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Angst geht um in Kolumbien

Nach der Wahl von Präsident Iván Duque ist der Frieden mit der Farc gefährdet

von Loïc Ramirez

An einen Baum gelehnt, beobachten zwei Männer das Kommen und Gehen im Wahllokal. „Schau dir ihre Polohemden an“, flüstert uns der eine zu. „Das Orange ist ein Code.“ Martín Rogelio Ramírez ist Sekretär der Kommunistischen Partei in der Stadt Cúcuta im Departamento de Norte de Santander im Nordosten Kolumbiens an der Grenze zu Venezuela. Die Bürger strömen an diesem 17. Juni 2018 zum Wahllokal in einer Schule im Viertel San Martín, um einen neuen Präsidenten zu wählen. Die Entscheidung fällt zwischen dem strikt konservativen Iván Duque und dem ehemaligen Bürgermeister von Bogotá, Gustavo Pe­tro, Kandidat des Bündnisses Colombia Humana.

Dass Petro es in die Stichwahl geschafft hat, ist ein großer Erfolg für die Linke. In dieser Region scheitern die progressiven Kandidaten seit jeher bereits im ersten Wahlgang – sofern sie nicht einfach liquidiert werden. Iván Duque, ein junger Senator, den einige Monate vor der Wahl noch kaum jemand kannte, wird von Expräsident Álvaro Uribe, seinem politischen Mentor, unterstützt.

Uribe führte in seinen zwei Amtszeiten (2002–2010) einen erbitterten Kampf gegen die diversen kolumbianischen Guerillagruppen und gegen jede Form von Opposition. Er war ein treuer Gefolgsmann Washingtons, auch wenn ein US-amerikanischer Geheimdienstbericht seiner Familie bereits 1991 unterstellte, in den Drogenhandel verwickelt zu sein. Uribe selbst werden Verbindungen zu dem einstigen Drogenboss von Medellín, Pablo Escobar, nachgesagt.1 Unstrittig ist, dass ein gro­ßer Teil der politischen Elite Ko­lum­biens an Drogengeschäften mitverdient.

„Orange ist die Farbe von Duques Anhängern“, erklärt uns Ramírez. Mit dem Kinn deutet er auf ein Haus mit Transparenten, die für den Kandidaten der rechtskonservativen Partei Centro Democrático werben. Vor dem Eingang drängen sich Besucher, aufmerksam beobachtet von Männern mit orangefarbenen Schirmmützen. „Da drinnen verteilen Mitarbeiter von Duque Geld an alle, die mit einem Handyfoto beweisen können, dass sie für ihn gestimmt haben“, behauptet Ramírez.

Die Präsenz des rechten Kandidaten ist eindrucksvoll: Auf unzähligen Bildern, Stickern und Plakaten, an den Windschutzscheiben von Autos und auf T-Shirts ist sein Konterfei zu sehen – als existierte das Verbot von Wahlwerbung im Umkreis von Wahllokalen nicht. An anderen Orten spielen sich ähnliche Szenen ab – auch vor den Augen der Polizei, die aber nicht eingreift. Ein Flugblatt oder Plakat von Gustavo Petro gibt es dagegen nirgends. „Die Rechte hat die Stadt fest im Griff“, so Ramírez.

Am Eingang der Dörfer hat die Armee Soldaten in gepanzerten Fahrzeugen postiert. Busse karren scharenweise kolumbianische Staatsbürger aus der wenige Kilometer entfernten venezolanischen Stadt Ureña auf der anderen Seite des Flusses Táchira an. Viele Menschen diesseits und jenseits des Flusses besitzen beide Staatsbürgerschaften. Das Konterfei Duques im Fenster eines Busses lässt wenig Zweifel daran, wen die Passagiere wählen werden.

Auch die Anhänger von Gustavo Pe­tro haben mobilisiert, allerdings weniger offensichtlich. In der Nähe des Dorfs Villa del Rosario wartet ein Grüppchen auf den Kleintransporter, der sie zum Wahllokal bringen soll. Äußerlich deutet nichts auf ihre politischen Sympathien hin. Auch diese Wähler sind über die Grenze gekommen, begleitet von einer Aktivistin der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) von Präsident Maduro. „Wir haben die Fahrt organisiert, um sicherzustellen, dass unsere Genossen wählen können“, erklärt uns die junge Frau. Die Reise ist gefährlich: In der Gegend sind viele Schmuggler unterwegs, kriminelle Banden treiben hier ihr Unwesen.

Nicht nur Wähler werden aus Venezuela nach Kolumbien gebracht. Auf der Straße entlang des Flusses stehen alle 100 Meter Leute, die den Autofahrern zurufen und mit vollen Plastikflaschen wedeln. „Das sind die ,Pimpineros‘ “, erklärt uns jemand und zeigt auf die Benzinkanister, die notdürftig zwischen Bäumen versteckt sind. „Sie verkaufen flaschenweise das Benzin, das über die Grenze geschmuggelt wird.“ Ein Liter kostet in Kolumbien mehr als 2300 Pesos, umgerechnet etwa 69 Eurocent. Auf dem Schwarzmarkt kostet es nur 56 Cent – und in Venezuela umgerechnet nur einen Cent. Um den Schmuggel zu unterbinden, hob die venezolanische Regierung den Benzinpreis im Januar 2017 in den Grenzre­gio­nen auf umgerechnet 35 Cent an. Das ließ die Gewinnspanne der Schmuggler zwar erheblich schrumpfen, aber ihr Geschäft lohnt sich immer noch.

Rafael James, Rechtsanwalt und Mitglied des Ständigen Komitees für die Verteidigung der Menschenrechte (CPDH), erklärt uns: „Norte de Santander ist eine Region, in der von jeher illegale Geschäfte betrieben werden. Wegen der Nähe zur Grenze und weil der Staat sich weitgehend zurückgezogen hat, sind hier alle möglichen mafiösen Strukturen entstanden. Die Rechte macht Wahlkampf mit dem Schreckgespenst des Chavismus. Das ist Heuchelei, denn in dieser Region leben alle von Venezuela. Alles, was hier konsumiert wird, stammt von dort.“

Als Folge der Wirtschaftskrise im Nachbarland sind inzwischen nach UN-Angaben 2,3 Millionen Venezolaner über die Grenze gekommen; auch viele ausgewanderte Kolumbianer kehren zurück. „Sie landen oft in der Pros­ti­tution oder bei Schmugglerbanden und leben von allen möglichen kleinen Geschäften“, fährt Rafael James fort. „All das ist Wasser auf die Mühlen der Rechten, die gegen Maduro wettern.“ Und gegen den Mann, der in ihren Augen Maduros „kolumbianischer Klon“ ist: Gustavo Petro. Petro lehnt zwar jede direkte Einmischung in Venezuela ab, hat sich aber sehr kritisch über die Regierung in Caracas und ihren Umgang mit der Krise geäußert.

Die Linke in Norte de Santander kämpft aber nicht nur mit Attacken der rechtsgerichteten Medien, die Pe­tro in die Nähe von Maduro rücken: Sie muss sich auch der rechtsextremen Paramilitärs erwehren, die in dem Gebiet sehr stark sind. Offiziell wurden die „Paras“ 2005 aufgelöst, während der ersten Amtszeit von Präsident Uribe. Die meisten verlegten sich daraufhin auf den Drogenhandel oder verdingten sich als bewaffnete Schutztruppen von Großgrundbesitzern. Mehrere linke Aktivisten wurden Opfer ihrer Drohungen, Attentate und Morde. Die rechte Propaganda wirft Gustavo Petro vor, dass er in den 1970er und 1980er Jahren der Stadtguerilla der Bewegung 19. April (M-19) angehört hat – ein in der politischen Landschaft Kolumbiens nicht seltener Werdegang.

Während des Wahlkampfs wurde in Cúcuta ein Anschlag auf Petro verübt, den er nur deshalb überlebte, weil er in einem gepanzerten Fahrzeug unterwegs war. Nach Ansicht der Linken trug der Anschlag die Handschrift des ehemaligen Bürgermeisters der Stadt, Ramiro Suárez Corzo. Dieser sitzt derzeit in Haft; ihm wird vorgeworfen, den Mord an einem politischen Gegner in Auftrag gegeben zu haben. Doch auch aus dem Gefängnis heraus macht er weiterhin seinen Einfluss geltend. Die Senatorin Claudia López von den Grünen hat ihn öffentlich beschuldigt, der neuen Stadtregierung über Skype Weisungen zu erteilen.

Kolumbianische Wähler aus Venezuela

Rafael James erläutert: „Das Besondere an den paramilitärischen Strukturen im Departamento ist, dass sie stark genug sind, um die politische Macht zu unterwandern.“ Die Paras spielen in der lokalen Wirtschaft eine zentrale Rolle; sie greifen etwa die Bauern an, die sich vor Ort gegen Bergbau- oder landwirtschaftliche Großprojekte stellen – wie die Produktion von Palmblättern für Dieseltreibstoff in riesigen Monokulturen. Junior Maldonado, Mitglied der Bauernvereinigung von Catatumbo, erklärt: „Im Gegensatz zu uns setzt die Regierung ganz auf industrielle Landwirtschaft. Die Paras sollen das Gebiet säubern, damit die multinationalen Konzerne sich hier breitmachen können.“

Das landesweite Ergebnis der Stichwahl vom 17. Juni war eindeutig: 54 Prozent (rund 10 Millionen Stimmen) für Iván Duque, 41,8 Prozent (8 Millionen Stimmen) für Gustavo Petro und 4,2 Prozent ungültige Stimmzettel. Mit Duque siegte auch das Lager der Gegner des Friedensabkommens mit der Farc (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Duque hatte zunächst versprochen, die ehemaligen Farc-Kämpfer zu „zermalmen“, dann aber seinen Ton gemäßigt. Inzwischen spricht er davon, sie auf den „rechten Weg bringen“ zu wollen. Seine Wahl gefährdet auch die Gespräche mit der zweiten Guerillaorganisation des Landes, der ELN (Ejército de Liberación Nacional), die in Norte de Santander besonders aktiv ist. Der am 7. August aus dem Amt geschiedene Präsident ­Juan Manuel Santos hat es nicht mehr geschafft, einen Waffenstillstand mit der ELN auszuhandeln.

Das Wahlergebnis bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Mehrheit der Kolumbianer gegen den eingeleiteten Friedensprozess ist. Wil­fre­do Cañizares, Leiter der Menschenrechtsorganisation Progresar, meint, der Konflikt mit der Farc und der ELN sei nicht wahlentscheidend gewesen: „70 Prozent der Wahlberechtigten in unserem Departamento leben in der Metropolregion Cúcuta, weit weg vom Krieg. Von den restlichen 30 Prozent sind nur 10 Prozent von den Auseinandersetzungen betroffen – und zwar in der Region Catatumbo im Nordosten.“

In den vier Gemeinden von Cata­tum­bo hat Gustavo Petro gewonnen, während er im Rest von Norte de Santander deutlich unterlag. Landesweit zeigt sich das gleiche Bild: Petro siegte in den Regionen, die von den Auseinandersetzungen zwischen Guerilleros und Regierung besonders betroffen waren; vor allem in den abgelegenen ländlichen Gebieten im Norden und Südwesten. Außerdem eroberte er die Hauptstadt und andere große Städte wie Cali, Barranquilla und Cartagena. Eine Ausnahme blieb Medellín, wo der Einfluss und der Nimbus Uribes weiterhin groß ist.

Warum Gustavo Petro die Wahl dennoch verloren hat, versucht Ariel Ávila, stellvertretender Direktor der Stiftung Frieden und Versöhnung, zu erklären: „Wir haben Wahlbetrug beim ersten Wahlgang festgestellt, aber das erklärt nicht den Sieg von Iván Duque. Derzeit gehen zwei Schreckgespenster um in Lateinamerika, nicht nur in Kolumbien: die Krise in Venezuela und das Wahlverhalten der Evangelikalen. Die Medien und die rechte Propaganda hier im Land haben gesagt, Petro sei ein neuer Chávez und er wolle alle Gotteshäuser schließen. Das hat sich in vielen Köpfen festgesetzt. Allein die Wahlentscheidung der Evangelikalen hat Duque eine Million Stimmen eingebracht.“ Die Ultrareligiösen versetzte auch Gustavo Petros Wahlprogramm in helles Entsetzen: Darin stand unter anderem die Verteidigung des Rechts auf Abtreibung und die Ausweitung der Rechte sexueller Minderheiten.

Der Soziologe Harold Olave hingegen meint, die Unterstützung für Iván Duque entspringe der „paramilitärischen Dynamik“ und deren üblichen Instrumenten bei Wahlen: „Günstlingswirtschaft und Gewalt“. Als Beispiel nennt er die Senatorin Aída Merlano von der Konservativen Partei Kolumbiens. Ihr wurde Stimmenkauf bei den Parlamentswahlen im März vorgeworfen. Eine Untersuchung ergab, dass Merlano, die für Barranquilla kandidiert hatte, pro Wählerstimme bis zu 40 000 Pesos (12 Euro) bezahlt hatte.

Harold Olave erzählt, wie das funktioniert: „Die Lokalbarone sichern sich die Loyalität der Beamten, indem sie ihnen mit Entlassung drohen, und die Loyalität der Bevölkerung durch Geschenke oder Jobs. Diejenigen, die irgendwie mit der Opposition in Verbindung gebracht werden, werden von bewaffneten Gruppen attackiert und eingeschüchtert.“ Nach Angaben der Regierung wurden in der Zeit zwischen Januar 2016 und Juli 2018 insgesamt 326 Aktivisten sozialer Bewegungen und von Menschenrechtsgruppen ermordet. Am stärksten betroffen von der tödlichen Gewalt waren die Departamentos Cauca mit 81 Toten, Antioquia mit 47 und Norte de Santander mit 19 Toten.

Es sind allerdings nicht allein die Repressionen, die Iván Duque Wähler bescherte. Nicht wenige konnte er gerade durch seine Haltung zum Friedensabkommen mit der Farc von sich überzeugen. Eines seiner wichtigsten Vorhaben ist die Reform der Sonderjustiz für den Frieden (JEP). Diese im Friedensabkommen von Havanna vereinbarte Institution zur juristischen Aufarbeitung des Konflikts soll Verbrechen beider Seiten, von Rebellen wie Militärs, ahnden. Für bestimmte Delikte, etwa für „Rebellion“, soll automatisch Amnestie gelten. Duque kritisierte die Regelung während des Wahlkampfs als „Instrument der Straflosigkeit“.

Auf Drängen von Senatoren seiner Partei setzte Duque am 18. Juli durch, dass die Passagen über die JEP geändert wurden, die Präsident Santos vor seinem Abschied aus dem Amt noch ratifiziert hatte. Gegen den Protest ehemaliger Farc-Kämpfer werden künftig Militärangehörige von einer anderen Instanz abgeurteilt als Guerillakämpfer. Die rechte Senatorin Paloma Valencia dürfte hingegen zufrieden sein. Sie hatte zuvor betont: „Es ist nicht akzeptabel, dass unsere Soldaten sich vor einem Gericht verantworten müssen, das von der Farc für die Farc geschaffen wurde. Die Polizei und die Armee verdienen ein gerechtes Urteil.“2

Als Präsident will Iván Duque zudem anders als bisher vorgesehen auf Auslieferungsanträge anderer Länder reagieren, sofern sie ehemalige Rebellen betreffen. Demnach dürfte das JEP nicht mehr über Auslieferungsgesuche entscheiden, deren Anklagepunkte Delikte betreffen, die nach Inkrafttreten des Friedensabkommens am 1. Dezember 2016 begangen wurden. Inspiriert scheint die angestrebte Änderung durch den Fall Jesús Santrich, ehemaliger Guerillakommandant und Mitglied der Verhandlungsdelegation der Farc in Havanna. Im April 2018 wurde er wegen Drogenhandels festgenommen, die USA fordern seine Auslieferung. Ob die JEP oder der oberste Gerichtshof zuständig ist, hängt nun vom politischen Willen Duques ab. Im Angesicht dieser Entwicklung zeigt sich Senatorin Valencia der JEP gegenüber mittlerweile großzügig: „Unser ursprüngliches Ziel war die Abschaffung des Sondergerichts. Heute erkennen wir es an und unterstützen seine Arbeit.“

Die Linke fühlt sich indessen trotz der Wahlniederlage gestärkt. Yolima Gómez vom Bündnis Colombia Humana in Cúcuta strahlt: „Das ist ein historisches Ergebnis! 8 Millionen Menschen sind gegen Duques Politik. Unser Ziel ist es, sie zu organisieren. Früher gegen Santos hieß die Opposition Álvaro Uribe. Heute gibt es eine linke Alternative. Ein großer Fortschritt!“ Das Land habe sich verändert, meint auch Harold Olave: „Zum ersten Mal steht die Rechte mit dem Rücken zur Wand. Sie muss ihre Kräfte neu ordnen, und sie hat Angst.“

Bester Beweis für die Verschiebung im politischen Kräfteverhältnis ist die neue Allianz zwischen Liberalen und Konservativen. Die beiden Traditionsparteien, die sich seit dem 19. Jahrhundert teilweise bis aufs Blut bekämpften, unterstützten nach dem ersten Wahlgang gemeinsam Iván Duque. Der Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei und einer der Architekten des Friedensabkommens mit der Farc, Humberto de la Calle, bekam im ersten Wahlgang nur 2 Prozent der Stimmen und landete abgeschlagen auf Platz fünf. Nach seiner Niederlage überraschte er mit der Ankündigung, dass er im zweiten Wahlgang einen ungültigen Stimmzettel abgeben und nicht für Gustavo Petro stimmen werde – den einzigen Kandidaten, der die Fortführung des Friedensprozesses versprochen hatte. Damit folgte er dem Beispiel von Sergio Fajardo, dem Kandidaten der Koalition aus Grünen und der Mitte-links-Partei Polo Democrático, der mit knapp 24 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang Platz drei belegt hatte.

Harold Olave sieht im Friedensprozess den Grund für die Veränderung der politischen Landschaft: „Als die Rebellen die Waffen niederlegten, hat sich ein demokratischer Raum geöffnet, vor allem die Jungen drängen da hinein. Auch die Rechte, die die Guerilla jahrzehntelang zum absolut Bösen stilisiert hat, muss sich jetzt einer neuen Realität stellen.“ Humberto de la Calle, Vizepräsident Kolumbiens von 1994 bis 1996, hatte bereits 2008 erklärt, die „politische Stabilität Kolumbiens“ hänge „von den Farc-Rebellen ab“. Ohne die Guerilla werde „der sozia­le Druck steigen“ und „die Intensität der Auseinandersetzung“ zunehmen.3

Der Weg der Rebellen in die Politik

Vier Autostunden südlich von Bogotá, im Departamento Tolima, liegt eines der 26 Reintegrationslager für ehemalige Kämpfer der Farc. Laura F. wird uns als eine der Verantwortlichen für das Lager vorgestellt: „Das ist jetzt der dritte Journalistenbesuch in einer Woche", seufzt sie. "Alle wollen wissen, was wir vom neuen Präsidenten halten. Der letzte Besucher hat uns in seinem Artikel als Leute hingestellt, die sich gegen den Friedensprozess sperren, das hat den Genossen nicht gefallen. Deshalb werden sie heute nicht mit Ihnen reden.“

15 Jahre bewaffneter Kampf in der Guerilla und bei den städtischen Milizen des Netzwerks Antonio Nariño haben die junge Frau misstrauisch gemacht. Nach anfänglichem Zögern antwortet sie schließlich: „Der Sieg von Duque war zu erwarten. Natürlich wird dadurch alles komplizierter, aber in der Friedensfrage werden wir nicht nachgeben.“

Das Lager liegt auf dem Gipfel eines Bergs und besteht aus mehreren Häusern, in denen ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer mit ihren Familien leben. Es gibt einen Fußballplatz, eine Bibliothek, ein Restaurant und sogar eine Bar. „Wir haben alles selbst gebaut, mit Material, das uns die Regierung zur Verfügung gestellt hat“, erklärt Laura. Wandmalereien künden vom Ruhm der Guerilla und von bekannten Märtyrer wie Manuel Marulanda, Alfonso Cano oder Mono Jojoy.

295 Menschen leben hier. Ehemalige Angehörige der Farc bekommen 700 000 Pesos (ungefähr 210 Euro) im Monat auf ein Bankkonto überwiesen – das entspricht etwa 90 Prozent des Mindestlohns in Kolumbien. Die meisten hier müssen erst einmal lernen, wie man ein Konto führt. Seit der Krieg für sie vorbei ist, widmen sie sich legalen politischen Aktivitäten unter dem Namen ihrer neuen Partei Fuerza Alternativa Revolucionaria del Comun (Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes). Die Abkürzung lautet weiterhin Farc. Die neue Farc-Partei, die bei den Parlamentswahlen nicht einmal 1 Prozent der Stimmen holte, hat sich nach der Wahl umgehend zum Dialog mit dem neuen Präsidenten bereit erklärt.

Viele hier fürchten, dass mit der Rückkehr einer revanchistischen Rechten an die Macht die Zahl der politischen Morde zunimmt. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens im November 2016 bis zum Mai 2018 ungefähr 60 ehemalige Kämpfer getötet. Schon in den 1980er Jahren scheiterte ein Versuch, die Farc in eine politische Organisation zu überführen. Damals wurden mehr als 3000 Aktivisten ermordet.4

Welchen Preis sind die ehemaligen Kämpfer heute zu zahlen bereit? Laura antwortet achselzuckend: „In diesem Land sind im Krieg und in der Politik viele Menschen gestorben, das gehört zum Klassenkampf dazu.“ In ihren Augen können nur veränderte politische Kräfteverhältnisse etwas gegen die Gewalt ausrichten. „Ich vergesse nicht, dass die Regierung der Gegner ist. Sie ist nicht dabei, die Abkommen zu verraten, aber sie spielt eben ihr Spiel. Wenn die acht Millionen Wähler von Petro sich organisieren, wird es weniger Morde geben.“

Inseln der kriminellen Energie

Nicht alle teilen ihre Zuversicht. Verschiedenen Organisationen zufolge soll es unter den ehemaligen Rebellen fast 1200 Dissidenten geben, die das Friedensabkommen ablehnen. In Norte de Santander haben viele wieder zu den Waffen gegriffen. Wilfredo Cañizares von der Menschenrechtsorganisation Progresar befürchtet, dass diese kleine Gruppe, die sich „Frente 33“ nennt und in Catatumbo aktiv ist, wegen Duques Politik mehr Zulauf bekommt.

Ein weiteres Zeichen des Misstrauens: Der frühere Guerillakämpfer Lu­cia­no Marín Arango alias Iván Márquez hat Mitte Juli angekündigt, dass er den ihm zustehenden Sitz im Senat nicht einnehmen wird; nach den Friedensabkommen stehen der ehemaligen Guerilla fünf Sitze im Senat und fünf im Repräsentantenhaus zu. Die Verhaftung seines Freunds Jesús Santrich und das US-amerikanische Auslieferungsgesuch gegen ihn veranlassten Arango zur Flucht nach Caquetá im Süden des ­Landes. In einem offenen Brief vom 16. Juli wetterte er gegen die „Sabotage“ des Friedensabkommens.

„Natürlich gibt es auch Abtrünnige“, sagt Ariel Ávila von der Stiftung Frieden und Versöhnung. „Ich denke jedoch, dass der Kreislauf der politischen Gewalt unterbrochen ist. Wenn allerdings die Agrarreform nicht kommt – wie es im Abkommen von Havanna vorgesehen ist –, besteht die Gefahr, dass alles von vorn losgeht.“ Einem Bericht der Stiftung vom Juli 2017 zufolge hat die Demobilisierung der Farc-Strukturen „einen Raum der kriminellen Anarchie“ entstehen lassen und zu „erhöhter Unsicherheit“ geführt. Das hänge mit der „Zunahme illegaler Gruppen“ rund um die 242 Gemeinden zusammen, in denen die Guerilla aktiv war.5

In Catatumbo liefern sich gegenwärtig die beiden letzten bewaffneten Rebellengruppen, die ELN mit etwa 1500 Kämpfern und die EPL mit 500 Kämpfern, einen Krieg um das Territorium, das bis dahin von der Farc kontrolliert wurde. Um dieses grenz­nahe, strategisch wichtige Gebiet streiten auch paramilitärische Gruppen und die Mafia. Das Chaos, befürchten manche, könnte auf andere Regionen des Landes übergreifen.

1 Sibylla Brodzinsky, „Ex-Colombian president’s family face US extradition over drugs charges“, The Guardian, 11. Juni 2012, www.theguardian.com.

2 „ ,Justicia para policías y soldados‘, pide Paloma Valencia“, El Tiempo, Bogotá, 3. Juli 2018.

3 „Buena parte de la estabilidad política se debe a las FARC“, El Espectador, Bogotá, 26. November 2008.

4 Zur Geschichte der Farc und des Friedensprozesses siehe Maurice Lemoine, „Frieden und Wahrheit für Kolumbien“, LMd, Januar 2016.

5 Bericht Nr. 2 der Stiftung Frieden und Versöhnung (Fundación Paz y Reconciliación), Bogotá, Juli 2017, www.pares.com.co.

Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Loïc Ramirez ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 13.09.2018, Loïc Ramirez