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Wiedersehenin Wigan

Auf seiner Reise durch Nordengland kam George Orwell 1936 auch in die Bergarbeiterstadt Wigan. Ein Jahr später erschien sein Bericht „The Road to Wigan Pier“ – ein Klassiker der Sozialreportage. Heute sind die Zechen von Wigan schon lange geschlossen und die Armut ist zurückgekommen.

von Gwenaëlle Lenoir

Darlington Street 22, Wigan, Lancashire: Mit der Beschreibung einer kleinen Pension beginnt ­George Orwells Reisebericht „The Road to Wigan Pier“1 , den Victor Gol­lancz erstmals 1937 in der sozialistischen Buchgemeinschaft Left Book Club veröffentlichte. Heute gehört Orwells Buch über das Leben und die Lage der Arbeiterfamilien in Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu den Longsellern der Penguin-Taschenbuchreihe Modern Classics.

Auf seiner Rundreise durch den armen Nordwesten Englands wohnte Orwell im Winter 1936 einige Tage bei den Brookers, die ihre schäbige Pension und eine ebenso schäbige Fleischerei für Innereien im Scholes-Viertel führten. Er schildert die Pfennigfuchserei der Brookers und das Elend ihrer Mieter, die ausgelaugt sind von der schmutzigen, schweren und schlecht bezahlten Arbeit im Bergwerk. Er beschreibt die „labyrinthischen Slums und dunklen, nach hinten gelegenen Küchen mit ungesunden, schnell alternden Menschen, die herumkribbeln wie Küchenschaben“. Für Orwell ist es „eine Art Pflicht, solche Orte hin und wieder zu sehen und zu riechen, besonders zu riechen, damit man nicht vergisst, dass es sie gibt; obwohl es vielleicht besser ist, nicht zu lange dort zu verweilen.“

Heute gibt es hier keine Fleischerei Brooker mehr. Auf einem benachbarten Grundstück erinnert eine verwitterte Gedenktafel an den Aufenthalt des Schriftstellers. Im Nieselregen ist die Darlington Street nicht besonders anheimelnd, aber auch nicht trostlos. Sie wirkt nur sehr lang durch die schnurgeraden Reihen zweistöckiger roter Backsteinhäuser, die sie säumen. In den winzigen Hinterhöfen rankt hier und da eine Kletterrose. Die Bürgersteige sind breit, sauber und von Bäumen beschattet. Bei näherem Hinsehen sind die Anstriche mancher Türen stärker abgeblättert als andere; hinter einigen Fenstern stehen Plastikblumen.

Früher gab es in vielen Erdgeschossen Geschäfte, heute sind die metallenen Rollläden meist heruntergelassen, die Schaufenster mit Holzbrettern vernagelt. Die wenigen geöffneten Läden sind Fastfood-Buden für Pizza, Hamburger und Kebab. Mit seinem frühlingsgrünen Ladenschild sticht nur ein Wettbüro hervor. Das Elend springt nicht ins Auge, und der im Buch geschilderten Frau würde Orwell hier heute sicher nicht mehr begegnen: „Sie wusste so genau wie ich, was für ein schreckliches Los es war, da in der bitteren Kälte auf den schmierigen Steinen eines Slum-Hinterhofs zu knien und einen Stock in einem verdreckten Abflussrohr hinaufzustoßen.“

Scholes ist aber immer noch arm. 2011 waren mehr als 17 Prozent der Einwohner auf staatliche Unterstützung angewiesen (der landesweite Durchschnitt liegt bei 13,5 Prozent) und 16 Prozent lebten in einer Sozialwohnung (in ganz Großbritannien sind es 9 Prozent).2 ­Scholes gehört zu den ärmsten Vierteln einer armen Gemeinde. Schon damals schrieb Orwell, „dass ganze Stadtteile von der Arbeitslosenunterstützung oder von der Wohlfahrt leben“. Heute möchte Barbara Nettelton vom gemeinnützigen Verein Sunshine House den Leuten beibringen, dass „es keine Schande ist, arm zu sein“. Die guten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren nur ein kurzes Intermezzo. Kohlebergwerke, Baumwollspinnereien und Stahlwerke liefen auf Hochtouren, London schuf den Wohlfahrtsstaat. „Als Kind brauchte ich keinen Wecker, ich hörte die Glocke des Textilwerks nebenan“, erinnert sich Nettle­ton. „Man konnte seinen Job am Morgen aufgeben und am Nachmittag einen neuen finden.“

„Das Erste, was man am Morgen hörte, war das Klappern der Holzschuhe von Fabrikarbeiterinnen auf dem Kopfsteinpflaster“, schreibt auch Orwell. Der pensionierte Arbeiter Les Bond erzählt über seine Heimatstadt Accrington, dreißig Kilometer von Wigan entfernt: „Das war ein pulsierendes Industriezentrum. Es gab Sägewerke, Textilwerke, Werkstätten und Bergwerke. Früh und abends knirschten die Arbeiterstiefel auf dem Weg zur Arbeit und zurück. In den 1960er Jahren konnten die Arbeiter Kredite aufnehmen, um Häuser zu kaufen. Das ist alles vorbei. Die ganze Industrie ist weg.“ De­in­dus­tria­li­sie­rung, Globalisierung, Neoliberalismus: Die Region zwischen Liverpool, Manchester und Sheffield hat sich von den Zechenschließungen unter der konservativen Thatcher-Regierung (1979 bis 1990) nie wieder erholt.

„Das Scheitern des Bergarbeiterstreiks von 1984/85 war ein harter Schlag für die Arbeiterklassse“, berichtet Gareth Lane von der Branchengewerkschaft Bakers, Food and Allied Workers’ Union (BFAWU). Gareth ist zwar viel zu jung, um selbst dabei gewesen zu sein, aber die Apathie nach diesem letzten großen Streik in Großbritannien3 ist ihm vertraut. Von der industriellen Bastion ist nichts übrig geblieben. Bis auf Veteranen und Gewerkschaftsaktivisten scheint sich niemand mehr daran zu erinnern.

„Die Bergwerke, die Bergleute? Ich bin erst dreißig, was kann ich Ihnen darüber schon erzählen?“, sagt ein junger Autoverkäufer, der sich im Bergmannsklub von Astley ein Bier gönnt. Vielleicht hat er noch nicht einmal auf die Teller geachtet, die hinter ihm an der Wand hängen. Auf einem steht der Satz: „Despite pitfalls, s­ome good, some bad, I’m proud to be a mining lad“ – den man so übersetzen könnte: „Mal fährt man mit Freud, mal mit Schmerzen ein und ist doch stolz, ein Bergmann zu sein“. In der Mitte die drei Berufssymbole Helm, Holzpantinen und Stirnlampe. Orwell, der sich selbst ein Bild von den Zuständen in der Grube machte, beschreibt den Stolz der Bergleute und ist voller Bewunderung für die „prächtigen Männer“, die sich in die Kohlenhölle wagen.

In Wigan selbst hat der Autor allerdings keinen guten Ruf. Gleich nach dem Erscheinen seines Berichts wurde ihm Schwarzmalerei vorgeworfen. Jerry Kennan, ein arbeitsloser Bergmann, Gewerkschafter und Orwells „Berater“, hatte damals behauptet, der Schriftsteller habe seine erste Pension verlassen, weil sie ihm nicht schäbig genug war, und sei deshalb zu den Brookers gezogen. Es wird allerdings gemunkelt, dass Kennan das Gerücht nur in die Welt gesetzt hat, weil er beleidigt war, dass er kein Exemplar mit Widmung bekommen hatte. In Orwells Tagebuch steht jedenfalls, dass ihn die plötzliche Erkrankung seiner ersten Vermieterin in die Fleischerei geführt habe. Wie dem auch sei: Die Legende ist hartnäckig, wird bis heute gern zitiert und soll vor allem dazu dienen, Orwells Bericht als von der Geschichte überholt in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Brian, Sohn, Enkel und Urenkel von Bergleuten, treffen wir in einem Pub in Accrington. Er hat Geschichte studiert und wollte Historiker werden. Heute arbeitet er Vollzeit in einer Verandafabrik und macht sich darüber lustig: „Sieben Jahre Geschichtsstudium, und wohin führt das? Hierher!“ Er meint trotzdem, dass er noch Glück gehabt hat. Seine Schulfreunde, wie er um die dreißig, sind entweder weggezogen, arbeitslos oder prekär beschäftigt. „Die Enkel der Füller, die halbnackt in dem von Orwell beschriebenen Bergwerk arbeiteten, sind heute Arbeitslose oder Arbeiter mit ‚Nullstundenvertrag‘! Der Unterschied zu Orwell ist, dass es keine Arbeit mehr gibt. Aber die Armut ist geblieben! Sie hat sich hier festgesetzt.“

Ein paar gepflegte Fußgängerzonen in den Stadtzentren von Wigan, Sheffield oder Accrington ändern nichts daran, dass die Armut den alten Industriestädten aus allen Poren quillt. Es ist das Land der Ein-Pfund-Läden: Poundland, Poundstretcher, Poundworld, dazu die Secondhandläden der Heilsarmee. Cash Shops oder Cash Converters verkaufen Computer, Schmuck und gebrauchte Telefone, die Leute in Geldnot als Pfand hinterlegt haben. Anstelle des schwarzen Kohlenstaubs, der damals über allem lag und der Orwell in seinen Bann zog, bleibt der Blick an den bunten Schaufenstern hängen, die umso greller für Sonderangebote werben, je schlechter die Qualität der Waren ist.

Bestimmt würde der Schriftsteller heute über die BrightHouse-Läden schreiben, die Möbel und Haushaltsgeräte vermieten oder gegen Ratenzahlung verkaufen. Diese zwielichtigen Geschäfte befinden sich mitten in den Stadtzentren, gegenüber dem Rathaus von Accrington oder vor dem großen Einkaufszentrum in der Fußgängerzone von Wigan. Stammkunden sind nach Einschätzung der britischen Finanzbehörden die Ärmsten und Bedürftigsten.4

Das Prinzip ist einfach: Je ärmer du bist, desto mehr zahlst du

Die BrightHouse-Läden versuchen gar nicht erst, den Schein zu wahren. Die Farbe an den Fensterrahmen blättert ab, der Teppichboden ist abgewetzt. Bei den Waschmaschinen, Flachbildschirmen, Elektroherden oder Sofas, die man hier least, findet man keine großen Marken. Aber die Zinssätze sind der blanke Wucher: nie unter 69,9 Prozent im Jahr. Eine Waschmaschine mit einem Fassungsvermögen von 6 Kilogramm kostet zum Beispiel 180 Pfund, aber die meisten BrightHouse-Kunden können diese Summe nicht auf einmal zahlen.

Das Prinzip ist einfach: Je ärmer du bist, desto mehr zahlst du, und zum Schluss wird es sehr teuer. Wer sich nur eine Rate von umgerechnet 3,40 Euro pro Woche leisten kann, hat nach drei Jahren 530 Euro für dieselbe Waschmaschine ausgegeben. Oder der Fernseher für 374 Euro – bei einer wöchentlichen Rate von 5,70 Euro zahlt man am Ende 889 Euro. Die Versicherung kommt noch dazu. Aber der Handel floriert: In ganz Großbritannien gibt es 270 BrightHouse-Filialen. Tausende Familien schließen dort Kaufverträge ab. Die Geschichte von Lissa, 25 Jahre, violett gefärbtes Haar, Piercing und Sporthose, ist nur eine von vielen.

Lissa, die ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, hatte noch nie einen richtigen Job. Als sie mit 17 zum ersten Mal schwanger wurde, diagnostizierte man bei ihr die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn. Sie bekommt eine Invalidenrente von umgerechnet 342 Euro, die zweiwöchentlich überwiesen wird, plus monatlich 342 Euro Krankengeld. Lissas Lebensgefährte bekommt pro Woche 250 Euro Arbeitslosengeld. Sie wohnen mit ihren vier Kindern in einer Sozialwohnung, für die ohne Nebenkosten 91 Euro pro Woche anfallen. „Als der Herd den Geist aufgab, brauchte ich einen neuen“, erzählt Lissa. „Ich ging zu BrightHouse, und dann habe ich mir auch noch einen 42-Zoll-Fernseher aufschwatzen lassen.“ Zwei Jahre lang zahlten sie wöchentlich 34 Euro für die beiden Geräte ab. Doch dann gab es unvorhergesehene Ausgaben, eine Rate wurde nicht gezahlt und damit erlosch auch der Versicherungsschutz. Noch bevor sie alle Raten abgezahlt hatten, ging der Fernseher kaputt.

Solche Fälle kennt Pastorin Denise Hayes von der St Barnabas Church in Wigan zuhauf. Das Kirchengebäude ist durch zwei große Türen geteilt. In der einen Hälfte finden die Gottesdienste statt, die andere dient als Gemeindezentrum. Es gibt kostenlos Kaffee und Tee, eine Sitzecke mit Sofas, einen Billardtisch, Kinderspiele und einen kleinen, billigen Lebensmittelladen. Jeden Nachmittag kommen Eltern mit ihren Kindern hierher, Arbeitslose oder prekär Beschäftigte, Alkoholiker und Drogensüchtige oder einfach nur einsame und verzweifelte Menschen – mehr oder weniger die gesamte 3600-Seelen-Gemeinde von St Barnabas ist hier schon aufgekreuzt. „Als ich vor viereinhalb Jahren in dieses Viertel kam, war die Lage schon schlecht. Heute ist es schlimmer. Schon früher war es schwierig zu sagen, was das Hauptproblem ist: fehlende Arbeitsplätze, prekäre Jobs, niedrige Löhne, der Mangel an Qualifikation und Ausbildung? Jetzt haben die Behörden dem ganzen Elend noch eins draufgesetzt: die Sozialhilfereform.“

Der Universal Credit ist eine Sozialhilfe, die einmal pro Monat ausgezahlt wird und sechs separate Unterstützungen ersetzen soll, von Arbeitslosen- und Wohngeld über die Invalidenrente bis zur Familienhilfe. Manche Gelder wurden jede Woche, andere monatlich oder alle 14 Tage überwiesen, das Wohngeld ging direkt an den Vermieter. Die seit 2013 von der konservativen Regierung schrittweise eingeführte monatliche Einmalzahlung ist sehr umstritten. Sie passe sich nicht den Bedürfnissen der Betroffenen an, sei schlecht organisiert und fehleranfällig.

Tony, alleinerziehender Vater von vier Kindern, muss demnächst zum Universal Credit wechseln und hat panische Angst davor: „Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das schaffen soll“, erzählt der seit acht Jahren arbeitslose Landarbeiter. „Ich habe so schon Probleme mit meinen Kindern, die immer irgendetwas haben wollen.“ Tony bekommt jeden Montag 250 Euro, „davon gehen 107 Euro direkt an den Vermieter.“ Er kauft die billigsten Lebensmittel für die Familie, „vor allem Burger, Kartoffeln und Nudeln“, aber am Ende der Woche wird es trotzdem knapp.

Orwells Arbeiter bezahlten ihr Gas direkt am Zähler, in den sie die Pennys reinsteckten. Dafür benutzt Tony heute eine Prepaid-Karte. „Früher bekam ich eine Rechnung, aber dann hab ich einmal vergessen zu bezahlen, da hätte man mir fast das Gas abgedreht. Mit dieser Karte verbrauche ich nur das, was ich mir an Gas und Strom leisten kann.“ Wenn er lächelt, sieht man seine vielen Zahnlücken: „Manchmal ist es im Haus eben kalt.“

Pfarrerin Hayes weiß, dass 90 Prozent ihrer Gemeindemitglieder das so machen, sie kann Tonys Befürchtungen nur bestätigen: „Der Übergang zum Universal Credit ist total chaotisch. Hier leben viele Menschen seit Jahren von Sozialhilfe. Einmal monatlich eine größere Summe zu bekommen, überfordert sie. Aber das Schlimmste sind die Übergangsfristen zu dieser Einmalzahlung. Über einen Zeitraum von fünf, ja sogar von zehn oder elf Wochen bekommen die Leute gar nichts. Also nehmen sie ein Darlehen auf. Wenn sie Glück haben bei Freunden, sonst bei Wucherern. Es ist ein Teufelskreis: Sie werden es nie schaffen, da wieder rauszukommen.“

Wenn dann noch die „Spare Room Tax“ fällig wird, die 2013 gleich nach ihrer Einführung in „Bedroom-Tax“ umbenannt wurde, ist die Not groß: Eine Familie mit zwei Kindern wohnt in einer Sozialwohnung mit drei Schlafzimmern. Wenn der Älteste auszieht, wird das Wohngeld um 14 Prozent reduziert. Mit zwei Zimmern „zu viel“ wird die Hilfe um 25 Prozent gekürzt. Oder wenn man zwei Mädchen oder zwei Jungs hat, geht das Amt selbstverständlich davon aus, dass sie sich ein Zimmer teilen.

„Damit wollen sie die Leute dazu bringen, ihre Wohnung gegen eine kleinere einzutauschen“, erklärt Hayes. „Aber es gibt nicht genug Sozialwohnungen, deswegen ziehen die Leute nicht aus.“ Nicht wenige Mieter geraten in den Rückstand und werden irgendwann geräumt. „Diese Menschen sind vielleicht chaotisch, aber die Verwaltung macht es nur noch chaotischer. Man könnte glauben, das geschieht mit Absicht!“, schimpft die Pastorin.

Hier und anderswo, heute wie in den 1930er Jahren macht die Hilfe, und sei sie noch so gering, den Empfänger zum Schmarotzer. „Der Mittelstand sprach noch von ‚faulen, müßigen Taugenichtsen, die stempeln gehen‘, und meinte, ‚diese Leute könnten alle Arbeit finden, wenn sie wollten‘“, schrieb Orwell 1936. „Wir streichen allen, die sich weigern zu arbeiten, die Sozialhilfe“, verkündete David Cameron im Wahlkampf 2010.

Arbeitslosenhilfe zu beantragen und auch zu behalten, ist ein wahrer Hindernislauf. David ist um die dreißig und Buchhalter. Er hat heute noch Albträume von den fünfzig bis hundert Seiten langen Formularen, die er ausfüllen musste, und von den unverständlichen, indiskreten Fragen: „Für die Höhe deiner Unterstützung schauen sie genau hin, wo du wohnst und ob und mit wem du Kinder hast. Dann entscheiden sie, was du brauchst. Manchmal reicht das, was sie dir bewilligen, nicht einmal fürs Essen oder die Busfahrscheine, um zu einem ihrer Termine oder zu einem Bewerbungsgespräch zu fahren!“

David arbeitet 16 Wochenstunden in Nettletons Sunshine House. Er muss nachweisen, dass er die restlichen 18 Stunden immer auf der Suche nach einer Vollzeitstelle ist. „Ich schulde dem Jobcenter 34 Wochenstunden“, seufzt der junge Mann. Orwell schrieb 1936 über den „means test“, mit dem die gesamten Einnahmen eines arbeitslosen Haushalts überprüft wurden. Er wurde 1931 eingeführt und war „zwischen den Weltkriegen eine der meistgehassten Institutionen“.5

Und wie ist es heute? „Ich habe viele Pa­tien­ten, die an diversen psychischen Erkrankungen und sogar schweren Depressionen leiden“, erzählt der Allgemeinmediziner und Unidozent Aneez Esmail. „Manche bekommen seit zehn Jahren eine Invalidenrente. Auf einmal sagt ihnen das Amt, sie könnten arbeiten und sollten sich eine Stelle suchen! Aber diese Menschen sind dazu gar nicht in der Lage!“

Ian war 35 Jahre Gabelstaplerfahrer. Eines Morgens wachte er auf und konnte sich nicht mehr rühren. „Arthritis“, diagnostizierten die Ärzte. Seither ist er Invalide. „Am Anfang haben sie mich in Ruhe gelassen. Jetzt sind sie plötzlich der Meinung, ich kann arbeiten, weil meine Arme nicht gelähmt sind! Ich sollte eine Ausbildung zum Bürokaufmann machen. Einen Computer kannst du ja auch mit Krücken bedienen“, spottet er. Jetzt arbeitet er im Rahmen dieser Ausbildung als Freiwilliger hinter dem Empfangstresen von Sunshine House. Ian ist über fünfzig. „Wenn eine Firma meinen Lebenslauf liest, mit der Behinderung und meinem Alter, winken sie gleich ab!“

Wie viele seiner Kollegen mit Migrationshintergrund hat Doktor Esmail lange in den ärmsten Vierteln gearbeitet, in die kein weißer Arzt einen Fuß setzen würde. Im Sprechzimmer und bei den Hausbesuchen bekommt er mit, wie sich das Elend und die Armut seit 2008 verschärft haben. Über die Arbeitslosenquote von 4 Prozent im August 2018, mit der sich die konservative Regierung selbst lobt, kann er sich nicht freuen. „Ich habe noch nie so viel Ungleichheit und so große Not gesehen. Als ich studierte, waren die Bergarbeiter in Sheffield stolz und hatten Hoffnung für ihre Kinder. Heute haben manche Patienten nicht mal genug Geld, um das Begräbnis für ihre Eltern zu bezahlen. Die meisten leiden unter der Arbeitslosigkeit oder schlecht bezahlten Jobs.“

Die Bergwerke, Spinnereien und Stahlwerke sind verschwunden. Heute arbeitet man in Wigan, Sheffield, Accrington oder Manchester in den Lagern großer Onlineunternehmen oder in Fastfood-Restaurants. Unqualifizierte Tätigkeiten, meistens für den Mindestlohn von 8,94 Euro brutto pro Stunde. Jill, 53, hat beschlossen, sich bei Amazon zu bewerben. Sie findet zwar die niedrige Entlohnung bei sehr langer Anfahrt unerträglich – „wegen der Budgetkürzungen gibt es weniger Busse, ich muss zweimal umsteigen und brauche für eine Strecke anderthalb Stunden“ –, aber es ist ein Vollzeitjob. Immer noch besser als die „Nullstundenverträge“, auf die sie in den letzten Jahren abonniert war.

„Nullstundenverträge“ wurden in den 1990er Jahren zuerst von McDonald’s eingeführt und haben sich seit der Krise von 2008 fest etabliert. Sie sind nicht gesetzlich geregelt, finden sich in allen Berufszweigen und werden de facto vom Staat anerkannt: Seit 2014 kann ein Arbeitsloser einen solchen Vertrag nicht ablehnen, ohne dass ihm die Sozialhilfe entzogen wird.6 „Das ist ein Vertrag ohne garantierte Mindestarbeitszeit“, erklärt der Gewerkschafter Lane. „Der Arbeitgeber lässt dich arbeiten, wenn er dich braucht, so viele Stunden, wie er will. Das können in einer Woche fünfzig sein, in der nächsten keine. Du wirst kurzfristig informiert, darfst dich aber nicht darüber beschweren.“

Lane hat die Schule mit 16 verlassen, jobbte bei Dutzenden Arbeitgebern auf Basis eines Nullstundenvertrags. Meistens erfolgt die Einstellung durch eine Leiharbeitsfirma, was die Rechte des Arbeitnehmers zusätzlich einschränkt. „Während der Weltwirtschaftskrise standen die Arbeiter an den Docks Schlange, und die Bosse suchten sich aus, wen sie brauchten. Heute machen die Manager das Gleiche, aber es läuft per Telefon, deswegen sind die Leute komplett isoliert.“

Seit zwei Jahren versucht Lane die Beschäftigten von McDonald’s in Bummelstreiks („Mc­Strikes“) zu organisieren. Die Nullstundenverträge machen das Leben noch unsicherer: Man kann sich auf nichts einstellen, auch nicht auf die Freizeit mit den Kindern. Es ist unmöglich, Ausgaben zu planen. Für Orwell hätten die Nullstundenjobber sicher zu denen gehört, „die arbeiten, aber finanziell betrachtet genauso gut arbeitslos sein könnten, weil sie nichts verdienen, das irgendwie als Existenzminimum bezeichnet werden kann“. An eine Kaution oder eine Wohnung außerhalb des Sozialwohnungsbaus ist gar nicht zu denken. Eine Einzimmerwohnung in einem heruntergekommenen Viertel von Manchester kostet ohne Nebenkosten bis zu 850 Euro.

Und da muss man sich nicht wundern, wenn zwei Vollzeitbeschäftigte mit einem normalen Vertrag in einer Obdachlosenunterkunft in Salford, einem Vorort von Manchester, übernachten. Die Notschlafstelle aus schwarzem Backstein liegt versteckt hinter einem Gesundheitszentrum direkt neben einem Gemeindehaus der Pfingstbewegung. Als wir an einem Samstagnachmittag vorbeikommen, arbeiten die beiden, und Justin, der uns in der Unterkunft empfängt, erzählt uns aus Diskretion nichts Näheres über sie.

Es ist die einzige Unterkunft im Süden Manchesters, die sieben Tage die Woche, zwölf Monate im Jahr offen ist und sowohl Männer als auch Frauen aufnimmt. Für jeden Gast bekommt das Heim 114 Euro pro Woche vom Sozialamt. Im Speisesaal sitzen zwei Frauen und ein Dutzend Männer aller Altersstufen – der jüngste mit einem Gesicht voller Akne, der älteste mit Weihnachtsmannbart und weißem Pferdeschwanz. Im Nebenzimmer liegt jemand unter einer Decke auf dem Sofa und schläft bei laufendem Fernseher, der Schlafsaal ist tagsüber geschlossen. Justin öffnet ihn nicht vor 21.30 Uhr zum Gebet. Um 10 Uhr wird die Tür abgeschlossen und das Licht ausgemacht, früh um 6 Uhr müssen alle raus. Dreißig Männer und Frauen teilen sich den großen Raum ohne jede Privatsphäre. Die Betten stehen schnurgerade nebeneinander, eins gleicht dem anderen, bis auf zwei Teddybären auf den Betten der Frauen. Wenn das Heim jemanden abweisen muss, und das kommt ständig vor, gibt Justin einen Schlafsack aus und empfiehlt den McDonald’s um die Ecke, der rund um die Uhr geöffnet hat. „Aber sie dürfen nicht einschlafen, sonst werden sie rausgeworfen.“

Doktor Esmail kennt die Folgen der von oben diktierten Sparpolitik: „Fettleibigkeit ist ein Armutsmerkmal. Immer mehr Menschen erkranken an Diabetes, die wir mit teuren Medikamenten behandeln, obwohl die Ursache das Übergewicht ist, das wiederum von der Armut herrührt. Das ist absurd!“ Die extreme Armut, wie Orwell sie erlebt hat, ist verschwunden, die Menschen verhungern nicht mehr. Aber die Zahl der Armen wächst. „Wir haben Verzweiflung zu einer Lebensweise gemacht“, sagt Doktor Esmail.

1 George Orwell, „Der Weg nach Wigan Pier“, Deutsch von Manfred Papst, Zürich (Diogenes) 1982.

2 Angaben von 2011; die nächste Zählung erfolgt 2021.

3 Ein Jahr lang protestierten die Bergarbeiter. Margaret Thatcher erklärte die Kumpel damals zum „inneren Feind“ und schickte militärisch aufgerüstete Polizeieinheiten in die Bergbaugebiete.

4 Gegen BrightHouse gab es eine Untersuchung der Financial Conduct Authority, die zu dem Ergebnis kam, das Unternehmen sei kein „verantwortungsvoller Kreditgeber“. Hilary Osborne, „Revealed: Queen’s private estate invested millions of pounds offshore“, The Guardian, 5. November 2017.

5 Siehe Stephanie Ward, „Unemployment and the State in Britain: The Means Test and Protest in 1930s South Wales and North-east England“, Manchester (Manchester University Press) 2013.

6 Siehe Jacques Freyssinet, „Royaume-Uni. Les contrats “zéro heure“: un idéal de flexibilité?“, Chronique internationale de l’IRES, Nr. 155, Institut de recherches économiques et sociales, Paris, Februar 2017.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Gwenaëlle Lenoir ist Journalistin und Autorin von „Petites morts à Gaza“, Paris (Nuits Blanches) 2011.

Le Monde diplomatique vom 10.01.2019, Gwenaëlle Lenoir