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Russland und China: Wer braucht wen?

Früher konkurrierten sie um die Führung der kommunistischen Weltbewegung. Seit Ende des Kalten Kriegs bemühen sie sich um gute Nachbarschaft und ökonomische Kooperation. Doch für Moskau bleibt Peking wegen des Machtgefälles und der Konkurrenz in Zentralasien ein unsicherer Partner.

von Isabelle Facon

Westliche Kommentatoren weisen gern – und zu Recht – auf das Machtgefälle zwischen Russland und China hin. Das werde, meinen sie, letzten Endes die Zusammenarbeit der beiden Länder gefährden. Dagegen versichern die Staatschefs in Moskau und Peking unablässig, ihre Partnerschaft sei stabil und das gegenseitige Vertrauen groß.

Seit der internationalen Krise, die 2014 von der russischen Annexion der Krim und dem Donbass-Konflikt ausgelöst wurde, hat sich die Partnerschaft zu einer „Entente“ entwickelt. Dieses informelle Bündnis basiert auf mehreren Faktoren, die der russische Politologe Dmitri Trenin benennt: „gegenseitiges Verständnis und Empathie auf höchster politischer Ebene; wachsende Nutzung russischer Energiequellen durch chinesische Unternehmen; privilegierter Zugang der Volksbefreiungsarmee zu russischer Militärtechnologie; und die Möglichkeit, für Infrastrukturprojekte, die China mit Europa verbinden, zunehmend auf russisches Territorium zurückzugreifen.1

Auf dem Weg zu dieser umfassenden Kooperation haben beide Seiten große Hindernisse überwunden. Im November 2014 bewilligten die bis dahin zögernden Russen den Verkauf des Raketenabwehrsystems S-400 und von Su-35-Kampfflugzeugen an das chinesische Militär. Hauptmotiv für diese eher bescheidene, aber äußerst symbolträchtige militärische Zusammenarbeit war die gemeinsame Front gegen die Stationierung US-amerikanischer Raketenabwehrsysteme in Asien.

Bereits im Mai 2014 war der milliardenschwere Vertrag über den Bau der Gaspipeline Sila Sibiri („Kraft Sibi­riens“) unterzeichnet worden. Bei der Finanzierung der Flüssiggasanlage Jamal, die wegen der Sanktionen des Westens in Schwierigkeiten geriet, sprangen chinesische Geldgeber ein: Heute liegen 20 Prozent der Jamal-Aktien bei der China National Petroleum Corporation (CNPC) und 9,9 Prozent beim Silk Road Fund.

Robotik, Informatik und künstliche Intelligenz

Am 6. Juni 2018, kurz nach seiner Wiederwahl, verglich Präsident Putin in einem Interview mit dem staatlichen Sender China Media Corporation das russisch-chinesische Verhältnis mit einem Haus, das „jedes Jahr wächst, neue Stockwerke bekommt und immer höher und stärker wird“. Seinen Amtskollegen Xi Jinping bezeichnete er als einen „guten und verlässlichen Freund“.

Putin verwies insbesondere auf die großen Austauschpotenziale in den Bereichen Robotik, Informatik und künstliche Intelligenz und begrüßte den Ausbau der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), die 2001 die Gruppe der Shanghai Five abgelöst hatte. Diese war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden und umfasste zu Beginn neben Russland und China noch Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan. 2001 kam Usbekistan hinzu, aber erst mit dem Beitritt von Indien und Pakistan 2017 wurde die SOZ – in den Worten Putins – eine „weltumspannende Organisation“.2

Auch die russische Bevölkerung zeigt sich überwiegend chinafreundlich. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum vom Dezember 2017 wird China nur von 2 Prozent der Befragten als „Feind“ (wrag) Russlands betrachtet, die USA dagegen von 67 Prozent, die Ukraine von 29 Prozent und die Europäische ­Union von 14 Prozent der Befragten. Nach einer weiteren Umfrage vom Februar 2018 hatten 70 Prozent der Russen eine gute Meinung von China und nur 13 Prozent sahen das Land negativ.

Seit dem Ende des Kalten Kriegs konzentrierten sich die russische wie die chinesische Regierung bewusst auf die innere Entwicklung und waren deshalb auf günstige internationale Bedingungen angewiesen. Deshalb setzten beide auf eine anhaltend gute Nachbarschaft und wollten die Konflikte der Vergangenheit hinter sich lassen: Also historische Kapitel wie die „Ungleichen Verträge“ im 19. Jahrhundert,3 das ideologische Zerwürfnis innerhalb des kommunistischen Lagers seit Ende der 1950er Jahre (siehe den Artikel von Serge Halimi auf Seite 9) oder den Grenzkonflikt, der 1969 sogar zu längeren Gefechten am Ussuri geführt hatte.

Anfang der 1990er Jahre wuchs in Moskau wie in Peking die Einsicht, dass der schwelende Konflikt „die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung schwer belastet“, schreibt der chinesische Politologe Yang Cheng. Deshalb wollte man die Beziehungen unbedingt verbessern.4

Das erforderte ein Abkommen über den Verlauf der 4000 Kilometer langen gemeinsamen Grenze und das brauchte seine Zeit. Die Vereinbarung kam erst 2004 zustande, ermöglichte dann aber eine Stabilisierung der Beziehungen auch im Militär- und Sicherheitsbereich. 2009 verabschiedeten Russland und China einen gemeinsamen Zehnjahresplan zur Kooperation in den Grenzregionen, der 168 Projekte umfasste. Außerdem wurden bilaterale Arbeitsgruppen gegründet, um strittige Fragen – wie illegale Einwanderung, Schmuggel oder Umweltprobleme – zu behandeln und zu lösen.

Der Wunsch nach dauerhaften, gesicherten bilateralen Beziehungen in einer konstruktiven, friedlichen Atmosphäre ging auch deshalb in Erfüllung, weil sich beide nicht in die inneren Angelegenheiten der anderen Seite einmischen wollten. Beide reagieren extrem misstrauisch auf Einmischungen von Dritten, denen sie zumeist unterstellen, ihr Land destabilisieren zu wollen. Die Erhaltung des Regimes hat in Moskau wie in Peking allerhöchste Priorität.

In beiden Hauptstädten ist man der Meinung, die westlichen Länder, insbesondere die USA, hätten nach dem Kalten Krieg subversive Umtriebe unterstützt oder gar inszeniert, um ihre geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. In diesem Sinne wurden auch die sogenannten Farbrevolutionen interpretiert.

Moskau war vor allem über die Rosenrevolution in Georgien (2003) und die Orange Revolution in der Ukraine (2004) beunruhigt, während Peking befürchtete, die Tulpenrevolution in Kirgistan (2005) könnte andere Länder destabilisieren und die Unabhängigkeitsbewegung in Xinjiang inspirieren.5

Auch im Arabischen Frühling sahen die Russen wie die Chinesen die Hand des Westens im Spiel. Umso enger rückten sie zusammen, wenn es um die Stabilität ihrer Außengrenzen ging. Als größte Bedrohung empfanden beide in dieser Hinsicht „die militärische Präsenz Amerikas und die politische Unterstützung für Verbündete oder Partner der USA, die häufig mit Peking oder Moskau über Kreuz waren“.6

Dies ist ganz sicher auch der Grund, warum – bislang – noch keine großen Probleme zwischen China und Russland in Zentralasien aufgetreten sind. In dieser Großregion baut Peking seit der Jahrtausendwende seine Wirtschaftsmacht energisch aus, achtet dabei aber sehr darauf, die außen- und sicherheitspolitische Führungsrolle Moskaus in diesem Bereich seines „nahen Auslands“ nicht infrage zu stellen.

Historische Grundlage dieser Kooperation war die Gründung der Shanghai Five 1996 mit der Intention, das frühere chinesisch-sowjetische Grenzgebiet zu sichern und Unruhen in ganz Zentralasien vorzubeugen. Mit dieser Region, genauer mit Kasachstan, hat Russland eine lange Grenze, dasselbe gilt für China und seine Provinz Xinjiang. Deshalb geht es innerhalb der SOZ, der Nachfolgeorganisation der Shanghai Five, vor allem um die Gefahren des „Terrorismus, Extremismus und Separatismus“.

Auf diesem Gebiet verstehen sich Russland und China natürlich ausgezeichnet. Seit dem Zweiten Tsche­tsche­nien­krieg (1999–2009) bringen die Russen die separatistische Bestrebungen im Kaukasus mit dem radikalen Islamismus in Verbindung; so wie die Chinesen in Xinjiang muslimische Extremisten am Werk sehen. Aus beiden Regionen gab es beträchtlichen Zulauf zum Islamischen Staat (IS).

Offiziell hat man zwar in Peking das Eingreifen Moskaus in der Ukraine nicht gebilligt, aber ein hoher Regierungsvertreter betont, die chinesischen Diplomaten und Politiker seien sich darüber im Klaren, was die Krise in der Ukraine herbeigeführt hat, nämlich „die Farbrevolutionen, die der Westen in den postsowjetischen Staaten unterstützt, und der Druck, den die Ausweitung der Nato auf Russland ausübte“.7

Russland wiederum bezieht bei den Territorialkonflikten im Südchinesischen Meer eine neutrale Position, unterstützt aber die Kritik Pekings an der „destabilisierenden Rolle der USA“ in diesem Gebiet. 2016 gaben die Russen ihre traditionelle Zurückhaltung ein Stück weit auf und beteiligten sich an gemeinsamen Manövern im Südchinesischen Meer, allerdings nur außerhalb der umstrittenen Zonen.8

Gemeinsame Marineübungen gab es allerdings bereits im Mai 2015 im östlichen Mittelmeer und im Juli 2017 in der Ostsee, einem akuten Spannungsherd zwischen Russland und der Nato.

China und Russland stimmen also in zahlreichen bilateralen und internationalen Fragen überein. Dennoch bewertete der einflussreiche Russische Rat für Außenpolitik (RSMD) in seiner Jahresbilanz 2017 die wachsende Asymmetrie der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Peking als eine der Herausforderungen für 2018. Die Moskauer Diplomatie müsse darauf achten, dass der Rückstand nicht noch größer werde.

In den letzten 25 Jahren hat sich das Kräfteverhältnis in vieler und zumal in ökonomischer Hinsicht zuungunsten Russlands verkehrt. Wegen der guten Beziehungen wird dieses wachsende Ungleichgewicht allerdings in Moskau nicht systematisch als Bedrohung der Sicherheit und Souveränität analysiert.

Russlands Ferner Osten, Chinas Hinterhof

China ist die zweitstärkste Wirtschaftsmacht der Welt und repräsentiert (laut IWF) 15 Prozent des globalen BIPs, während Russland mit 1,9 Prozent nur an 12. Stelle steht. Das chinesische BIP ist knapp achtmal so groß wie das russische. China ist für Russland seit 2010 der wichtigste Handelspartner (mit 15 Prozent des Außenhandelsvolumens), umgekehrt liegt Russland unter den Partnern Chinas nur auf Platz 9.

2014 wurden im chinesisch-russischen Handel zwar 95 Milliarden Dollar umgesetzt (2003 waren es nur 16 Mil­liar­den), doch das Handelsvolumen Chinas mit der EU liegt bei 615 Mil­liar­den und das mit den USA bei 555 Milliarden Dollar. Zudem investieren die Chinesen in Russland deutlich mehr als umgekehrt.

Ein Problem ist auch die qualitative Struktur des bilateralen Handels: Russland exportiert vor allem Rohstoffe, importiert dagegen Werkzeuge, Maschinen und Industrieausrüstungen. Das erklärt auch, warum Moskau nach 2014 beschlossen hat, Waffensysteme an Peking zu verkaufen.

Ein Machtgefälle existiert auch im Grenzgebiet. In Moskau wird die Lage im russischen Fernen Osten – angesichts fortschreitender Deindustria­lisierung und Bevölkerungsschwund – als nationales Sicherheitsrisiko bewertet. Sollten die Wiederaufbauprogramme versagen, könnte Russland die Souveränität über diesen Teil seines Staatsgebiets einbüßen.

Diese Befürchtung resultiert vor allem aus zwei Entwicklungen. Da ist zum einen die ungleiche Bevölkerungsdichte: In Russland gibt es pro Qua­drat­kilo­meter 1,1 Einwohner, in den nordchinesischen Provinzen sind es 100 oder mehr.9 Dazu kommt der chinesische Wirtschaftsaufschwung, der die alten Konflikte um diese Territorien wieder aktivieren könnte. In den Regionen Amur und Primorje sind Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund der schwachen Kontrolle des russischen Staats Enklaven entstanden, die faktisch von chinesischen Handelsgilden kontrolliert wurden.10

Anfang der 1990er Jahre investierten chinesische Geschäftsleute in den russischen Fernostmarkt, wo damals großer Warenmangel herrschte, und exportierten zahlreiche einfache Konsumartikel. Mit der Zeit wurde das Angebot ausgeweitet, zum Beispiel für den Bedarf der Landwirtschaft und der Bauindustrie. Beide Regierungen versuchen seit ein paar Jahren, einen besseren Rahmen und eine klare Richtung für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Nordosten Chinas und Russlands Fernem Osten vorzugeben (etwa mit dem Kooperationsprogramm von 2009). Peking will dabei die regio­nale Integration fördern – und sieht Russlands Fernen Osten als „natürlichen“ Markt der chinesischen Nordostprovinzen –, während es für Moskau darum geht, nicht die Kontrolle zu verlieren.11

Bei der Umsetzung des Programms verhalten sich die russischen Partner zuweilen nicht sehr kooperativ. Das liegt vor allem am Geldmangel und bürokratischer Unbeweglichkeit, aber auch an einer ambivalenten Haltung der lokalen und zentralen Behörden gegenüber der chinesischen Wirtschaftsmacht. In Moskau ist man bestrebt, in der Grenzregion die Oberhand zu behalten und die ganze Asienpolitik neu auszurichten. In diesem Sinne hat die Regierung 2012 ein Ministerium für den Aufbau des Fernen Ostens etabliert, den Weltraumbahnhof Wo­stotsch­ny gebaut und die Baikal-Amur-Magistrale (BAM) modernisiert.

Moskau hat längst eingesehen, dass sein Ferner Osten ausländische Investitionen braucht; die allerdings sollen möglichst unterschiedlicher Herkunft sein. Und auch die ausländischen Arbeitskräfte, ohne die ein Wirtschaftsboom kaum vorstellbar ist, sollen aus verschiedenen Ländern kommen. Was Investitionen betrifft, so sind die Erfolge bislang bescheiden geblieben. Deshalb befürchtet man in Moskau nach wie vor, „dass der Ferne Osten zum reinen Rohstofflieferanten degradiert wird, wenn sich das Land zu weit gegenüber dem chinesischen Nachbarn öffnet, was jede Hoffnung auf Diversifizierung zunichte machen würde“.12

Russland ist auch bestrebt, die wirtschaftliche Expansion Chinas in Zen­tral­asien zu begrenzen. Deshalb weigert man sich, im Verein mit Kasachstan, innerhalb der SOZ eine Freihandelszone oder eine Entwicklungsbank einzurichten.13 Beide Vorhaben gehörten zu den ersten Projekten der 2015 gegründeten Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), die Russland mit den vier ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien, Weißrussland, Kasachstan und Kirgistan verbindet.

Aber auch auf dieser Ebene ist der Handlungsspielraum Moskaus begrenzt. Die EAWU-Partner werden jederzeit bilaterale Abkommen mit Peking unterzeichnen, wenn das in ihrem Interesse liegt. Russland ist gegenüber der chinesischen Finanzmacht ein Leichtgewicht, und Chinas Großprojekt der „Neuen Seidenstraße“ (Belt and Road Initiative, BRI) bedeutet, dass Peking den zentralasiatischen Ländern weitere Kredite aufdrängen wird, während sich Russland seine Gelder häufig – und zu harten Konditionen – bei den chinesischen Staatsbanken leihen muss.

Doch seit der Annexion der Krim hat das Misstrauen gegenüber dem russischen Interventionismus bei den EAWU-Mitgliedern zugenommen. Russ­land büßt jetzt offenbar die Sympa­thien ein, die es angesichts der beunruhigenden Vormachtstellung Chinas in der Region gewonnen hatte.

Partnerschaft und Konkurrenz in Zentralasien

Im Kreml musste man feststellen, dass die chinesischen Investitionen sich nicht am geopolitischen Desiderat einer chinesisch-russischen „Entente“ orientieren, sondern an Kriterien der wirtschaftlicher Rationalität. Und dass die russischen Vorbehalte und Bedenken das wirtschaftliche Engagement Chinas in Zentralasien nicht bremsen werden (das gilt auch für die Kaukasusregion und die Ukraine, die ebenfalls an BRI-Projekten teilhaben).14

Bestenfalls wird Moskau das Gesicht wahren können, was derzeit nur mühsam gelingt. Zwar haben Putin und Xi im Mai 2015 erklärt, dass EAWU und das Projekt BRI irgendwie zusammenhängen, aber es bleibt abzuwarten, ob das am 17. Mai unterzeichnete Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen China und der EAWU (über Zollzusammenarbeit, geistiges Eigentum, sektorale Kooperation und öffentliches Beschaffungswesen sowie E-Commerce und Wettbewerb) greifbarere Resultate bringen wird.

Die strategische Partnerschaft zwischen China und Russland erscheint nur deshalb stabil, weil sich beide Länder Stabilität wünschen und jede Einmischung des Westens, vor allem der USA, in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ablehnen. Dieses solide Fundament bedeutet jedoch nicht, dass beide Seiten sich verpflichtet fühlen, ihre Positionen in wichtigen internationalen Fragen abzustimmen.

Beide Staaten sind jedoch bemüht, jede Initiative zu vermeiden, die den anderen irritieren könnte. Im Übrigen spielt China als stärkerer Partner unbeirrt nach seinen eigenen Regeln. Investieren wird man in Russland nur, wenn die Projekte profitabel erscheinen. Und in die häufige Kritik Moskaus am Westen stimmt Peking nicht ein, weil es weitreichende gemeinsamen Interessen mit westlichen Ländern nicht gefährden will.

Es liegt also an Moskau, die Pro­ble­me anzugehen, die das Machtgefälle immer größer werden lassen. Denn dieses Gefälle beeinträchtigt nicht nur das Prestige Russlands, sondern kann langfristig auch seine Sicherheit gefährden. Solche Erwägungen dürften die Entscheidung bestimmt haben, dem Konsortium China Energy Fund Committee (CEFC) die Übernahme von 14 Prozent Anteilen am russischen Ölkonzern Rosneft zu verweigern.

Um das „chinesische Risiko“ einzuhegen, war man bislang vor allem bemüht, eine vertrauensvolle Beziehung zu schaffen, die mögliche Reibungspunkte reduziert. Ein Pluspunkt für Moskau ist dabei das militärische Engagement im Nahen Osten, weil es dazu beiträgt, das Kräfteverhältnis zumindest optisch zu verändern. Zwar liegen die chinesische Verteidigungsausgaben (150 Milliarden Dollar im Haushalt 2017) sehr viel höher als die russischen (45,6 Milliarden), aber bei den Atomwaffen hat Russland unzweifelhaft einen großen Vorsprung.

In Moskau wird erwartet, dass Peking seinem erklärten Willen, die wirtschaftliche Ungleichheit zu überwinden, auch Taten folgen lässt, also industrielle Kooperation und Investi­tio­nen in die Infrastruktur, die Russland so dringend nötig hat. Allerdings ist keineswegs sicher, dass die Chinesen das genauso sehen: Sie respektieren ihren Partner, fühlen sich aber nicht verpflichtet, in dessen Tempo mitzugehen, egal auf welchem Gebiet.

1 Dmitri Trenin, „Russia’s Asia strategy: Bolstering the Eagle’s Eastern Wing“, Ifri (Paris), Juni 2016.

2 Die SOZ ist politisch heterogen: Indien und Pakistan bekämpfen sich in der Kaschmirfrage, Indien und China haben ihre Grenzstreitigkeiten noch nicht beigelegt.

3 Gemeint sind Verträge mit westlichen Staaten, Russland und Japan zwischen 1834 und 1915.

4 „Sino-Russian Border Dynamics in the Soviet and Post-Soviet Era: A Chinese Perspective“, 7th Berlin Conference on Asia Security (BCAS), 2013.

5 Marc Lanteigne, „Russia, China and the Shanghai Cooperation Organization“, in: Helge Blakkisrud und Elana Wilson Rowe (Hg.), „Russia’s Turn to the East: Domestic Policymaking and Regional Cooperation“, Basingstoke (Palgrave Pivot) 2018.

6 Dmitri Trenin, „Russia’s Asia Strategy“, siehe Anm. 1

7 Fu Ying, „How China Sees Russia“, in: Foreign Affairs, New York, Januar/Februar 2016. Der Autor ist Vorsitzender des Außenausschusses des Nationalen Volkskongresses.

8 Siehe Michael T. Klare, „Schatzsuche in tiefsten Gewässern“, LMd, Februar 2015; Olivier Zajec, „Drei Felsen, fünf Inseln“, LMd, Januar 2014.

9 Jean Radvanyi, „Les paradoxes de l’Extrême-Orient russe: façade maritime dépressive cherche nouveaux moteurs de croissance“, in: „Regards de l’Observatoire franco-russe“, Paris (Le Cherche-Midi) 2015.

10 Malin Østevik und Natasha Kuhrt, „The Russian Far East and Russian Security Policy in the Asia-Pacific Region“, in: „Russia’s Turn to the East“, siehe Anm. 5.

11 Tobias Holzlehner, „Economies of Trust. Informality and the State in the Russian-Chinese Borderland“, in: Caroline Humphrey (Hg.), „Trust and Mistrust in the Economies of the China-Russia Borderlands“, Amsterdam (University Press) 2018.

12 Vgl. Jean Radvanyi, „Les paradoxes ...“, siehe Anm. 9.

13 Alexander Gabuev, „Taming the Dragon: How Can Russia Benefit from China’s Financial Ambitions in the SCO?“, in: Russia in Global Affairs, 19. März 2015.

14 Vgl. „Chine-Russie: Moscou à l’initiative face aux nouvelles routes de la soie chinoises“, in: Revue Défense nationale, Nr. 811, Paris, Juni 2018.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Isabelle Facon ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fondation pour la recherche stratégique (FRS) und Dozentin an der École polytechnique.

Le Monde diplomatique vom 09.08.2018, Isabelle Facon