die berüchtigte GBU-43/B mit einer Sprengkraft von 11 Tonnen, auf Achin in der ostafghanische Provinz Nangarhar abzuwerfen.

Am 9. November 2018 organisierte Moskau die erste bilaterale Begegnung zwischen einer Taliban-Delegation aus Doha und dem Afghanischen Hohen Friedensrat, der von der afghanischen Regierung in beratender Funktion einberufen wird. Wenn man die beiden Verhandlungen als Konkurrenzprojekte betrachtet, liegt Putin vorn.

Nach der überraschenden Ankündigung des Teilrückzugs der US-Truppen machte er zwei weitere schlaue Schachzüge. Während die Gespräche in Doha zwischen zwei Sitzungen auf der Stelle traten, organisierte der russische Präsident mithilfe der afghanischen Dias­pora in Moskau am 4. und 5. Februar 2019 eine weitere Konferenz. Diesmal saßen sich die Taliban-Delegation aus Doha und eine afghanische Delega­tion der mächtigsten Gegenspieler von Präsident Ghani gegenüber, darunter Ahmad Sia Masud. Der ehemalige Vize­präsident unter Hamid Karsai (2004–2009) ist der Bruder des Mudschaheddin-Kommandanten und Nationalhelden Ahmed Schah Masud.

Mit Masud kamen der Vorsitzende der schiitischen Partei Hisb-i-Islami Wahdat (Partei der islamischen Einheit), Hadschi Mohammed Mohaqiq, und vier „historische“ Paschtunen: ein früheres Mitglied der royalistischen Partei Maaz; der Sohn von Sibghatullah Modschaddedi, der 1992 Interimsstaatspräsident war; der ehemalige Taliban-Botschafter in Pakistan; und Mohammad Hanif Atmar, Gegenkandidat von Ghani bei der nächsten Präsidentschaftswahl und bis August 2018 dessen Sicherheitsberater. Die Konferenz wurde vom ehemaligen Präsidenten Hamid Karsai geleitet.

Die Demütigung der gegenwärtigen Regierung war komplett, denn dieses Mal war auch der Hohe Friedensrat nicht eingeladen. Präsident Ghani sprach von „Verrat“ und erklärte, ohne Einbeziehung der legitimen Regierung sei kein Erfolg möglich. Alles lief so ab, als würde Putin den Rückzug der USA, fortgesetzte Niederlagen der afghanischen Armee, einen territorialer Vormarsch der Taliban und den Zusammenbruch des aktuellen Regimes bereits antizipieren.

Dennoch baute die Moskauer Konferenz behutsam Brücken. Karsai erstattete seinem Nachfolger Ghani Bericht über seine Mission und trat für die Idee einer innerafghanischen Verhandlungskommission ein. Am 4. März bekräftigte der russische Außenminister Sergei Lawrow bei einen Besuch in Katar, dass er bereit sei, den Dialog von Doha zu fördern. Tags darauf kam der usbekische Außenminister Abdulasis Kamilow nach Doha, um den Chef­un­ter­händler der Taliban, Baradar, zu begrüßen, mit ihm zu beten und ihm Investitionen in die afghanische Wirtschaft zuzusichern. Auf dem Rückweg besuchte er Kabul, um Präsident Ghani ungefähr das Gleiche anzubieten.

Tatsächlich hat das Regime in Kabul gute Gründe, sich ausgegrenzt zu fühlen. Deshalb berief Ghani die Große Versammlung, die Loja Dschirga, ein. Sie wird sich am 27. April versammeln und eine Kommission bilden, die alle Strömungen der afghanischen Gesellschaft vertritt und ein akzeptabler Gesprächspartner für die Taliban werden könnte. Einige Äußerungen der Moskauer Taliban-Delegation lassen vermuten, dass dies nicht völlig illusorisch ist.

Nach der letzten Konferenz gab es ein gemeinsames Kommuniqué. Darin steht, dass „der innerafghanische Dialog auf regelmäßiger Basis fortgesetzt wird“. Ziel sei es, „nach dem vollständigen Rückzug der ausländischen Kräfte und der Unterzeichnung eines Friedensvertrags“ grundlegende Reformen zu beschließen, „wobei alle afghanischen Ethnien berücksichtigt werden“. In dem Text heißt es weiter, dass „in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Islams soziale, ökonomische und politische Rechte für Frauen garantiert werden“.10

Reich an Kupfer und seltenen Erden

Bemerkenswert ist, dass die beiden Frauen in der Delegation, Fausia Kufi, Vizepräsidentin der Afghanischen Nationalversammlung, und Hawa Nuristani, Mitglied des Hohen Friedensrats, direkt mit der Taliban-Delegation gesprochen haben und dass der Chef der Delegation aus Doha, Mohammad Abbas Staniksai versicherte: „Wir wollen kein Machtmonopol und haben nicht die Absicht, ganz Afghanistan militärisch zu erobern; eine solche Dominanz würde keinen Frieden bringen.“11

Putin setzt also auf die Taliban und will letztendlich erreichen, was vor ihm die Briten und später die Pakistaner versucht haben: die Einsetzung eines ihm verpflichteten Regimes, um Afghanistan zu kontrollieren und zum Pufferstaat zu machen, der die russische Einflusszone vor Aufständen und Terror schützt.

Die Vertreter der afghanischen Opposition, die Putin nach Moskau einlud, gehören mehrheitlich zur früheren Nordallianz, die Ende 2001 die Macht eroberte hatte. Putin will verhindern, dass sie ihre Fehler von 1996 wiederholen, als sie die nichtpaschtunischen Volksgruppen des Nordens verprellten und sich international isolierten. Atta Mohammad Nur, der frühere starke Mann der Nordallianz, hat sich mittlerweile ähnlich geäußert: Man müsse „den Weg des Friedens“ finden, also zunächst eine Übergangsregierung bilden, die die Taliban einbezieht und transparente Wahlen organisiert.12

In Afghanistan droht ein neues „Großes Spiel“, wie der historische Konflikt (1813–1947) zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien genannt wurde. Am 4. Dezember 2014 hatte der neu gewählte Präsident Ghani auf der Afghanistankonferenz in London verkündet: „Entweder wir werden zum Knotenpunkt der Integration in Asien, oder wir werden zu einer Sackgasse und die Geschichte wird uns vergessen.“ Damit benannte er das ewige Dilemma seines Landes, das stets zwischen mächtigeren Reichen eingeklemmt war.

Afghanistan verfügt über beträchtliche Rohstoffvorkommen, darunter Kupfer, Kobalt, Gold und das kostbare Lithium. Nach einer Schätzung der US-Behörde United States Geological Survey soll es in der Provinz Helmand im Süden mehr als 1 Million Tonnen seltener Erden geben. Die Kupfermine von Mes Ainak südlich von Kabul soll die zweitgrößte der Welt sein. Studien zeigen, dass die Gasreserven im Norden, an der Grenze zu Turkmenistan, zwanzigmal größer sind als die sowjetischen Schätzungen aus der Besatzungszeit (1979–1989). Hinzu kommen die Erd­öl­vor­kommen von Herat im Westen, Helmand im Süden und Paktia im Osten, die insgesamt auf 5 Milliarden Barrel geschätzt werden: enorme Energie­reserven für ein Land, das kaum 2 Mil­lio­nen Barrel im Jahr verbraucht.

Afghanistan spielt auch eine zen­tra­le Rolle in den chinesischen Plänen einer „Neuen Seidenstraße“. Projekte für Gasleitungen, Straßen und Schienen liegen in der Schublade, werden jedoch wegen der chronischen Unsicherheit selten verwirklicht. Das Projekt Tapi liegt schon seit mehr als zwanzig Jahren auf Eis.

Von den am Friedensprozess von Moskau beteiligten Ländern gehören alle – außer Turkmenistan – zur Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Natürlich gibt es auch innerhalb der SOZ Rivalitäten und Tricksereien, vor allem zwischen China mit seinen gewaltigen In­ves­ti­tions­mit­teln und der Russischen Födera­tion, die zwar ärmer ist, aber in den ehemaligen Sowjetrepubliken noch immer großen Einfluss hat. Noch größer sind die Spannungen zwischen Indien und Pakistan, die im Juni 2017 Mitglieder geworden, aber in jüngster Zeit erneut militärisch aneinandergeraten sind.

Doch immerhin umfassen die SOZ-Länder 45 Prozent der Weltbevölkerung – und vier Atommächte. In der SOZ werden 22 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, auf ihrem Territorium lagern mehr als 30 Prozent der bekannten Weltreserven an Erdöl und Erdgas. Die zunehmende Anziehungskraft der SOZ verstärkt den Eindruck, dass der Westen das Zepter langsam nicht mehr in der Hand hat.

Was den möglichen Rückzug der US-Truppen angeht, sind die genaue Zahl und der logistische und zeitliche Ablauf noch unbekannt. Man kann nur hoffen, dass keine unüberlegte Ak­tion Donald Trumps in Afghanistan ein neues Chaos anrichtet, das eine massive Rückkehr der Taliban begünstigen würde.

Beunruhigte Beobachter sind auch die anderen Nachbarländer. In Neu-­Delhi befürchtet man, dass der indische Einfluss auf Kabul schwindet. Dagegen ist Pakistan mit dem Doha-Prozess ganz zufrieden. Iran wünscht sich zwar das politische Scheitern der USA, aber wahrscheinlich nicht um den Preis einer Rückkehr der Instabilität vor seiner Haustür. China wiederum hat nicht nur Interessen in Afghanistan, sondern auch in Zentralasien und Pakistan, dem es im Falle eines Konflikts mit Indien zur Seite stehen wird.

Die ökonomischen und strategischen Interessen der an diesem ­neuen „Großen Spiel“ beteiligten Länder liegen weit auseinander. Kein Wunder also, dass die internationalen und regionalen Konferenzen nach 17 Jahren noch immer Mühe haben, den Weg zum Frieden zu finden.

Diese Konstellation und der endlose Kriegszustand in Afghanistan sind der Grund, warum Kabul, Washington und Moskau heute die Taliban anflehen, Friedensverhandlungen zu akzeptieren. Man muss die politische Ideologie der Taliban kennen und sich die Karte ihrer Machtzentren auf dem afghanisch-pakistanischen „Paschtunengürtel“ ansehen, um zu verstehen, dass hier seit Jahrhunderten eine Wunde schwärt, die ein perfekter Nährboden für den internationalen Terrorismus war.13 Kabul und Islamabad sind beide mit dem vergifteten Erbe des Kolonialismus belastet. Sie sollten sich unverzüglich an einen Tisch setzen und auch die benachbarten Völker einbinden.

1 Siehe Tanya Goudsouzian, „Auf Kosten der Kurden“, LMd, Januar 2019.

2 Die wichtigsten Mitglieder der Koalition neben den USA (nach Truppenstärke): Deutschland (1 300), Großbritannien (1 100), Italien (895), Georgien (870), Rumänien (733), Türkei (593), Tschechische Republik (357), Polen (303), Australien (300), Mongolei (233). Siehe „Resolute Support Mission (RSM): Key facts and fi­gures“, Nato, www.nato.int.

3 Die optimistischste Einschätzung stammt vom US-Sonderinspektor für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar), siehe: „Quarterly report for the US Congress“, Sigar, Arlington (USA), 30. Januar 2019, www.sigar.mil. Die pessimistischste von der Website Long War Journal, siehe: Bill Roggio und Alexandra Gutowski, „Mapping Taliban control in Afghanistan“, Long War Journal, www.longwarjournal.org.

4 „Combined Forces Air Component Commander 2013–2018“, U. S. Air Force Central Command, Washington, D. C., 31. Dezember 2018.

5 Neta C. Crawford, „Human cost of the Post-9/11 Wars: Lethality and the need for transparency“, Watson Institute, Providence (USA), November 2018.

6 Siehe Thomas Gibbons-Neff und Julian E. Barnes, „Under peace plan, US military would exit Afghanistan within five years“, The New York Times, 28. Februar 2019.

7  Is there hope for peace in Afghanistan?“, al-Dschasira, 18. Januar 2019, www.aljazeera.com.

8 „Letter dated 4 October 2016 from the Chair of the Security Council Committee established pursuant to resolution 1988 (2011) addressed to the President of the Security Council“, UN-Sicherheitsrat, 5. Oktober 2016, www.undocs.org.

9 „Exclusive interview with Russian diplomat Zamir Kabulov“, Anadolu, 31. Dezember 2016, www.aa.com.tr.

10 Syed Zabiullah Langari, „Joint declaration issued after Moscow talks“, Tolo News, 6. Februar 2019, www.tolonews.com.

11 Secunder Kermani und Sami Yousafzai, „Taliban ‚not seeking to seize all of Afghanistan‘ “, BBC News, 6. Februar 2019, www.bbc.com.

12 „Taliban, Afghan opposition hold Moscow talks with­out government“, al-Dschasira, 5. Februar 2019, www.aljazeera.com.

13 Siehe Georges Lefeuvre, „Afghanische Patrioten“, LMd, Oktober 2010.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Georges Lefeuvre ist Anthropologe, war Berater der ­Europäischen Union in Pakistan und arbeitet beim französischen Thinktank Institut de relations internationales et stratégiques (Iris).

Was wann geschah

17. Juli 1973 General Mohammed Daud Khan stürzt die Monarchie und ruft die Republik aus.

27. April 1978 Staatsstreich von Nur Muhammad Taraki und seiner Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA).

14. September 1979 Ministerpräsident Hafizullah Amin schaltet Präsident Taraki aus und nimmt seinen Platz ein.

24./25. Dezember 1979 Einmarsch sowjetischer Truppen, die das Land besetzen. Beginn des Kriegs gegen die von den USA unterstützten Mudschaheddin. Amin wird durch Babrak Karmal ersetzt.

30. September 1987 Mohammed Nadschibullah (DVPA) wird zum Präsidenten gewählt.

14. April 1988 Genfer Abkommen zwischen Michail Gorbatschow und der afghanischen Regierung über den Rückzug der sowjetischen Truppen, der am 15. Februar 1989 abgeschlossen wird. Beginn des Bürgerkriegs zwischen Regierungstruppen und Mudschaheddin.

April 1992 Sturz der Regierung. Beginn des Bürgerkriegs zwischen verfeindeten Milizen der Mudschaheddin.

26./27. September 1996 Die Taliban gründen das Islamische Emirat Afghanistan auf Grundlage der strikten Anwendung der Scharia.

9. September 2001 Der Kommandant der Nordallianz, Ahmad Schah Masud, wird von zwei Al-Qaida-Mitgliedern er­mordet. Nach den Attentaten vom 11. September beginnen die USA eine ­Offensive gegen die Taliban.

5. Dezember 2001 Petersberger Konferenz in Bonn. Hamid Karsai, ein früherer CIA-Mitarbeiter, wird Interimspräsident. Einsatz der Internationale Afghanistan-Schutztruppe (Isaf) unter dem Kommando der Nato.

4. Januar 2004 Annahme der neuen Verfassung Afghanistans, die eine is­lamische Republik begründet. Karsai wird zum Präsidenten gewählt.

22. Juni 2011 Beginn des Rückzugs der französischen Nato-Truppen, der Ende 2014 abgeschlossen wird.

5. April 2014 Der frühere Ökonom der Weltbank Aschraf Ghani wird zum Präsidenten gewählt. Der Krieg dauert an.

Februar 2016 Beginn eines multilate­ralen Friedensprozesses in Moskau.

Februar 2018 Beginn des Dialogs zwischen den USA und den Taliban in Doha.

Le Monde diplomatique vom 11.04.2019, Georges Lefeuvre