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Russlands Kirche in Putins Staat

Zu Sowjetzeiten hatte die Kirche nichts zu melden. Heute ziehen Orthodoxe und Kreml wieder am selben Strang. Patriarch Kyrill hält Patriotismus und konservative Werte hoch, und Putin gewährt den Popen großzügige Privilegien.

von Anaïs Llobet

Am 25. Mai 2017 weihte Patriarch Kyrill die Kirche des Sretensky-Klosters in Moskau. Präsident Putin verfolgte die lange Zeremonie mit unbewegt-feierlicher Miene. Am Ende überreichte er dem Patriarchen eine 400 Jahre alte Ikone Johannes des Täufers, die er aus seinem Büro im Kreml mitgebracht hat. Jetzt steht sie auf dem Altar der neuen Kultstätte.

Ein orthodoxer Patriarch neben einem russischen Staatschef: Vor einigen Jahrzehnten wäre das noch ein äußerst ungewöhnlicher Anblick gewesen. Die neu geweihte Kirche steht direkt neben der Lubjanka, Sitz des Inlandsgeheimdienstes FSB und Symbol der großen Säuberungen in den 1930er Jahren.

Hundert Jahre nach der Russischen Revolution sei die Kirchweihe im Gedenken an die „Märtyrer der antireligiösen Verfolgung“ ein „bedeutendes Symbol“, betonte Putin in seiner anschließenden Rede. „Wir wissen, wie zerbrechlich der Bürgerfrieden ist. Wir dürfen nie vergessen, wie schwer sich die Wunden der Spaltung heilen lassen. Hier liegt unsere gemeinsame Verantwortung: Wir müssen alles Menschenmögliche tun, um die Einheit der russischen Nation zu bewahren.“

Die russisch-orthodoxe Kirche war während der Jahre des Kommunismus zwar nicht völlig von der Bildfläche verschwunden, doch sie machte damals schwere Zeiten durch. Nach der brutalen antiklerikalen Kampagne der Bolschewiki gegen die alten Verbündeten des Zaren waren von den 54 000 Kirchengemeinden (Stand von 1914) am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nur noch 250 übrig.1

Nach dem Überfall der deutschen Armee am 22. Juni 1941 rehabilitierte Stalin die Kirche, damit sie die Generalmobilmachung in der langen Tradition der „heiligen“ Kriege Russlands gegen die Barbaren unterstütze. „Brüder und Schwestern, eine tödliche Gefahr droht unserer Heimat“, schrieb er am 3. Juli 1941 in seinem berühmten Appell. Allerdings vollzog sich die Anerkennung des Klerus ab 1943 unter strenger Kontrolle durch die Staatssicherheit und den „Rat für die Angelegenheiten der russisch-orthodoxen Kirche“.

Religion ist wieder Pflicht

Die Kirche wurde geduldet, diskrete Got­tesdienste waren erlaubt, alle sonstigen öffentlichen Auftritte blieben verboten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es zu einer reli­giö­sen Renaissance. Während sich 1991 lediglich ein Drittel der russischen Bevölkerung zum orthodoxen Glauben bekannt hatte, kam eine Umfrage von 2012 bereits auf 74 Prozent; 7 Prozent der Befragten bezeichneten sich als Muslime.2

Zwischen Staat und Kirche kam es in den letzten 20 Jahren zu einer Annäherung, von der beide Seiten profitieren. Alexei Beglow, einer der anerkanntesten russischen Experten für die orthodoxe Kirche, betont, dass die Kirche nach Jahrzehnten der Ausgrenzung öffentlich sichtbarer werden wolle. Dabei gehe es ihr vor allem darum, „ihren Einfluss in den Bereichen zu stärken, die ihr traditionell besonders am Herzen liegen, also Familie, Kultur, Bildung und Moral.“

So hat die emsige Lobbyarbeit von orthodoxen Aktivisten dafür gesorgt, dass an den Schulen die „Grundlagen der religiösen Kulturen und der laizistischen Ethik“ Pflichtfach wurden. Seit 2012 können Eltern für ihre Kinder ein Modul entsprechend ihrem Glauben wählen, allerdings wird diese Wahl wegen fehlender Mittel in der Praxis nicht immer berücksichtigt.

Verlassen kann sich das Patriarchat auf Bildungsministerin Olga Wassiljewa. Die renommierte Kirchenhistorikerin, die Putins Beichtvater Bischof Tichon nahesteht, setzt sich zum Beispiel dafür ein, dass die religiösen Fächer mehr Unterrichtsstunden bekommen.

Auch im Gesundheitsministerium findet die Kirche Gehör. Bischöfe werden regelmäßig zu den Kommissionssitzungen für die Bürgergesundheit eingeladen. Bei einer dieser Anlässe erklärte Bischof Panteleimon Schatow im Oktober 2015 der zuständigen Ministerin Weronika Skworzowa, der HI-Virus habe „eine soziale und moralische, nein, vielmehr unmoralische Ursache“. Und der einzige Weg, die Krankheit zu bekämpfen, sei „die Förderung gesunder moralischer Werte“.

Der Staat subventioniert auch von orthodoxen Vereinen geführte Ein­rich-tungen  wie  das  „Haus  der  Mütter“  im

Moskauer Zentrum. „Die zehn Frauen, die bei uns leben, haben sich trotz des Drucks ihres Partners oder ihrer schwierigen wirtschaftlichen Situa­tion gegen eine Abtreibung entschieden“, erzählt die 29-jährige Leiterin Maria Studenikina, deren sanfte Miene jedes Mal erstarrt, wenn sie über die „Massenmorde“ spricht. Der orthodoxe Glaube und die Liebe zu Russland seien für sie ein und dasselbe, sagt Studenikina, die es geradezu unpatriotisch findet, sein ungeborenes Kind zu töten, weil dem Land dann die Soldaten zur Verteidigung der Heimat fehlen würden.

Am Widerspruch der Kirche scheiterte 2014 auch eine Strafrechtsreform für minderjährige Straffällige. Danach sollten spezielle Jugendrichter eingesetzt, niedrigere Haftstrafen verhängt und Alternativen zu Gefängnisstrafen gefunden werden. Unter Berufung auf den Schutz der Familie hat die Kirche es auch geschafft, ein Fürsorgegesetz zu stoppen, das Eltern in schwierigen Situationen unterstützen und die Unterbringung von Kindern in Heimen vermeiden sollte.

Es wäre allerdings übertrieben zu behaupten, die Kirche könne der russischen Regierung ihre politische Linie aufzwingen. Zudem ist die Kirche in jüngster Zeit durch ultraorthodoxe Gruppen in Bedrängnis geraten. So störten Fanatiker im Herbst 2017 Vorführungen von „Matilda“, einem Film von Alexei Utschitel über die Liebesbeziehung zwischen Zar Nikolaus II., der im Jahr 2000 heiliggesprochen wurde, und einer Ballerina vom Bolschoi-Thea­ter. Zwei große Kinoketten waren am Ende gezwungen, den Film aus dem Programm zu nehmen, nachdem sich die Fanatiker auf ein Gesetz berufen hatten, das die „Beleidigung der religiösen Gefühle von Gläubigen“ unter Strafe stellt.3

Abgestoßen von den spektakulären Aktionen, die sich auf angebliche Blasphemie beriefen, sprach sich der Metropolit Hilarion, Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen, „uneingeschränkt und kategorisch gegen jeden Aufruf zur Gewalt“ aus, fügte aber hinzu: „Gleichzeitig kann und will ich mich nicht auf die Seite derer stellen, die den Film verteidigen.“4

Nicht immer gelingt es der Kirche, ihre Positionen durchzusetzen. Zum Beispiel beim Streit über den Schwangerschaftsabbruch, der in Russland seit 1920 (bis auf eine kurze Verbotsphase unter Stalin) legal ist. Im September 2016 unterzeichnete Patriarch Kyrill eine Petition, die zum „Ende des legalen Mordes an Kindern vor ihrer Geburt“ aufrief und Gesetzesänderungen verlangte, um die „Pille danach“ zu verbieten. Die Petition zeigte jedoch keine Wirkung.

In Russland können Frauen ebenso wie in Frankreich oder Deutschland bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abtreiben. Allerdings wurden einige Ausnahmeregelungen, die nach der 12-Wochen-Frist greifen, wieder zurückgenommen. So darf ab der 13. Woche ein Abbruch nur noch gemacht werden, wenn die Schwangerschaft auf eine Vergewaltigung zurückgeht, während bis 2012 auch soziale Härten wie Armut oder Gefängnishaft des Vaters berücksichtigt wurden.

„Ohne uns wären diese Morde totgeschwiegen worden“, behauptet Kirchensprecher Pater Dmitri Smirnow stolz. So sei es vor allem dem Einsatz der Kirche zu verdanken, dass sich die Anzahl der Abtreibungen in Russland in den letzten vier Jahren halbiert habe. Dass dieser deutliche Rückgang auch mit einem verbesserten Zugang zu ­Verhütungsmitteln und der ver­stärkten Sorge der Frauen um ihre Gesundheit zu tun hat, unterschlägt der Pater.

In Umfragen schlägt sich die kirchliche Mobilmachung jedoch bereits nieder: Laut einer Erhebung des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum vom Januar 2018 fanden 35 Prozent der Befragten Abtreibungen „entsetzlich“; und zwar auch, wenn die Familie nicht für das Kind sorgen kann. 1998 waren noch 18 Prozent dieser Meinung.

Der gesellschaftliche Einfluss der Kirche geht allerdings nicht mit einer zunehmenden Frömmigkeit einher. Fast 30 Prozent der Menschen, die sich als orthodox bezeichnen, erklären, dass sie nicht an die Existenz Gottes glauben.5 Nur 3 Prozent gehen mindestens einmal pro Woche in die Kirche, ähnlich wie in Frankreich, wo auch nur 4,5 Prozent der Katholiken regelmäßige Kirchgänger sind – im Gegensatz zu den fleißigen Protestanten in den USA (da sind es 48 Prozent).6

Dass es keine Kirchen in erreichbarer Nähe gibt, erklärt den schwachen Besuch nur zum Teil. So bleiben zum Beispiel auch die zahlreichen Moskauer Kirchen oft leer. In der Sankt-Pimen-Kirche im Norden der Hauptstadt halten die Popen ihre Sonntagsmesse oft nur vor zwanzig älteren Damen ab. „Das sind immer noch mehr als zu Sowjetzeiten“, tröstet sich Maria Lisewskaja, die ihr weißes Haar unter einem folkloristischen Kopftuch verbirgt. Die 67-jährige Rentnerin verpasst keine Messe, stellt aber fest, dass die jungen Leute fernbleiben, und hofft, dass sie ihren Glauben auf andere Weise praktizieren.

Jungfrau Maria als Tatoo auf dem Rücken

Ilja Stonjakin geht einmal im Jahr in die Kirche, zum orthodoxen Osterfest. Trotzdem bezeichnet er sich als reli­giös. Der freiberufliche Grafiker trägt ein Kreuz um den Hals, fastet und hat sich vor kurzem eine riesige Jungfrau Maria auf den Rücken tätowieren lassen. „Es war auch eine Provoka­tion, denn ich komme aus einer atheistischen Familie, für die ist Religion ­Opium für das Volk“, erklärt er in Anspielung auf das berühmte Marx-Zitat. Ihm gefällt die Nähe zwischen dem Präsidenten und dem Patriarchen. Für ihn ist die Kirche der „moralische Garant“ des politischen Lebens in Russland.

Die Mehrheit der Russen bekennt sich weniger aus religiöser denn aus nationalistischer Überzeugung zur russisch-orthodoxen Kirche. Das erklärt auch, warum die Regierung, die seit Präsident Jelzin und der Gründung der Russischen Föderation an der na­tio­nalstaatlichen Ideologie arbeitet, die Nähe zum Patriarchat sucht.

Seit Peter dem Großen, der 1721 das Patriarchat zugunsten eines von ihm ernannten Gremiums von Würdenträgern, des Heiligsten Dirigierenden Synods, abschaffte, herrscht in Russland die weltliche Macht über die religiöse. Die orthodoxe Kirche wurde als Teil der nationalen Identität definiert. Graf Sergei Uwarow, Bildungsminister unter Nikolaus I. (1825–1855), erklärte „Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit“ zur Herzkammer des Russentums und wollte sein Land vor der Ansteckung durch die Ideen der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bewahren.

1997 verstieß die Regierung erstmals gegen das in der Verfassung von 1993 festgeschriebene Laizitätsprinzip. Ein neues Gesetz erkannte „die besondere Rolle der Orthodoxie in der Geschichte Russlands, bei der Entstehung und Entwicklung seiner Spiritualität und seiner Kultur“ an. Es sicherte der orthodoxen Kirche den Vorrang und schuf einen „hierarchischen Pluralismus“, wie es der Moskauer Professor für Religionswissenschaften Alexander Agadjanian nennt.7

In seinen ersten beiden Amtszeiten als Präsident (2000–2008) gab Wladimir Putin den unideologischen Managertyp. Damals dämpfte er die Ansprüche der Kirche und lehnte die Einführung einer Kirchensteuer ebenso ab wie einen landesweiten kirchlichen Fernsehsender.8

Ihre besondere Rolle bekam die Kirche erst unter der Präsidentschaft von Dmitri Medwedjew zugestanden. Zu Beginn seiner Amtszeit, Ende 2008, starb Patriarch Alexis II. Dessen Nachfolger Kyrill versuchte an das Modell der „Symphonia“ anzuknüpfen, das der byzantinische Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert eingeführt hatte. Nach diesem Konzept schulden sich weltliche und geistige Macht Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung. Medwedjew verband das Glückwunschschreiben an den neuen Patriarchen mit dem Aufruf zu einem Dialog mit der Kirche für „die Entwicklung des Landes und die Festigung der spirituellen Werte“.

Schon bald sorgten Medwedjew und sein Ministerpräsident Putin dafür, dass die Kirche Steuererleichterungen auf ihre üppigen Einnahmen aus Spenden von Gläubigen und reichen Mäzenen, aber auch aus dem Verkauf von Ikonen, Kerzen, Devotionalien und Festtagstorten (2014 kamen dadurch 5,4 Milliarden Rubel, also 76 Millionen Euro, zusammen) erhielt.9 Während die einfache Bevölkerung unter der Wirtschaftskrise litt, gab Medwedjew zwischen 2008 und 2010 6 Milliarden Rubel für den Bau von Kirchen im ganzen Land aus.

Lukrativer Verkauf von Kerzen, Ikonen und Torten

2010 begann der Staat mit der Restitution von mehr als 6400 zu Sowjetzeiten beschlagnahmten kirchlichen Grundstücken.10 Im Gegenzug erklärte sich Kyrill bereit, das unter Medwedjews Präsidentschaft begonnene Modernisierungsprogramm zu unterstützen, das unter anderem die Privatisierung staatseigener Betriebe und die politische Pluralität vorantreiben sollte. „Die Kirche hilft dem Staat, weil sie Nutzen daraus zieht, aber eigentlich hat sie keine andere Wahl“, meint Alexander Werchowski, der Direktor des Moskauer Sowa-Zentrums, das Studien über religiöse Toleranz, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in Russland herausgibt. „Es ist keine gleichberechtigte Beziehung: Der Staat sitzt am längeren Hebel.“

Die asymmetrische gegenseitige Unterstützung verstärkte sich 2012 nach Putins Rückkehr auf den Präsidentenstuhl. Nach riesigen Kundgebungen, wie man sie seit seiner ersten Wahl im März 2000 nicht mehr gesehen hatte, beschloss Putin, die Massen nicht mehr nur über seine Person zu mobilisieren. Wohl wissend, dass er damit auf breite Zustimmung stoßen würde, sollte die staatliche Propaganda fortan mehr Gewicht auf die Verteidigung der traditionellen russischen Werte gegen den Westen legen. Denn der, so der Kreml, sei nur darauf aus, Russland militärisch zu umzingeln und zögere auch nicht Regierungen zu stürzen, die seinen laxen Werten und geopolitischen Interessen nicht entsprächen.

„Ohne die über Jahrtausende gewachsenen moralischen Standards verlieren die Menschen unausweichlich ihre Würde“, verkündete Putin 2013 im Waldai-Klub vor russischen und internationalen Journalistinnen, Politikern und Wissenschaftlerinnen. „Ohne den Respekt vor unseren Traditionen und den großen Religionen“ werde die Gesellschaft nicht überleben. Der Präsident sprach Pater Smirnow aus dem Herzen: „Wie kann ein Russe, ein Orthodoxer, die homosexuelle Ehe akzeptieren? Nein! Russland und die Kirche können sie nicht akzeptieren“, erregt er sich. „Und auch nicht unser Präsident.“

Die patriotisch gesinnte Orthodoxie liefert auch außerhalb von Russland eine ideale Projektionsfläche. Das Patriarchat von Moskau brüstet sich mit einer Gemeinde von fast 150 Millionen Gläubigen weltweit und insbesondere an den Rändern des einstigen Russischen Reiches. Kurz nach der Annexion der Krim erinnerte Putin daran, dass auf der Halbinsel der Heilige Wladimir getauft worden sei, „eine orthodoxe Taufe, die entscheidend war für die Grundlagen der Kultur, der Werte und der Zivilisation der russischen, ukrainischen und belorussischen Völker“.

Zwischen Kyrill und Putin herrscht allerdings nicht immer eitel Sonnenschein, was für den Kreml jedoch kein Nachteil sein muss. So dient zum Beispiel der um seine große orthodoxe Gemeinde in der Ukraine besorgte Kyrill als Brückenbauer zwischen Kiew und den von Moskau unterstützten Separatisten im Donbass. Am 27. Dezember 2017 kam es durch die Vermittlung des Moskauer Patriarchen zu einem Austausch von mehr als 300 Gefangenen.

Mit Sankt Wladimir, der 2016 eingeweihten russisch-orthodoxen Kathedrale im Herzen von Paris, soll sich Putin einen Traum erfüllt haben. Der Kirchenbau mit den signifikanten Zwiebeltürmen samt Kultur- und Studienzentrum soll Moskau 150 Millionen Euro gekostet haben. Hier zeige sich wieder einmal, sagt die Russland­expertin Marlène Laruelle, dass die Kirche vor allem der russischen Soft Power dient.11

Der Staat behält die Zügel in der Hand, aber „das kann leicht schiefgehen“, befürchtet Boris Wischnewski, Duma-Abgeordneter aus Sankt Petersburg. Wischnewski hat eine Bürgerinitiative gegründet, die verhindern will, dass die Isaakskathedrale an die russisch-orthodoxe Kirche zurückgegeben wird. Unter Stalin war der riesige Kuppelbau 1931 erst zu einem Atheismus-Museum umfunktioniert worden und 1937 zu einem Geschichts- und Kunstmuseum. Und während des Zweiten Weltkriegs diente sie als Depot für Kunstwerke. Die Issakkathedrale ist eine der wichtigsten Sankt Petersburger Sehenswürdigkeiten, an der die Stadt gut verdient (12,5 Millionen Euro 2016).

Doch diese Einnahmen sollen in Zukunft an die Kirche fließen, während der Staat die Instandhaltung des Bauwerks weiter finanziert. „Ich verstehe nicht, warum der Staat der orthodoxen Kirche solche Geschenke macht“, empört sich Wischnewski. Er hält das außerdem für ein „extrem gefährliches Spiel“. Wenn die orthodoxe Kirche viel mehr staatliche Privilegien genießt als die anderen Religionen, dann droht diesen eine zunehmende Entfremdung und sie werden sich womöglich von der russischen Gesellschaft abwenden. „Das Entscheidende ist nicht der Einfluss der Kirche auf das Alltagsleben“, betont Kathy Rousselet, Expertin für die russisch-orthodoxe Kirche, sondern ihr „symbolisches Kapital“. Solange der Staat die Kirche als Verteidigerin der traditionellen Werte braucht, werde er vor ihr katzbuckeln, meint Wischnewski. „Doch diese Befruchtung könnte ein Monster hervorbringen.“

1 Alexei D. Krindatch, „Changing relationships between religion, the State and sociaty in Russia“, GeoJournal, Nr. 4/2006, New York.

2 Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum in Moskau, Dezember 2012.

3 Das Gesetz wurde beschlossen, nachdem Mitglieder der feministischen Gruppe Pussy Riot 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche ein Punkgebet abgehalten hatten („Mutter Gottes, verjage Putin. Kacke, Kacke, ­Gottes Kacke“). Dafür wurden Nadeschda Tolokonni­kowa und Maria Aljochina zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt.

4 Jacques Berset, „Le film Matilda, réprouvé par l’Église, réveille les extrémistes orthodoxes“, Portail catholique suisse, 25. September 2017, www.cath.ch.

5 Boris Dubin, „Obras prawoslawnogo werujuschtschego w sowremennoj Rossii“ / „Das Bild des orthodoxen Gläubigen im heutigen Russland“, Vortrag im Carnegie Moscow Centre, carnegie.ru, Juni 2012.

6 Institut Sreda, August 2012; Ifop-Umfrage für La Croix, Paris, 2009; Pew Research Center, Washington, D.C., 2014.

7 Alexander Agadjanian, „Religious Pluralism and National Identity in Russia“, International Journal on Multicultural Societies, Nr. 2/2000, Unesco, Paris.

8 Régis Genté, „Russie: l’Église orthodoxe, l’État et la société. Entretien avec Nikolaï Mitrokhine“, Religioscope, Januar 2014, www.religion.info.

9 Umfrage der Tageszeitung RBK, Moskau, Februar 2016.

10 Agence France-Presse, 30. November 2010.

11 Marlène Laruelle, „Russian Soft Power in France: Assessing Moscow‘s Cultural and Business Para-diplomacy“, Carnegie Council for Ethics in International Affairs, New York, 8. Januar 2018.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Anaïs Llobet ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 08.03.2018, Anaïs Llobet