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Rumänien auf der Kippe

Rumänien auf der Kippe

Am 1. Januar 2019 hat Rumänien die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Ein Stimmungsbild aus dem fernen Osten der Europäischen Union, wo die Hälfte des nutzbaren Bodens von ausländischen Investoren bewirtschaftet wird, die Kluft zwischen Stadt und Land immer größer wird und ein krimineller Parlamentspräsident die Fäden zieht.

von Mathias Greffrath

Sibiu, das ehemals siebenbürgische Hermannstadt, ist hübsch durchrenoviert. Im Brukenthal-Museum am großen Markt kann man den ästhetischen Niederschlag der rumänischen Geschichte vom Osmanischen Reich über die K.-u.-k-Monarchie bis zum real­existierenden Sozialismus studieren: auf dem Gang osmanische Teppiche, die jahrhundertelang in den protestantischen Kirchen Siebenbürgens hingen; in der Beletage Cranach, Van Dyck, Antonello, Tizian, einst vom österreichischen Gouverneur gesammelt; ein Stock höher die Natur­idyllen einer Bauernnation, deren aristokratische und intellektuelle Eliten stets nach Westen blickten. Im Zentrum des Museums überraschend der bethlehemitische Kindermord, in der Fassung von Jan Brueghel dem Jüngeren; eine weitere hängt in Wien, die vom älteren Brueghel in London. Aber nur in der rumänischen Fassung werden die Kinder ermordet, die westlichen Va­rian­ten, auch das Original im Buckingham Pa­lace, sind entschärft – da wird nur geplündert und politisiert.

Aus den steilen ziegelgedeckten Dächern von Sibiu wachsen eigentümliche Belüftungsluken. Sie sind wie Augenschlitze geformt, und wirklich: Man fühlt sich von ihnen beobachtet. Sie sind zum Logo der Protestbewegung geworden: „Wir sehen euch“. Jeden Tag Schlag zwölf versammeln sich in Sibiu wie an anderen Orten 30 bis 40 Menschen vor der Parteizentrale der Sozialdemokraten, Junge, Alte, Männer, Frauen, bei jedem Wetter. Bis zum nächsten Glockenschlag stehen sie dort, einige tragen Schilder, aber die meisten stehen nur da, still und stumm. Jeden Tag zur Mittagszeit eine Viertelstunde, auch sonntags. Am 11. Dezember 2018 demonstrierten sie dort zum 365. Mal; um das Jubiläum zu feiern, dauerte die Manifestation diesmal zwölf Stunden, am Ende sangen sie „We will rock you“ von Queen.

Bürger beobachten Politiker. Bürger? Das Bild, wie sie da vor den Fenstern der Macht stehen, allein mit ihren Körpern Widerstand bezeugend, es rührt, macht mitleidig und traurig. Es ist eine Demonstration der Resignation und Ratlosigkeit. Hier formt sich keine machtvolle politische Opposition, die gibt es in Rumänien nicht, und schon gar keine linke. Hier steht „das Volk“, das keiner der Parteien im Parlament mehr traut, das in den dreißig Jahren nach dem Ende des Ceau­șes­cu-Kommunismus erlebt hat, dass die Opposition, kaum ist sie an der Regierung, genau so korrupt ist wie die gerade abgewählte, und dass auch die Demonstrationen von Hunderttausenden, die seit Januar 2017 gegen die Demontage des Rechtsstaats protestieren, nichts verändert haben.

Ich wähle Kövesi – das war ein häufiger Slogan auf den Demonstrationen, die seit zwei Jahren den Rhythmus der rumänischen Innenpolitik markieren. Laura Kövesi, die 45-jährige Chefin der Antikorruptionsbehörde DNA, die in den letzten sieben Jahren mehr als 10 000 Fälle bearbeitet und mehr als 3000 Gerichtsurteile herbeigeführt hat. Seit sie die Behörde leitete, brachte diese allein zwei ehemalige Ministerpräsidenten und deren Stellvertreter, elf amtierende und ehemalige Minister, 50 Abgeordnete und etliche Bürgermeister und Medienoligarchen vor Gericht; in fünf Jahren wurden rund 2 Milliarden Euro aus Bestechung und Geldwäsche beschlagnahmt. Am Ende aber ist auch Laura Kövesi den Intrigen und juristischen Winkelzügen der „regierenden Partei“ erlegen, die seit Jahren in einem hartnäckigen Stellungskampf mit dem Verfassungsgericht und dem honorig-konservativen, aber nicht immer kampfbereiten Präsidenten Johannis die Kriterien für kriminelle Bestechung aufweichen will.

Sozialdemokratie nennt sich die regierende Partei – weswegen sie unbegreiflicherweise in ihren Wahlkämpfen auch von deutschen Sozialdemokraten unterstützt wurde. Faktisch ist sie ein Konglomerat von Altkommunisten und Klien­tel­gruppen, autoritär geführt von Parteichef Liviu Dragnea, der aufgrund einer Vorstrafe wegen Wahlmanipulation zwar Parlamentspräsident, aber nicht Minister oder Regierungschef werden darf. Seine Karriere als Lokalfürst, Multiunternehmer und Pate liest sich wie ein B-Picture aus Al Capones Chicago. Allein 2018 eröffnete die brasilianische Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Geldwäsche gegen ihn, im Juli wurde er in Bukarest wegen Veruntreuung zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weiterhin wird wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt – aber alles das hindert ihn nicht daran, in der Regierung die Fäden zu ziehen, nach Belieben Minister zu ernennen oder abzuberufen, seine Kritiker als Stalinisten, Landesverräter oder Folterknechte zu beschimpfen. Seit Anfang 2017 hat das Land drei Regierungschefs und 71 Minister kommen und gehen sehen. Und Brüssel zeigt sich regelmäßig „besorgt“.

Im Juni 2018 ließ Dragnea 200 000 Provinzler mit Bussen und Bahnen nach Bukarest transportieren. In weißen Hemden demonstrierten sie gegen die Justiz, gegen den angeblichen „Parallelstaat“ von DNA und Geheimdienst, gegen die Einmischungen der EU in die inneren Angelegenheiten und gegen den landesverräterischen Präsidenten – ein Aufmarsch, der an die inszenierten Aufmärsche der Ceaușescu-Zeit erinnerte. Acht Wochen danach wurde eine große Gegendemonstration blutig niedergeknüppelt; seitdem steuert die PSD in immer engeren Kurven auf ein Amnestiegesetz für Korruption zu. Ein kritisches EU-Memorandum im vergangenen November hat die nationalistische, von Verschwörungstheorien durchsetzte Demagogie der regierenden Partei eher noch angeheizt. Doch trotz aller medialen Unterstützung hat sich die Zustimmung zur PSD halbiert; 80 Prozent der Rumänen wollen, dass der Kampf gegen die Korruption fortgesetzt wird.

Bogdan versucht sich als Biobauer

An den Rändern der Partei springen die ersten Dissidenten ab, die Koalition mit den Liberalen hat keine Mehrheit mehr im Abgeordnetenhaus, aber noch kann sie regieren: Die Opposition ist zersplittert und schwach, gelähmt, weil selbst verstrickt in Korruption oder, so wie die „Union zur Rettung Rumäniens“, eine Ansammlung von Technokraten, Professoren, Literaten, halb liberal, halb konservativ, ohne eine verbindende Idee außer dem Kampf gegen die Korruption, aber ohne die skrupellose Raffinesse Dragneas, der im nächsten Jahr Präsident werden will. Dafür braucht er die Amnestie, sein letzter Ausweg wäre eine Notverordnung, über die im Dezember viel geredet und geschrieben wurde, aber die würde das Land an den Rand des Bürgerkriegs bringen.

Dragneas Macht stützt sich auf ein Mafia-system aus Loyalität und Bestechung. Er besorgt den Bürgermeistern und Regionalfürsten das Geld, mit dem sie für Wählerstimmen sorgen. Auch deshalb mochte die Regierung die EU-Förderprogramme nicht besonders: Sie konnte die Mittelgabe nicht kontrollieren; viele Gelder wurden nicht abgerufen. „Die alten Kommunisten sind im Altersheim, und ihre Söhne regieren das Land“, erklärt mir lachend Barsan Ilarion, ehemals Buchhalter einer Agrargenossenschaft, eigentlich längst im Rentenalter und nun Direktor der „Lokalen Aktionsgemeinschaft“ in Agnita. „Wir haben lange mit dem Bürgermeister gestritten, weil der das Geld für seine ‚repräsentativen Baumaßnahmen‘ wollte.“ Überdies ist der Weg zum Brüsseler Geld mit viel Papier gepflastert, die Aktionsgruppen müssen alle relevanten Interesssengruppen einbeziehen, einen Projektplan entwickeln, immer wieder kommen Anträge zurück. Aber dann konnten sie schließlich in fünf Jahren 2,5 Millionen Euro verteilen: Geld für einen Traktor, eine Honigschleuder, einen Stall, Vieh und Saatgut, eine asphaltierte Dorfstraße.

Lauter Inseln der Werbung für Europa: Der Reiterhof in dem Dorf Apos etwa, der mit 200 000 Euro aus Brüssel entstand und bald Therapien für autistische Kinder anbieten will. Oder die Milchkühlanlage für 40 000 Euro, mit der sich Stoica und Aurel, er war früher Tierpfleger, sie Postbeamtin, mit 44 Kühen selbstständig gemacht haben – in einem Dorf, in dem die meisten ausgewandert sind. Diesem Roma-Ehepaar hilft schon wenig Geld, um zu bleiben, so wie dem jungen Bogdan Anghel: Er hatte eine Autowaschanlage, dann hörte er von Biolandwirtschaft, seine Schwester schenkte ihm das Große Buch vom Leben auf dem Lande, die alte Gebrauchsanweisung aus den Hippie-Siebzigern. Mit einem halben Hektar und zwei Kühen hat er angefangen, jetzt sind es drei Dutzend. Hätte er mehr Grünflächen, könnte er sogar Bioqualität liefern, aber es gibt kaum noch Land zu kaufen. Er zeigt nach Westen: „Da sind die Schweizer von Carpaten Meat. Sie züchten Angusrinder, vermarkten sie europaweit, kaufen die letzten Parzellen auf, um ihre Weiden zu vergrößern. Was 2002 noch Niemandsland war, ist nun weg. Vieles ging nicht mit rechten Dingen zu damals. Und für vieles ist es nun zu spät.“1 Carpaten Meat bewirtschaftet und verwaltet insgesamt 240 Quadratkilometer Weideland.

„Es gibt in jedem Dorf so einen Bogdan“, sagt Ilarion, während er uns zurück nach Agnita fährt, „aber es ist nicht einfach.“ Fünfzig Jahre Kommunismus hätten die Traditionen dieser selbstversorgenden ökologischen Landwirtschaft zerstört. „Die Dorfgemeinschaft gibt es nicht mehr. Jeder macht seins, es müssten völlig neue Strukturen aufgebaut werden. Aber das kann man nicht mit den EU-Mitteln schaffen. Dafür müsste der Staat die Anreize schaffen. Aber wir haben keinen Staat.“

Äcker wurden schon vor der Marktöffnung über Strohmänner von zumeist westlichen Investoren aufgekauft oder gepachtet. Seit 2014 dann im großen Stil: Ungefähr die Hälfte des nutzbaren Bodens ist inzwischen in den Händen von zumeist ausländischen Investoren – Agrarmultis aus Westeuropa und dem Nahen Osten oder Banken und Pensionsfonds. „Wachstum, soweit das Auge reicht“, so steht es etwa unter den blühenden Landschaften auf dem Prospekt der Firma Agrarius aus Bad Homburg. Wachstum heißt in solchen Prospekten: „Ackerland hat eine deutliche bessere Performance als die Financial Times Stock Exchange Hundred“; heißt: „die weltweite Nachfrage nach Nahrung lässt weiterhin steigende Preise erwarten“, heißt: „in Rumänien gibt es Chancen, die im westlichen Teil Europas weitgehend ausgeschöpft sind“, heißt: „die EU-Subventionen sind eine solide Basis für nachhaltige finanzielle Erträge.“

Immer noch kostet ein Hektar ein Viertel von dem, was man in Westeuropa zahlen muss, der jährliche Wertzuwachs beträgt bis zu 35 Prozent. Die Europäische Union zahlt 170 Euro pro Jahr Flächenprämie für jeden rumänischen Hektar, und das garantiert eine sichere Staatsrente für die Eigentümer von Agrarland. Selbst bei einem Hektarpreis von 5000 Euro – der Spitzenpreis in Spitzenlagen – gibt es mehr als 3 Prozent Rendite, auch wenn die ganze Ernte verdirbt, auch wenn der Eigentümer nur einmal mit dem Traktor über den Acker fährt. Das ist immer noch die Logik der destruktiven EU-Agrarpolitik. In Westeuropa haben wir die Zerstörung hinter uns – die ­Chance, in Ru­mä­nien eine ökologische, mittelständische Landwirtschaft aufzubauen, wurde von den Postkommunisten wahrscheinlich nicht einmal gesehen. Sie hatten kein Konzept außer einer schnellen Privatisierung der LPGs.

In Rumänien leben mehr Menschen auf dem Land als in jedem anderen EU-Land: 40, vielleicht sogar über 50 Prozent der Bevölkerung; aber nur die wenigsten sind Erwerbslandwirte. Die meisten halten sich gerade so über Wasser, mit ein, zwei Hektar, allenfalls zwei Kühen und ein paar Hühnern. Und so importiert das agrarisch reiche Rumänien Lebensmittel aus Westeuropa: holländische Tomaten ebenso wie deutsches Schweinefleisch: 2016 achtmal so viel wie 2015 – und das hat auch etwas damit zu tun, dass das deutsche Importfleisch billiger ist, nicht zuletzt wegen der rumänischen Wanderarbeiter in Westniedersachsen. 2017 exportierte Deutschland 129 700 Ferkel nach Rumänien.

„Um 1900 hatten wir wenige Großagrarier, viele kleine Selbstversorger und eine stagnierende Kultur, keine Vergangenheit also, zu der man gern zurück möchte“, meint Vintilă Mihăilescu. „Doch nun haben wir genau dasselbe wieder. Wir hätten etwas anderes tun können, aber jetzt ist das Land auf der Kippe.“ Der ehemalige Direktor des schönen Bukarester Bauernmuseums, ein freundlicher Ironiker, der keine falschen Hoffnungen weckt; ein zukunftszugewandter Realist, der in keine romantische Falle tappt, weder vom „Genozid am Bauerntum“ dröhnt noch wie Prinz Charles in gut gepolstertem grünen Konservatismus schwärmt: „Siebenbürgen hat den Schlüssel zur Rettung der Welt.“ Seine königliche Hoheit hat in Transsilvanien einige Häuser renoviert, vermietet Ferienwohnungen und setzt sich für den Erhalt des Kopfsteinpflasters ein. Nein, die Zukunft wird gemischt sein, ist Mihăilescus Hoffnung – und auch die kommt ihm noch utopisch vor. Am ehesten, so hat er in Fallstudien gefunden, funktioniert die Verbindung von Tourismus und regionaler Vermarktung. Nischenprodukte und eine Art Authentizitätsindustrie, Erlebnis-business für die dekadenten Mittelschichten Westeuropas? „Etwas Derartiges, ja“, lächelt der Anthropologe. „Ja. Es gibt keine Bauern mehr in Europa. Bei uns gibt es die letzten.“

3 bis 4 Millionen Rumänen haben seit 1989 das Land verlassen, die meisten dauerhaft. Das sind 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. In Deutschland allein leben eine Mil­lion Rumänen, im vergangenen Jahr sind 90 000 eingewandert. Die meisten sind gut integriert, sagt das deutsche Arbeitsamt, aber wegen der nie­dri­gen Löhne müssen viele ihren Lohn im Hartz-IV-System aufstocken. Es sind vor allem Facharbeiter und Ingenieure, die Rumänien fehlen, 30 000 Ärzte, 20 000 Pflegekräfte. Die Hälfte der Bauarbeiter ist weg, seit einiger Zeit arbeiten rund 5000 Viet­namesen auf rumänischen Baustellen. Der Anteil der Staatsbediensteten an den Beschäftigten beträgt unter 14 Prozent, der EU-Durchschnitt liegt bei 24, in Schweden bei 34 Prozent. Physisch heißt das: chronischer Mangel an Kliniken, Schulen, leistungsfähiger Verwaltung, Beratungsstellen aller Art.

Das Land ist auf der Kippe. Es ist noch nicht entschieden, was aus Rumänien wird, aus seiner Demokratie, aus seinen Bauern. Ob die Wanderung in die Wohlstandszonen Westeuropas das Land ausbluten, ob die nächste Wirtschaftskrise die autoritären Kleptokraten verführen wird, mit nationalistischer Rhetorik milden Faschismus zu installieren. Oder ob es doch noch gelingt, einen Plan B zu entwickeln. Es wird davon abhängen, ob genug Barsans und Bogdans und Ingenieure und Ärzte dableiben, oder NGOs wie „Leben geben“, die in drei Wochen 4 Millionen Euro gesammelt hat und eine Klinik für krebskranke Kinder baut. Aufgeklärte Bürger, die staatliche Strukturen schaffen in einem Land, das jetzt in einem merkwürdigen Nebeneinander verharrt: von Wachstumsregionen, die als Automobilzulieferer, Hightech-Dienstleister oder Agrarrohstofflieferanten doch abhängig von den westeuropäischen Wertschöpfungsketten bleiben – jedenfalls, solange die Löhne immer noch ein Sechstel der deutschen betragen; von immer noch kaum berührter Wildnis, in die Holzmultis und der Tourismus neue Schneisen schlagen, und von gut ausgebildeten Fachkräften und Ingenieuren, die aber auswandern wollen.

Es war schon immer so, sagen die Resignierten, wir sind eben eine Bakschisch-Gesellschaft, auf Ämtern, in Schulen, beim Arzt spielte der diskrete Umschlag schon immer eine Rolle. Fünfzig Jahre Kommunismus haben die öffentliche Moral zerstört, sagen die Liberalen. Vorher war es auch nicht besser, sagen die Realisten. „Aber vergessen sie bitte nicht, dass der Westen mitgespielt hat“, sagt mir einer aus den mittleren Etagen im Staatsdienst. „Um es mit unseren Bauern zu sagen: Die Regierenden beklauen uns, das ist seit Jahrhunderten so, aber jetzt klauen sie nicht von der Ernte, sondern vom Saatgut. Ich weiß nicht, ob wir schon so weit sind. Aber die ersten Millionen der Oligarchen wären ohne den Westen nicht zustande gekommen. Sehen Sie, 2007 wurden wir in die EU eingelassen. Und das waren die Eintrittskarten: 2004 ging die Ölförderung an die Österreicher, 2005 die Elektrizität an E.on und das Erdgas an Gaz de France, seit 2006 gehört die Banca Comercială zur österreichischen Ersten Bank. Okay, haben die alle gesagt, wir sind für euren Eintritt in die EU. Dann haben wir englische Fregatten gekauft, die Griechen bekamen die rumänische Telekom, die Heidelberger den Zement. Ach ja, Renault hat schon 1999 Dacia aufgekauft. Und dann, nachdem alle etwas davon hatten, waren alle für den Eintritt der Rumänen in den gemeinsamen Markt. Und einiges floss dann zurück. Das waren die ersten Millionen, und die sind ja bekanntlich die schwierigsten.“ Nach der Krise von 2008 wurde die ökonomische Landnahme vervollständigt. Das Land brauchte Kredite, 20 Milliarden wurden von IWF, Weltbank und Europäische Union gewährt – der Preis war die Deregulierung des Arbeitsmarktes: Mindestlöhne, Kurzzeitverträge, Schleifung des Tarifrechts. Die Gewerkschaften verloren an Macht, die Arbeit wurde billig, das Investieren lohnte sich.2

Die rumänische Wirtschaft wächst rasant. Städte wie Bukarest oder das siebenbürgische Cluj, das Zentrum der IT-Branche, boomen. Aber der Aufschwung beruht im Wesentlichen auf der Zulieferproduktion. Es wäre weniger prekär, wenn das Land einen leistungsfähigen Agrarsektor hätte (heute arbeiten immer noch 25 Prozent in der Landwirtschaft, die aber trägt nur 4,4 Prozent zum Sozialprodukt bei). Den aber kann man nicht gegen die Agrarpolitik der EU entwickeln, sondern nur in ihrem Rahmen.

Dacian kämpfte als EU-Agrarkommissar für Mindeststandards

Einer, der das versucht hat, ist Dacian Cioloș, der von 2010 bis 2014 Agrarkommissar in Brüssel, und von 2015 bis zum Wahlsieg der Sozialdemokraten Ministerpräsident einer Technokratenregierung war, einer der wenigen rumänischen Politiker mit dem Ruf, gänzlich korruptionsfrei und kompetent zu sein. In Brüssel hat er an der gigantischen Verschwendung der Flächensubventionen nicht rühren können, aber mit Hartnäckigkeit eine gewisse Bindung der Subventionen an ökologische Mindeststandards durchgesetzt.

Letztlich war die Agrarlobby stärker. „Aber das Bewusstsein hat sich geändert. Und selbst hier in Rumänien ist einiges passiert, um es leichter für die kleinen Produzenten zu machen. Sicher, die Supermärkte treiben die Preise nach unten, zum Beispiel mit importierten billigen Tomaten. Wir sollten ein Gesetz machen, das 50 Prozent lokale Produkte zur Norm macht. Vor allem aber müssten wir Landwirtschaftskammern einrichten, den regionalen Marktzugang organisieren, die Bauern beraten, Kleinproduzenten vernetzen.“ Landwirtschaftskammern, Unterstützung von Genossenschaften und tragfähige Familienfarmen – das steht auch auf der To-do-Liste des Landwirtschaftsministers, dessen junger, engagierter Staatssekretär Alexandru Potor schöne Vorträge halten kann über die Bewahrung der bäuerlichen Kultur, die ja mehr umfasse als nur die Lebensmittel. Und wenn man ihn fragt, warum ist das alles noch nicht längst passiert, zeigt Potor auf den langen schwarzen Konferenztisch. „Da liegen alle Projektunterlagen, und die liegen hier, damit ich dranbleibe. Ich verfolge jeden Vorgang selbst.“ Schlendrian? Er windet sich ein wenig: „Nein, wir haben gute Mitarbeiter, die waren schon immer da. Aber es verschwindet immer so viel auf dem Dienstweg.“

Dacian Cioloș treffen wir in einem kleinen Büro in der Straße, die nach Constantin Rosetti benannt ist, einem der großen liberalen Erneuerer des 19. Jahrhunderts, einer der Anführer der 48er Revolution. Es ist ein unauffälliges Haus, aber man kann unter dem abblätternden Putz die Eleganz einer Art-déco-Fassade erkennen. Zwei Verweise auf die gemeinsame Geschichte von West und Ost, über die Revolutionen, die den Kontinent durchzogen, von Nation zu Na­tion sprangen und wieder erloschen, und die politische Reaktion, die vielleicht schon immer internationaler war als die Demokraten und die Völker.

Cioloș ist kein antikapitalistisch Empörter. Landgrabbing sei nicht das große Problem – das meiste Land werde ja nicht verkauft, sondern verpachtet, reversibel, und einstweilen sei es doch besser, das Land werde bebaut, als dass es brachliegt. Nein, das Wichtigste sei es, Anreize zu schaffen. Viele Rumänen arbeiteten ja auf dem Land, aber eben in Italien. „Sie würden es hier tun, wenn es sich lohnt. Was wir brauchen, sind Vorschläge. Protest ist nicht genug.“ Dann lächelt er leise und sagt: „I am ready.“ Ein paar Tage nach unserem Besuch im vergangenen Frühjahr gibt er bekannt, dass er 2019 bei den Europa- und 2020 bei den Parlamentswahlen mit einer neuen Partei antreten werde: MRI – Gemeinsam Rumä­nien voranbringen. Aber die Gründung der Partei wurde mit juristischen Finessen verhindert, Fake News verbreiteten, Cioloș sei vom Ausland finanziert, der Sohn von George Soros etc. etc. Kurz vor Weihnachten umging Cioloș die Gegner und gründete mit Hilfe von Strohmännern „Plus“ (Partei der Freiheit, Einheit und Solidarität).

„Zwei Rumänien“, sagt Dan Tapalaga. „Auf dem Land herrscht nicht nur Armut, sondern funktionaler Analphabetismus. Die Leute kriegen 90 Prozent der Nachrichten aus dem Fernsehen, auch deshalb kann man sie schon mit 10 Euro bestechen. Und es gibt die urbanen, gut ausgebildeten und weit gereisten Jungen in den Städten. Die Kluft zwischen beiden wächst.“ Tapalaga hat lange das Nachrichtenportal hotnews geleitet. Als er die Verbindung eines US-Waffenlobbyisten zu Dragnea aufdeckte, drohten Schadensersatzprozesse und damit die Schließung der Agentur. Daraufhin gründete Tapalaga mit einem Kollegen die Agentur G4media. „Wir 40- bis 50-Jährigen sind wahrscheinlich die letzte Generation, die noch glaubt, dass die Nation wichtig ist.“ Er sei Pa­triot, deshalb interessiere er sich für Europa. „Meine Tochter ist zwölf, sie geht auf die englische Schule, will nach dort auswandern. Rumä­nien ist für sie nur eine Möglichkeit unter anderen. Aber wenn es hier hart auf hart kommt, kann ich mir auch vorstellen, zu gehen.“

Einstweilen kämpft Tapalaga mit Insiderinformationen und wütenden Kommentaren, zunehmend fatalistisch: gegen die Infiltration des Bildungswesens, gegen die drohenden Notverordnungen. Kritisiert den Präsidenten, der nicht aus der Deckung kommt. Spottet gegen den absurden Vorschlag des Innenministers Teodorovici, um der Abwanderung der Arbeitskräfte zu begegnen, könnte die Regierung doch die Erlaubnis, im Ausland zu arbeiten, auf fünf Jahre begrenzen: „demokratische Leibeigenschaft“. Tapalagas Hoffnung: „Die neue Generation unter dreißig, die haben keinen Kommunismus mehr in den Knochen, die konnten gehen, um zu lernen und zu arbeiten. Nicht nur die Akademiker. Diese Jungen fanden neue Orientierung in der Zivilisation des Westens. Und manche kommen jetzt zurück und spüren so etwas wie eine Mission.“

Die Intellektuellen, die Dichter, die Künstler – sie spielen schon lange nicht mehr die Rolle, die sie als Stichwortgeber der Opposition im Kommunismus hatten. Die Inseln des Widerstands aus der Wohnküche haben sich aus der Zwangssolidarität gelöst, als der gemeinsame Feind, die Diktatur, nicht mehr existierte. Natürlich gehe er demonstrieren gegen das Regime, sagt Mircea Cărtărescu, aber er sei kein politischer Schriftsteller. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn im letzten Band seiner „Orbitor“-Trilogie hat er mit wütender Kraft die Geschichte seines Vaters unterm Kommunismus und die Urgeschichte des Landes verschmolzen.

„Satiriker brauchen wir jetzt“, sagt Cărtărescu, aber das sei nicht sein Genre. Und dann formuliert er doch ein Desiderat, für das es noch keine Entsprechung in der Literatur gibt: „Die Bürger Europas müssten anerkennen und würdigen, dass sie Bürger zweier Welten sind: Bürger Europas und Bürger ihres Landes. Wir können nicht so werden wie die Amerikaner, wir sind verschieden. Aber wir teilen bestimmte Werte. Und das Kunststück bestünde darin, in diesen zwei Welten simultan leben zu können. Die Eigenarten und Werte der Länder, der Regionen, der Landstriche sollten nicht aussterben. Aus der Angst davor ziehen ja unsere Politiker und die in den anderen Visegrád-Staaten Honig. Auf dem flachen Land wird es eben als Diktatur wahrgenommen, wenn man auf einmal nicht mehr schlachten soll, wie man es seit Jahrhunderten getan hat, wenn man alles in Plastik einwickeln muss. Aber auch wenn es gelegentlich unangenehm ist, was aus Brüssel kommt: Der Tag des Eintritts in die Union ist der wichtigste nationale Feiertag für mich. Und das geht vielen so.“

Eine kleine schmuddelige Tafel hängt neben dem Brunnen am Rande der Bukarester Universität. Sie erinnert an den 22. Dezember 1989, an ein Opfer von Ceaușescus letztem Gefecht: „Hier starb er für die Freiheit.“ Kein Name auf dem Marmor. Hier bin ich mit dem jungen Lyriker Claudiu Komartin verabredet. Er hat ein Generationsgedicht geschrieben, eine böse Abrechnung mit der autoritären Vergangenheit, mit einem Vater, der verfault und hustet und viel zu langsam stirbt, darin der Satz: „Nur unsere Verzweiflung hält dich am Leben.“ „Wir kamen immer zu spät“, sagt Komartin. „Immer dann, wenn es vorbei war. Die Romantik fing bei uns 1875 an, der Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg und der Kapitalismus jetzt, wo er seinem Ende zugeht.“ Und dann die überraschende Volte: „Aber wir Rumänen könnten ein paar gute, verrückte Sachen nach Europa bringen.“ Zum Beispiel? „So etwas wie Optimismus.“

Funky Citizens nennen sie sich, sind zu fünft, verstehen sich als „Feuerwehr mit freundlichen Werkzeugen“, in einer unordentlichen, aber großbürgerlichen Etage am Rande der Innenstadt, in der die Reste einer Party, ein paar Fahrräder und Papierstapel eine muntere Installation bilden. Auf ihrer Website betreiben sie Faktencheck, widerlegen die gerade kursierenden Lügen, rechnen die öffentlichen Ausgaben nach, kritisieren die Gesetzentwürfe und die Geschäfte des Parteichefs Dragnea. Und dann zeigt mir Alina Calistru ein Kunstwerk: ein kompaktes Heft mit bunten, fröhlichen Tafeln zum Ausklappen: die Verfassung Rumäniens mit allem Drum und Dran. Die verteilen sie an Schulen und Jugendgruppen. Politische Hoffnung? Noch nicht, sagen sie. In die Politik gehen? Noch nicht. Auswandern? Auf keinen Fall.

Im Flugzeug zeigt mir der Ingenieur aus ­Iasi auf dem Handy die Fotos seiner Kinder und – aber das nur kurz – seiner schönen Frau. Er ist auf dem Weg nach Island. Wenn die Arbeit dort gut ist, hole ich sie nach, sagt er. Ich tue es für meine Familie. Sie sollen eine Zukunft haben.

1 Siehe Oliver Bottini, „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“, Köln (DuMont) 2017.

2 Crina Boros, „Zerschlagenes Recht“, Der Freitag, 27. Dezember 2017.

Mathias Greffrath ist Soziologe und Journalist. Dieser Artikel geht auf einen Beitrag zurück, den er im Rahmen seiner Deutschlandfunk-Reihe „Europäisches Handgepäck“ verfasst hat.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.01.2019, Mathias Greffrath