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Es türmt sich

Libanon versinkt im Müll – ein altes Problem, das von Jahr zu Jahr größer wird

von Emmanuel Haddad

Am Morgen verziehen sich die nächtlichen Gewitterwolken und geben den Blick frei auf einen Teppich aus Müll und Unrat am Strand Zouk Mosbeh, nördlich von Beirut. Es ist ein Desaster, das die Küste hier schon zum x-ten Mal erlebt – und auf das prompt die immer gleichen Schuldzuweisungen folgen.

Die einen meinen, der Abfall würde durch das Wasser der Bergbäche hertransportiert und stamme aus den höher gelegenen Dörfern, in denen die christlich-nationalistische Kataeb-Partei das Sagen hat. Die anderen machen die Regierung verantwortlich. Sie sind der Ansicht, der Dreck komme aus der Müllkippe im nördlichen Beiruter Vorort Bourj Hammoud und werde übers Meer hierhergetragen. Dabei sollte eigentlich ebendiese im Umbau befindliche Deponie helfen, das Müllproblem, unter dem der Libanon seit Jahren leidet, zu beenden.

„In Wahrheit stammt der Müll an den Stränden sowohl aus den Bergtälern als auch aus der Deponie an der Küste“, sagt Joslin Kehdy, Gründerin von Recycle Lebanon, einer Bürger­ini­tia­tive, die Umweltschutzaktivitäten koordiniert.

„Die Müllkippe wurde überstürzt gebaut, und immer wieder landet Abfall im Meer“, ergänzt Kehdy, die früher als Restaurant-Bloggerin in London gearbeitet hat und inzwischen in den Libanon zurückgekehrt ist, um sich in der sozialen Bewegung Tala’at Rihatkum („Ihr stinkt“) zu engagieren. Die Proteste begannen im August 2015, als sich die Müllberge in den Straßen von Beirut auftürmten und die Politik tatenlos blieb.

Acht Monate nach den Großdemonstrationen, die teils gewaltsam aufgelöst wurden,1 veröffentlichte die Regierung einen Notfallplan, der die Schaffung von drei neuen Müllkippen an der Küste bei Beirut vorsah. Außerdem sollte der Bau einer Müllverbrennungsanlage geprüft und das Management der Deponien dezentralisiert werden.

Zusammen mit einer Gruppe von Freiwilligen geht Joslin Kehdy seit Dezember 2015 jedes Wochenende an den Strand von Zouk Mosbeh, um Abfall einzusammeln, denn nach jedem Sturm liegt dort neuer Unrat herum. Eine Sisyphusarbeit für alle Umweltaktivisten im Libanon. Ihrem Engagement tut das jedoch keinen Abbruch. Überall im Land entstehen private Initiativen, die konkrete, nachhaltigere Lösungen verwirklichen.

Zur gleichen Zeit wie Recycle Lebanon entstand das Unternehmen Recycle Beirut, das Geflüchtete aus Syrien beschäftigt und mittlerweile jeden Monat 100 Tonnen Müll sortiert und recycelt. Cedar Environmental hingegen hat sich auf lokale Lösungen spezialisiert. Im Städtchen Beit Mery etwa wird der gesamte Abfall – von Biomüll bis Plastik – restlos recycelt. Die Menschen sind es leid, darauf zu warten, dass die Politik das Problem angeht, dessen Ursprünge bis in die Zeit des Bürgerkriegs (1975–1990) zurückreichen.

Damals entstanden zwei wilde Müllkippen bei Beirut, die Deponie Normandy, benannt nach einem nahegelegenen Hotel, und die Deponie von Bourj Hammoud, das einst ein Lager für armenische Flüchtlinge war, die dem Genozid von 1915 entkommen waren. Später entwickelte sich Bourj Hammoud zu einem eigenen Stadtviertel Beiruts.

Auf diesen beiden Müllkippen landete während des Bürgerkriegs alles, von Autowracks über alte Batterien bis zu medizinischen Abfällen. Nach dem Ende des Konflikts wurde die Deponie Normandy für die Gewinnung von Bauland aufgeschüttet. Verantwortlich dafür zeichnete die Bau- und Immobilienfirma Solidere, die der damalige Ministerpräsident Rafik Hariri gegründet hatte, um den Wiederaufbau der Beiruter Innenstadt voranzubringen.2

Die Deponie in Bourj Hammoud hingegen wurde weitergenutzt. Bis zu ihrer offiziellen Schließung 1997 türmte sich der Müll hier bis auf 45 Meter Höhe. Damals entwickelte Umweltminister Akram Chehayeb einen Siebenjahresplan, um diese wilde Müllhalde durch eine Deponie in Naameh, südlich von Beirut, zu ersetzen. In der Zwischenzeit sollte der Müllberg in Bourj Hammoud bestehen bleiben.

1987, noch während des Bürgerkriegs, wurden in Bourj Hammoud eine ungeklärte Anzahl blauer Fässer mit Giftmüll entsorgt. Laut Greenpeace wurden damals „15 800 Fässer unterschiedlicher Größe und 20 Container mit giftigen Abfällen illegal von Italien in den Libanon gebracht.“ Bewaffnete Männer der rechtsgerichteten Libanesischen Kräfte hätten für die Geheimhaltung der Aktion gesorgt und seien mit einem Teil des Geldes bestochen worden, das eine italienische Firma an libanesische Geschäftsleute gezahlt hatte.3

Die alten Giftfässer aus Italien

Diese Fässer wurden überall im Land abgestellt, auf Fabrikgeländen oder in Bergwerken. Einige landeten auch auf den Mülldeponien. Angesichts des öffentlichen Aufschreis ordnete die ita­lie­nische Regierung an, dass die Fässer wieder eingesammelt werden müssten. Laut Greenpeace wurden zwischen 1988 und 1989 allerdings nur etwa 5500 Fässer wieder außer Landes gebracht. „Mehr als 10 000 Fässer und der Inhalt von mehreren Containern blieben im Libanon oder wurden entlang der Küste im Meer versenkt.“

1988 gab das libanesische Gesundheitsministerium eine Untersuchung in Auftrag. Der von Pierre Malychef, Wilson Rizk und Milad Jarjoui erstellte Abschlussbericht kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Hunderte der italienischen Fässer enthielten Dioxinlösungen. Andere waren mit explosivem Cellulosenitrat oder mit hochgiftigen Schwermetallen gefüllt, wie Quecksilber, Arsen, Blei oder Cadmium. Im selben Jahr wurde im Libanon das Baden im Meer verboten.

Einige der Fässer wurden einfach irgendwo in der Landschaft ausgeleert oder unter freiem Himmel verbrannt. Der Rest wurde laut einem Bericht des Präsidenten des Conseil du développement et de la reconstruction (CDR) im Bergwerk von Chnaniir, im Verwaltungsbezirk Keserwan, in der Deponie von Bourj Hammoud und entlang der Küste nördlich von Beirut entsorgt.

In der Nacht zum 29. August 1994 hinderten Bewohner eines Dorfs in Keserwan nördlich von Beirut Mitarbeiter des Umweltministeriums daran, 19 Fässer in einem Steinbruch unweit des Flusses Ibrahim zu entsorgen. Umweltminister Samir Mokbel machte sich über die öffentliche „Hysterie“ lustig und erklärte die Fässer für ungefährlich. Greenpeace erhielt jedoch die Erlaubnis, Proben zu nehmen, und stellte fest, dass sie dieselben Giftstoffe wie die 1987 aus Italien eingeführten Fässer enthielten und vermutlich zu der damaligen Lieferung gehörten.

Im Zuge einer weiteren Untersuchung enthüllte der libanesische Militärgeheimdienst, dass mehrere Mitarbeiter des Umweltministeriums in den Skandal um die italienischen Fässer verwickelt waren. Zwei enge Berater von Mokbel traten im Februar 1995 zurück, und wenige Monate später musste auch der Minister im Rahmen einer Regierungsumbildung seinen Posten räumen.

Eine gerichtliche Verurteilung der Verantwortlichen für diesen Umwelt­skan­dal blieb jedoch aus. Stattdessen klagte der zuständige Staatsanwalt Said Mirza im Februar 1995 den Wissenschaftler Pierre Malychef wegen Falschaussage an. In einem Fernsehinterview hatte dieser gesagt, dass die giftigen Abfälle über das ganze Land verteilt worden seien. Malychef verbrachte zwei Wochen im Gefängnis und wurde mehrfach bedroht, auf seine Apotheke wurden zwei Anschläge verübt.

Im März 2016 kam der Skandal um die blauen Fässer noch einmal an die Oberfläche, nachdem das libanesische Kabinett einen neuen Notfallplan von Landwirtschaftsminister Akram Chehayeb angenommen hatte. Der Plan sah vor, die Deponie in Bourj Hammoud aufzuschütten und an derselben Stelle zwei der drei für Beirut vorgesehenen neuen Deponien zu errichten. In den folgenden vier Jahren sollten diese drei Deponien 1,4 Millionen Tonnen Müll aufnehmen.

Deponien zu Bauland

Tatsächlich kippte die Khoury Contracting Company den ganzen Müllberg von Bourj Hammoud einfach ins Meer. Nach Protesten von Fischern, die durch lokale Umweltorganisationen unterstützt wurden, gab Umweltminister Tarek Khatib am 13. Juni 2017 zu: „Dieser Müll sollte ja im Meer landen, allerdings geschützt durch einen Wellenbrecher. Da handelte es sich um eine Verletzung der Vorschriften.“4 ­Sodann versprach er, sich für eine ­Entschädigung der Fischer einzusetzen.

Um sicherzustellen, dass keine gefährlichen Stoffe auf der Deponie von Bourj Hammoud lagern, ist der libanesische Conseil national de la recherche scientifique (CNRS) dazu verpflichtet, regelmäßig Proben zu entnehmen. Das Forschungsinstitut, das dem Kabinett unterstellt ist, weigert sich jedoch, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen.

„Der CNRS müsste diese Informationen eigentlich öffentlich machen“, sagt Samar Khalil, die an der American University Beirut Umweltsicherheit und Chemie lehrt. Auch Elias Azzi, Forscher am Royal Institute for Technology in Stockholm, bestätigt: „Es gibt keine neuere wissenschaftliche Untersuchung über den Müll in Bourj Hammoud, die seine Ungefährlichkeit bestätigt. Sollte es sich um eine Vergiftung durch Chemieprodukte handeln, wird ein Teil davon im Lauf der Jahre bestimmt schon ins Meer gespült worden sein.“

Von den drei Wissenschaftlern, die seinerzeit den Fall der aus Italien importierten Giftstoffe untersucht haben, lebt heute nur noch Wilson Rizk. Den gemeinsamen Bericht bewahrt er sorgfältig auf, inklusive der Proben, die die Existenz der Giftfässer auf der Deponie in Bourj Hammoud beweisen.

Als im März 2016 eine Bürger­ini­tiative Klage gegen den Plan der Regierung einreichte, die Kippe in Bourj Hammoud auszubauen, wurde Rizk als Experte vor Gericht geladen. „Man müsste Proben an verschiedenen Stellen der Deponie nehmen, um die Belastung der verschiedenen Schichten des Müllbergs zu ermitteln“, sagt der inzwischen über 70-Jährige. Das dürfte allerdings ein frommer Wunsch bleiben. „Der Richter hatte angeordnet, die Bauarbeiten einzustellen. Aber dann gab es Druck aus der Politik, und die Arbeit ging weiter.“

Toufic Kazmouz ist bei der Khoury Contracting Company für den Umbau der Bourj-Hammoud-Deponie zuständig. Auf Fragen nach dem Giftmüll reagiert er ungehalten: „Niemand kann mir beweisen, dass das Gerücht stimmt! Wir brauchen diese Geschichten nicht, die den Leuten Angst einjagen. Klar, es gibt auch Nachteile, wenn man Müll ins Meer kippt, um Land zu gewinnen. Aber das ist im Moment die einzige Lösung. Wenn jemand etwas Besseres weiß, soll er es sagen!“

Am 26. Oktober 2017 schloss sich das libanesische Kabinett dieser Sichtweise an. Wie die Deponie in Naameh – ein Provisorium, das zur Dauerlösung wurde – sollten auch die Müllkippen Costa Brava (eröffnet 2015) und Bourj Hammoud ausgeweitet und ihre Nutzung bis zum Bau einer neuen Müllverbrennungsanlage verlängert werden. Eine Politik, die den neuen „Müllkönigen“,5 wie sie die libanesische Presse bereits nennt, in die Hände spielte.

Einer der Profiteure ist die Al Jihad Group, die bereits einen Vertrag über 59,5 Millionen Dollar für Bau und Betrieb der Costa-Brava-Deponie hatte und nun weitere 100 Millionen Dollar für deren Erweiterung erhält. Die Firma gehört Jihad Al Arab, einem Freund der Familie von Premierminister Saad Hariri. Al Arab bekam auch Aufträge zur Modernisierung der Coral-Kompostanlage – die Arbeiten haben dort noch immer nicht begonnen.

Die Khoury Contracting Company erhielt ihrerseits innerhalb von vier Jahren insgesamt 109 Millionen Dollar, um die Deponie in Bourj Hammoud umzubauen und durch Aufschüttung Platz für zwei neue Müllkippen zu schaffen. Insgesamt hat der libanesische Staat seit 2016 über 600 Millionen Dollar für das Einsammeln und die Verarbeitung von Haushaltsmüll ausgegeben.

Mit einer Entscheidung für eine Müllverbrennungsanlage könnte sich diese Summe noch einmal verdoppeln. Obwohl die Verbrennungstechnik in Dänemark selbst gerade infrage gestellt wird, hat die dänische Consulting-Firma Ramboll diese Lösung für den Libanon empfohlen. In einer 850 000 Dollar teuren Studie für die libanesische Regierung riet das Beratungsunternehmen zu einer Investition von 500 Mil­lio­nen Dollar in eine Müllverbrennungsanlage mit einer Kapazität von 750 000 Tonnen pro Jahr.

Sollte die Verbrennungsanlage tatsächlich gebaut werden, könnten auf dem dadurch gewonnenen Land neue Immobilienprojekte entstehen. Für Elias Azzi ist das kein Zufall: „Offensichtlich soll über kurz oder lang die gesamte Küste im Norden von Beirut mit Müll aufgeschüttet werden, und mit dem neuen Land werden gewisse Leute sehr viel Geld verdienen.“

1 Siehe „Lebanon: Police Violence Against Protesters“, Human Rights Watch, 22. August 2015.

2 Siehe Hannes Baumann, „Citizen Hariri: Lebanon’s Neoliberal Reconstruction“, London (Hurst) 2016.

3 Fouad Hamdan, „Toxic attack against Lebanon“, Greenpeace Méditerranée, Malta, August 1996, www.fouadhamdan.org.

4 LBC, 13. Juni 2017.

5 „Les nouveaux rois des déchets“, Le Commerce du Levant, Beirut, Februar 2018, www.lecommercedulevant.com.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Emmanuel Haddad ist Journalist in Beirut.

Le Monde diplomatique vom 09.08.2018, Emmanuel Haddad