Artikel drucken zurück

Rapper gegen die Polizei

Rappen gegen die Polizei

Tunesiens Musikszene zwischen Protest und Konformismus

von Thameur Mekki

Sein Hit ist „No pasaran“. Doch im Sommer 2017 konnte Klay BBJ weder diesen noch die anderen Raps singen, in denen er die politischen Verhältnisse in Tunesien nach der Revolution von 2011 einer harten Kritik unterzieht. Seine komplette Tournee mit 18 Konzerten, von denen die meisten auf öffentlichen Festivals stattfinden sollten, wurde abgesagt.

Hintergrund war eine Anweisung der Polizeigewerkschaften an die Beamten, bei den Auftritten des Rappers nicht mehr für die Sicherheit zu sorgen. Daraufhin haben die Konzertveranstalter Klay BBJ aus dem Programm genommen. Sie wollten „kein Öl ins Feuer gießen“, verteidigte der beliebte Radiomoderator und Pressesprecher des Internationalen Festivals von Karthago Mohamed Boughalleb die Entscheidung.1

Es begann am 16. Juli 2017, als der Rapper in der Küstenstadt Mahdia auftrat. Die Show musste abgebrochen werden, nachdem die Polizei aus Protest gegen Klay BBJs „beleidigende“ und „unmoralische“ Texte das Open-Air-Konzert verlassen hatte. „Hinterher haben die Polizisten mich und zwei weitere Bandmitglieder angegriffen“, erzählte der Musiker. „Außerdem haben sie uns die Autoreifen zerstochen.“

Seit diesem Vorfall wird gegen Klay BBJ, der aus einem Vorstadtviertel von Tunis stammt und mit bürgerlichem Namen Ahmed Ben Ahmed heißt, wegen „Beleidigung von Staatsbediensteten“ ermittelt. „Dieser Rapper ist ganz unten angekommen“, erklärte der Polizeigewerkschafter Mohammed Sioud. „Er hat Polizisten mit verletzenden Songtexten angegriffen.“2

Das selbstherrliche Vorgehen der Sicherheitskräfte zeigt, dass die Überbleibsel des alten Regimes nicht totzukriegen sind. Jedenfalls scheint bei der Polizei die neue Verfassung nach über vier Jahren immer noch nicht angekommen zu sein, heißt es doch in Artikel 31, dass die „Meinungs-, Gedanken-, Rede-, Informations- und Veröffentlichungsfreiheit garantiert wird“ und dass „diese Freiheiten keiner Vorzensur unterworfen werden dürfen“.

Dabei hat auch der Polizeiapparat von Ben Alis Sturz profitiert, zum Beispiel durch das Recht auf gewerkschaftliche Organisation. „Ich habe das gleiche Repertoire seit 2016 auf Dutzenden Konzerten gespielt. Und plötzlich bekomme ich Probleme“, erzählt Klay BBJ. Er vermutet, dass das Ganze mit dem sogenannten Antiterrorgesetz zu tun hat, dass die Polizeigewerkschaften durchdrücken wollen.

Über dieses Gesetzesvorhaben wird im Parlament seit Langem gestritten. Nach einem Anschlag Anfang November vergangenen Jahres stellten die Polizeigewerkschaften den Parlamentariern sogar ein Ultimatum: Wenn sie das „Antiterrorgesetz“ nicht innerhalb von 15 Tagen verabschiedeten, würde die Polizei das Parlament und die politischen Amtsträger nicht länger schützen.3 Nach Protesten der Zivilgesellschaft nahm die Polizei von ihrer Drohung Abstand. Derzeit befindet sich das Gesetzesvorhaben in der Schwebe.

Einige in der Vorlage enthaltenen Bestimmungen sind allerdings derart vage – wie zum Beispiel das Verbot einen Beamten „zu demütigen“ –, dass sie potenziellem Missbrauch Tür und Tor öffnen. Bürgerinitiativen wie die Tunesische Menschenrechtsliga (­LTDH) sehen in dem geplanten Gesetz „eine Bedrohung der Errungenschaften der Revolution und den Grundstein für einen Polizeistaat“.4 Zahlreiche tunesische Künstler, die sich den politischen Autoritäten widersetzen, könnten unter diesem Gesetz leiden – aber auch die demokratische Ordnung insgesamt.

Bereits im August 2013 war Klay BBJ auf der Bühne des internationalen Festivals von Hammamet verhaftet und in Handschellen abgeführt worden. Damals warf ihm die Staatsanwaltschaft Diffamierung, Angriff auf die guten Sitten sowie auf die Integrität der Polizei vor. Zunächst zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, wurde er in zweiter Instanz freigesprochen, nachdem sich viele Menschen aus benachteiligten Vierteln und Menschenrechtsaktivisten mit ihm solidarisiert hatten. Danach wurde Klay BBJ mehr als zwei Jahre lang von allen Konzertorganisatoren geschnitten. Erst 2016 kehrte er auf die Bühne zurück und spielte knapp zwei Dutzend Konzerte.

Klay BBJ ist in Tunesien kein Einzelfall. Im Sommer 2013 hatten die Polizeigewerkschaften auch zum Boykott von anderen Rapkonzerten aufgerufen – eine Reaktion auf die Welle der Solidarität nach der Verurteilung des Rappers Weld El 15. Der Musiker, der eigentlich Alaa Eddine Yacoubi heißt, war im Juni 2013 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, eine Strafe, die letztlich auf sechs Monate mit Bewährung reduziert wurde. Auslöser war ein Musikvideo mit dem Titel „Boulicia Kleb“ („Polizisten sind Hunde“), das landesweit für heftige Diskussionen sorgte, weil sich viele Gegner der damals regierenden islamistischen Ennahda-Regierung mit dem Rapper solidarisierten.5

Klay BBJ durfte nicht mehr auftreten

In den sozialen Medien haben sich Dutzende Rapsongs mit derben Texten und ätzender Kritik an der Polizei verbreitet. Einige Künstler fordern die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums – ein Lieblingsthema der tunesischen Rapper, das bei vielen Jugendlichen, die die Polizeischikanen leid sind, auf ein reges Echo stößt.6 Die Kontroverse um den Rapper Yacoubi schlug so hohe Wellen, dass selbst Konzerte des – politisch durchaus engagierten – Chansonniers Bayram Kilani alias Bendir Man von der Polizei boykottiert wurden, weil sie den Sänger ebenfalls als „Rapper“ betrachtete.

Die Texte von Klay BBJ, in denen er Polizeiübergriffe anprangert, Politiker attackiert und Kritik an der sozialen Ungerechtigkeit übt, haben in Tunesien den traditionellen Status von Rap als Ausdruck einer Gegenkultur gestärkt. Doch während Klay BBJ sich dazu entschlossen hat, an vorderster Front gegen die Ordnungskräfte in den Kampf zu ziehen, müssen viele Künstler in der wachsenden Rapszene erst mal mit ganz anderen Herausforderungen fertig werden: einen frischen Stil und eine eigene Ästhetik zu finden und innovative Texte zu kreieren.

Vor dem Volksaufstand vom Januar 2011 war der Zugang zu den Medien dem Willkürregime von Diktator Ben Ali unterworfen. Zahlreiche Webseiten wurden blockiert und kritische Stimmen unterdrückt. Junge Künstler hatten nur sehr selten die Möglichkeit aufzutreten. Mit dem Sturz des Diktators etablierten die jungen Rapper sich als Alternative zu den arabischen Varieté-Chansons und zum traditionellen tunesischen Musikrepertoire – zwei apolitische Genres, die in den kontrollierten Medien und bei Veranstaltungen dominierten. Auch in der Musik forderte die tunesische Gesellschaft einen Wandel. Der digitale Boom und die Konkurrenz zwischen den privaten Fernseh- und Radiosendern verhalfen den neuen Musikstilen schließlich zum Durchbruch.

Eine entscheidende Rolle spielte vor allem die Aufhebung der Internetzensur. Neue aufstrebende Künstler konnten nicht mehr ignoriert werden. Ihre auf YouTube verbreiteten Songs wurden tausende oder sogar Millionen Mal angeklickt. Rap wurde zu einer der populärsten Musikrichtungen, weil hier die Produktionsbedingungen unkompliziert sind: Die gehackte Ver­sion eines Musikprogramms kann man im Laden für umgerechnet einen Euro kaufen; im Gegensatz zu Jazz, Reggae oder Rock braucht man für die Aufnahme nur ein Mikrofon, die Abmischung ist sehr viel einfacher. Die Verbreitung der Songs läuft meist über YouTube, und die hochgeladenen Musikclips werden in den sozialen Netzwerken beworben, vor allem bei Facebook.

Diese Sichtbarkeit des Rap im Internet profitierte natürlich von dem erleichterten Zugang ins Netz. Seit der Revolution hat sich die Zahl der tunesischen User verdoppelt, von 850 000 (2011) auf 1,7 Millionen (2015)7 , was einem Sechstel der Gesamtbevölkerung entspricht. Anders gesagt: Die Fans der neuen Künstler stellen ein wichtiges Wählerpotenzial dar, für das sich auch die Politik interessiert.

So benutzte der 88-jährige und spätere Gewinner Béji Caïd Essebsi für seine Kampagne zur Präsidentschaftswahl 2014 den Song „Houmani“ des Rapduos Hamzaoui Med Amine und Kafon. Und Essebsis Kontrahent Moncef Marzouki, von 2011 bis 2014 Interimspräsident, bekam Unterstützung von El General, einem Rapper, der als wichtige Figur der Revolution gilt. Das Time-Magazin setzte ihn 2011 auf die Liste der 100 weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten. Der Kandidat der Linken, Hamma Hamami, wurde wiederum von Bendir Man und der Protestsängerin Badiaa Bouhrizi begleitet. Und der Kandidat Slim Riahi, ein konservativer Geschäftsmann, engagierte den Sänger Kafon, der aber nur auf Wahlveranstaltungen auftrat und Riahi nicht explizit empfahl.8

Die Entscheider bei den privaten und öffentlichen Medien kennen sich in der neuen Musikszene meist nicht aus und bezeichnen die verschiedenen Richtungen und Stile ausnahmslos als „Undergroundmusik“, selbst wenn die eingeladenen Künstler im Radio zur besten Sendezeit gespielt und regelmäßig für große Konzerte gebucht werden. Rap wird häufig mit anderen Stilrichtungen verwechselt – so wird etwa Kafon, der Reggae am Computer komponiert, als Rapper bezeichnet. Die kleinste rebellische Äußerung genügt, um dieses Etikett angeklebt zu bekommen.

Dabei sind gar nicht alle Künstler in Tunesien auf Kritik gepolt. Manche begnügen sich damit, die in der westlichen kommerziellen Musikszene erprobten Rezepte zu kopieren, und passen sich der bestehenden Ordnung an. Ihre Motivation ist oft eine materielle, wie der Fall des Sängers Kafon zeigt: „Egal wer dafür bezahlt, ich brauche Geld, um mein Produkt zu verbessern“, erklärte er als Antwort auf die Kritik an seinen Auftritten bei politischen Versammlungen.

Kafon hat zudem die Gewerkschaften im Bildungssektor wegen ihrer wiederholten Streiks kritisiert und aus seinen Texten die Schimpfwörter entfernt: „Weil auch Familien zu meinen Hörern zählen.“ Die Medien und öffentlichen Festivals, die kommerziellen Interessen und der Druck der Behörden – all dies begünstigt die Entstehung einer privilegierten Sparte innerhalb der neuen Musikszene Tunesiens.

Darüber hinaus hat das Ministerium für Kultur die Szene im Blick und drängt alle unabhängigen Initiativen an den Rand. Der aktuelle Minister Mohamed Zine El Abidine, ein Vertrauter von Exdiktator Ben Ali, hat jüngst das Budget des seit 1964 veranstalteten Hammamet-Musikfestivals um 65 Prozent gekürzt. In den letzten zwei Jahren hatten die Organisatoren vor allem junge aufstrebende Musiker eingeladen.

Viele junge Künstler leben zudem in prekären Verhältnissen. Sie beziehen kein Einkommen aus dem Verkauf von CDs, denn es gibt in Tunesien so gut wie keinen legalen Markt für Tonträger oder Onlineplattformen zum legalen Herunterladen von Musik. Außerdem lassen sich die Urheberrechte nur unzulänglich schützen. Das jährliche Einkommen aus den YouTube-Streams übersteigt nur selten die 1000-Euro-Marke, ein Bruchteil dessen, was Musikerinnen und Musiker im Westen oder in Asien mit Online-Clips verdienen. Die Haupteinnahmequelle bleiben also öffentliche Auftritte.

Selbst die Radikalsten unter ihnen machen auch mal Zugeständnisse. So verbreitete Klay BBJ 2016 seinen Party­track „Ghodwa Khir“ („Morgen wird es besser sein“) als „kommerziellen Song“, bevor er wieder in den „Untergrund“ zurückkehrte. Und ein Jahr später, nach seinen schlechten Erfahrungen mit den Polizeigewerkschaften, rappt er in „Fawdah“ („Anarchie“/„­Chaos“): „Ich habe die Zahl der Schimpfworte verringert, habe gearbeitet und mich um meine Familie gekümmert. Sie haben geglaubt, dass ich die Sache verraten habe und mich das Geld gleichgeschaltet hat.“

So sind manche der jungen tunesischen Künstler aufgrund der politischen Verwerfungen schnell vom Underground in den Mainstream gewechselt. Die Vielfalt, die nach dem Sturz der Diktatur vor sieben Jahren aufgeblüht war, droht nun dem gleichen Zwang zum Konformismus zu unterliegen wie in Europa und den USA – auf Kosten von Kreativität und Widerstandsgeist.

1 MosaiqueFM, 19. Juli 2017.

2 Huffington Post Tunisie, 20. Juli 2017.

3 „Tunisia: ultimatum della polizia al parlamento per legge anti-terrorismo dopo attaco di ieri“, agenzia nova, 2. November 2017.

4 Mitteilung vom 14. Juli 2017, zitiert von der Nationalen Journalistengewerkschaft Tunesiens (Arabisch), www.snjt.org.

5 Siehe Serge Halimi, „Harte Fronten in Tunesien“, Le Monde diplomatique, März 2013.

6 Siehe „Cannabis: nous, jeunes Tunisiens, victimes de la ‚loi 52‘ “, Jeune Afrique, 3. Februar 2017.

7 Tunesisches Statistikinstitut, www.ins.tn.

8 Die Artikel über die Entwicklung in Tunesien nach dem Sturz von Ben Ali, unter anderem von Florence Beaugé („Tunesische Freiheiten“), Thierry Brésillon („Wahrheit für Tunesien“) und Serge Halimi („Tune­siens kleines Glück“), stehen frei lesbar unter monde-diplomatique.de/archiv-text.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Thameur Mekki ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 12.07.2018, Thameur Mekki