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Benzin im Wasser

Kasten: Kleine Swasser-Kunde

Benzin im Wasser

Paraguay verfügt über die größten Wasserreserven Südamerikas, aber ein Viertel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser

von Guillaume Beaulande

Der Wasserhahn im Garten ist undicht. Odina Moreo dreht fieberhaft an ihm herum, doch das Wasser fließt stotternd weiter, schließlich tropft es nur noch. „Ich schaffe es nie, ihn richtig zuzudrehen, was für eine Verschwendung! Wir benutzen ihn sowieso nur, um Geschirr oder Wäsche zu waschen oder zum Putzen“, sagt die junge Frau. Ihr steht der Schweiß auf der Stirn. Wir treffen sie in einem der 400 Armensiedlungen im Bezirk Central rings um die Hauptstadt Asunción. Die informelle Siedlung wird wie die anderen Slums der Umgebung von einem privaten Wasserversorger (aguatera) beliefert.

Die Kosten von 22 000 Guaraní (etwa 3,50 Euro) für 8000 Liter im Monat sind doppelt so hoch wie beim öffentlichen Versorger Essap (Empresa de Servicios Sanitarios del Paraguay) in der Hauptstadt. Doch in dem Wasser schwimmen oft rote Sandkörner. „Meine Kinder sollen das nicht trinken“, erklärt Odina Moreo. Damit wird es für sie richtig teuer: Obwohl sie als Schneiderin nur etwa 150 Euro im Monat verdient, kauft sie wie viele ihrer Landsleute abgefülltes Wasser in 20-Liter-Kanistern. Das ist 180-mal so teuer wie das angeblich saubere Leitungswasser, das tatsächlich immer erst abgekocht werden muss.

Grundwasservorkommen sind zwar besser geschützt als Oberflächengewässer, doch sie werden auch nur sporadisch geprüft. „Die Kontrolleure waren gestern hier. Sie kommen einmal im Jahr“, rechtfertigt eine Angestellte den kleinen Familienbetrieb Santa Clara, der Moreos Wasser liefert. „Ansonsten haben wir private Labore damit beauftragt, die Qualität zu testen“, ergänzt ihre Kollegin. Die Firma befindet sich ganz in der Nähe von Moreos Haus und pumpt ihr Wasser aus einem Brunnen, der in den Acuífero Patiño gebohrt wurde, einen riesigen unterirdischen Grundwasserleiter (siehe Karte auf Seite 17).

Mit zunehmender Landflucht und wachsender Bevölkerung entstanden Anfang der 1980er Jahre die ersten agua­teras, die heute ein Drittel der Wasserversorgung Paraguays abdecken. 500 Unternehmen entnehmen kostenlos Wasser aus den unterirdischen Speichern und leiten es in Orte, die nicht ans staatliche Leitungsnetz angeschlossen sind, vor allem im Bezirk Central außerhalb von Asunción, wo 70 Prozent der Bevölkerung Paraguays leben. Das ist eine absurde Situation in einem so wasserreichen Land wie Paraguay.

„Hier sollte jeder Zugang zu sauberem Trinkwasser haben“, schimpft der Hydrologe Roger Monte Domecq. Das Land verfügt über die größten Wasserreserven Südamerikas, größer als die Venezuelas oder Brasiliens: Allein die Oberflächengewässer haben eine Wasserverfügbarkeit von 67 000 Kubikmetern pro Einwohner und Jahr, während der regionale Durchschnitt bei 22 000 Kubikmetern liegt. Trotzdem sei der Zugang zu Wasser immer noch begrenzt, sagt Monte Domecq, „und es ist sehr ungleich verteilt: zwischen dem trockenen Chaco im Norden und dem wasserreichen Westen, zwischen Stadt und Land, zwischen wohlhabenden und armen Vierteln“.

Die Verwaltung der Ressourcen ist so mangelhaft, dass fast ein Viertel der Bevölkerung immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat; und die Hälfte der Paraguayer hat keinen Anschluss an die Kanalisation. „Im Wassersektor gibt es so viele Akteure, dass sich keiner verantwortlich fühlt. Wenn es ein Problem oder Beschwerden gibt, dann schieben sich alle gegenseitig die Schuld zu“, erklärt Guillermo Ortega vom Forschungszentrum Baseis.

Verschiedene staatliche Stellen sind für die Wasserversorgung zuständig. So versorgt die mehrheitlich staatliche Aktiengesellschaft Essap größere Städte mit mehr als 500 000 Einwohnern, der nationale Abwasserentsorgungsdienst Senasa (Servicio Nacional de Saneamiento Ambiental) kümmert sich um Städte von unter 10 000 Einwohnern mit insgesamt 2500 selbstverwalteten „Wasserbrigaden“, die Leitungen und Kanalisation in Schuss halten sollen.

Das Modell wurde in Paraguay entwickelt und gilt als Vorbild für Selbstverwaltung in Gebieten mit schlechter Infrastruktur. Doch das Netz deckt längst nicht das gesamte Staatsgebiet ab. „Die Brigaden sind oft von der Kommunalpolitik abhängig und haben Material- oder Geldprobleme, sodass den Privatunternehmen Tür und Tor offen stehen. Das Wassergesetz von 2007, das Grundwasser als Staatsbesitz definiert, liegt immer noch in einer Schublade des Ministeriums“, erklärt die Forscherin Ana Portillo.1

Das Wasser aus dem Río Para­guay, mit dem die Essap die Hauptstadt Asunción beliefert, wird zuverlässig aufbereitet und regelmäßig geprüft. „Alle anderen Versorger bohren einfach einen Brunnen und verkaufen einen Rohstoff, für den sie nichts zahlen. Sie werden höchstens alle drei Monate kontrolliert, und dabei geht es nur um die Qualität und nicht um die Frage, wie viel Wasser sie fördern“, fährt Portillo fort. Das Gesetz von 2007 sieht zwar vor, dass Entnahmegebühren erhoben und Fördermengen begrenzt werden können, doch es wurden keine konkreten Zahlen festgelegt; das Gesetz ist nie wirksam geworden.

Im Verwaltungsbezirk Central gibt es über tausend Brunnen, die wie unsichtbare Fabrikschornsteine tief in den Boden reichen. Der unterirdische Grundwasserleiter Patiño erstreckt sich über 1773 Quadratkilometer, darüber leben 2,5 Millionen Menschen, ein Drittel der Bevölkerung Paraguays. 70 Prozent der Industriebetriebe des Landes befinden sich hier. Das Wassersystem ist nicht sehr tief, gilt aber als „erneuerbar“, weil es sich durch regelmäßige Regenfälle immer wieder auffüllen kann.

Doch dieser Wasserkreislauf funktioniert nicht mehr, sodass das Reservoir bereits gefährdet ist. Nach der letzten verfügbaren Studie, mit der das japanische Ingenieur- und Beratungsunternehmen Chuo Kaihatsu Corporation (CKC) 2007 beauftragt wurde, betrug die Auffüllrate 175 Milliarden Liter pro Jahr, im selben Zeitraum wurden jedoch 249 Milliarden Liter entnommen.2 Der Wasserstand sinkt jedes Jahr um einen halben Meter. Wenn es so weitergeht, landet Asunción auf der Liste der gefährdeten Großstädte Lateinamerikas wie Mexiko-Stadt, wo sich nach übermäßigen Wasserentnahmen jetzt der Boden abzusenken droht.

„Wir zapfen 7000 Liter Wasser pro Stunde“, erklärt Blas Chamorro. Das wäre im Land des blauen Goldes keine Überraschung, wären da nicht die starken Benzinausdünstungen der Zapfsäulen hinter ihm.

Neben dem Brunnen stehen die Zapfsäulen

Der hemdsärmelige Tankstellenbesitzer in Luque, eine Autostunde von Asunción entfernt, hat sein Geschäft vor ein paar Jahren ausgeweitet: Er verkauft nun auch Wasser in 20-Liter-Kanistern. Großzügig bietet er seinen Kunden sogar eine „Gratiswäsche“ ihres Autos an, wenn sie für mindestens 50 000 Guaraní (7 Euro) tanken. „Wir haben Wasser, warum sollten wir damit nicht auch Gewinn machen? Also verkaufen wir es eben“, sagt er und zeigt auf seinen Brunnen, der gerade einmal 50 Meter von den Zapfsäulen entfernt ist.

Solche Kombinationen findet man in Paraguay häufig: Grundwasser ist gratis und leicht erreichbar, damit lässt sich das Einkommen aufbessern. Doch in dieser Gegend gibt es viele Straßen mit Tankstellen, die Verunreinigung durch Treibstoff bedroht die Wasserreserven. Die Universidad Nacional de Asunción analysierte im Februar 2017 das Wasser von 90 Brunnen und stellte fest, dass 44 Prozent der Proben den Benzinzusatzstoff MTBE, einen hochentzündlichen Ether, enthielten.

„Der Boom des abgefüllten Flaschenwassers begann in den 1990er Jahren. Das galt als sicherer, damals wütete im Land eine Choleraepidemie“, berichtet Ana Portillo. Die Abfüllbetriebe an den Ufern des Río Paraguay mussten zu dieser Zeit ins Landesinnere umziehen, weil die Aufbereitung des Flusswassers zu teuer wurde. „Heute“, fährt die Forscherin fort, „ist es die Verschmutzung des Grundwassers, die den Leuten Sorgen macht.“

Seit zehn Jahren gibt es immer mehr Studien über die zunehmende Verschmutzung des Acuífero Patiño: Der Nitratgehalt ist zweieinhalbmal so hoch wie im Landesdurchschnitt, hinzu kommen giftige Industrierückstände und Kolibakterien wegen der mangelhaften Abwasserentsorgung. Die Verunsicherung unter den Verbrauchern nutzen die Mineralwasserproduzenten aus. In den Supermärkten werden die Plastikflaschen mit einmal aufbereitetem Wasser aus dem Aquifer zu Wucherpreisen verkauft. Vor zehn Jahren lautete das Werbeversprechen noch, man pumpe direkt aus dem „reinen Wasser des Aquifers“ – jetzt wird die „hochwertige Aufbereitung“ betont. Die Menschen misstrauen der öffentlichen Trinkwasserversorgung, und die ständigen Warnungen der Gesundheitsbehörden wegen Verunreinigungen des Grundwassers tun das Übrige, um bei den Abfüllern die Kassen klingeln zu lassen.

Am großen Reibach beteiligen sich vor allem der Coca-Cola-Konzern, der mit der Marke Dasani einen Marktanteil von über 40 Prozent hat, und die Cartes-Gruppe (Marke La Fuente), die der Familie des scheidenden Präsidenten (2012–2018) Horacio Cartes gehört. Daneben sind im Handelsregister über 150 weitere Marken eingetragen. Hinzu kommt noch eine unbekannte Anzahl frisch gebohrter Brunnen, bei denen die Aufbereitung überhaupt nicht kontrolliert wird. Im November 2017 zählte das Nationale Institut für Versorgung und Ernährung (INAN) 26 Marken, die „im verpflichtenden Gesundheitsregister gar nicht auftauchen“.

Das Geschäft ist lukrativ: Zwischen 2016 und 2017 verzeichnete die Para­guayische Handelskammer für Mineralwasser (Capam) eine durchschnittliche Umsatzsteigerung von 20 Prozent; dabei erwirtschaftete die Branche bereits 2016 etwa 61,9 Millionen Dollar.

Letztlich ist es jedoch die Landwirtschaft, die in Paraguay ebenso wie im übrigen Südamerika die Wasser­reserven am stärksten belastet. Nur 10 Prozent des Wassers werden in Privathaushalten verbraucht und 20 Prozent im produzierenden Gewerbe – die restlichen 70 Prozent fließen in die Agrar­industrie.3

Paraguay ist die viertgrößte Soja­exportnation der Welt, und das „virtuelle Wasser“, das heißt die spezielle Wassermenge, die zur Herstellung eines bestimmten Nahrungsmittels verbraucht wird, erreicht hier schwindelerregende Mengen. Kleine Rechenaufgabe: Wenn man zur Erzeugung von einem Kilo Soja 1800 Liter Wasser benötigt, wie viel Wasser hat dann die Rekordernte von 10,6 Millionen Tonnen Soja in der Saison 2016/17 verbraucht? Lösung: knapp 20 Milliarden Kubikmeter. Das entspricht fast zwei Dritteln des gesamten Jahresverbrauchs von Deutschland (33,1 Milliarden Kubikmeter pro Jahr). Die FAO geht zudem davon aus, dass zur Ernährung der Weltbevölkerung, die bis 2050 auf 8,6 Milliarden anwachsen soll, die landwirtschaftliche Pro­duk­tion um 60 Prozent steigen muss.

Im Verwaltungsbezirk Caaguazú, etwa 100 Kilometer vor der brasilianischen Grenze, kommen wir unter sengender Sonne auf holprigen Wegen an mehreren viele Quadratkilometer großen Sojafeldern vorbei. Nirgendwo gibt es Schatten. Man braucht viel Fantasie, um sich den tropischen Dschungel vorzustellen, der noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts den Westen Para­guays bedeckt hat.

Wir befinden uns in einer der wenigen „Auffüllzonen“ des ­Guaraní-Aquifers, einer der größten Süßwasserreserven des Planeten, der sich unter Paraguay, Brasilien, Uruguay und Argentinien erstreckt (siehe Kasten auf Seite 17). Regenwasser versickert im Boden und füllt den Speicher auf. Doch damit ist es nicht mehr weit her: Die rasante Entwaldung (3700 Quadratkilometer pro Jahr) lässt die Böden erodieren, und das Regenwasser spült Pestizide und Düngemittel aus der Landwirtschaft ins Grundwasser. Ans Ufer des Stausees Yguazú treibt inzwischen ockerfarbener Schaum.

„In den Flüssen sterben die Fische, alles wird hier zugrunde gerichtet“, klagt Lérida Jiménez. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, Ernte und Aussaat werden jetzt zweimal täglich gespritzt. „Wenn unsere Kinder das Brunnenwasser trinken, werden sie jedes Mal krank. Aber wir haben keine Wahl.“ Auf einem weißen Tuch trocknet Mais. Mit der Vorsicht einer Akrobatin trägt Jiménez einen vollen Krug zum Tisch. „Sie wollen uns von unserem Land vertreiben und uns unser Wasser wegnehmen“, sagt sie. In dieser fruchtbaren Gegend ist zwar die Zeit der Gauchos mit Zigarre zwischen den Zähnen und Kutschen voller Gold und Silber lange vorbei, aber Raubzüge gibt es auch heute noch, nur dienen sie anderen Zielen: Land und Wasser sind jetzt die Beute.

Widersprechende Eigentums­titel schüren den andauernden Konflikt zwischen den großen Sojapflanzern und den Kleinbauern.4 Lérida Jiménez schaut auf den roten Boden, während sie das Wildwest­szenario beschreibt: „Sie vertreiben uns immer wieder, und jedes Mal zerstören sie nicht nur unsere Felder und unser Saatgut, sondern sie vergiften auch unsere Brunnen mit ihrem Abfall, damit wir nicht wiederkommen. Aber wir kommen zurück. Hier ist unser Zuhause!“ Die Gemeinde Guahory kämpft wie viele andere Kleinbauerngemeinden ständig um Land und Wasser. Die Bewohner, die bereits enteignet sind, ziehen in die wachsenden Elendsviertel der großen Städte. Die anderen bleiben und leisten weiterhin Widerstand – solange sie können.

1 Vgl. Ana Portillo und Guillermo Ortega, „El agua: ¿bien común o mercancía?“, Base Investigaciones Sociales, Asunción, 2015.

2 Arístides Ortiz Duarte, „189 mil millones de litros de agua anual será el balance negativo del Acuífero Patiño para el 2020“, in: E’a, Asunción, 17. Januar 2017.

3 Nach Angaben von Aquastat, dem Informa­tions­dienst der Welternährungsorganisation FAO.

4 Siehe Maurice Lemoine, „Unter der Herrschaft des Soja“, LMd, Januar 2014.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Guillaume Beaulande ist Journalist.

Kleine Süßwasserkunde

2,8 Prozent der gesamten Wasserreserven der Erde sind Süßwasser.

Sie bestehen aus 69,7 Prozent Glet­schern, 30 Prozent Aquiferen und 0,3 Prozent Oberflächengewässern (Seen, Flüsse, Bäche).

8 der 37 größten Aquifere werden bereits übernutzt und können sich nicht mehr erneuern.

1,7 Milliarden Menschen leben in Gebieten, wo mehr Wasser verbraucht wird, als zur Verfügung steht oder sich erneuern kann. Wenn das so weitergeht, schätzt die UNO, dass bis 2025 die Hälfte der Weltbevölkerung in Trockenstresszonen lebt (wo weniger als 1700 Kubikmeter pro Einwohner und Jahr zur Verfügung stehen).

Europa besitzt 8 Prozent der Süßwasserreserven, dort leben 13 Prozent der Weltbevölkerung.

Südamerika zählt zu den wasserreichsten Regionen mit 28 Prozent der Süßwasserreserven, dort leben 6 Prozent der Weltbevölkerung.

Lima (Peru) und Rio de Janeiro (Brasilien) zählen zu den 20 Weltstädten, die bereits unter Trockenstress leiden oder davon bedroht sind.

Quellen: Weltbank, französisches Wasserinforma­­tionszentrum C.I.eau, UNO und University of California.

Le Monde diplomatique vom 08.11.2018, Guillaume Beaulande