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Die Castel-Saga

DieCastel-Saga

von Olivier Blamangin

Familiär und international – so präsentiert sich die französische Castel-Gruppe für Wein, Bier und Softdrinks mit Hauptsitz in Bordeaux. Die Castels gehören zu den zehn reichsten Familien Frankreichs. Sie besitzen die Weinhandelskette Nicolas (400 Filialen allein in Frankreich), vertreiben erfolgreiche Marken wie Baron de Lestac, Vieux Papes oder Malesan, haben Weinberge in Frankreich, Marokko, Tunesien und Äthiopien und kaufen weltweit große Handelsfirmen auf.

Bis heute lenkt der 91-jährige Firmengründer Pierre Castel die Geschicke des Konzerns und achtet streng auf Diskretion: Interviews sind bis auf wenige Ausnahmen ebenso tabu wie die Pu­bli­kation von detaillierten Finanzauskünften über den nicht börsennotierten Konzern. Das Organigramm und die Geschäftsergebnisse werden den Analysten sorgsam vorenthalten.

Hinter dem Weingiganten verbirgt sich noch ein zweites – afrikanisches – Imperium, das mit Bier, Softdrinks und Zucker Geschäfte macht. Es taucht selten in den Medien auf, dabei ist es seit 30 Jahren der Garant für die Prosperität der Castel-Gruppe.

Die Castel-Saga trägt romanhafte Züge. Sie beginnt damit, dass ein spanischer Einwanderer sich als Landarbeiter im Bordelais niederlässt. Seine neun Söhne und Töchter – darunter ­Pierre – gründen 1949 die Weinhandlung „Castel Frères“. Es folgt ein unaufhaltsamer Aufstieg in der Weinbranche. Castel Frères begeistert mit seinen Cuvées ein breites Publikum, kauft Weinberge, kontrolliert das Franchise-Netz der Weinhandelsketten Nicolas und Savour Club und – eine Retourkutsche gegen die Bordeaux-Aristokratie – übernimmt mehrere renommierte Weinhandelshäuser (Patriarche, Barrière Frères, Barton & Guestier und andere). So wurde aus dem kleinen Familienbetrieb ein Weltkonzern mit 37 600 Beschäftigten und 6 Milliarden Euro Umsatz.1 Heute ist Castel die Nummer eins auf dem französischen Weinmarkt und mit 571 Millionen verkauften Flaschen der drittgrößte Weinhändler weltweit.

Von Beginn an war es auch eine franko-afrikanische Unternehmensgeschichte. Nach dem Weinverkauf stiegen die Castels in den Handel mit Erfrischungsgetränken ein und in jüngster Zeit in die Zucker- und Olivenölproduktion. Castel entwickelte sich zum zweitgrößten Bierbrauer und Softdrinkhersteller auf dem afrikanischen Kontinent, wo der Konzern heute mehr als 80 Prozent seines Umsatzes und den Löwenanteil seiner Gewinne erwirtschaftet. Mit dem außerordentlich profitablen Afrikageschäft finanziert das Unternehmen seine Neuerwerbungen auf dem französischen Weinmarkt.

„Afrika ist mein Leben“, sagt Pierre Castel.2 Als er direkt nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin aufbrach, hatte er in großen Korbflaschen einfachen roten Bordeaux im Gepäck, den er mit einigem Erfolg verkaufte. Castel Frères knüpfte Beziehungen zu den Kolonialwarenhändlern und etablierte sich relativ schnell mit der Installation von Abfüllanlagen. Eine wichtige Wendung nahmen die Dinge 1965, als laut Familienüberlieferung in einer Bar in Libreville der junge Albert-Bernard Bongo – der später den Vornamen Omar annahm – Pierre Castel in ein Gespräch verwickelte. Er konnte ihn zu einem Treffen mit seinem Dienstherrn Léon M’Ba, dem damaligen Präsidenten von Gabun, bewegen.

Der Präsident war gerade auf der Suche nach einem Unternehmer, der sich an das Brauereigeschäft heranwagte. Man wurde handelseinig. Es war die Geburtsstunde der Société des brasseries du Gabon (Sobraga), die den Grundstein für das Bierimperium Castel legte. Den Geschäftsmann Castel und Albert-Bernard Bongo, der wenige Monate später Präsident von Gabun wurde und bis zu seinem Tod im Juni 2009 an der Macht klebte3 , verband eine enge Freundschaft. Kurz hintereinander entstanden in Gabun neue Fabriken in Franceville (1971), Port-Gentil (1972), Oyem (1976) und Mouila (1983).

Als ihm Gabun zu klein wurde, investierte Castel in die kongolesische Société des brasseries de Kinshasa und expandierte nach Zentralafrika und Mali. Ans Ziel seiner Wünsche gelangte er allerdings erst im Januar 1990, als der Konzern die Société des Brasseries et Glacières Internationales (BGI) übernahm. Die BGI war aus der Kolonialgesellschaft Brasseries et Glacières d’Indochine hervorgegangen und hatte als Bierbrauer, Eis- und Getränkehersteller in den französischen Kolo­nial­gebieten in Indochina quasi eine Monopolstellung. 1948 stieg sie in das Afrikageschäft ein und änderte einige Jahre später ihren Namen.

Mit der Übernahme von BGI wanderten die Getränkehersteller aus Kamerun (SABC), Senegal (Société des Brasseries de l’Ouest Africain – Soboa), der Elfenbeinküste (Société de Limonaderies et Brasseries d’Afrique – Bracodi), Burkina Faso (Brakina), Niger (Société des Brasseries et Boissons Gazeuses du Niger – Braniger) und Mauretanien (Soboma; 1993 wieder verkauft) in das Castel-Portfolio. Nachdem der Konzern seine Unternehmensberater auf die Betriebe losgelassen hatte, wurde oft bis zu einem Drittel der Belegschaft entlassen.4

Es war der Auftakt zu einem ungezügelten Expansionskurs. Sobald in Afrika ein Unternehmen zum Verkauf stand oder privatisiert werden sollte, schlug Castel zu. Inzwischen sind die Gelegenheiten rarer geworden, aber der Konzern bleibt auf der Lauer und übernahm zum Beispiel 2016 fünf Brauereien der dänischen Carlsberg-Gruppe in Malawi. In Zentralafrika fehlen in seiner Sammlung nur noch Burundi und Ruanda, die der niederländische Bierriese Heineken nicht aus der Hand gibt. Doch die Castel-Gruppe – und das war sicher einer der Gründe für ihren Erfolg – blickte schon früh über den traditionellen frankofonen Tellerrand und nahm größere und dynamischere Märkte wie Angola, Äthiopien oder Nigeria ins Visier.

Dass ihr Afrikageschäft dermaßen profitabel ist, liegt vor allem an den Besonderheiten der Getränkekultur. Softdrinks werden selten zu Hause konsumiert; in Abidjan zum Beispiel geht man in ein „Maquis“ (eine Mischung aus Biergarten und Diskothek) und im Kongo in die „Nganda“ (Bar), um beim Bier zu politisieren, das letzte Spiel der Nationalmannschaft zu analysieren und per Handschlag Geschäfte abzuschließen. In Wahlkampfzeiten ist es üblich, seine Anhänger großzügig mit Bierkisten zu versorgen. Industriell hergestellte Getränke sind Statussymbole, die die einheimischen Alternativen wie Sorghumhirse-Bier oder Palmwein immer mehr verdrängen. Selbst im Bürgerkrieg – wie in den vergangenen Jahren in der Zentralafrikanischen Republik – läuft die Produktion in den Brauereien weiter.

Damit die Abfüllstraßen und Vertriebsnetze voll ausgelastet sind, werden in allen Brauereien auch Erfrischungsgetränke hergestellt. In Afrika überlässt der Weltmarktführer Coca-Cola den Großteil der Produktion (die Marken Coca-Cola, Fanta, Sprite, Nestea oder Minute Maid) Lizenznehmern. Die kaufen für einen stolzen Preis das Konzentrat, das sie zur Herstellung der Getränke brauchen, geben nur noch Wasser und Zucker hinzu, füllen das Gebräu in Flaschen ab und verkaufen es auch. Der Getränkeriese aus Atlanta streicht die Lizenzgebühren ein und kümmert sich um das Marketing. In rund fünfzehn afrikanischen, überwiegend französischsprachigen Ländern übernimmt Castel als Partner von Coca-Cola 20 Prozent der Produktion.

Diese Zusammenarbeit erweist sich seit über zwanzig Jahren für beide Konzerne als sehr einträglich, aber nicht immer reibungslos. So wehrt sich Castel schon lange gegen jeden Beteiligungsversuch des amerikanischen Softdrinkgiganten und schreckt auch nicht davor zurück, Coca-Cola mit alkoholfreien Eigenmarken Konkurrenz zu machen.

Vom Erfrischungsgetränk zur Zucker­in­dus­trie – Zucker ist bei der Softdrinkproduktion ein wesentlicher Rohstoff – ist es nur ein kleiner Schritt, den Castel ohne zu zögern gegangen ist, zumal der Zuckermarkt in den französischsprachigen Ländern Afrikas ebenso wie der Biermarkt monopolistische Züge hat. Als Privatisierungsprofiteur sicherte Castel sich die Zuckerfabriken der Elfenbeinküste, Zentralafrikas und Gabuns. Anfang der 2010er Jahre übernahm er obendrein seinen Hauptkonkurrenten im Zuckergeschäft, die Somdiaa (Société d’Organisation, de Management et de Développement des Industries Alimentaires et Agricoles) – auch sie ein französisches Familienunternehmen, mit Niederlassungen in Kamerun, Kongo und Tschad. Durch die Bündelung der Aktivitäten beider Unternehmen baute Castel sich in allen Ländern der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft (Cemac) ein Zuckermonopol auf, das durch einen gemeinsamen Außenzolltarif vor Importen geschützt wird.5

Inzwischen haben drei Generationen von Schwestern, Neffen und Nichten von Pierre Castel in verschiedenen Konzernabteilungen das Ruder übernommen. Die graue Eminenz bleibt jedoch das Familienoberhaupt, das alle strategischen Entscheidungen überwacht. Pierre Castel ist sich nicht zu schade, selbst in den Ring zu steigen, wenn die Situation es erfordert, wie im Frühjahr 2015, als in Burkina Faso ein Streik die Produktion komplett lahmlegte. Die Brauereien in Bobo-Dioulasso und Ouagadougou wurden von der Belegschaft besetzt. Die Beschäftigten forderten höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und einen betriebseigenen Tarifvertrag. Bier und Mineralwasser drohten knapp zu werden.

Monsieur Castel reiste nach Burkina Faso und setzte eine „vernünftige“ Einigung durch, die weit hinter den ursprünglichen Forderungen zurückblieb: Statt der geforderten Lohnerhöhung um 100 Prozent musste die Belegschaft sich mit 15 Prozent begnügen. „Die Forderungen waren unerfüllbar. Darauf konnte ich auf keinen Fall eingehen“, erklärte er der burkinischen Nachrichtenagentur6 , nicht ohne noch eine Drohung hinterherzuschieben: „Ich habe das Personal schon gewarnt“, sagte er. Wenn es nicht zu einer Lösung komme, werde er „alle entlassen und das Werk dichtmachen“.

Ohne einen engen Draht zu den Machthabern und Staatschefs lässt sich ein Imperium dieser Größenordnung nicht aufbauen. In einem seiner seltenen Interviews (mit dem Wirtschaftsmagazin Challenges) gab Pierre Castel 2014 unumwunden zu: „Ich kenne sie alle; das ist natürlich hilfreich. Sie zeigen sich erkenntlich, wenn man sie unterstützt. Niemand hat mich je hinters Licht geführt.“

Lange Zeit nahm Gabuns Präsident Omar Bongo einen besonderen Platz in diesem Beziehungsgeflecht ein, zu dem auch José Eduardo dos Santos gehörte, der 38 Jahre lang Präsident Angolas war – Pierre Castel fungierte sogar zeitweilig als Honorarkonsul Angolas in Genf –, und der in Westafrika sehr einflussreiche Blaise Compaoré, Expräsident von Burkina Faso. 2011 zählte der Getränkepatriarch zu den geladenen Gästen bei der Amtseinführung von Alassane Ouattara, dem Staatsoberhaupt der Elfenbeinküste. Wenn man dem Journalisten Antoine Glaser glauben darf, der sich mit den afrikanischen Netzwerken bestens auskennt, soll Castel hinter den Kulissen seine Finger im Spiel gehabt haben, als 2003 François Bozizé in der Zentralafrikanischen Republik an die Macht kam. 7

Glaser prägte für den unauffälligen Bierriesen sowie die milliardenschweren französischen Unternehmer Martin Bouygues und Vincent Bolloré den Begriff „Trio der Condottieri“ in Anspielung auf die mächtigen italienischen Abenteurer des Mittelalters, die sich mit ihren Kriegskünsten den Herrschern als Söldner andienten. Die drei auf dem afrikanischen Kontinent bestens vernetzten Männer pflegen ihre politischen Beziehungen mit der einheimischen Nomenklatura im direkten Kontakt und verfügen über die Fähigkeit, sich einflussreiche Männer dienstbar zu machen.

So beschäftigte Pierre Castel zum Beispiel bis Dezember 2014 als Außenbeauftragten für seinen Konzern Jean-Pierre Cantegrit, der früher als Senator der Partei UMP (heute: Les Républicains) die Interessen der Auslandsfranzosen vertrat. „Ich bin für Castel interessant, weil ich Afrika gut kenne“, rechtfertigte sich Cantegrit.8 Für seine Dienste erhielt Cantegrit 72 880 Euro im Jahr. Dies geht aus der Erklärung hervor, die der damalige Vorsitzende der Freundschaftsgruppe Frank­reich-­Zen­tral­afrika des Senats gegenüber der französischen Transparenzbehörde abgab. Nach seinen Angaben sei sein Vorgänger in der Position bei Castel kein anderer als der einflussreiche und geheimnisumwitterte François de Grossouvre gewesen, über lange Zeit engster Berater von Präsident François Mitterrand.

Briefkastenfirmen und Steuersitz in der Schweiz

Pierre Castel führt kein mondänes Leben, er besitzt keine Jacht und investiert nicht in die Medien, auch wenn ihm zeitweise die Zeitschriften Ici Paris und Spécial Dernière gehörten. Auf die Geschäftsräume in der Rue François-Ier im eleganten „Triangle d’or“ des 8. Pariser Arrondissements weist kein Schild hin. In der Unternehmenskommunikation werden die Familienbande, die Heimatregion und die gelungene Mischung aus Tradition und Moderne hochgehalten, um die eigenen Weine aufzuwerten, doch über das afrikanische Brauereiimperium wird konsequent geschwiegen.

Dabei ist der Konzern laut Jahresabschluss 2016 mit 900 Millionen Euro Gewinn nach Steuern und einer Nettomarge von 13,3 Prozent so ungemein profitabel, dass andere Vorstandschefs der im französischen Leitindex CAC 40 geführten Unternehmen vor Neid erblassen. Die Castel-Gruppe kann die Modernisierung von Industrieanlagen und Übernahmen stets aus den laufenden Einnahmen finanzieren, sie muss weder Schulden machen noch ist sie auf Investoren angewiesen.

Dass das Unternehmen das Organigramm seiner 240 Tochterfirmen unter Verschluss hält, hat möglicherweise schlicht damit zu tun, dass das diffizile Konstrukt aus Finanzholdings, Briefkastenfirmen und Trusts nicht publik werden soll. Aus seiner Abneigung gegen Steuern hat Castel nie einen Hehl gemacht. Der Konzernchef, der „immer Angst vor den Sozialisten hatte“ und 2014 während der Präsidentschaft von François Hol­lande in dem seltenen Challenges-Interview die Befürchtung äußerte, Frankreich werde „finanziell und wirtschaftlich zu einer Gefahr“, hat seit Mitterrands Wahlsieg 1981 seinen Steuersitz in der Schweiz.

Dennoch pflegt er exzellente Beziehungen zu den französischen Behörden und nutzt sie auch, sobald es um „Wirtschaftsdiplomatie“ geht. Der Konzern unterhält mindestens 20 Firmen mit Sitz in Luxemburg und Gibraltar, aber auch auf Malta, in der Schweiz und auf Mauritius. Die „historischen“ Unternehmen, der Weinanbau und die ehemals der BGI gehörenden Brauereien sind nach wie vor in Frankreich beheimatet, aber die meisten Neuerwerbungen in Afrika – die immerhin 80 Prozent des Konzernvermögens ausmachen – wurden direkt in den genannten Steueroasen angemeldet.

Das Stammhaus Cassiopée Ltd, benannt nach der mythischen Königin Kassiopeia, hat seinen Sitz in Gibraltar. Die Aktien dieser Finanzholding gehören dem Investment Beverage Business (IBB) mit Sitz in Singapur. Mit der Vermögensverwaltung wurde ein Treuhänder der französischen Großbank Société générale namens SG Trust (Asia), Ltd betraut, der verlässlich dafür sorgt, dass die wahren Eigentümer des Fonds und insbesondere die Anteile der einzelnen Familienmitglieder des Castel-Clans geheim bleiben und die Nachfolge geregelt ist.

Die Finanzkraft des Investmentfonds IBB ist gewaltig: In nicht einmal fünf Jahren investierte eine seiner Tochtergesellschaften, Altaya Pte, fast 1 Milliarde Euro in Immobilien in Portugal und Spanien und besitzt mittlerweile so prestigeträchtige Objekte wie das spanische Außenministerium, das Jugendstilkaufhaus Corte Inglés an der Plaça de Catalunya in Barcelona sowie den Campus da Justiça und den Torre Ocidente in Lissabon.

Der afrikanische Kontinent mit seinem hohen Urbanisierungstempo und einer rapide wachsenden Mittelklasse ist ein wachstumsstarker Markt. Der Bierkonsum steigt jedes Jahr um 5 Prozent – ein Eldorado für die Brauereien, deren Absatzmärkte in Europa und Nordamerika zunehmend schwächeln. Die Experten der Deutschen Bank gehen davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren mehr als ein Drittel der Zuwächse des weltweiten Bierabsatzes auf dem steigenden Verbrauch in Subsahara-Afrika beruhen wird.9

Von dieser Dynamik wird die Castel-Gruppe profitieren. Allein durch die Wachstumsraten ihrer Bestandsmärkte dürfte sie bis 2025 auch ohne neue Firmenübernahmen ihr Geschäftsvolumen in Afrika verdoppeln, zumal sie in rund fünfzehn französisch- und portugiesischsprachigen Ländern praktisch ein Monopol hat.

Bislang gehen in Afrika die großen Brauereikonzerne kooperativ miteinander um, statt sich gegenseitig zu bekriegen. In Marokko und Kamerun sind Heineken und Castel Partner. In einem Dutzend Länder, darunter die Elfenbeinküste, Guinea, Benin, die DR Kongo und Gabun, produziert und vertreibt die Castel-Gruppe die Marke Guinness des britischen Alkoholmultis Diageo.

Die wichtigste Kooperationsvereinbarung wurde 2001 zwischen dem größten Brauereikonzern des Kontinents – SABMiller, der 2015 von der belgischen AB-Inbev aufgekauft wurde – und Castel als dem zweitgrößten Anbieter geschlossen. 2012 verstärkten die beiden Konzerne ihre strategische Allianz im Afrikageschäft noch einmal durch einen Beteiligungstausch. Seither kontrollieren sie zusammen fast 60 Prozent des afrikanischen Markts.

Doch wie lange wird dieses Stillhalteabkommen der Bierbrauer halten, wenn die Wachstumsaussichten das Begehren steigern? Schon jetzt scheint der Burgfrieden erste Risse zu bekommen. In der Elfenbeinküste zum Beispiel hat Heineken sich mit dem Großhändler CFAO zusammengetan, um der Castel-Gruppe in einer ihrer Hochburgen die Stirn zu bieten. Auch den angolanischen Markt nimmt der niederländische Getränkeriese inzwischen ins Visier. Diese bislang noch überschaubaren Scharmützel könnten die ersten Vorboten eines „Bierkriegs“ sein, der womöglich den ganzen Kontinent erfassen wird.

1 Die Finanzdaten wurden, sofern nicht anders angegeben, den Geschäftsbüchern des Stammhauses der Castel-Gruppe, Cassiopée Ltd, für das Geschäftsjahr 2016 entnommen.

2 Thierry Fabre, „Comment Pierre Castel a fait fortune en Afrique“, Challenges, Paris, 11. Juli 2014.

3 Siehe Boubacar Boris Diop, „Präsident Bongo und seine Franzosen“, und Dominic Johnson, „Bongos Erben“, LMd, Juli 2009.

4 Marion Douet, „Boissons: Castel, le casse-tête africain de Coca-Cola“, Jeune Afrique, Paris, 27. Februar 2017.

5 „Examen des politiques commerciales: Rapport du secrétariat sur les pays de la Communauté économique et monétaire de l’Afrique centrale“, WT/TPR/S/285/Rev. 1, WTO, Genf, 12. Dezember 2013.

6 „Brakina: une augmentation salariale de 15 % met fin à la grève illimitée“, Agence d’information du Burkina, 31. März 2015.

7 Antoine Glaser, „Arrogant comme un Français en Afrique“, Paris (Fayard) 2016.

8 Mathilde Mathieu und Michaël Hajdenberg, „Cantegrit, 78 ans, sénateur et roi du mélange des genres“, Mediapart, 13. September 2011.

9 Siehe Wynand Van Zyl, Tristan Van Strien und Gerry Gallagher, „The rising star of Africa“, Deutsche Bank Markets Research, Frankfurt am Main, 4. Februar 2015.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld

Olivier Blamangin gehörte dem Vorstand des französischen Gewerkschaftsbunds CGT an und war dort für die Beziehungen zu Afrika zuständig.

Le Monde diplomatique vom 11.10.2018, Olivier Blamangin