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Für alles eine Pille

Der Fluch der Psychopharmaka

von Gérard Pommier

Seit dem 19. Jahrhundert werden Nervenleiden in drei Katego­rien eingeteilt: Neurosen, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen. Da waren sich nach zahlreichen klinischen Studien Psychiater und Psychoanalytiker ausnahmsweise mal einig. Auf die Unterscheidung stützten die behandelnden Ärzte seitdem ihre Diagnosen. Sie konnten schwere Fälle von vorübergehenden Beschwerden unterscheiden und abwägen, welche Methode das Leiden ihrer Patientinnen und Patienten voraussichtlich am besten lindern könnte. Dass Tabletten nicht immer das erste Mittel der Wahl sind, war der aufstrebenden Pharma­industrie jedoch von Anfang an ein Dorn im Auge.

Die Vermarktung psychischer Erkrankungen begann in den 1950er Jahren, nachdem der Verband der US-amerikanischen Psychiater (APA) sein erstes Handbuch vorgelegt hatte.1 1994 übernahm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ für das Psychiatrie-Kapitel die Definitionen aus dem vierten APA-Handbuch (DSM-IV). In der Zwischenzeit war die Anzahl der darin definierten psychischen Störungen von 60 (1952) auf 410 (1994) gestiegen.

Die DSM-Methode ist denkbar einfach. Man braucht nur ein Häkchen hinter die Beschreibung zu setzen, die zu dem augenscheinlichen Verhalten des Patienten passt. Und natürlich gibt es für jeden Fall ein geeignetes Medikament. Die Pharmalobby ist mittlerweile bis in die Hochschulen vorgedrungen, wo nach dem DSM unterrichtet wird oder Pharmaunternehmen die Kurse gleich selbst anbieten, während die Methoden der klassischen psychiatrischen Differentialdiagnostik immer mehr vernachlässigt werden. Wer heute nur noch eine Schmalspurausbildung nach dem DSM gemacht hat, verschreibt im Zweifel schneller Psychopharmaka.

Die „Depression“ zum Beispiel gehört inzwischen zum alltäglichen Wortschatz. Und natürlich können wir alle in einer bestimmten Phase unseres Lebens unter einer depressiven Verstimmung leiden, aber deshalb sind wir nicht gleich krank.

Melancholie kann sowohl Symptom für eine Selbstmordgefährdung sein als auch ein vorübergehender Zustand. Der chinesische Philosoph Konfuzius riet nach dem Tod eines nahen Verwandten zu drei Jahren Trauer. Wenn heute jemand länger als zwei Wochen trauert, gilt er schon als krank und bekommt Antidepressiva verschrieben, die zu einer lebenslangen Abhängigkeit führen können.

Das DSM-Marketing ist simpel – es gilt nur regelmäßig neue Störungen zu erfinden. Dabei können wir gerade dann neue Energie gewinnen, wenn wir es geschafft haben, uns in einer emo­tio­nalen Krise aus eigener Kraft zu befreien. Wir müssen weinen, bevor wir wieder lachen können. Gefühlsmäßig leben wir wie auf einem Vulkan. Doch wenn man diesen Vulkan mit Medikamenten erstickt, die nichts anderes sind als Drogen, erstickt man das Leben.

Natürlich sind in akuten Stadien einer Psychose Medikamente unumgänglich. Aber warum heißen sie Antipsychotika, als richteten sie sich gegen den

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Patienten? Man sollte eher von Propsychotika oder Philopsychotika sprechen. Schließlich kön nen Psychotiker, wenn sie von den Symptomen befreit sind, Großes leisten, man denke nur an so berühmte Geister wie Georg Cantor, Friedrich Hölderlin, Vincent van Gogh oder Jean-Jacques Rousseau.

Doch die Pharmaindustrie interessiert sich nicht dafür, wie Betroffene ihre Freiheit wiedergewinnen, denn dann würden sie sich ja ihrem Zugriff entziehen. Sie hat vielmehr ein Interesse daran, dass es noch mehr Krankheiten gibt. Eine der neueren Erfindungen, die das menschliche Begehren pathologisiert, ist zum Beispiel die bipolare Störung. Im Laufe unseres Lebens verhalten wir uns häufig bipolar, sind an einem Tag himmelhoch jauchzend, am nächsten betrübt. Diese extremen Stimmungsschwankungen können sowohl bei manisch-melancholischen Psychosen mit hohem Selbstmordrisiko als auch bei Neurosen auftreten. Im DSM wurde diese Differenzierung bei der Einführung der „bipolaren Störung“ allerdings wieder gestrichen – was fatale Folgen hatte.2

Ein anderes, nicht minder beunruhigendes Beispiel, weil es nämlich vor allem Kinder betrifft, ist das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit oder ohne Hyperaktivität (ADS/ADHS). Psychische Probleme im Kindesalter werden schon lange von Pädopsychiatern und Psychoanalytikern behandelt, die auf diesem Gebiet wahre Pionierarbeit geleistet haben. Aber da es sich bei jedem Kind um ein individuelles Pro­blem handelt, haben sie sich stets davor gehütet, allgemeingültige „Störungen“ zu klassifizieren. Heute wirft man ihnen deshalb gern vor, sie hätten keine Rezepte. In Frankreich kommen solche Klagen vor allem von Elternvereinen, die teilweise von der Pharmaindustrie unterstützt werden (der Verein Hypersupers TDAH France wird zum Beispiel von Mensia, Shire, HAC Pharma und NLS Pharma gesponsert).

Inzwischen hat sich sogar die französische Regierung der Sache angenommen. Unter Schirmherrschaft von Präsident Macron und Gesundheitsministerin Agnès Buzyn fand am 29. September 2017 an der Universität Nanterre eine ADS/ADHS-Konferenz statt. Die Psychoanalytiker, die sich zu der Tagung angemeldet hatten, wurden vom Wachpersonal am Betreten der Vortragsräume gehindert. In den französischen Klassifikationen taucht ADS/ADHS nämlich nicht auf: weder in der Klassifikation für psychische Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter (CFTMEA) noch in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10), die dem DSM folgt. Sie beschreiben lediglich Unruhe und Aufgeregtheit, und das ist noch keine Krankheit.

Für solche Zustände kann es zahlreiche Ursachen geben, deshalb muss man immer zuerst mit dem Kind und seiner Familie reden. Die Diagnose ADS/ADHS stempelt die Symptome jedoch als Krankheit ab, und – noch problematischer – als Zeichen einer neuronalen Entwicklungsstörung. In Wahrheit haben manche Verhaltens­auffälligkeiten jedoch einfach familiäre oder schulische Ursachen.

Der US-Psychologe Jerome Kagan hält ADS ohnehin für eine Erfindung: „Jedes Kind, das schlecht in der Schule ist, wird heutzutage zum Kinderarzt geschickt; der diagnostiziert ADS und verschreibt Ritalin. Dabei haben 90 Prozent der 5,4 Millionen amerikanischen Kinder auf Ritalin gar keinen gestörten Dopaminstoffwechsel.“3

Auch der französische Psychoanalytiker und Psychiater Patrick Landman erklärt in seinem 2015 erschienenen Buch „Tous hyperactifs?“, dass es für ADHS keine biologisch nachweisbaren Ursachen gibt: Die Symptome seien viel zu unspezifisch und taugten nicht als Biomarker. Keine der neurobiologischen Hypothesen habe sich bestätigt.

Selbst der US-amerikanische Kinder- und Jugendpsychiater Leon Eisen­berg (1922–2009), der früh über Hyperaktivität bei Kindern geforscht hatte und deshalb als „Erfinder“ von ADS/ADHS gilt, wunderte sich über die Popularität seiner Forschungen. In einem Interview wenige Monate vor seinem Tod erklärte er, ADHS sei ein „Parade­beispiel für eine fabrizierte Erkrankung“, und dass die genetische Veranlagung für hyperaktives Verhalten vollkommen überschätzt werde.4

Nach Angaben der US-Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention wurde in den USA seit 2011 bei etwa 11 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 4 und 17 Jahren ADHS diagnostiziert und Ritalin auf der Basis von Methylphenidat verschrieben – der Wirkstoff wird in Frankreich und Deutschland als Betäubungsmittel eingestuft.

Die großflächige Verschreibung dieser amphetaminähnlichen Substanz könnte sich noch zu einem Gesundheitsskandal auswachsen, wie in Frankreich bei den Medikamenten Mediator (zur Senkung der Blutfettwerte) und Levothyrox (gegen Schilddrüsenunterfunktion).5 Der Wirkstoff Methylphenidat kann nämlich abhängig machen, weshalb bereits darüber diskutiert wird, ob Jugendliche, die als Kinder Ritalin eingenommen haben, besonders drogengefährdet sind.

In unserer heutigen Gesellschaft stehen Kinder oft unter einem enormen Leistungsdruck. Sie müssen schnelle Erfolge erzielen und sich an Normen anpassen, die gar nicht ihrem Alter entsprechen. Wer da nicht mitkommt, gilt schnell als „defizitär“. Doch statt gegenzusteuern, verschärft das französische Bildungsministerium den Konflikt. So ist kürzlich auf seiner Webseite eine Lehrerbroschüre aufgetaucht, in der umstandslos behauptet wird, ADHS sei eine „neurologische Erkrankung“; dementsprechend findet sich dort auch eine detaillierte Anleitung für eine vorläufige Diagnose. Die darin erwähnten „Anzeichen“ könnten jedoch auf fast alle Kinder zutreffen.

Michel Foucault hat gezeigt, wie Staat und Kirche einst ihren Angstapparat zur Unterdrückung der Sexualität eingesetzt haben. Die finstere Herrschaft eines gottgegebenen Patriarchats ist zwar schon lange vorbei. Ausgehend von einem erweiterten Verständnis von Unterdrückung, kann man sich jedoch fragen, wer heute diesen Angstapparat bedient. Es ist die Pharmaindustrie, die sich mit dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit umhüllt.

Die Pharmaindustrie weiß, wie sie ihre Botschaften verkaufen muss: „Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie nicht schlafen können und gelegentlich deprimiert sind oder maßlos aufgeregt oder Selbstmordgedanken hegen. Alles hat seinen Grund: Es liegt an Ihren Genen oder an Ihren Hormonen. Sie leiden an einer neurologischen Entwicklungsstörung; unsere Medikamente werden das alles wieder in Ordnung bringen.“

Man muss den Leuten nur einreden, alles sei auf Neurotransmitter und Gehirnmechanik zurückzuführen, und das Menschliche komplett ausklammern. Niemand soll sich mehr damit auseinandersetzen, dass all die wunderbaren, alltäglichen Probleme in Liebesbeziehungen, die unentwirrbaren Verstrickungen zwischen Kindern und Eltern, das angstbesetzte Kräftemessen mit Autoritäten und Hierarchien ihre Wurzeln in der frühen Kindheit haben und manchmal über Generationen weitergegeben werden können.

Und das ist auch das zutiefst Verstörende an der ADHS-Geschichte: dass es wieder die Kinder trifft. Immer und überall waren es die Kinder, die als Erste unterdrückt, geschlagen und diszipliniert wurden. Wenn ein Lehrer früher ein unruhiges Kind an den Ohren zog, dann war das – so schockierend es klingen mag – fast humaner, als wenn heute das Lehrpersonal aufgefordert wird, bei seinen Schützlingen ein Handicap zu diagnostizieren. Zum ersten Mal in der Geschichte werden Kinder im Namen einer angeblichen Wissenschaft „geschlagen“.

1 American Psychiatric Association (Hg.), „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“, 1952. Seit 2013 liegt die fünfte Überarbeitung des Handbuchs vor (DSM-V).

2 Ich habe in der Klinik Sainte-Anne einen melancholischen Patienten begleitet, er wurde von einem Psychiater entlassen, der nur dem DSM folgte. Der Patient nahm sich das Leben. Ich kenne mehrere vergleichbare Fälle.

3 „Nachhilfe statt Pillen“, in: Der Spiegel, 30. Juli 2012.

4 „Schwermut ohne Scham“, in: Der Spiegel, 6. Fe­bruar 2012.

5 An Nebenwirkungen des Diabetesmedikaments Mediator mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex, das auch viele Nichtdiabetiker als Diäthilfe eingenommen haben, sind mutmaßlich bis zu 2000 Menschen gestorben. 2009 wurde Mediator vom Markt genommen. An dem nur in Frankreich vertriebenen Schilddrüsenmedikament Levothyrox ist zwar niemand gestorben, aber nachdem es drei Monate in Umlauf war, berichteten die Medien im Juni 2017 über starke Beschwerden nach der Einnahme. Im September 2017 schaltete sich Gesundheitsministerin Agnès Buzyn ein und forderte den Hersteller Merck auf, die Rezeptur zu ändern.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Gérard Pommier ist Psychiater und Psychoanalytiker und Autor von „Comment les neurosciences démontrent la psychanalyse“, Paris (Flammarion) 2010, und „Féminin, révolution sans fin“, Paris (Pauvert) 2016.

Le Monde diplomatique vom 12.04.2018, Gérard Pommier