Ein französisches Silicon Valley

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Ein französisches Silicon Valley

Ein französisches Silicon Valley

von Sabrina Belbachir und Raphaël Godechot

Emmanuel Vandamme bewirtschaftet 244 Hektar auf dem Plateau de Saclay: „Das hier ist einer der fruchtbarsten Böden Europas! Es gibt fast keine Steine, und die Erde hält das Wasser wie ein Schwamm. Wir brauchen keine Wasserschläuche, nicht mal im Hochsommer.“ Doch der Staat schert sich nicht um die Bodenqualität; um Bauland zu gewinnen, werden die Äcker verstaatlicht und versiegelt. Der erste Schandfleck war 2002 das Forschungszentrum von Danone, erzählt der Landwirt. Dann kamen Thales, Électricité de France (EDF), Kraft Foods, Total und diverse andere Forschungs- und Bildungseinrichtungen.

Auf dem Plateau zwischen den Departements Essonne und Yvelines soll ein französisches Silicon Valley entstehen. 2006 ging es los. Damals wurde das Gebiet zum „Urbanisierungsprojekt von nationalem Interesse“ (Opération d’intérêt national, OIN) erklärt, das heißt, der Staat hatte fortan die Entscheidungsgewalt über das riesige, 27 Gemeinden umfassende Territorium von 7700 Hektar.

2008 kam die Idee mit dem Wissenschaftscluster auf. In dem aus den USA importierten Konzept werden Unternehmen und Institute derselben Branche konzentriert, weil man sich von dem direkten Wettbewerb mehr Kreativität und Innovationen verspricht. 23 Hochschulen – darunter die École polytechnique und die École des hautes études commer­ciales (HEC) – und Universitäten wie Paris-Orsay und Versailles-Saint-Quen­tin-en-Yvelines haben eingewilligt, mit 60 000 Studierenden und 11 000 Wissenschaftlerinnen nach Saclay umzuziehen oder dort neue Einrichtungen zu bauen, um im sogenannten Shanghai-Ranking, das weltweit die besten Universitäten listet, aufzusteigen.

Viele zweifeln am Effekt einer solchen Zusammenlegung für die Wissenschaft und stehen dem Projekt, das 20 Prozent der französischen Forschung konzen­trieren soll, skeptisch gegenüber. „Alles soll zentralisiert werden, aber die Folgen für die anderen Regionen, die ihre Forschungszentren und damit auch Arbeitsplätze verlieren, sind katas­tro­phal“, meint Claudine Parayre von der Bürgerini­tia­tive Collectif Saclay Citoyen.

Die geplante Hightech-Klinik Paris-Saclay, in der die Krankenhäuser von Longjumeau, Juvisy und Orsay zusammengelegt werden sollen, folgt derselben Logik. Für die meisten Angestellten und Patienten ist Saclay weit entfernt. Im Februar 2018 gab es die erste Demo gegen die Schließung der drei Krankenhäuser, bei der 600 Betten und 1000 Stellen gestrichen werden sollen.

Auch der französische Rechnungshof hat ernsthafte Bedenken und veröffentlichte am 8. Februar 2017 folgende Erklärung: „Der Staat hat sich in das sehr ehrgeizige Projekt Paris-Saclay gestürzt, ohne vorher klar die Mittel zu seiner Umsetzung festzulegen.“ Diese Kritik gilt vor allem der heiklen Frage, ob die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr gewährleistet ist.

Die neue Metrolinie 18 soll Nanterre im Nordwesten mit dem Flughafen Orly verbinden, mit Halt in Versailles und auf dem Plateau de Saclay. Doch nach dem Verzicht auf eine französische Kandidatur für die Weltausstellung 2025 wurde die ursprünglich für 2024 geplante Fertigstellung der Linie auf 2027 verschoben. Claudine Parayre gibt außerdem zu bedenken: „Wenn die Linie 18 kommt, müssen auch viele neue Wohnungen gebaut werden. So wie bisher geplant, ist die Metro gar nicht rentabel, kaum 100 000 Fahrgäste pro Tag. Man bräuchte Millionen, damit sie sich lohnt.“

Cyril Girardin, Forschungsinge­nieur am Institut national de la recherche agronomique (Inra), engagiert sich ebenfalls im Collectif Sa­clay Citoyen und empört sich darüber, dass die Entscheidung unter Ausschluss der Öffentlichkeit getroffen wurde. „Warum wurde bei einer Baustelle von dieser Größe die Na­tio­nale Kommission für Bürgerbeteiligung nicht miteinbezogen, obwohl die Investitionen weit mehr als 300 Millionen Euro betragen? Ab dieser Höhe ist die Bürgerbeteiligung zwingend vorgeschrieben. Wir haben bei der EU Beschwerde eingereicht, weil Frankreich hier gegen die Aarhus-Konvention verstößt.“1 Die Beschwerde wurde angenommen und wird gerade geprüft.

Für Girardin ist der Fall klar. Das von der Regierung so hochgelobte Forschungszentrum soll den Weg ebnen für die Urbanisierung dieser ländlichen Gegend. „Es ist einfach, sich gegen ein Projekt wie das Einkaufszentrum EuropaCity in Gonesse zusammenzuschließen. Doch bei einem Projekt, das angeblich nur der Wissenschaft dient, ist es viel schwerer, die Leute zu mobilisieren.“ Das Argument von der „weltweiten Strahlkraft“ des innovativen Projekts täuscht über die zahlreichen Risiken für Umwelt und Landwirtschaft hinweg.

Um die Gegner zu beruhigen, hat der Staat 2010 eine Zone für Umwelt-, Landwirtschafts- und Waldschutz (ZPNAF) eingerichtet. Sie umfasst jedoch nur einen kleinen Teil des Plateaus und ihre Grenzen sind umstritten. „Die ZPNAF soll den Flächenfraß verhindern“, erklärt Landwirt Van­damme. „Aber außerhalb dieser Zone ist alles erlaubt. Seit es die gibt, wird hier ohne Ende gebaut. Sie haben das begrenzte Gebiet exakt so ausgesucht, dass es ihre Pläne nicht behindert.“ In Saclay haben die großen Bauunternehmen bereits begonnen, die einträglichen Verträge unter sich aufzuteilen. Sabrina Belbachir und Raphaël Godechot

1 Die am 30. Oktober 2001 in Kraft getretene Aarhus-Konvention wurde von 47 Staaten, darunter alle Mitglieder der Europäischen Union, ratifiziert. Nach dieser Konvention ist vor allem bei der Zulassung bestimmter Vorhaben mit erheblichen Umweltauswirkungen (insbesondere Industrieanlagen und Infrastrukturmaßnahmen) die Beteiligung der Öffentlichkeit vorgeschrieben.

Sabrina Belbachir und Raphaël Godechot sind Journalisten und schreiben für die Lokalzeitung Petit ZPL von Palaiseau und der Gemeinde Paris Saclay.

Le Monde diplomatique vom 11.10.2018, von Sabrina Belbachir und Raphaël Godechot

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