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Viele Fronten in Mali

Die militärische Intervention hat die Dschihadisten geschwächt, aber nicht geschlagen. Das wird sich bei den Präsidentenwahlen Ende Juli vor allem im notorisch vernachlässigten Zentralmali zeigen, wo mit dem Staat auch die Korruption zurückgekehrt ist.

von Rémi Carayol

Konna in Mali, kurz vor Einbruch der Nacht. Vor dem Jugendzentrum tauchen Dutzende Männer mit gelben Sicherheitswesten und Cargohosen auf. Sie verteilen Stöcke und Macheten und Walkie-Talkies. Dann teilen sie sich in kleine Gruppen auf und patrouillieren auf ihren Motorrädern durch die Sandstraßen, bis zum Morgengrauen.

Die „Brigade“ von Konna besteht aus knapp 500 überwiegend jungen Freiwilligen. Sie will für Sicherheit sorgen, denn die Gendarmerie hat die Stadt vor neun Monaten verlassen. Auch die 50 Kilometer entfernt stationierte Armee lässt sich nur selten blicken – aus Angst vor bewaffneten Banditen, die die Gegend unsicher machen.

Mit der Aufstellung der „Brigade“ reagierten die Bewohner der Stadt in Zentralmali auf den ständigen Anstieg der Diebstahls- und Mordraten; und auf die Untätigkeit der Sicherheitskräfte, die schon vor dem Abzug der Gendarmerie ein Problem darstellte. „Am 23. März 2016 wurde mitten im Stadtzentrum ein Marabut1 ermordet und nur einen Tag später ein Händler in seinem Geschäft“, berichtet Yaya Traoré, einer der Anführer der „Brigade“, der auch Vizebürgermeister ist. „Die Gendarmen haben nichts unternommen, und da haben wir uns entschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.“

Nach der Schlacht von Konna im Januar 2013, die den Beginn des französischen Mali-Einsatzes („Operation Serval“) markierte, sollte die 15 000-Einwohner-Stadt an der Verbindungsstraße zwischen Bamako und Gao eigentlich zum Symbol des Neubeginns in Mali werden. Stattdessen ist sie heute ein Sinnbild des Staatszerfalls. Noch immer sieht man in den Straßen unzählige ausgebrannte Autowracks. Auch die von französischen Bomben zerstörten Häuser sind noch nicht wieder aufgebaut.2

Nach der Rückeroberung des Nordens durch französische und malische Truppen samt Kontingenten einiger afrikanischer Armeen hatten die Bewohner geglaubt, fortan Ruhe zu haben vor den Dschihadisten. Auch der befürchtete Staatskollaps schien abgewendet. Ibrahim Boubacar Keïta („IBK“), im August 2013 mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt, hatte den Maliern die Wiederherstellung eines starken Staats versprochen. Fünf Jahre danach will Keïta bei den Präsidentschaftswahlen für eine zweite Amtszeit kandidieren. Doch es ist nicht mal sicher, ob am 29. Juli überhaupt im gesamten Staatsgebiet gewählt werden kann.

Der Präsident regiert ein Land, das einem Scherbenhaufen gleicht. Zwar sind die wichtigsten Städte im Norden (Gao, Timbuktu, Tessalit) nicht mehr in den Händen der bewaffneten Tuareg- und Dschihadistengruppen, die dort seit 2012 das Sagen hatten. Zwar gibt es die Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (Minusma); zwar wurde im Juni 2015 ein Friedensabkommen unterzeichnet zwischen dem malischen Saat und der Koordination der Azawad-Bewegungen (Coordina­tion des mouvements de l’Azawad, CMA), einer Koalition von aufständischen arabischen Gruppen und Tuareg-Rebellen im Norden.3 Zwar hat man in den einzelnen Regionen Malis Gouverneure ernannt, und die malischen Streitkräfte sind wieder zu Kräften gekommen.

Doch all diese Fortschritte bedeuten noch keine Lösung des Konflikts, zumal der Friedensvertrag immer noch nicht umgesetzt ist. Auch haben sich die bewaffneten Islamistengruppen inzwischen neu formiert: Im März 2017 schlossen sich al-Qaida im Islamischen Magreb (AQMI), Ansar Dine, die Macina-Befreiungsfront und al-Murabitun zur „Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime“ (Dschamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin, JNIM) zusammen. Sie wird von dem malischen Tuareg Iyad Ag Ghali angeführt und attackiert täglich Zivilisten wie Militärs.

Die malische Armee unterhält zwar Stützpunkte in Timbuktu und Gao, aber nach Kidal ist sie noch immer nicht zurückgekehrt, und zahlreiche Gebiete im Norden des Landes liegen außerhalb ihres Machtbereichs. Für viele Malier ist der Staat immer noch eine Fata Morgana. Nach UN-Angaben waren im Dezember 2017 weniger als ein Drittel der Beamtenposten im Norden des Landes besetzt. Die Zahl der Staatsbediensteten war sogar rückläufig. UN-Generalsekretär António Guterres äußert sich besorgt: „Ein Zusammenbruch Zentralmalis muss verhindert und die Sicherheit und Normalität wiederhergestellt werden, koste es, was es wolle“, betonte er am 30. Mai bei einem Besuch in Bamako.

Unterdessen verschlechtert sich die Sicherheitslage weiter. Das Epizentrum der Gewalt liegt heute nicht mehr in Kidal oder in Timbuktu, sondern weiter südlich, in den entlegenen Gebieten der Regionen Mopti und Ségou. 2017 gab es laut UN-Statistik 63 Angriffe von als „terroristisch“ eingestuften Gruppen auf malische, französische und UN-Streitkräfte, mehrheitlich in der Region Mopti. In den ersten drei Monaten von 2018 registrierte die Minusma bereits 85 „schwere gewaltsame Zwischenfälle“ mit mindestens 180 toten Zivilisten.

Die riesige Region Zentralmali ist sich selbst überlassen. „Bei uns geht es noch, aber sobald man sich weiter raus begibt, wird es gefährlich“, berichtet Oumar Bathily, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Sévaré, die 10 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Mopti liegt.

Die einst prachtvolle Stadt Mopti liegt am Zusammenfluss von Niger und Bani. Früher empfing das „malische Venedig“ jedes Jahr tausende Touristen. Heute liegt der Hafen, von dem aus die Kreuzfahrtschiffe in Richtung Timbuktu nach Norden aufbrachen, leer und verlassen. Im Hotel Kanaga unweit des Flusses wartet man vergeblich auf Kundschaft. „Achtzig Zimmer, sieben Suiten, aber kein einziger Gast. Die Lage ist katastrophal“, klagt Hoteldirektor Amassome Dolo.

Nach der Rückeroberung des Nordens 2013 hatte Dolo noch Hoffnungen. Aber seitdem ging es kontinuierlich bergab. „Niemand will mehr nach Timbuktu, ins Dogonland oder nach Djen­né. Zu gefährlich. Aber zumindest bis hierher könnten die Leute doch kommen. Mopti wird ganz bestimmt nicht angegriffen.“ Ob das stimmt, bleibt abzuwarten. Die Dschihadisten sind angeblich ganz in der Nähe, auf der anderen Seite des ausgetrockneten Flusses, der sich zu Fuß überqueren lässt.

Sévaré ist wegen seines strategischen Flughafens einer der am besten geschützten Orte in Mali: Das Militär hat seine Präsenz ausgebaut, auch die Minusma unterhält hier eine 400 Mann starke schnelle Eingreiftruppe. Das Hauptquartier der G5-Sahel-Gruppe (siehe nebenstehenden Artikel) befindet sich ebenfalls in Sévaré.

Die Hotels sind ausgebucht. Es wimmelt von Männern in Tarnanzügen, allen möglichen „Beratern“ mit kräftigen Oberarmen und Diplomaten auf der Durchreise. Als einzige Fluglinie ist Echo Flight mit einem Büro vertreten. Das Serviceunternehmen der EU ist für den Lufttransport in Krisengebiete zuständig ist. Weil die meisten Gebäude an Militärangehörige vermietet werden, hat man sie zu Bunkern umgebaut. „Die Händler und Hausbesitzer reiben sich die Hände. Die Stadt lebt von der Kriegswirtschaft. Aber die Leute auf dem Land lässt man im Stich“, bemerkt Oumar Bathily.

Aber trotz der starken Militärpräsenz ist auch Sévaré nicht vor Angriffen sicher. Am 29. Juni starben zwei Soldaten und ein Zivilist nach einem Selbstmordanschlag auf das G5-Hauptquartier, zu dem sich später die JNIM bekannte.

Der Krieg war allerdings schon dreieinhalb Jahre zuvor in die Zentral­re­gion des Landes gekommen. Am 5. Januar 2015 ritt eine Motorradbrigade mit aufgepflanztem schwarzen Banner einen Angriff auf den Militärstützpunkt in Nampala, etwa 100 Kilometer östlich von Mopti. Elf Soldaten wurden getötet. Danach besetzten die Dschihadisten mehrere Stunden die nahe der mauretanischen Grenze gelegene Stadt. Das Schicksal Nampalas illustriert die jahrelange Vernachlässigung der Region: „Als die Dschihadisten 2012 die Kontrolle über den Norden übernahmen, sind sie nicht hierhergekommen. Aber der Staat war auch nicht da, die Beamten sind abgehauen“, berichtet der Apotheker Seku Bah, seit 2016 Bürgermeister von Nampala. „Nach der Rückeroberung durch die Franzosen 2013 kam die malische Armee auch wieder zurück. Aber geholfen haben sie uns nicht. Als immer mehr Rinder gestohlen wurden, haben einige Züchter beschlossen, sich zu bewaffnen, um sich zu verteidigen.“ Daraufhin habe sich die Situation wieder beruhigt. Nach dem Angriff vom Januar 2015, erzählt Bah, seien die Armee und die Beamten dann erneut geflohen. Seither wird jeder noch so kleine Konflikt im Ort mit Waffengewalt „gelöst“.

Ähnlich erging es auch anderen Städten in der Region. Staatsbedienstete wurden umgebracht und Abgeordnete bedroht. In den ersten Monaten unternahm der Staat nichts, weil er unfähig war, die Angreifer auch nur zu identifizieren. Im Verwaltungsbezirk Macina, der während der Regenzeit überflutet ist, werden sie schlicht „Motorradmänner“ genannt. Einige von ihnen berufen sich auf Amadou Koufa, den Anführer der Befreiungsfront Macina, und behaupten, die Scharia einführen zu wollen.

„Das sind höchstens einige hundert Personen, verstreut über das ganze Land“, meint ein malischer Offizier. „Sie verstecken sich in den Wäldern, geben sich als Hirten aus und sickern dann die Dörfer ein. Sie sind nicht religiös motiviert.“ Andere geben vor, die Nomadenviehzüchter der Fulbe vor Übergriffen durch das Militär oder durch sesshafte Gemeinschaften zu schützen. Doch hinter den politischen Ansprüchen verbergen sich teils auch weniger redliche Motive, etwa Habgier oder persönliche Abrechnungen, aufgrund der Rivalität zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Alles ist in der Schwebe in Malis Zentrum, das lange missachtet und vernachlässigt wurde – von den französischen Kolonisatoren wie von der malischen Verwaltung nach der Unabhängigkeit von 1960. „Weil diese Re­gion niemals aufbegehrt hat, wurde sie ignoriert, anders als der Norden, dem alle Aufmerksamkeit galt“, erklärt ein in Bamako stationierter europäischer Diplomat. „So viel ist sicher: Man darf in Bezug auf Zentralmali nicht von einem einzelnen Konflikt ausgehen, sondern von vielen Mikrokonflikten, der Terrorismus ist dann noch dazugekommen.“

Im 19. Jahrhundert war die Re­gion Mopti das „Eldorado“ Malis, sagt der malische Journalist Adam Thiam. „Dank der Landwirtschaft entwickelte sich die Region hervorragend. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit galt Mopti als Wirtschaftsmotor des Landes. Doch seit den 1970er Jahren haben Dürreperioden der lokalen Wirtschaft schwer zugesetzt.“ 1985 wurde dem Gebiet offiziell die Ernährungsunsicherheit bescheinigt „Und 1986 war dann zum ersten Mal die Rede von einem möglichen Aufstand in der Region.“

Die Agrarpolitik der Regierung begünstigt die sesshafte Landwirtschaft, was zugleich auf die Diskriminierung der malischen Nomaden hinausläuft. Sie hat die ohnehin fragile lokale Balance zwischen Viehzüchtern (vor allem Fulbe und Tuareg), Bauern (Bambara und Dogon) und Fischern (Bozo) völlig durcheinandergebracht. Jahrzehntelang hielten sich die drei Gruppen an bestimmte Regeln, damit sie in dem fruchtbaren Gebiet Seite an Seite leben konnten, was manchmal nur mit Mühe gelang. Die häufigen, teils auch gewaltsamen Konflikte wurden von lokalen Würdenträgern bereinigt.

Doch im Laufe der Jahre zerstörte der Staat diese traditionelle Form des Zusammenlebens im Namen der Modernisierung. Mopti war bereits 1995, noch vor Ausbruch des Konflikts im Norden, die ärmste Region Malis. 2015 hatte sie die landesweit niedrigste Elektrifizierungsrate (7,1 Prozent gegenüber durchschnittlich 22,9 Prozent) und die schlechteste Schulbesuchsquote (41,9 gegenüber 72,3 Prozent).4

Als 2012 der Krieg ausbrach, wurde die Region noch stärker vernachlässigt. Und als der Staat 2013 zurückkam, änderte sich auch nichts. „Fehlende Staatlichkeit“ wurde von „schlechter Staatlichkeit“ abgelöst. Schuld daran hatte vor allem die Armee. Ihre Rückkehr in die Region war von Übergriffen auf die lokale Bevölkerung begleitet. Dadurch wurde „das ohnehin geringe Vertrauen der Bevölkerung – insbesondere der Fulbe – in die Sicherheitskräfte zusätzlich untergraben“, schreibt die International Crisis Group.5 Mehrere NGOs beklagen schwere Menschenrechtsverstöße; das Simon-Skjodt-Zentrum zur Genozidprävention warnt in einem Bericht vom April 2018, die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen könnten zu „massenhaften Gräueltaten“ führen.6

Der Vorwurf an die Armee und den Staat lautet, sie wollten diese Rivalitäten ausnutzen, um den „Krieg gegen den Terror“ zu gewinnen. Mehrere Vertraute des malischen Präsidenten IBK und des Generalstabs stehen im Verdacht, in Zentralmali zur Verfolgung von Dschihadisten die Milizen der Do­zo (traditionelle Jäger) mit Waffen ausgestattet zu haben. Im Dogonland kamen im März bei Zusammenstößen zwischen Angehörigen der Fulbe und einer kriegsmäßig ausgerüsteten Selbstverteidigungsgruppe der Dogon etwa 30 Menschen ums Leben. Viele Beobachter glauben (auch innerhalb der Minusma), dass die Waffen aus Beständen der Armee stammten.

Soumeylou Boubèye Maïga, der im November 2017 zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, führte seine erste Dienstreise nach Mopti. Dort verkündete er einen Entwicklungsplan und die Rückkehr des Staats. Um die Sicherheit der einzelnen Bevölkerungsgruppen zu garantieren, sollten knapp 3000 Soldaten in die entlegensten Gebiete der Regionen Mopti und Ségou entsandt werden. Für General Ismaïla Cissé, ehemals malischer Botschafter in Äquatorialguinea, ist dieses Konzept jedoch mit weiteren Risiken behaftet: „Das Militär würde in jedem Fulbe einen Dschihadisten sehen.“

Erwogen wird auch ein Fahrverbot für Zweiräder, mit der Begründung, dass sich die Islamisten per Motorrad fortbewegen. Auch das wird nach Meinung des Exgenerals die Lage nur weiter verschärfen. „Alle in diesen Gegenden nutzen Zweiräder! Sie zu verbieten bedeutet, Hirten und Händler die Arbeit unmöglich zu machen. Viele lokale Märkte werden nicht mehr funktionieren. Und wenn der Staat die Wirtschaft erstickt, werden sich auch anständige Leute den Dschihadisten zuwenden.“

Interviews mit 63 jugendlichen Exrekruten aus islamistischen Gruppen haben ergeben, dass ihre Unterstützung der Dschihadisten in den meisten Fällen nicht die Folge religiöser Indoktrination ist, sondern aus dem Zwang resultiert, ihre Familien und ihre Gemeinschaften schützen und ihren Lebenserwerb sicherstellen zu müssen.“7

Das von der öffentlichen Verwaltung hinterlassene Vakuum begünstigt die Ausbreitung extremistischer Bewegungen. Die in Sévaré ansässige NGO Delta Survie, die Bildungsarbeit in den gefährlichsten Zonen Zentralmalis leistet, bekommt dies täglich zu spüren: „Die Dschihadisten sind inzwischen in sämtlichen Dörfern und haben dort das Sagen“, klagt Ibrahima Sankaré, der die Organisation leitet. „Sie erheben ­Steuern, sprechen Recht, untersagen Frauen, sich im Freien zu waschen oder ohne Schleier das Haus zu verlassen. Taufen und Hochzeiten sind verboten.“

Diese Maßnahmen erreichen ihr Ziel, sagt Sankaré: „Wenn ein Hirte vor die Wahl gestellt wird, seine Frau zur Vollverschleierung zu zwingen oder seine komplette Herde zu verlieren, ist die Entscheidung schnell gefallen.“ Die Dschihadisten geben den Viehzüchtern eine gewisse Ordnung und Sicherheit, die ihnen der Staat in der Vergangenheit versagt hat. Jahrelang versuchte Sankaré, die Behörden dazu zu bringen, den Lebensumständen der Nomaden Rechnung zu tragen. Aber die Mittel für sein Projekt mobiler Schulen, die den Hirten nachziehen, kamen aus dem Ausland. „Vom malischen Staat haben wir dafür kein Geld erhalten. Und von den einhundert Nomaden-Schulen, die 2012 in Betrieb waren, bestehen heute nur noch fünf.“

Die Islamisten haben es besonders auf die „französischen“ Schulen abgesehen. Laut UN-Angaben waren im März dieses Jahres 715 Einrichtungen dieses Typs „aus Sicherheitsgründen“ geschlossen. Knapp 215 000 Kinder konnten nicht zur Schule gehen.

Die Dschihadisten verfolgen das Ziel, die Legitimität des Staats zu untergraben, indem sie dessen Repräsentanten angreifen. Gleichzeitig bauen sie – teils durch Gewalt, teils durch Verführung – ihre eigenen Strukturen auf. Sie erzwingen etwa die Schließung einer öffentlichen Schule und eröffnen am selben Ort eine Koranschule. Oder sie gehen gegen Beamte vor, die als korrupt gelten. Eine der spektakulärsten Aktionen der Befreiungsfront Macina war im November 2017 die Entführung des Gerichtspräsidenten von Niono, einer Stadt rund eine Autostunde nördlich von Ségou.

„Früher ließen sich Beamte, zum Beispiel Richter, nach Zentralmali versetzen, um sich persönlich zu bereichern“, erkläutert Adam Thiam. „Die zahlreichen lokalen Konflikte bescherten den Richtern eine enorme Zunahme von Gerichtsverfahren. Wer seinen Prozess gewinnen wollte, der musste zahlen.“ Die Dschihadisten hingegen setzen eine Rechtsprechung durch, die viele zwar nicht als neutral, aber immerhin als ehrlich empfinden – und sie ist kostenlos. „Immer mehr Menschen, die Konflikte zu lösen haben, wenden sich inzwischen an die islamistischen Autoritäten und nicht mehr an den Staat“, berichtet Sékou Bah, der Bürgermeister von Nampala. Einige betrachten die Gerichte der Dschihadisten sogar als „Berufungsinstanz“.

Den Staatsvertretern in Bamako bereitet diese Entwicklung weitaus mehr Sorge als der andauernde Krieg im Norden des Landes. Denn zum einen „ist das Zentrum das Fundament unseres Landes“, wie es Ali Nouhoun Diallo formuliert, der einmal Präsident der Na­tio­nalversammlung war und inzwischen als inoffizieller Sprecher der Fulbe in Mali gilt. Zum anderen, oder sogar vor allem, handelt es sich bei den Entwicklungen in dieser Region nicht so sehr um einen machtpolitisch motivierten Krieg als vielmehr um eine „soziale Revolte“ gegen die als korrupt angesehene malische Verwaltung.

„Der Präsident hat jegliche Legitimität verloren“, meint Cheikh Oumar Diarrah, der 2013 kurzzeitig Minister für Nationale Versöhnung und die Entwicklung der Regionen des Nordens war. Diarrah kritisiert, die Regierung habe das Ausmaß der Krise 2012 nicht erkannt. „Wir haben es mit Bevölkerungsgruppen zu tun, die sich gegen Ungerechtigkeit und fehlende Solidarität auflehnen. Es ist allzu leicht, sie ,Dschihadisten‘ zu nennen. Aber damit weigern wir uns, ernsthaft über diese Menschen nachzudenken und über die Missstände, die unser Land vergiften.“

Auch das gedeihliche Zusammenwirken von Bürokraten und Geschäftsleuten, das sich im Zuge der Demokratisierung Anfang der 1990er Jahre entwickelt und unter Amadou Toumani Touré (2002–2012) ihren Höhepunkt erreicht hat, gehe immer weiter, bemängelt Diarrah.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Konflikte wächst auch die Kritik an den für Ende Juli geplanten Präsidentschaftswahlen: „Wie kann man Wahlen abhalten, wenn man nicht mal die Hälfte des Territoriums kontrolliert?“, schimpft der marxistische Oppositionspolitiker Oumar Mariko. „Die Regierung hat verkündet, dass in der Region Kidal die Rebellen für einen sicheren Ablauf der Wahl sorgen werden. Wenn das kein Beweis für ihr Scheitern ist!“

1 Marabuts werden in Nord- und Westafrika islamische Geistliche und Lehrer genannt, die teils auch als Heilige verehrt werden.

2 Siehe auch: Charlotte Wiedemann, „Mission Mali“, Le Monde diplomatique, September 2014.

3 Siehe Daniel Bertrand, „Conjurer la fragmentation au Mali“, Le Monde diplomatique, Juli 2015.

4 „Enquete modulaire et permanente auprès des ménages“, Nationales Statistikinstitut Mali, Bamako, August 2014.

5 „Central Mali: A Uprising in the Making“, ICG-Bericht, 6. Juli 2016.

6 „Regions at Risk: Preventing Mass Atrocities in Mali“, Simon Skjodt Center for Prevention of Genocide, April 2018.

7 „Mali‘s young ,jihadists‘; Fuelled by faith or circumstance?“, Institute for Security Studies, 26. August 2017, https://issafrica.org.

Aus dem Französischen von Richard Siegert

Rémi Carayol ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 12.07.2018, Rémi Carayol