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Iran – alte Nation, neue Gesellschaft

Fast 40 Jahre nach der islamischen Revolution hat sich das Land an die internationale Isolation gewöhnt. Innerhalb der Region jedoch versucht Teheran über ein Netz von Verbündeten seinen Einfluss auszuweiten.

von Bernard Hourcade

Mit der Intervention der Revolutionsgarden in Syrien und im Irak hat Iran zum ersten Mal in seiner modernen Geschichte einen militärischen Sieg außerhalb seiner Landesgrenzen errungen.

Am 21. November 2017 verkündete Präsident Hassan Rohani das Ende des sogenannten Islamischen Staats (IS), und General Qassem Soleimani, Kommandant der für Auslandseinsätze ausgebildeten Al-Quds-Einheiten, sprach von einem „entscheidenden Sieg“. Dreißig Monate nach der Unterzeichnung des Atomabkommens mit sechs Großmächten am 14. Juli 2015 war der Sieg über die Dschihadisten für Teheran ein weiterer Schritt aus der diplomatischen und wirtschaftlichen Isolation und zurück auf die internationale Bühne.

Der praktische Nutzen, den diese Siege für Teheran haben, ist allerdings gering. Sie haben der Islamischen Republik den Vorwurf eingebracht, hegemoniale Ambitionen zu verfolgen. Und die erhoffte wirtschaftliche Erholung wird von der Trump-Regierung blockiert, indem sie die Aufhebung von Sanktionen verweigert. Iran wird auch heute, nach fast vier Jahrzehnten Ausgrenzung, internationaler Embargos und Kriegsdrohungen immer noch nicht als „normale“ Regionalmacht anerkannt. Das Land hat sich daran gewöhnt, isoliert, von der Globalisierung ausgeschlossen und vor „ausländischen Aggressionen“ auf der Hut zu sein.

Viele Beobachter suchen die Erklärung für diese Isolation in einer fernen Vergangenheit. Sie verweisen auf das Achämenidenreich aus dem vorchristlichen 5. Jahrhundert, auf die persische Kultur oder die schiitische Reli­gion und ihren Klerus. Dabei ignorieren sie allerdings die tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaft und des politischen Lebens seit der Revolution von 1979.

Die Kinder der Revolutionäre fordern mehr Gerechtigkeit

Seit diesem historischen Einschnitt gibt es eine Konkurrenz zwischen drei Strömungen: dem iranischen Nationalismus, dem Islamismus und diversen Öffnungsbestrebungen. Keine von ihnen ist je ganz verschwunden. Alle drei haben sich weiterentwickelt und ergänzen sich gegenseitig. Heute herrscht zwischen ihnen eine mühsam austarierte Balance, die das politische Leben in Iran maßgeblich bestimmt.

Das Nationalgefühl hat trotz des Widerstands des Klerus nie nachgelassen. Besonders ausgeprägt war es unter Reza Schah Pahlavi (1925–1941), der die vorislamische Vergangenheit feierte, und dann wieder bei der Verstaatlichung des Erdöls 1953. Der Mythos vom ewigen Iran handelt vom Land der Arier – Iranzamin –, das trotz der zahlreichen Invasionen von Griechen, Arabern, Türken und Mongolen und trotz Bedrängnis durch das osmanische, russische und britische Imperium zwar nicht immer seine Unabhängigkeit, wohl aber seine Identität bewahrt hat.1 Paradoxerweise hat die Islamische Republik dieses vielschichtige Erbe vollständig angenommen. Bereits kurze Zeit nach der Revolution wurde der Zentralstaat gestärkt,2 der von drei verbündeten Gegnern, dem Irak, den Erdölmonarchien und den westlichen Staaten, angegriffen wurde.

Der irakische Überfall im September 1980 hat die Fusion von Nationalismus und Islamismus besiegelt. Die universalistischen Ansprüche der islamischen Revolution traten hinter die Notwendigkeit zurück, die nationalen Grenzen zu verteidigen. Revolutionswächter und Milizionäre (Basidschis) wurden zu Helden des Vaterlands. Die Rückeroberung der Grenzstadt ­Chorramschahr am 22. Mai 1982 wurde als Befreiung nationalen Territoriums gefeiert – und nicht als Sieg des politischen Islam, der durch dieses Ereignis eher geschwächt wurde. Die politische Macht des schiitischen Klerus und des obersten Führers bleibt zwar bis heute bestehen, aber sie beruht auf der ­potenziellen Mobilisierung von Mil­lionen ehemaligen Kämpfern, die damals die junge Republik verteidigt haben.

Der iranische Nationalismus kultiviert den Geist des „Widerstands“, nicht den Geist der Eroberung. In seiner langen Geschichte wurde Iran häufig Opfer von Invasionen. Seit der Gründung als moderner Staat im 16. Jahrhundert verlor er immer wieder Kriege gegen seine Nachbarn, und zuweilen auch Territorien.

Nur selten unternahm das Land selbst erfolgreiche Angriffe, wie etwa auf ­Delhi 1739 oder auf Tbilissi 1795. Weil das Perserreich zwar iranisch und schii­tisch war, aber von türkischen und arabischen, sunnitischen und christlichen Völkern umgeben wurde, versuchte es nicht, fremde Gebiete zu erobern. Es strebte lediglich nach einem gewissen Einfluss in den Pufferzonen, die an das iranische Hochland grenzen: In den ­Gebieten östlich des Tigris, im südlichen Kaukasus, am Kaspischen Meer, in der turkmenischen Steppe, in den afghanischen Provinzen Herat und Helmand und natürlich am Persischen Golf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah die Armee des Schahs ihre Berufung darin, einem möglichen sowjetischen Angriff entgegenzutreten. Auch die Islamische Republik hielt sich an diese militärische Defensivstrategie: erzwungenermaßen – weil sie aufgrund des Waffenembargos über keine modernen Waffensysteme (Raketen, Kampfflugzeuge, Panzer, Artillerie) verfügte –, vor allem aber um der nationalen Tradition zu genügen. Die Streitkräfte waren für einen asymmetrischen Verteidigungskrieg ausgerüstet, hatten nicht das Potenzial für einen langwierigen Auslandseinsatz. Iran war also nationalistisch, nicht imperialistisch. Dennoch verfügte das Land über effektive Verteidigungswaffen.

Die Veteranen des Irakkriegs, die heute an den Schaltstellen der Macht sind, erinnern sich an den „Städtekrieg“ und an die irakische Raketen, die damals in den urbanen Zentren einschlugen. Auch deshalb haben sie die Entwicklung ballistischer Waffen zur Priorität erklärt. Die ist für sie schon deshalb nicht verhandelbar, weil die Nachbarstaaten vom Westen mit einem ungleich mächtigeren Arsenal ausgestattet wurden. In dieser Frage ist der nationale Konsens noch stärker als in Sachen Atomwaffen.

Im Hinblick auf ein nukleares Arsenal gab es in der Bevölkerung zwar Meinungsverschiedenheiten, aber einen Konsens darüber, dass das Land selbst zu entscheiden habe. Die di­plo­matische Lösung der Atomkrise hat dem Begriff „Widerstand“ eine neue Dimension verliehen: Die Iraner sind stolz darauf, dass man die Großmächte gezwungen hat, über ein so wichtiges Thema auf Augenhöhe zu verhandeln. Die Regierung versichert, dass sie das Völkerrecht einhalten wird, und sucht die Unterstützung der EU, Russlands und Chinas, um einen Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen zu verhindern.

Hauptgegner der neuen Öffnungspolitik ist immer noch der alte Nationalismus, dem Niederlagen, Märtyrer und Abschottung lieber sind als ein Sieg, der Kontakte zum Rest der Welt voraussetzt. Die Angst vor dem Chaos und den Kriegen, die in den Nachbarländern wüten, stabilisiert das System ebenso wie die Erinnerung an die Dramen der Revolution. Rohani verkörpert den Geist der Mäßigung, der eingeschränkte, aber echte Wahlen und die institutionelle Vorherrschaft des Klerus für vereinbar hält.3

Der moderne iranische Staat wurde im 16. Jahrhundert von den turksprachigen Safawiden auf der Grundlage der schiitischen Religion gegründet. Im Iran der Pahlavis wurde der Islam zu einem untergeordneten politischen Faktor. Ab 1979 definierte sich die junge Republik erneut als „islamisch“, um den Geist am Leben zu halten, der das Volk gegen den Schah geeint hatte. Der Klerus um Ajatollah Ruhollah Chomeini steuerte den revolutionären Prozess zwar in seinem Sinne, musste jedoch auf die Randstellung der iranischen Schii­ten in einer überwiegend sunnitischen Region Rücksicht nehmen und bekannte sich zur Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen. Dabei war die Radikalopposition zu Israel ein probates Mittel, um in der muslimischen Welt akzeptiert zu werden.

Doch das ganze Konzept ging in der Praxis nicht auf. Als die Islamische Republik den Staat gegen die irakische Invasion verteidigen musste, berief sie sich schnell wieder auf ihre iranisch-schiitische Identität und suchte Verbündete unter den ethnischen oder religiösen Minderheiten in der weiteren Region. Dazu gehörten die Armenier, die persischsprachigen Tadschiken in Afghanistan und sogar die irakischen Kurden, die in den 1970er Jahren dem Baath-Regime in Bagdad getrotzt hatten. Man setzte also auf schiitische oder heterodoxe Minderheiten, die über die sunnitische – arabische oder türkische – Welt verstreut leben (siehe Karte). Eine solche Archipelgeografie entbehrt allerdings jeder territorialen Kontinuität und erhöht das Risiko der Umzingelung.

Schiiten als Schützlinge und Speerspitze Teherans

Das Flaggschiff dieses „schiitischen Archipels“ ist zweifelsohne die libanesische Hisbollah. Seit mehreren Jahrhunderten pflegt die starke schiitische Gemeinschaft im Libanon enge Beziehungen zu Iran.4 Schon zu Zeiten des Schahs war der iranische Geheimdienst in Beirut aktiv. Der Savak unterstützte in den 1970er Jahren die gemäßigte schiitische Partei Amal, wollte aber vor allem den schiitischen Klerus im Libanon kontrollieren: Leute wie Ajatollah Musa as-Sadr, der Verbindungen zu Chomeini hatte.

Die Islamische Republik nutzte diese libanesischen Netzwerke sofort, um mit Geiselnahmen und Attentaten gegen Staaten zu agieren, die den Irak unterstützten und Truppen im Libanon stationiert hatten, wie Frankreich und die USA. Im Juli 1982, als Iran im Krieg mit dem Irak gerade die Oberhand gewann und in der UNO vergeblich die Verurteilung Bagdads als Aggressor forderte, erfolgte die israelische Invasion im Libanon. Sie war entscheidend für die Entscheidung Teherans, seine Position im Libanon angesichts der absehbare Verlängerung des Kriegs mit dem Irak zu verstärken.

Mit der Gründung der Hisbollah verfolgte Iran ein dreifaches Ziel. Der politische Verbündete sollte erstens als wichtiger politischer Akteur im Libanon fungieren, zweitens als bewaffnete Kraft, um militärische oder nichtkonventionelle Aktionen durchzuführen, und drittens als Speerspitze gegen Israel. Die Strategie war erfolgreich: Im Mai 2000 zog Israel aus dem Südlibanon ab. Seit 2005 ist die Hisbollah an libanesischen Regierungen beteiligt. Und sie spielt eine zentrale Rolle im Syrienkrieg, wo sie an der Seite iranischer Spezialkräfte und schiitischer Milizen das Assad-Regime unterstützt.

Allerdings blieb die Hisbollah der einzige wirkliche Erfolg Teherans. Anderswo erwies es sich als sehr viel schwieriger, Gemeinschaften des „schiitischen Archipels“ durch gezielte Unterstützung an sich zu binden.

Die Schiiten in Kuwait, Saudi-Ara­bien oder Bahrain gehören in ihren Ländern zu den oppositionellen Kräften. Das beste Beispiel sind die Anhänger des kuwaitischen Ajatollah Mohammed al-Schirazi. Sie wurden zwar vom revolutionären Iran unterstützt, gingen aber bald auf Distanz zur Islamischen Republik, deren Einmischung den Aufbau einer vereinten nationalen Opposition schwächte.5

In Afghanistan unterstützt Iran seit jeher die schiitische Ethnie der Hasara durch religiöse und militärische Ausbilder, aber auch durch humanitärer Hilfe. Allerdings ist diese sehr kleine Bevölkerungsgruppe nur ein schwacher Verbündeter. Deshalb setzt Teheran noch stärker auf einen anderen Gegenspieler der Taliban: die persischsprachigen sunnitischen Tadschiken.

In Syrien kämpfen nicht nur iranische, sondern auch viele afghanische und pakistanische Schiiten. Von den etwa 10 000 ausländischen schiitischen Kämpfern sind etwa 2000 bis 3000 Iraner, die überwiegend den Al-Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit der Revolu­tions­garden, angehören. Im Jemen hatte die schiitische Minderheit der Zai­di­ten traditionell keine Beziehung zur iranischen Zwölfer-Schia.6 Doch der Aufstand der zaiditischen Huthis war für Teheran eine Chance, die saudische Politik zu kontern.

Weit komplexer sind die Beziehungen zum Irak. Die großen Religions­schulen und heiligen Stätten der Schi­iten liegen nicht in Ghom oder Maschhad, sondern in den irakischen Städten Nadschaf und Kerbala. Die Rivalität zwischen persischen und arabischen Schiiten wird durch das belastete Verhältnis zwischen Iran und dem Irak verschärft. Eine besondere Rolle spielt dabei der im Irak sehr einflussreichen Ajatollah Ali as-Sistani, der die iranische Doktrin des obersten Führers (Welayat-e Faghih) und damit die dominierende Rolle des Klerus ablehnt.

Nach dem Sturz Saddam Husseins konnte Iran eine fragile, aber gute nachbarschaftliche Beziehung zu Bagdad aufbauen. Seit 2003 unterstützt Teheran die neue, schiitisch dominierte Regierung, baut die Handelsbeziehungen aus und unterhält im Irak mächtige Netzwerke und Milizen. Die oft zudringliche iranische Präsenz kollidiert dabei mit dem immer noch starken irakischen Nationalismus, der vor allem das Produkt eines seit 1963 vom Baath-Regime forcierten Zentralismus ist. Dieser Gegensatz wurde durch den achtjährigen Krieg (1980–1988) zwischen dem einstigen Osmanischen und dem einstigen safawidischen Reich noch weiter verstärkt.

Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi ist für die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen mit Teheran und auch für die Unterstützung im Kampf gegen den IS durch die Al-Quds-Brigaden und durch die von Iran unterstützten oder kontrollierten schi­itischen Milizen. Doch anders als sein Vorgänger Nuri al-Maliki strebt er nach mehr Unabhängigkeit von Teheran.

Die Befreiung Mossuls im Juli 2017 war vor allem ein Sieg der Goldenen Legion der irakischen Armee und ließ den iranisch kontrollierten Kräften wenig Entfaltungsspielraum. Die Gebote der Realpolitik und der Vorrang der nationalen Verteidigung zwingen die Iraner zur Vorsicht. Sie müssen sich darauf beschränken, ihren Einfluss in der Pufferzone entlang der Grenze von Basra bis nach Kurdistan und in den heiligen Städten der Schiiten abzusichern, und dabei zugleich den irakischen Staat zusammenzuhalten und zu stabilisieren.

In Syrien gibt es kaum echte Schi­iten, obzwar die Alawiten zu Zeiten von Präsident Hafiz al-Assad (1971–2000) offiziell als Schiiten bezeichnet wurden, um die Allianz zwischen Damaskus und Teheran zu festigen. Syrien war der erste arabische Staat, der die Islamische Republik gleich nach ihrer Gründung im Februar 1979 anerkannt hat. In der Folge bewährte sich das syrisch-iranische Bündnis in allen regionalen Kriegen, vor allem im Kampf gegen die Dschihadisten. Wenn die sich in Damaskus und Bagdad durchgesetzt hätten, wäre an der Westgrenze Irans ein direkt oder indirekt von Saudi-Arabien und den Erdölmonarchien kon­trol­liertes Gebiet entstanden.

Die verschärfte Rivalität mit Saudi-Arabien macht die Beziehungen Teherans zum „schiitischen Archipel“ immer wichtiger. Dabei hat Iran ohne eigenes Zutun sowohl von der Interventionspolitik der USA (Sturz der afghanischen Taliban 2001 und Saddam Husseins 2003) als auch von den Niederlagen der Dschihadisten profitiert. Für Teheran verkörpert Riad die Arroganz der monarchistischen Regime, die dank der Isolierung Irans und mit uneingeschränkter Hilfe des Westens eine ökonomische, politische und Medienmacht etablieren konnten, die der gesamten Region ihren Stempel aufdrückt.

In Iran herrscht ein fast einhelliger Konsens darüber, dass es bei dem Konflikt mit Saudi-Arabien und dem Kampf gegen die „Takfiri“7 von IS und al-Qaida nicht um die Unterstützung für Assad geht – den man für unfähig hält –, sondern um die Abwehr einer drohenden Umzingelung durch die Saudis. Der Sieg über den IS wird als legitime Antwort auf einen Angriff von außen gesehen, der mit der irakischen Aggression 1980 vergleichbar ist.

In Iran wächst also eine neue Generation von Revolutionswächtern und Milizionären heran, die auf einen proaktiven Krieg setzt, der sich nicht mehr bloß auf „Widerstand“ beschränkt. Der „schiitische Archipel“ als neues Ins­tru­ment der iranischen Außenpolitik stellt dabei nicht nur die Nachbarländer vor Probleme, sondern auch zwei Machtzentren im Lande selbst: die Anhänger der strengen nationalistischen Tradition wie auch die Befürworter einer Öffnung, die eine Verstärkung des islamistischen Einflusses fürchten. Besorgt sind aber auch die Veteranen des Irak-Iran-Kriegs und die Revolutionäre von 1979, weil sie ein Erstarken ihrer Rivalen fürchten.

Allerdings hat sich Iran in den letzten Jahren stark verändert und ist heute eines der am stärksten säkularisierten Länder der Region, was vor allem auf die gesellschaftliche Einbeziehung der Frauen, den Aufstieg der Jüngeren und die Fortschritte im Bildungswesen zurückgeht. Der institutionelle Islam ist zwar immer noch sehr präsent und repressiv, muss jedoch auf die Bedürfnisse einer Gesellschaft reagieren, in der Fortschritt nicht mehr das Privileg einer westlich orientierten Minderheit ist.8 Nach 40 Jahren politischem Islam versucht das Land diese revolutionäre Utopie zu überwinden, ohne in eine Krise zu schlittern. Und dies, während in einigen Nachbarländern, insbesondere seit dem Arabischen Frühling, andere Spielarten des politischen Islam an Boden gewinnen.

Dabei ist das Besondere an Iran die Existenz einer starken und differenzierten Mittelschicht, die oft ungewollt die Islamische Republik gestärkt hat. Für große Teile der Bevölkerung, die zu Zeiten des Schahs marginalisiert waren, hat sich die Situation nach 1979 verbessert. Der Irakkrieg hat den sozia­len Aufstieg in der Provinz gefördert, weil Millionen Menschen als Soldaten, Revolutionswächter und vor allem als Basidschis mobilisiert wurden.

Nach dem Krieg genossen diese Veteranen finanzielle, soziale oder politische Vergünstigungen und konnten so in die neue Mittelschicht oder gar in die Elite des Landes aufsteigen, vor allem dank besserer Schulbildung und leichterem Zugang zu den Hochschulen. Diese einfache Mittelschicht bleibt dem islamischen Regime verbunden, dem sie ihren Aufstieg verdankt, aber sie beginnt auch, die Welt jenseits der Grenzen zu entdecken und zu schätzen.

Genau diese Bevölkerungsgruppe hat sich in den Kleinstädten im Januar zu Wort gemeldet. Die Aufmerksamkeit der westlichen Medien galt lange Zeit ausschließlich der Minderheit eines westlich orientierten Bürgertums in den Großstädten, das 2009 gegen den Wahlbetrug protestiert hatte. Jetzt aber mobilisierte der Aufstand die einfachen Leute im ganzen Land.

Die Veteranen der Revolution und des Irakkriegs sind heute über 60 Jahre alt. Sie sind zwar nicht grundsätzlich gegen eine Öffnung, leisten aber – wie es der oberste Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei nach der Unterzeichnung des Atomabkommens von ihnen verlangt hat – nach wie vor „Widerstand“ gegen eine Öffnung, die sie nicht kontrollieren können und die womöglich zum Verlust ihrer Machtpositionen führen würde.

Ihre Kinder jedoch fühlen sich in der Kultur der Islamischen Republik eingesperrt und leiden unter der sozialen Kontrolle, die in den kleineren Städten weit stärker ist als in den Me­tro­polen. Die geburtenstarken Jahrgänge, die heute 25- bis 40-Jährigen, sind sehr gut ausgebildet. Sie kennen die Welt besser als ihre Eltern und trauen sich, mehr soziale und ökonomische Gerechtigkeit zu fordern. Sie beginnen die Macht, die Methoden und die Korruption der Regierenden zu kritisieren, auch wenn sie eng mit ihnen verbunden sind. Sie wollen nicht das Regime stürzen – was mangels einer realistischen Alternative derzeit ohnehin undenkbar ist –, sondern verlangen zuallererst bessere Lebensbedingungen.

Eine beschleunigte Wirtschaftsentwicklung, die dringend nötig ist, wird vor allem durch zwei Faktoren behindert: Erstens durch das Ausbleiben einer tiefgreifenden Reform im Finanz- und Bankensektor und die ungebrochene Macht der korrupten Wirtschaftselite, die jeder internatio­nalen Öffnung im Weg steht. Lange Zeit schien dieses Problem für Rohani unlösbar zu sein. Er musste sich damit begnügen, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Fraktionen zu finden und die konservativen Strömungen zufriedenzustellen, um das Atomabkommen zu retten, wobei er zugleich auf eine wirtschaftliche Erholung nach Aufhebung der Sanktionen hoffte.

Die Proteste der neuen Mittel- und Unterschichten haben das Kräfteverhältnis jedoch verschoben – und heftige Kontroversen ausgelöst zwischen denen, die sich immer noch jeder Veränderung widersetzen, und denen, die Zugeständnisse machen wollen, um die Macht zu behalten.

Die Macht des Klerus und das republikanische Erbe

Das zweite Hindernis für die wirtschaftliche Öffnung sind die USA. Präsident Trump hat das Atomabkommen zwar nicht offiziell gekündigt und Mitte Januar auf die Wiedereinführung von Sanktionen verzichtet, zugleich aber auch angekündigt, dass dieser Aufschub der letzte ist. Der US-Kongress hat unter Berufung auf die Menschenrechtssituation und den „Terrorismus“ (sprich: die Unterstützung der Hisbollah) seine Sanktionen, die nicht von der UNO oder der EU mitgetragen werden, bestätigt und verschärft. Dabei bricht Washington internationales Recht, indem es europäischen Unternehmen, die in den USA aktiv sind, verbietet in Iran zu investieren oder Handel zu treiben. Auf diese illegale Weise verhindern die USA eine echte Belebung der Handelsbeziehungen mit dem Westen und schüren die Unzufriedenheit der iranischen Bevölkerung.

In Teheran weiß man, dass die US-Sanktionen vor allem durch die iranische Unterstützung für die Hisbollah und die feindselige Haltung gegenüber Israel motiviert sind. Deshalb fordern immer mehr Stimmen im Land – vor allem in der Generation, die Revolu­tion und Krieg nicht erlebt hat –, diese vor allem auf den schiitischen Archipel zielende Politik eher zurückzufahren. Es gibt allerdings keine organisierte Kraft und keine politische Persönlichkeit, die eine solche Veränderung tragen könnte.

Die Politik hat also, wie der französische Politikwissenschaftler Oli­vier Roy seit Langem prognostiziert hat9 , den Islam allmählich an den Rand gedrängt. Die Iraner bleiben ihrem Glauben treu, sind aber Republikaner geworden. Ein neuer Konsens für die Öffnung des Landes vereinigt heute verschiedene Strömungen der Mittelschicht, wozu auch und gerade die gehören, die das Erbe der Revolution, des Widerstands im Krieg und des Islam hochhalten.

Es wäre ein Fehler, den heutigen Iran allein unter dem Aspekt der schi­itischen Religion und jenes Aktivismus zu betrachten, der sich in der Unterstützung der Hisbollah äußert. Damit würde man die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der letzten 40 Jahre ignorieren. Die Islamische Republik entwickelt sich tatsächlich zu einem der wichtigsten Akteure im Nahen Osten und erschüttert die re­gio­na­le Ordnung. Aber womöglich liegt die aktuelle Stärke des Landes viel eher in der Anziehungskraft als Republik, in der gesellschaftlichen Stellung der Frau, in den wirtschaftlichen Entwicklungskapazitäten oder im Wirken von Künstlern und Filmemachern. Der iranische Staat bleibt despotisch, und die inneren Auseinandersetzungen sind noch keineswegs entschieden. Aber die Herausforderungen beim Kampf gegen den Dschihadismus üben offenbar einen Zwang aus, die Realität über die Mythen zu stellen.

Der Export der islamischen Revolution, der auch das Streben nach Unabhängigkeit, Freiheit und einer Republik stärkte, wurde Anfang der 1980er Jahre aufgeben. Aber die gegenwärtige Dynamik der internationalen Öffnung macht ihre Parolen erneut attraktiv. Das gilt vor allem für die „Republiken“ zwischen Kabul und Beirut, in denen Iran immer schon Einfluss ausübte, ganz im Gegensatz zu den Monarchien in der Region, von Jordanien über den Golf bis nach Marokko. Iran und vor allem die Iraner haben mit ihrem Widerstand ihre islamische und nationale Identität behauptet. Heute versucht das Land, mithilfe seines regionalen Netzwerks sich als eigenständige ökonomische, industrielle und kulturelle Macht zu behaupten.

Die Rivalität mit Saudi-Arabien rührt eher von den unterschiedlichen Ansichten über die Organisation des politischen und gesellschaftlichen Lebens als vom Gegensatz zwischen Persern und Arabern oder zwischen Schiiten und Sunniten. Um eine militärische Eskalation zwischen beiden Ländern zu vermeiden, plädieren immer mehr Stimmen, etwa in Paris, für einen Nichtangriffspakt nach dem Vorbild der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit zwischen dem Westen und dem Ostblock in Helsinki 1975.

Bei allen Gegensätzen sind die beiden aufstrebenden Regionalmächte als einzige imstande, der Region ein Minimum an Sicherheit zu geben. Und dies nicht nur, um die Öl- und Gasexporte aus dem Persischen Golf zu sichern, sondern auch um der Zukunft ihrer Gesellschaften willen.

1 Siehe Xavier de Planhol, „Les Nations du Prophète. Manuel géographique de politique musulmane“, Paris (Fayard) 1993.

2 Bernard Hourcade, „Nationalism and the Islamic Republic“, in: Meir Litvak (Hg.), „Constructing Nationalism in Iran: from the Qajars to the Islamic Republic“, Abingdon (Routledge) 2017.

3 Siehe Shervin Ahmadi und Philippe Descamps, „Demokratische Übungen im Iran“ (und zwei weitere Texte), Le Monde diplomatique, Mai 2016.

4 Houchang Chehabi und Hassan Mneimneh (Hg.), „Distant Relations: Iran and Lebanon in the Last 500 Years“, London (I. B. Tauris) 2006.

5 Laurence Louër, „Sunnites et chiites. Histoire politique d’une discorde“, Paris (Seuil) 2017.

6 Die nach Zaid ibn Ali (gestorben 740) benannten Zaiditen haben ihre eigene Rechtsschule und werden manchmal auch als „Fünfer-Schiiten“ bezeichnet.

7 Als takfir wird im Islam die Praxis bezeichnet, einen Muslim als Ungläubigen (kafir) zu bezeichnen.

8 Amélie Myriam Chelly, „Iran, autopsie du chiisme politique“, Paris (Le Cerf) 2017.

9 Siehe Olivier Roy, „L’Échec de l’islam politique“, Paris (Seuil) 1992.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Bernard Hourcade ist emeritierter Forschungsdirektor am Centre national de la recherche scientifique (­CNRS), Monde iranien, Paris.

Le Monde diplomatique vom 08.02.2018, Bernard Hourcade