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Tito, der letzte Internationalist

Tito, der letzte Internationalist

Vor 70 Jahren brach der jugoslawische Staatschef mit Moskau und suchte Verbündete zwischen den Fronten des Kalten Kriegs

von Jean-Arnault Dérens

Manche Bilder machen nostalgisch. Etwa Fotos von den Konferenzen der Blockfreienbewegung, die eine neue Weltordnung schaffen sollte. Oder das Bild von Marschall Tito (1892–1980) in weißer Paradeuniform, wie er in seiner Villa auf der Insel Brioni als Präsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien die Staatschefs der gerade entkolonisierten Länder und Vertreter der Freiheitsbewegungen aus Afrika und Asien empfängt.

Nachdem Jugoslawien 1948 nach dem Bruch mit Moskau aus dem sozialistischen Block verstoßen worden war, bot die Unterstützung der antikolo­nia­len Kämpfe die Chance, sich auf der internationalen Bühne zu präsentieren. Die Sowjetunion und die französische KP sahen die Anschläge in Algerien vom Herbst 1954, die den Beginn des Algerienkriegs markierten, mit großer Skepsis. Anders Jugoslawien, das sich auf Ebene der Vereinten Nationen als erstes Land an die Seite der algerischen Befreiungsbewegung FLN stellte.

„Tito und die Führungsriege seiner Partei sahen in den Freiheitskämpfen der Dritten Welt tatsächlich eine Neuauflage ihres eigenen Kampfs gegen die faschistischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Sie fieberten mit bei den Erfolgen der FLN und des Vietkong“, erinnert sich Danilo Milic. Der ehemalige Diplomat repräsentierte sein Land von 1961 bis 2011 in sechs afrikanischen Staaten. Sein Land war lange Jugosla­wien und ist heute Serbien. „Auch wir waren kolonisiert“, bemerkt Milic, „vom Osmanischen Reich und durch ­Österreich-Ungarn. Das macht uns in Sachen Kolonialismus besonders sensibel.“

Der Titoismus war nie eine starre Doktrin, sondern eine politische Praxis, die aus der Erfahrung des Partisanenkampfes im Zweiten Weltkrieg entstanden war. Josip Broz Tito1 war ein Apparatschik, der die harte Schule der sowjetischen Geheimpolizei GPU durchlaufen hatte. Nachdem er die stalinistischen Säuberungen der Komintern überlebt hatte, entwickelte er im antifaschistischen Befreiungskampf seine eigenen Konzepte, ohne die Anweisungen Moskaus zu beachten.

Aus Sicht der UdSSR war die so­zia­lis­tische Revolution in Jugo­sla­wien damals zweitrangig; sie wollte eine Einigung mit allen Widerstandsbewegungen, auch mit den vorwiegend serbischen Tschetniks, die der monarchistischen Regierung im Londoner Exil anhingen. Für Tito hingegen ­musste der Kampf gegen die faschistischen Besatzer in den Aufbau eines neuen sozialistischen Bundesstaats münden.2

Dank der Dominanz seiner Partisanenbewegung konnte Tito seine Linie durchsetzen. 1943 gewann er die Unterstützung der Briten, die dafür sogar die Tschetniks fallen ließen. Jugoslawien war neben Albanien das einzige europäische Land, das von seiner eigenen Widerstandsbewegung befreit wurde; der Vormarsch der Roten Armee im Nordosten Serbiens im Herbst 1944 war ohne größere Bedeutung.

Das verschaffte Tito eine Legitimität, die es ihm erlaubte, Stalin 1948 die Stirn zu bieten. Anders als die kommunistischen Parteien Osteuropas, die im Windschatten der Roten Armee an die Macht gekommen waren, genoss sein Regime breite Unterstützung. Gehörten Tito und seine Leute unmittelbar nach dem Krieg noch zu den eifrigsten Adepten Moskaus, begannen sie Anfang 1948 den Anweisungen Stalins nicht mehr Folge zu leisten. Der beschuldigte daraufhin die jugoslawischen Ge­nossen „nationalistischer Abweichungen“.

In der bipolaren Welt des Kalten Kriegs beruhte die Position Jugo­sla­wiens maßgeblich auf seinem entschlossenen Engagement für die Entkolonialisierung. Das war zum Teil reiner Opportunismus: Tito musste sich wegen seiner Isolation innerhalb des kommunistischen Blocks nicht nur andere Partner und Verbündete suchen, sondern auch und vor allem die Brauchbarkeit des „anderen“ Sozialismus nachweisen, mit dem sein Land experimentierte. Und Tito hatte ein gutes Gespür für die Chancen, die ihm eine Welt im Umbruch bot.

„Die Sowjetunion und die von Moskau abhängigen KPs haben die Dynamik der antikolonialen Kämpfe lange nicht verstanden“, meint Danilo Milic. „Nach ihrem Konzept hätten die kommunistischen Parteien zunächst in den Hauptstädten die Macht ergreifen müssen, um dann den kolonisierten Völkern die Freiheit zu verordnen.“ Auch sei die Sowjetunion auf die Beziehungen zum Westen fixiert gewesen: „Die Entspannung war für sie lebenswichtig. Moskau wollte keine Initiativen ergreifen, die Frankreich oder Großbritan­nien missfallen hätten.“

Jugoslawien lernte schnell, aus seiner besonderen Position Vorteile zu ziehen. Tito perfektionierte die subtile Kunst, die Spannungen zwischen den zwei großen Blöcken auszunutzen, indem er sich mal mit dem Westen, mal mit der Sowjetunion verbündete.

An der Konferenz von Bandung3 von 1955 nahm Jugoslawien zwar nicht teil, doch Tito war der erste europäische Staatschef, der nach der Unabhängigkeit Indiens Neu-Delhi besuchte. Im Juli 1956 traf er in seiner Villa auf Brioni mit Premierminister Nehru und dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser zusammen, um den Grundstein für die Bewegung der Blockfreien Staaten zu legen.

Was die algerische Revolution betrifft, so unterstützte Jugoslawien die Front de Libération Nationale (FLN) nicht nur auf diplomatischer Ebene. Im Januar 1958 stoppte die französische Marine vor der algerischen Küste den Frachter „Slovenija“, der Waffen für die FLN transportierte. Und der montenegrinische Journalist Stevan Labudović schloss sich den FLN-Einheiten an und filmte ihre Kampfhandlungen.

Belgrad boten sich viele Betätigungsfelder: Nach Guinea schickte man 1958 nach dem Abzug der Franzosen tausende Entwicklungshelfer; die Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien erhielten materielle Unterstützung. Und als 1961 der kongolesische Ministerpräsident Pa­trice Lumumba ermordet wurde, sprach Tito vom „größten Verbrechen der jüngeren Geschichte“.

Dabei war auch Jugoslawien noch ein unterentwickeltes Land. Die Abwägung war schwierig, erinnert sich Milic, „aber wir haben nicht nachgerechnet, wenn es darum ging, Waffen für die Revolutionen in Afrika zu liefern, während es gleichzeitig in bestimmten Regionen unseres eigenen Landes an allem fehlte.“

Freund der Unabhängigkeitsbewegungen

Tito reiste mehrmals nach Afrika. Wegen seiner Flugangst immer mit seiner Luxusjacht „Galeb“, auf der er 1961 eine 72-tägige Reise nach Ghana, Togo, Liberia, Guinea, Mali und Tunesien unternahm. Mit an Bord waren wertvolle Geschenke und ein großes Gefolge, darunter 50 Sänger und Musiker und mehrere Schneider für Titos Frau Jovanka Broz, die bei jedem Landgang ein neues Kleid trug.

Guineas Präsident Kwame Nkru­mah sah in Tito den zeitgenössischen Staatsmann, der die Realitäten und speziell Afrika am besten verstanden hat.4 Trotz gewisser Auswüchse am „Hofe“ Titos hatten es jugoslawische Diplomaten in Afrika vermutlich leichter, weil ihr Land nie Kolonialmacht gewesen war.

Auffällig ist allerdings, dass man heute im „Haus der Blumen“, zu dem das Tito-Mausoleum und ein Museum für afrikanische Kunst gehören, fast keine Verweise auf Südafrika und den Kampf gegen die Apartheid findet. Tatsächlich war der ANC aus Belgrader Sicht zu stark auf Moskau ausgerichtet, weshalb man engere Beziehungen zum Panafrikanischen Kongress (PAC), dem Rivalen des ANC pflegte, erklärt Milic heute: „Wir wollten alle Freiheitsbewegungen in Südafrika unterstützen, aber die kommunistischen Aktivisten im ANC waren doch sehr stalinistisch geprägt. Sie hielten alle, die nicht total auf ihrer Seite standen, für politische Gegner. Und sie misstrauten Jugo­sla­wien, weil wir unsere Beziehungen zum PAC beibehalten wollten.“

Konkreter war die Unterstützung der Südwestafrikanischen Volksorganisation (Swapo): In den 1980er Jahren wurden mehrere hundert Offiziere der namibischen Freiheitsbewegung an jugoslawischen Militärschulen ausgebildet. Enge Beziehungen unterhielt Belgrad auch zu Angola und Mosambik, die seit ihrer Unabhängigkeit (1975) den ANC massiv unterstützen.

Erst seit Kurzem wissen wir – aus freigegebenen Akten der südafrikanischen Armee –, dass der Geheimdienst Pretorias plante, in Kooperation mit den argentinischen Kollegen 1500 antikommunistische kroatische Guerillakämpfer an der jugoslawischen Küste abzusetzen, mit dem Ziel, das Belgrader Regime zu stürzen.5 Die Aktion war für den Sommer 1980 geplant. In Pretoria glaubte man, die Sowjets könnten nicht reagieren, weil in Moskau gleichzeitig die Olympischen Spiele stattfinden würden.

Doch Tito witterte Gefahr aus einer anderen Ecke: Nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan im Dezember 1979 versetzte er seine Streitkräfte aus Angst vor einer Bedrohung durch den Warschauer Pakt in er­höhte ­Alarmbereitschaft. Diese Obsession verfolgte ihn bis an sein Lebensende.

Im September 1979 trat der Marschall seine letzte große Reise mit der „Galeb“ an, die ihn nach Havanna führte. Auf der 6. Konferenz der Bewegung der Blockfreien Staaten verhinderte er noch einmal eine stärkere Orientierung auf Moskau, die Fidel Castro der Organisation aufdrücken wollte.

Am 4. Mai 1980 starb Tito.6 Zu seiner Beerdigung kamen Staatsoberhäupter und Regierungschefs aus aller Welt. Es war eine der größten Ansammlungen der Mächtigen in der Epoche des Kalten Kriegs.

Die Nachfolgestaaten Jugosla­wiens haben Titos außenpolitisches Erbe nicht völlig verramscht. Als Kroatiens Präsident Stipe Mesić 2006 nach Havanna reiste, nahm er einen Veteranen der jugoslawischen Diplomatie mit: Budimir Lončar, letzter Außenminister des alten Jugoslawien, hatte oft zwischen Tito und Castro vermitteln müssen.

Selbst Kroatien gehörte bis zu seinem Nato-Beitritt 2009 der Bewegung der Blockfreien Staaten an. Und der serbische Außenminister Vuk Jeremić reiste, nachdem das Kosovo 2008 einseitig seine Unabhängigkeit erklärt hatte, in der ganzen Welt herum, um möglichst viele Staaten von der Anerkennung des Kosovos abzubringen. Als Forum nutzte er dabei Organisationen wie die Afrikanische Union und den Islamischen Weltkongress, bei denen Serbien bis heute Beobachterstatus besitzt.

Belgrad versuchte also die alten Netzwerke der Blockfreienbewegung zu reaktivieren. Aber man darf sich nicht täuschen, warnt Ana Sladojević, die Kuratorin der Ausstellung „Tito und Afrika“, die im Sommer 2017 in Belgrad zu besichtigen war. Antikolonialismus und Antifaschismus seien zwar Teil des „jugoslawischen Erbes“, aber „alle Nachfolgestaaten wollen das heute am liebsten vergessen“.

1 Tito war sein Kampfname aus Widerstandszeiten.

2 Jože Pirjevec, „Tito. Une vie“, Paris (CNRS Éditions) 2017.

3 Siehe Françoise Feugas, „De la conférence de Bandung au mouvement des non-alignés“, Manuel d’histoire critique, LMd, Paris 2014.

4 Siehe Jože Pirjevec, „Tito“ (siehe Anmerkung 2).

5 Hennie van Vuuren, „Apartheid, Guns and Money: A Tale of Profit“, Johannesburg (Jacana Media) 2017.

6 Dies und der Boykott der Moskauer Olympiade durch die USA veranlassten Südafrika, die Operation in Jugoslawien abzublasen.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Jean-Arnault Dérens ist Chefredakteur des Courrier des Balkans.

Le Monde diplomatique vom 09.08.2018, Jean-Arnault Dérens