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Auf fremder Erde

Auf fremder Erde

Zu Besuch bei der Bundeswehr in Mali

von Charlotte Wiedemann

Die Welt wirkt verändert, wenn man sie durch das kleine Seitenfenster eines gepanzerten Militärfahrzeugs betrachtet. Die Szenerie dort draußen ist mir vertraut: Gao, Nordmali, für mich keine fremde Erde, anders als für die Soldaten in diesem Gefährt der Bundeswehr. Wir fahren am Niger entlang, er ist hier von einem auffallenden, unwirklich erscheinenden Blau. Durch das getönte Rechteck des Seitenfensters lässt sich die Schönheit der Landschaft nur erahnen, alles ist wie auf Distanz gerückt. In den Reisfeldern hat die Ernte begonnen; es sind Überschwemmungsfelder, die Bauern sitzen in ihren Pirogen und lehnen sich aus den flachen Booten zu den Garben ins Wasser.

Der Soldat neben mir blickt unverwandt auf einen Bildschirm; über ihm eine Luke, von hier aus bedient er das Maschinengewehr auf dem Dach. Dort ist auch die Kamera montiert, mein Nachbar zoomt heran, wovon Gefahr ausgehen könnte, ob Lehmmauer oder Mensch. In einem solchen Gefährt, hochrädrig und tonnenschwer, wird alles draußen zur potenziellen Gefahr, alles hat Unschuld und Anmut nur auf Vorbehalt; die Teichrosen mit weißen Blüten auf langgereckten Hälsen, die zierlichen Wasservögel. In den Reisfeldern stehen Vogelscheuchen, bekleidet mit zerrissenen Bubus;1 wem drohen sie?

Die Route der Patrouille führt entlang von Bezeichnungen, die den Menschen, die hier leben, unbekannt sind. Das Militär legt seine eigene Kartografie über fremde Erde, macht daraus ein Gebiet, das sich erfassen und kontrollieren lässt. Point X und Point Y sind codiert mit ihrem jeweiligen Grad an Gefährlichkeit.

Für eine Weile geht die Kolonne von fünf Fahrzeugen, beflaggt mit dem blauen Wimpel der Vereinten Nationen, auf einer steinigen Anhöhe auf Position: Observationpoint XY, Nummer geheim. Von dem Plateau aus ist in der Ferne das deutsche Lager zu erahnen, Camp Castor, im Dunst die Wölbung eines Hangars. Von hier könnten Dschihadisten das Camp mit Raketen angreifen, heißt es, deshalb machen wir hier ­eine show of force.

Aus dem nahen Dorf, das die Soldaten so heranzoomen, dass kein Halm in den Lehmmauern verborgen bleibt, kommen Kinder herbei, immer mehr. Sie umschwirren die gepanzerten Fahrzeuge mit ihrem Frohsinn, machen Faxen, einige Jungen haben Pfeil und Bogen und grüßen die Soldaten mit einem Highfive. Alle hoffen auf ein cadeau, ein Geschenk, am liebsten Geld oder wenigstens eine Plastikflasche der Marke Diago, mit der Aufschrift „Not for sale. For UN consumption only“, begehrt als Behälter in einem Dorf, wo sich niemand Mineralwasser leisten kann.

Die Kinder wissen nicht, dass die Begegnung mit ihnen für die Soldaten zu dem wenigen gehört, was diese von der sozialen Wirklichkeit Malis mitnehmen werden. Sie wissen nicht, dass die Soldaten Familien haben mit Kindern, die weniger Frohsinn verbreiten, obwohl ihre T-Shirts nicht zerrissen sind. Und der Umstand, dass Kinder in diesem armen, krisengeschüttelten Mali so glücklich wirken, wird die Soldaten später in zwei Gruppen teilen. Die einen schlussfolgern, das Menschsein „in Afrika“ sei eben völlig verschieden von dem unsrigen. Die zweite Gruppe lässt sich insgeheim von der Frage berühren, ob sie von diesem anderen Leben womöglich zu wenig wissen, um auf fremder Erde etwas ausrichten zu können.

Auf dem Plateau, unserem Observationpoint, sind manche Steine mit weißen Initialen bemalt, daneben wurden Schildchen mit Zahlen in den harten Boden gesteckt. Niemand hat den Soldaten gesagt, dass dies die Markierungen von Parzellen sind, eine jede misst etwa 20 mal 20 Meter. Malier haben hier Boden gekauft, um Häuser zu bauen; für manche war es ein Kauf in besseren Zeiten, als das Plateau noch kein Observationpoint war, andere sind Neureiche aus dem Boom, der mit den Gehältern der UN-Bediensteten über die Stadt gekommen ist. Die Soldaten stoßen auf dem Plateau, ohne es zu ahnen, auf die Folgen ihres Hierseins.

Die Zahlenreihen auf den Schildchen beginnen mit einer 6 oder einer 7, so ist es üblich bei malischen Mobiltelefonnummern. Sind das Koordinaten?, fragt ein Offizier.

***

Camp Castor. Das Lager des deutschen Kontingents in der weltweit gefährlichsten UN-Mission überrascht durch seine Ruhe. Ein jeder geht mit zügigen und gemessenen Schritten von A nach B; die einen mit Maschinenpistole, die anderen mit Akten. Dies ist ein bürokratischer Apparat, in dem jeder seine Aufgabe hat und jeder Handgriff eine Regel.

Die meisten der knapp tausend Soldaten verbringen ihren gesamten viermonatigen Aufenthalt ausschließlich im Inneren dieses Apparats. Ein umfriedetes Areal, von dem aus Mali nicht zu sehen ist.

Dies ist die Welt der Hesco-Packs, ein Wort, das jedem Soldaten im Auslandseinsatz leicht von der Zunge geht. Der Sandsack des modernen Krieges ist ein knapp mannshoher faltbarer Würfel aus Stahlgeflecht; ausgekleidet mit Kunststoffgewebe und gefüllt mit Erde, schwerer fremder Erde, werden die Hesco-Packs zu Schutzwällen aufgeschichtet. Es sind Wälle für die feindlichsten Regionen auf diesem Globus, wirbt der Hersteller in Virginia, USA, zum Schutz für „die, die das Recht durchsetzen“.

Die Hesco-Packs umgeben das Lager wie eine dunkle Festungsmauer. In seinem Inneren markieren sie weitere, besonders geschützte Areale. Zusammen mit den allgegenwärtigen Containern bilden die Hesco-Packs ein Ensemble aus geraden Linien und rechten Winkeln, eine Ästhetik des Robusten und Praktischen. Sie steht im denkbar größten Gegensatz zum Erscheinungsbild des Landes jenseits der Wälle, wo sich das prekäre Leben inmitten von Zerbrechlichem, Provisorischem, Ungeordnetem abspielt, wo die Linien selten gerade sind und die meisten Menschen die Abfolge ihrer Tage als se debrouiller beschreiben, sich durchschlagen.

Es ließen sich eine Reihe von politischen Gründen anführen, warum die UN-Mission Mali bisher nicht sicherer, sondern eher unsicherer gemacht hat.2 Ethnografisch betrachtet passen allein schon die Linien nicht zueinander und die mit ihnen korrespondierenden Sichtweisen.

Bis zu einem gewissen Grade ist die Ordnung der Bundeswehr möglicherweise nur Fassade. Sie soll das Chaos bändigen, das unweigerlich entsteht, wenn Mannschaften und Befehlshabende ständig rotieren. Ein Offizier beklagt, noch eine Woche nach seiner Ankunft müsse er seinen Namen in immer neuen Runden in die immer gleichen Formulare eintragen, so schlecht funktioniere der Fluss von Informationen. Meine Blutgruppe, im Vorfeld mehrfach abgefragt, ist bis zur Abreise aus dem Camp nicht dort angelangt, wo sie im Notfall auffindbar wäre.

Wo das Regelwerk Lücken lässt, kommunizieren die deutschen und die wenigen niederländischer Soldaten mit ad hoc improvisierten Anweisungen, am Computer oder von Hand gefertigt. Auf der schweren Bunkertür am Eingang zu meinem Schlafcontainer klebt ein Zettel: Shut the ­f…..g door behind you!

In der Kantine thront eines Mittags auf der Salattheke eine kunstvoll geschnitzte Wassermelone, wie aus dem Thailandurlaub. Vor einem naheliegenden Missverständnis warnt die mit Filzstift bekritzelte Rückseite eines Plastiktellers: Don’t touch! Don’t eat!

Bei der Bundeswehr wird so gut gegessen wie sonst nur in wenigen Restaurants der Hauptstadt. Täglich landen bis zu neun Maschinen mit Transportgütern; die Soldaten sollen sich wohlfühlen, und sie sollen nicht sterben, auf diese beiden Imperative ist vieles im Camp ausgerichtet.

In der Woche vor Heiligabend zog der Duft nach alkoholfreiem Glühwein durch die warme Nachtluft. Vor dem Container „Chalet 4“ ein Markt mit Buden, Adventslichtern, wehmütigen Schlagern; Soldaten und Soldatinnen fotografierten einander mit Weihnachtsmannmützen. Ein paar Meter entfernt das Denkmal für zwei Hubschrauberpiloten, sie waren aufgrund eines technischen Defekts verunglückt. Das Grabmal ist eine Betonplatte in Form der malischen Landkarte, in welche sich das Rotorblatt der Abgestürzten spießt. Bei der Trauerzeremonie wurde „Brothers in Arms“ von den Dire Straits gespielt, Brothers in Arms war das Motto der Staffel.

Ein sogenannter Kulturvermittler ist eingetroffen, Bücher im Gepäck. Herr K., vormals Fallschirmjäger, hat Afrikanistik studiert und mit dem Lernen zweier malischer Sprachen begonnen. Er bleibt neun Monate, nicht vier wie die gewöhnlichen Soldaten. Sein Vorgänger hat ihm eine Kladde mit Kontakten zu Einheimischen hinterlassen; leider habe es an der Zeit gefehlt, ihn diesen Kontakten persönlich vorzustellen.

Herr K. hat sich eingearbeitet in malische Ethnien und Geschichte und hebt an zu einem Vortrag über das Land, das er vor drei Tagen betreten hat, ungeachtet des Umstands, dass sein Gegenüber eines der Bücher in seinem Rucksack geschrieben hat. Er wolle sein Bestes tun, um die malische Wirklichkeit nach oben zu vermitteln, nach Berlin. Allerdings dauere ein derartiger Vorgang zwei Monate und die Antwort, wenn sie denn käme, weitere zwei. Herr K. will ohne Schutzweste und ohne Waffe zu seinen Kontakten gehen, am liebsten ginge er sogar in Zivil, sagt er hoffnungsvoll.

Die Malier werden Herrn K. vielleicht als freundlichen Spion betrachten; er schöpft Informationen ab, ohne ihnen welche zu geben.

Ich bin mit Alou Diawara, einem Freund und Kollegen, nach Gao gekommen. Einheimische Journalisten haben selten die Möglichkeit, ein Lager der UN-Mission zu besuchen. Niemand im Camp spricht Alou an, niemand scheint neugierig auf seine Sicht der Dinge. Als ich ihn frage, wie er sich fühlt in diesem Lager, sagt er: fremd. Und er spüre die Blicke. Die wenigen Malier im Lager waschen Wäsche und Geschirr. Gelegentlich trifft man auf einen Dolmetscher.

Koloniales Kolorit, weiße Macher, schwarze Gehilfen. Am Kantinenausgang nehmen sie mir mit Gummihandschuhen lächelnd mein Tablett mit Abfällen ab. Das Lächeln empfinde ich als das Schlimmste.

Die schwarzen Arbeiter verdienen deutlich mehr als den Mindestlohn, immerhin, aber sie müssen ihre Mobiltelefone außerhalb des Camps lassen – als potenzielle Gefährder. Sie selbst fühlen sich gefährdet, weil sie für die Deutschen arbeiten. An einem Morgen frühstücken wir am Tisch der malischen Arbeiter; einer von ihnen sagt später, er habe Alou für einen schwarzen Deutschen gehalten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Malier im Lager wie ein Weißer herumläuft, in Straßenzivil und ohne Gummihandschuhe.

In der Sprache der Bundeswehr heißen die Malier „locals“; wir könnten genauso gut in Afghanistan sein. (Der Offizier, der Alou und mich im Lager herumführt, zieht häufig Vergleiche mit Masar-i-Sharif.) Am Lagerausgang, dem Main ­Gate, funkt der Wachhabende zum nächsten Posten: „five locals leaving“, wenn fünf Arbeiter das Camp verlassen.

Hinter dem Main Gate führt eine Piste mit zentimeterdickem roten Sand in die Außenwelt. Zu beiden Seiten zunächst noch Hesco-Packs, sie zwingen einen potenziellen Angreifer, Schlangenlinien zu fahren. Dann die ersten verkrüppelten Büsche, später ein paar verirrte Ziegen.

Mittags, wenn Alou und ich die Seiten wechseln und von der Raumstation Bundeswehr zurückkehren auf malische Erde, marschieren wir durch den roten Sand ins heiße, staubige Freie hinaus. Einen knappen Kilometer geht es durch militärisches Niemandsland; Unbehagen beschleunigt unsere Schritte, denn nirgendwo fühlt man sich so unsicher wie an der Außenkante eines Hochsicherheitssektors. Tontauben, denke ich, wir sind wie zwei Tontauben.

In der Ferne kommt der Fama-Checkpoint in Sicht, Fama ist das Kürzel für die malischen Streitkräfte, über ihren Posten bemerkte ein deutscher Sicherheitsoffizier: „Manchmal kontrollieren sie alles, manchmal nichts.“ Der Checkpoint markiert den endgültigen Übergang in die gewöhnliche Welt.

Vorher, noch im Niemandsland, stehen am Rande der roten Piste fünf Malier wie aufgereiht; ihnen gegenüber ein Militärfahrzeug und zwei deutsche Soldaten mit automatischen Waffen. Ein sprachloses Gegenüber; die Malier in zerschlissenen hellen Hemden wirken seltsam dünn, wie Halme, im Vergleich zu den muskulösen Männern in Schutzweste, die jedem einen mächtigen Oberkörper verleiht.

Erst als wir uns noch einmal umdrehen, begreifen wir die Szene: Die malischen Arbeiter warten auf einen Minibus, der sie abholen soll. Der Bus kann die laxe Kontrolle des Fama-Checkpoints passieren, aber was für ein Aufwand wäre es, ihn für ein paar Locals durch die Superkon­trol­le am deutschen Main Gate zu lotsen.

Der Fama-Posten wirkt wie aus ein paar übriggebliebenen Hesco-Packs zusammengebaut. Zwei junge Soldaten stehen ungeschützt neben ihren Unterständen und winken uns mit einer müden Kopfbewegung durch.

Der Fahrer unseres Vertrauens wartet in seinem Wagen einige hundert Meter entfernt in respektvollem Abstand, außer Schussweite. Müde Soldaten, die mal alles, mal nichts kontrollieren, sind für ihn eine potenzielle Gefahr.

Sedou spricht fünf Sprachen. Er ist ein Dogon; in Gao eine kleine Minderheit, die mit der Hauptethnie der Songhai seit dem Mittelalter partnerschaftliche Beziehungen unterhält. Sedous Status ist von Vorteil für mich: Er ist als Geschäftsmann anerkannt, aber nicht zu sehr in ominöse örtliche Netzwerke verstrickt. Der Chef des Radiosenders von Gao hat Sedou für uns ausgesucht; Sicherheit nach malischer Art, entlang sozialer Kriterien und persönlicher Beziehungen. Ich vertraue seinem Rat, in welche Viertel der Stadt wir fahren können und welche zu meiden sind mit einer potenziellen weißen Geisel auf der Rückbank.

***

Zuerst nach Cocainbugu, wo die Bosse des Drogenschmuggels ihre Villen haben. Sie bauen alle im selben Stil, weiß und obendrauf eine Veranda mit spitzem rotem Dach – Toskanastil. Die Villen sind mehr geworden in den Jahren der malischen Krise und seit die UN-Mission hier ist. Gao boomt, allerdings nur für jene, die bereits Geld haben. Wenn die Drogenbosse ein Grundstück haben wollen, dann zahlen sie dafür auch den dreifachen Preis, es ist ihnen ganz egal, sagt Sedou.

In der Kantine von Camp Castor hatte ein Soldat auf meine Frage, worin er den Sinn seines Einsatzes sehe, auf den zunehmenden Hausbau verwiesen. Der sei doch ein Zeichen, dass sich die Einheimischen sicherer fühlten.

Nie war Gao so unsicher wie heute. Nicht allein wegen der Dschihadisten; deren Anschläge richten sich meist gegen die ausländischen Truppen, die 12 000 UN-Soldaten gelten als Symbol des Westens auf islamischem Boden. Obwohl die Blauhelme, die bei Anschlägen ums Leben kommen, oft Bangladescher sind, bedürftige Brüder im Glauben.

Die Einwohner von Gao leiden vor allem unter der Zunahme gewöhnlicher Verbrechen im Schatten der Krise, begangen aus Verzweiflung, aus Verrohung und weil ein entgleister Friedensprozess immer mehr Waffen in immer mehr Hände bringt. Mopedfahrerinnen wird am helllichten Tag die Handtasche entrissen, ein Delikt, das ältere Malier vor Entsetzen verstummen lässt.

Flach dehnen sich die Wohnviertel von Gao in die Ebene aus, 90 000 Einwohner, die meisten Straßen ohne Asphalt, doch von beträchtlicher Breite. Kennzeichnend für die Stadt ist eine verwirrende, sandige Weit- und Weltläufigkeit, mit Namen wie Greenwich-Platz, Washington-Markt, Cafeteria California, Restaurant Zum schönen Aufenthalt, Bavaria-Bar.

Wir essen in der Rotisserie La Paix; sie gewann einen nationalen Wettbewerb für ihre guten Fleischgerichte. Eine kleine fensterlose Bude mit grellbunten Stühlen und passendem Plastikgeschirr, ein Hauch Pop-Art im Sahel.

Gaos urbanes Flair ist nicht erkennbar für Menschen in gepanzerten Fahrzeugen, die zum ersten Mal Armut sehen. In der Videoclip-Serie „Mali“, eine Produktion der Bundeswehr für You­Tube, sagt ein Soldat in Folge 4 („Die Erkundungsfahrt“) über das Leben in Gao: „Es ist faszinierend, wie Menschen in einer solchen Umgebung überleben können.“

Die Doku-Fiktion-Filme sind auf eine unbeabsichtigte Weise realistisch, weil sie viel vom Blick auf fremde Erde verraten und auch von den Missverständnissen, im Großen wie im Kleinen. Ein Soldat, der als Aufklärer vorgestellt wird, steht vor dem Rathaus von Gao, auf Französisch „Hôtel de Ville“, so ist das Gebäude beschriftet, und der Soldat sagt: Hinter mir ist ein Hotel, das müsste eigentlich gesichert sein.

Mehr von Belang ist ein Irrtum, der die Frage der Würde betrifft, denn den Einwohnern von Gao ist das schiere physische Überleben keineswegs genug. Im übrigen Land wird Gao „die Stadt der Helden“ genannt, weil ihre Jugend und ihre Imame den Dschihadisten während der Besatzungszeit 2012 passiven Widerstand entgegensetzten, während die Staatsbeamten längst geflohen waren.

Im Hof eines Hauses, neben Hühnern, Ziegen und Mopeds, sitzt die Zivilgesellschaft, zwei Dutzend Männer und Frauen, auf sonnenver­blichenen Sesseln und Sofas, die zu einem Karree zusammengestellt wurden. Der Präsident der Vereinigung „Gao Lama“, die Mundpartie hinter weißem Turbanstoff verborgen, dankt zeremo­niell allen Anwesenden und der Welt im All­gemeinen, dann gehen die Männer erst einmal ­beten.

„Gao Lama“ ist auf Songhai eine respektvolle Anrede der Bewohner von Gao. Eine Bürgerinitiative, die sich diesen Namen gegeben hat, handelt also im Sinne von Selbstrespekt.

Bibata Haidara fungiert als Schatzmeisterin; eine ältere Witwe mit zwei arbeitslosen Söhnen, die Kraft und Entschiedenheit ausstrahlt, unterstrichen durch ein anthrazitfarbenes Gewand sowie die dunkle Tätowierung ihrer Unterlippe, bei den Frauen des Nordens ein Attribut der Schönheit.

In ein kariertes Schulheft, das Cahier de cotisation, notiert sie die Namen der Mitglieder, die monatlich 1000 CFA-Franc aufbringen können, anderthalb Euro. Nur der harte Kern, einige Dutzend sind dazu in der Lage, doch habe Gao Lama mehr als tausend Sympathisanten in allen Vierteln der Stadt.

Madame Haidara hat eine Rede auf einem karierten Blatt Papier vorbereitet; zwischen ihren Sätzen lässt sie effektvolle Pausen eintreten. Ob ein Mann vor ihr bereits Ähnliches gesagt hat, ist ohne Belang. In einer malischen Gesprächsrunde geht es nicht um die Effizienz der Abfolge, sondern jede und jeder ergreift das Wort um der Teilhabe und um des persönlichen Status willen.

Madame Haidara lässt die Kämpfe der vergangenen Jahre Revue passieren, zuletzt den Widerstand gegen den Gouverneur von Gao. Der Zentralstaat hatte ausgerechnet jenen verhassten Beamten wieder an die Spitze der Verwaltung gesetzt, der 2012 als Erster die Flucht ergriff und die Bevölkerung im Stich ließ. Es gab Demonstrationen, zuletzt fast jeden Morgen ein Sit-in vor dem Amtsgebäude. Eines Tages schossen die malischen Sicherheitskräfte scharf, die drei Toten gehörten zu Gao Lama.

„Wir schwammen in Blut“, sagt Madame Haidara.

Die Vereinigung erhob Anklage wegen Mordes. Derartiges hat es in Mali noch nie zuvor gegeben. Ein Häuflein Bürger verklagt den Staat, und es ist derselbe Staat, mit dem das große Aufgebot der internationalen Gemeinschaft kooperiert. Der Gouverneur, der die Stadt Gao gegen sich aufgebracht hatte, wurde irgendwann abgezogen. Ein kleiner Sieg im Kampf um Würde.

Solche Geschichten kommen in den Videoclips auf You­Tube nicht vor. Sie könnten verwirren, sie würden der fremden Erde Konturen geben, die nicht zum Spiel passen.

1 Weites westafrikanisches Gewand.

2 Siehe Charlotte Wiedemann, „Mehr Militär, weniger Sicherheit“ auf www.boell.de.

Charlotte Wiedemann ist freie Autorin mit dem Schwerpunkt „Islamische Lebenswelten“. Über Mali veröffentlichte sie unter anderem „Mali oder das Ringen um Würde. Meine Reisen in einem verwundeten Land“, München (Pantheon) 2014.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.06.2018, Charlotte Wiedemann