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Panarabische Brigaden für Assad

Kasten: Brigaden mit Namen

Panarabische Brigaden für Assad

Ein paar hundert Freiwillige aus Ländern der Region kämpfen an der Seite der syrischen Armee

von Nicolas Dot-Pouillard

Seit Mai 2013 hat die Nationalistische Arabische Garde (NAG) mehrere hundert Freiwillige aus dem Maghreb und dem Nahen Osten rekrutiert, um an der Seite der syrischen Armee zu kämpfen. Ihre genaue Zahl wird geheim gehalten, allerdings gab der NAG-Kommandeur in Aleppo, Bassel al-Kharit, im Fe­bru­ar 2017 zu, dass die Garde in den vergangenen vier Jahren den Tod von 150 „Märtyrern“ zu beklagen hatte.

Einen Monat später verkündete die NAG zudem den Tod eines ihrer Kommandanten, Iyad Jabbouri. Der Iraker war in Palmyra bei Kämpfen gegen den IS umgekommen. Die NAG ist in Homs und Quneitra auf der syrischen Seite der Golanhöhen aktiv, doch am stärksten trat sie in Ostghuta östlich von Damaskus in Erscheinung. Dort unterstützt sie die 4. Brigade der syrischen Armee gegen unterschiedliche Gruppen der Opposition.

Man kann die NAG-Kämpfer mit den zehntausenden Ausländern vergleichen, die nach Syrien und in den Irak gekommen sind, um in den Reihen des IS und anderen dschihadistischen Gruppen zu kämpfen. Sie alle haben zumindest drei Dinge gemeinsam: Sie sind jung, haben eine starke ideologische Prägung und das Ziel, die aus der Mandatszeit in den 1920er Jahren stammenden nationalen Grenzen in der Region zu sprengen. Anders als der IS propagiert die NAG allerdings nicht das Projekt eines islamischen Staats, sondern „Widerstand, arabische Einheit und Sozialismus“ – so die offizielle Devise dieser panarabischen Einheiten.

Die Kämpfer der NAG haben sich vor allem innerhalb von Gruppierungen politisiert, die sich auf das Erbe des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser (1918–1979) berufen. Es existiert eine enge Verbindung zwischen der NAG und der Organisation der Jungen Arabischen Nationalisten (Ojna). Letztere entstand Anfang der 1990er Jahre; sie hat keinen offiziellen Sitz, unterhält aber Niederlassungen in der gesamten arabischen Welt. Die Ojna organisiert jährlich Jugendtreffen mit zehntausenden Teilnehmern – zuletzt im August 2017 in Marokko.

Die jungen arabischen Nationalisten schöpfen aus dem intellektuellen Erbe der 1950er und 1960er Jahre und den damaligen Erfahrungen mit Verstaatlichungen und Entwicklungspolitik. Der starke Staat als Grundlage für wirtschaftliche und industrielle Entwicklung steht im Zentrum dieses Denkens. Der ägyptische Theoretiker Ismat Saif al-Dawla (1923–1996), der in seinen Schriften nasseristische, sozialistische und islamische Sichtweisen vertrat, ist für sie ein zentraler Bezugspunkt.1

Auch die Theorien von Constantin Zureik (1909–2000) werden bei den Treffen der Ojna verbreitet. Zureik war Professor an der American University in Beirut2 und in den 1950er Jahren einer der Mitbegründer der Bewegung Arabischer Nationalisten (MNA), aus der ab 1967 die wichtigsten linksextremen libanesischen und palästinensischen Gruppen hervorgingen: die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die Arabische Sozialistische Aktionspartei und die Organisation für Kommunistische Aktion im Libanon.

Die Netzwerke der NAG und der ­Ojna sind eng mit legalen politischen Organisationen in ihren jeweiligen Heimatländern verbunden. Im Libanon werden sie durch die Bewegung der unabhängigen Nasseristen (al-Murabitun) unterstützt. Diese einst mit Arafats Fatah verbündete Gruppierung hat zwar keine Abgeordneten im Parlament, ist aber in verschiedenen Bereichen aktiv, etwa bei Protesten gegen die Konfessionsbezogenheit des politischen Systems und bei sozialen Konflikten.

Ihr Generalsekretär, General Mustafa Hamdan, war zwischen 1998 und 2005 Chef der Präsidentengarde des damaligen Staatspräsidenten Émile Lahoud. Er wurde verdächtigt, an der Ermordung des ehemaligen Premierministers Rafik Hariri im Februar 2005 beteiligt gewesen zu sein, und kam in Haft. Nachdem das UN-Sondertribunal für den Libanon ihn 2009 entlastet hatte, wurde er entlassen. Heute reist Hamdan regelmäßig nach Damaskus und ist einer der wichtigsten Redner bei öffentlichen NAG-Treffen.

Das ideologische Erbe Nassers

In Jordanien steht die NAG mit der Arabischen Nationalistischen Liste in Verbindung, einer Bewegung, die von dem ehemaligen Fatah-Mitglied Ibrahim Allouch gegründet wurde. In Tune­sien wiederum gehören die jungen arabischen Nationalisten meist kleineren nasseristischen Gruppierungen an, die Teil der größeren linksradikalen Volksfront-Koalition (Front populaire) sind, die 15 Abgeordnete im tunesischen Parlament stellt.

Die NAG wurde zwar erst 2013 gegründet, aber ihre Ideologie gehört in ein Bezugssystem, das viele für längst überholt hielten. Ihre Nostalgie für den nasseristischen Sozialismus kaschiert zudem die starken Unstimmigkeiten, die lange Zeit zwischen der syrischen Baath-Partei und Nasser bestanden – vor allem während der kurzen Zeit der von Ägypten und Syrien gebildeten Vereinigten Arabischen Republik (1958–1961).

Der Nationalismus der NAG ist durchaus anpassungsfähig. So besuchte ihr militärischer Führer Dhulfikar al-Amili im April 2017 Qardaha, ein alawitisches Dorf in Syrien, und die Geburtsstätte von Hafis al-Assad im Gedenken an den Begründer des baathistischen Syrien und Vater von Baschar al-Assad. Die Plakate, Texte und Bekanntmachungen der NAG rühmen auch Gruppierungen, die mit ihrer ursprünglichen Ideologie wenig zu tun haben – auch der arabische Unionismus muss sich dem Zeitgeist anpassen.

So dient beispielsweise die Hisbollah als Vorbild. Sie wird jedoch nicht als schiitische oder libanesische Bewegung betrachtet, sondern als Vorkämpferin des regionalen Widerstands gegen Israel und die USA. Die Syrische So­zia­le Nationalistische Partei (SSNP) – eine Gruppierung, die für ein „Groß­syrien“ von Jerusalem bis Bagdad eintritt3 – stellt heute mehrere tausend Freiwillige aus Syrien und Libanon, die an der Seite des Assad-Regimes kämpfen. Für die NAG ist die SSNP wie die Hisbollah ein natürlicher Verbündeter, mit dem sie zum Teil an denselben militärischen Fronten gekämpft hat.

Einzig der frühere irakische Diktator Saddam Hussein taucht niemals in den Medien der NAG auf. Das ist nicht verwunderlich, denn die NAG unterstützt die syrische Baath-Partei, die lange Zeit eine Art kalten Krieg mit ihrem irakischen Pendant ausfocht; Kader der irakischen Baath schlossen sich später dem IS an, um gegen Iran und die Schiiten im Allgemeinen zu kämpfen.4

Das militärische Engagement der NAG wird von politischen Kampagnen gegen den „Zionismus“ und den „saudischen Wahhabismus“ begleitet. Jedes Jahr begeht die Organisation den „Tag des Bodens“5 an der Seite palästinensischer Parteien, die dem syrischen Regime nahestehen. Immer wieder erinnert sie in kurzen Mitteilungen an das Schicksal von Georges Ibrahim Abdallah, ehemals Mitglied der Revolutionären Libanesischen Armeefrak­tion (Farl) und seit 1984 in Frankreich inhaftiert. Und Mitglieder der NAG besuchten Schulen in Aleppo, nachdem die Stadt im Dezember 2016 von den Truppen des Assad-Regimes erobert wurde.

Obwohl der arabische Nationalismus oft als strikt laizistische Bewegung gesehen wird, betont die NAG systematisch ihre religiöse Di­men­sion: In ihren Videos in sozialen Medien werden NAG-Mitglieder beim Rezitieren der Fatiha – der ersten Sure des Koran – gezeigt. Und die Organisation initiiert Stadtteilaktivitäten zu muslimischen Festen, wie dem Geburtstag des Propheten Mohammed und dem Fastenbrechen im Ramadan.

Im Angesicht des IS dürfen die neuen Anhänger des arabischen Nationalismus nicht nur politisches Bewusstsein auf der Basis der alten Theorien des Nasserismus und Baathismus zeigen, sie müssen auch Frömmigkeit darstellen. Dabei geht es vielleicht auch darum, den islamistischen Gruppierungen auf deren eigenem Territorium Konkurrenz zu machen.

Nach den militärischen Erfolgen auf Seiten des syrischen Regimes im Sommer 2017 stellt sich mittlerweile die Frage der Demobilisierung und der Rückkehr der Kämpfer in ihre Heimatländer – ähnlich wie bei den dschihadistischen Gruppen. Am 13. Februar 2017 forderte Noureddine Bhiri, ehemaliger tunesischer Justizminister und Abgeordneter der Ennahda, eine juristische Untersuchung über tunesische Staatsbürger, die in Syrien an der Seite des Regimes kämpfen. Er wird unterstützt von Imed Daimi, Mitglied im Parlamentsausschuss für Sicherheit und Verteidigung und Vertrauter des ehemaligen Staatspräsidenten Moncef Marzouki.

Die Ennahda und ihr ehemaliger Koalitionspartner Congrès pour la République (CPR) werden schon seit 2011 von dem linken Front populaire verdächtigt, die in Syrien kämpfenden tunesischen Dschihadisten nach ihrer Rückkehr nicht nur amnestieren zu wollen, sondern sogar deren Ausreise gefördert zu haben. Ennahda und CPR haben nun den Spieß umgedreht und fordern, dass die Akten der tunesischen Kämpfer in Syrien nicht nur die Islamisten, sondern auch die NAG betreffen müssen, deren Nähe zu Teilen des Front populaire als erwiesen gilt.

Dass die ehemalige Opposition gegen Ben Ali sich in der Frage des Syrien­kriegs entzweit, ist nicht neu. Während Ennahda und CPR den Aufstand gegen Assad seit 2011 unterstützt haben, haben andere für das syrische Regime Partei ergriffen. Das gilt für den Front populaire, aber auch für Teile des Gewerkschaftsdachverbandes UGTT. Die UGTT-Spitze reiste im vergangenen Juli nach Damaskus, um Assad ihrer Unterstützung zu versichern. Diese Debatte wird sich fraglos bald auch in Ägypten, im Libanon und in Jordanien auf­drängen.

1 Ismat Saif al-Daula, „An al-’uruba wa-l-islam“ (Über den Arabismus und den Islam), Forschungszentrum für die arabische Einheit, Beirut 1986 (arabisch).

2 Siehe Marie Kostrz, „Indéfectible creuset des élites libanaises“, Le Monde diplomatique, französische Ausgabe, Juli 2017.

3 Siehe Nicolas Dot-Pouillard, „Sur les frontières: le Parti syrien national social entre idéologie unitaire et États-nations“, in: Anna Bozo und Pierre-Jean Luizard (Hg.), „Vers un nouveau Moyen-Orient? États arabes en crise entre logiques de division et sociétés civiles“, Rom (Roma Tre-Press) 2016.

4 Siehe Loulouwa Al-Rachid, „Un soufisme caméléon? La Naqshbandiyya de Saddam Hussein à l’État islamique“, in: Sabrina Mervin und Nabil Mouline (Hg.), „Islams politiques. Courants, doctrines et idéologies“, Paris (CNRS Éditions) 2017.

5 Ein Gedenktag, der seit 1976 jedes Jahr am 30. März von den Palästinensern in den besetzten Gebieten, in der Diaspora und in Israel begangen wird.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Nicolas Dot-Pouillard ist Forscher am Institut français du Proche-Orient (Ifpo) in Beirut.

Vielsagende Namen

Die Nationalistische Arabische Garde (NAG) legt Wert darauf, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Die Namen ihrer vier ­Brigaden haben deshalb Symbolcharakter.

Die Brigade „Jules Jammal“ ist nach einem syrischen Offizier benannt, der während der Suezkrise von 1956 ein französisches Schiff versenkte. Damals stand Ägypten einer Koalition aus Israel, Großbritannien und Frankreich gegenüber. Als am 20. November 2013 der ägyptische NAG-Kämpfer Abu Bakr al-Masri in Syrien getötet wurde, zog man sofort eine historische Parallele: 1956 starb ein Syrer für Ägypten, 2013 starb ein Ägypter für Syrien.

Die zweite Brigade heißt „Haydar al-­Ami- li“. Amili, der 2007 verstarb, stammte aus dem südlibanesischen Dorf Kfarmelki und war ein Theoretiker und Anhänger des arabischen Nationalismus. Sein Sohn, Dhulfikar al-Amili, ist der wichtigste militärische Führer der NAG.

Der Name der dritten NAG-Brigade bezieht sich auf die Geschichte der arabischen Linken beziehungsweise auf einen ihrer Protagonisten: Waddi Haddad, ein ehemaliger Anführer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Haddad war für „externe Operationen“ zuständig und leitete mehrere Flugzeugentführungen. Er starb 1978 in der DDR.

Der Name der vierten Brigade schlägt den Bogen von den Bestrebungen der arabischen Nationalisten der Vergangenheit zur heutigen arabischen Welt. Sie trägt den Namen von Mohammed Brahimi (1955–2013) und nimmt damit Bezug auf die Revolutionen von 2011. Brahimi war ein Oppositioneller unter Ben Ali, Parlamentsabgeordneter und Chef des tunesischen Courant Populaire, einer kleinen nasseristischen Gruppierung, die zur linken Koalition des tunesischen Front populaire gehört. Er wurde im Juli 2013 von Unbekannten er­mordet. In Tunesien vermutet man Dschihadisten hinter dem Anschlag.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2018, Nicolas Dot-Pouillard