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Willkommen in Sihanoukville

Willkommen in Sihanoukville

Etliche Gebäude und Grundstücke in Sihanouk­ville sind mit Schildern versehen. Sie stehen zum Verkauf oder sind zu vermieten. Die kambodschanische Hafenstadt am Golf von Thailand hat sich innerhalb weniger Monate in ein Eldorado für chinesische Investoren verwandelt.

Am Platz der Unabhängigkeit entstehen gerade unter dem Namen „Blue Bay“ zwei 38-stöckige Wohntürme, die alles ringsherum überragen werden. Die Flyer im Verkaufsbüro sind auf Chinesisch und Englisch. „Im ersten Turm sind bereits alle Wohnungen verkauft, im zweiten 65 Prozent. Unsere Kundschaft kommt aus China, Kambodscha oder Singapur“, erklärt die Empfangsdame vor einem Modell der Blue-Bay-Türme. Am Strand soll ein Schwimmbad entstehen, dazu Bungalows auf Pfählen, im Zwischengeschoss sind ein Spielkasino und ein Shoppingzentrum eingeplant. Die 1450 Wohnungen sollen 2019 bezugsfertig sein, der Quadratmeterpreis liegt zwischen 2500 und 3500 US-Dollar. Es sind die ersten Luxusbauten in Sihanoukville.

„Die Chinesen sind ganz verrückt nach solchen Immobilien“, meint der Makler Paul. Seit dem Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping im Oktober 2016 haben die Touristenzahlen enorm zugelegt; Ende 2017 waren es bereits 1,7 Mil­lio­nen (46 Prozent mehr als im Vorjahr). Einmal pro Woche landen Charterflüge aus sieben chinesischen Städten sowie Macau in Sihanoukville. Neben den Stränden locken vor allem die 24 Spielkasinos, denn in China sind Glücksspiele verboten. Die kambodschanische Regierung will zudem etwa 30 neue Lizenzen vergeben.

Die Ankunft der Investoren sorgt für Begeisterung – oder Beunruhigung. „Die Eigentümer freuen sich, sie verkaufen oder vermieten zu Höchstpreisen“, witzelt Tuk-Tuk-Fahrer Keng. Die kleinen Restaurants, wo man unter einem Zeltdach im Sand saß, sind schon verschwunden. Bald wird hier ein Fünfsternehotel und ein Kasino stehen, erbaut im Namen eines Joint-Ventures zwischen einem chinesischen Unternehmen und der Royal Group, einem der mächtigsten kambodschanischen Konzerne, den ein Freund des Ministerpräsidenten leitet.

Den Bewohnern geht das Investorenfieber auf die Nerven. „Die Chinesen haben ihre eigenen Netzwerke. Sie bringen ihre Touristen direkt in die Kasino-Hotels, und wir bleiben auf unseren Angeboten sitzen“, klagt ein örtlicher Reiseveranstalter. Und der junge Bauarbeiter ­Pheap sagt: „Wir haben gar nichts von dieser Entwicklung, außer dass die Preise steigen.“

Über 10 000 chinesische Arbeitskräfte, vor allem Bauarbeiter und Kasinoangestellte, haben sich in Sihanoukville niedergelassen. Die genaue Zahl lässt sich schwer ermitteln. Im letzten Februar berichtete die Phnom Penh Post1, dass der Gouverneur einen Bericht ans Innenministerium geschickt hat, in dem er vor der Mafia, exorbitanten Preissteigerungen und Wettbewerbsverzerrung warnt, da nur Chinesen für Chinesen bauen und arbeiten.

Mit bilateralen Wirtschaftshilfen von über 732 Millionen US-Dollar stieg 2016 der große Nachbar im Norden zum wichtigsten Wirtschaftspartner Kambodschas auf, noch vor Japan, Südkorea und der EU. Das Handelsvolumen soll bis 2020 von 5 Milliarden Dollar auf 9 Milliarden wachsen, so die Absichtserklärung beider Regierungen.

Die Chinesen haben im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative (Neue Seidenstraße) stark in die In­fra­struktur investiert: Nach Angaben des Tiefbauministeriums wurden über 2700 Straßenkilometer gebaut. Offiziell geplant sind eine Autobahn von Phnom Penh nach Sihanouk­ville, ein Tiefseehafen in Kâmpôt und ein riesiger Flughafen im Süden der Hauptstadt. Dazu kommen sieben Staudämme, die derzeit entlang des Mekongs im Bau oder in Planung sind. Die kambodschanische Regierung hat das chinesische Ministerium für innere Sicherheit um Unterstützung gebeten, um gegen „Terrorismus“ und Cyberkriminalität vorgehen zu können.

Innerhalb weniger Jahre wurde Kambodscha Pekings wichtigster Verbündeter im Verband Südost­asia­tischer Nationen (Asean); es blockierte 2012 und 2016 die Erklärungen gegen Chinas Territorialforderungen im Chinesischen Meer und die chinesische Aufrüstung kleiner Atolle, die vor allem Vietnam und die Philippinen kritisieren.

Der chinesische Einfluss wuchs seit Mitte der 1990er Jahre, je mehr die westlichen Mächte auf Menschenrechtsverletzungen hinwiesen. Im März bestätigte der chinesische Außenminister Wang Yi noch einmal die Unterstützung seines Landes für Kambodscha, um dessen „nationale Souveränität und Interessen zu wahren“2 .

China hat auch angeboten, bei der Organisation der Wahlen im Juli zu helfen, wohingegen die USA mit Handelssanktionen drohen, sollte die Opposition nicht zugelassen werden. Die EU-Kommission hat schon Anfang Mai angekündigt, man werde im Fall Kambodscha die Initiative „Everything But Arms“ (EBA) „überprüfen“, also die Importerleichterungen für alle Produkte „außer Waffen“ aus sogenannten LDCs (Last Developed Countries), von denen bislang besonders die kambodschanische Textilindustrie profitiert hat.

Derweil hat Ministerpräsident Hun Sen deutlich zu verstehen gegeben, dass er mit dem Westen und seinen Moralpredigten nichts am Hut hat, und erinnerte seinerseits an die 1980er Jahre, in denen die Roten Khmer in der UNO saßen. Im Februar erklärte er: „Die Vertreter Chinas respektieren mich und reden mit mir auf Augenhöhe.“3

Chinas Unterstützung der Roten Khmer gehört hingegen einer Vergangenheit an, die Hun Sen auf sich beruhen lassen wolle. Schließlich verbinde die beiden Länder heute eine Win-win-Beziehung. Und der Sprecher der regierenden Kambo­dscha­nischen Volkspartei (CPP) Eysan pries anlässlich der Senatorenwahl im Februar schon das Einparteienmodell.4

Christine Chaumeau

1 Mech Dara und Alessandro Marazzu Sassoon, ­„Preah Sihanouk governor bemoans Chinese influx“, in: Phnom Penh Post, 29. Januar 2018.

2 „Wang Yi Meets with Prime Minister Hun Sen of Cambodia“, Website des chinesischen Außenministeriums, 31. März 2018.

3 Hannah Beech, „Embracing China, Facebook and himself, Cambodia’s ruler digs in“, in: New York Times, 17. März 2018.

4 Ben Sokhean und Ananth Baliga, „CPP spokesman touts one-party rule, points to China’s example“, in: Phnom Penh Post, 27. Februar 2018.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Le Monde diplomatique vom 12.07.2018,