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Die Wahhabiten. Monarchie und Religion in Saudi-Arabien

Die Wahhabiten

Monarchie und Religion in Saudi-Arabien

von Nabil Mouline

Saudi-Arabien ist in Bewegung geraten. Seit seiner Ernennung zum Kronprinzen im Juni 2017 offenbart Mohammed bin Salman, oft einfach MBS genannt, der neue starke Mann in Riad, mit sensa­tio­nellen Erklärungen und Aktionen seinen Ehrgeiz, die saudische Gesellschaft umzugestalten und die Macht ganz an sich zu reißen. Um seine absolutistischen Träume zu verwirklichen, muss er nicht nur Politik, Ökonomie und Diplomatie kontrollieren, sondern auch die wichtigste (symbolische) Ressource des Königreichs: die Religion.

Der Aufruf zu einem moderaten Islam, die Erlaubnis für Frauen, Auto zu fahren, die Veranstaltung von Konzerten und die bevorstehende Wiedereröffnung von Kinos werden weithin als Symptome eines geradezu revolu­tio­nären Projekts angesehen: der „Ent­wahhabisierung“ der saudischen Gesellschaft und des Regimes. Es gibt jedoch eine Reihe historischer und soziologischer Faktoren, die einer Verwirklichung von bin Salmans Projekt im Wege stehen könnten.

Alle Versuche, den Wahhabismus zu verflachen oder gar zu marginalisieren, haben ihren Ursprung in der bewegten politisch-religiösen Geschichte der Saud-Dynastie. Die zentralarabische Theokratie entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Um ihre hegemonialen Ansprüche zu rechtfertigen, stützte sie sich auf eine wortgetreue Auslegung des Koran und auf eine strenge und messianische Doktrin: den Wahhabismus, der sich nach dem Hanbalismus, einer der vier sunnitischen Rechtsschulen, richtet.1

Sein Begründer, Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703–1792), behauptete, die einzige Möglichkeit, im Diesseits und im Jenseits zu bestehen, sei die strikte Einhaltung der hanbalitischen Lehre im Denken und im Handeln. Alle, die sich diesem Dogma nicht unterwürfen, vor allem die mystischen Sufi-Bewegungen, seien aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Der Dschihad, im Sinne eines Kriegs zur Verteidigung und Verbreitung des Islam, war für Abd al-Wahhab das wichtigste Mittel, um die Verirrten auf den rechten Weg zurückzuführen. Gleichzeitig legitimierte diese Doktrin die expansionistische Politik der saudischen Dynastie, mit der sie ihre Macht zwischen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts auf einen großen Teil der Arabischen Halbinsel ausdehnte.

Abd al-Wahhab differenzierte seine Positionen allerdings, nachdem seine Gemeinschaft gefestigt war und sich seine Doktrin in anderen Regionen der Arabischen Halbinsel verbreitet hatte – da er auch von anderen Muslimen akzeptiert werden wollte, vor allem die Praxis des Takfir: den Ausschluss seiner Feinde aus der Gemeinschaft und vom Heil. Abd al-Wahhabs Erben bildeten bald ein religiöses Establishment, das die bestehende Ordnung kontrollierte. Um diesen Einfluss zu bewahren, setzten sie den Prozess der Entradikalisierung fort.

Mit der Eroberung von Mekka und Medina in den 1920er Jahren stieg das Haus Saud zur islamischen Macht auf. Damit war auch der Wahhabismus kein Randphänomen mehr, sondern eine der einflussreichsten Doktrinen innerhalb der Umma, der Gemeinschaft der Muslime.

Der erste Versuch der Entradikalisierung zog sich wegen des Kampfs gegen das Osmanische Reich in die Länge. Schon bald machte die schüchterne Öffnung einer radikalen Einigelung Platz. Um den Feind zu bekämpfen, der ebenfalls muslimisch war, und die Einheit und Homogenität des schrumpfenden saudischen Emirats zu wahren, vertraten die wahhabitischen Ule­mas im gesamten 19. Jahrhundert ultrakonservative und exklusive Positionen. Und bei der Gründung Saudi-Arabiens 1932 stützte sich König Abd al-Aziz (1902–1953) weitgehend auf diese Ideen.

Trotz seiner unerschütterlichen Allianz mit dem wahhabitischen Klerus erkannte der saudische Monarch, dass diese Doktrin kaum vereinbar war mit seiner Funktion als Beschützer der heiligen Stätten des Islam und Herrscher über eines der wenigen unabhängigen muslimischen Länder jener Zeit, deren Territorium ethnisch und religiös sehr heterogen war. Um Krisen zu vermeiden, versuchte er den Wahhabismus zugänglicher zu machen und ihn in der gemäßigteren religiös-politischen Richtung des islamischen Reformismus aufgehen zu lassen.

Gegenüber diesem Ansatz einer Veränderung zeigte der saudische Klerus große Anpassungsfähigkeit: Um den Preis kleiner Zugeständnissen bei Bildung und Verwaltung und einer gewissen Aktualisierung der Doktrin in Bezug auf den Dschihad und die Beziehungen zu Nichtmuslimen konnte er seine zentrale Stellung in der Gesellschaft behaupten. Damit offenbarte der Wahhabismus eine „Verantwortungsethik“, wie sie Max Weber definiert hat:2 die Fähigkeit, im Denken und Handeln den Kontext und die Kräfteverhältnisse zu berücksichtigen, um das Wesentliche dessen zu wahren, was man für die Wahrheit hält. Es war dieser Ansatz, der dem Wahhabismus half, alle Krisen zu überwinden, seine Herrschaft lokal zu festigen und seit der Herrschaft König Faisals (1964–1975) seine universellen Bestrebungen zu verstärken.

In den 1950er und 1960er Jahren musste Saudi-Arabien zahlreiche innere und äußere Herausforderungen bewältigen, insbesondere die hegemonialen Ansprüche Ägyptens unter Nasser. Um zu überleben, modernisierte die Monarchie ihre Staatsstruktur. Dazu musste man allerdings gegen die Interessen der Wahrer der reinen Lehre handeln. Die Durchsetzung der allgemeinen Schulbildung auch für Mädchen, der massive Zustrom ausländischer Arbeitskräfte, die Entstehung von Unterhaltungsmedien (Fernsehen, Kino), die Einschränkung von Budget und Privilegien der Religionspolizei und die Schaffung von Inseln der Freiheit führten zu Spannungen zwischen den alten Partnern. Die Ausstrahlung der ersten Fernsehsendungen im Königreich führte zu Tumulten, die brutal niedergeschlagen wurden.

Abermals verhinderte der wahhabitische Klerus den Verlust seiner Macht mit einer Anpassungsstrategie, die aus einer Mischung von Zugeständnissen, Unklarheiten und Druck bestand. Und er nutzte die Rivalität mit Ägypten und den Strom der Petrodollars, um sich auf seine Weise zu modernisieren: Auf organisatorischem Gebiet eignete er sich das Know-how der „Ungläubigen“ an und schuf Institutionen, die der schleichenden Modernisierung begegneten. Binnen weniger Jahre entstanden unzählige Fakultäten, Institute, Schulen, Verwaltungsorgane, juristische Instanzen, Vereine und Medien. Dazu wurden panislamische Institu­tio­nen wie die Islamische Weltliga oder die Islamische Universität Medina gegründet, um dem Säkularismus entgegenzutreten und den Wahhabismus als neue islamische Orthodoxie zu fördern.

Die Religionsführer nutzten das Dilemma der zwischen zwei Richtungen hin und her gerissenen Monarchie und gewannen eine furchteinflößende Macht, die sie je nach Gelegenheit einsetzten. 1979 erschütterten mehrere Ereignisse die saudische Gesellschaft: die islamische Revolution in Iran, die sowjetische Invasion in Afghanistan und die Geiselnahme in Mekka durch militante Islamisten. Haushaltspolitische Schwierigkeiten im Folgejahr verschärften die Situation weiter.

Das Land war aus dem Gleichgewicht und reagierte mit einer traditio­nalistischen Rückbesinnung – unter der Führung der Wahhabiten, die inzwischen von den Muslimbrüdern unterstützt wurden. Ein bleierner Mantel legte sich über das Land, die Kinos wurden geschlossen und strenge Vorschriften für die Geschlechtertrennung an öffentlichen Plätzen durchgesetzt. Aus Wahhabismus und unterschiedlichen Tendenzen der Muslimbrüder entwickelten sich der saudische Islamismus (al-Sahwa, „das Erwachen“) und der Dschihadismus, der unter anderem durch private Spenden reicher Familien finanziert wurde.

Nach den Attentaten vom 11. September 2001 geriet Saudi-Arabien erneut unter Druck. Gesellschaftliche Veränderungen, der Absturz der Erdölpreise, der Druck aus den USA und die dschihadistische Bedrohung nötigten die Staatsführung in Riad zu einer Politik der Entspannung, unter anderem durch die Förderung eines moderaten, offeneren und toleranteren Islam.

Symbolische Reförmchen stören die Ulemas nicht

Ausgewählte Journalisten und Intellektuelle durften den Wahhabismus offen kritisieren, die Kompetenzen der Religionspolizei wurden beschnitten, ein inter- und intrareligiöser Dialog eingeleitet. Viele Studenten wurden ins Ausland geschickt, die gesellschaftliche Stellung der Frauen wurde diskutiert und insbesondere durch einen leichteren Zugang zum Studium zumindest ein wenig verbessert. Neue Medien und Veranstaltungsorte wurden zugelassen, die Inseln der Freiheit gestärkt und ausländische Wissenschaftler geduldet.

Voller Euphorie sprachen manche Beobachter schon vom „Frühling von Riad“ und von „Postwahhabismus“. Aber die Ernüchterung kam schnell. Sobald die Konjunktur wieder anzog und sich die politische Situation klärte, kehrte das Regime nach und nach zum Fundamentalismus zurück und beendete das liberale Intermezzo. Ab 2011 leitete Saudi-Arabien eine Gegenreformation ein, die Budgets der reli­giö­sen Einrichtungen wurden erhöht, die säkulare ebenso wie die islamistische Opposition wurde unterdrückt.

Auch im öffentlichen Raum demonstrierte das Regime Ehrfurcht vor der wahhabitischen Orthodoxie, etwa indem es die Todesstrafe und körperliche Züchtigungen rigoros einsetzte und die Hetze gegen die Schiiten verstärkte. Als Gegenleistung machten die Ulemas ein kleines Zugeständnis: Frauen erhielten die Erlaubnis, bei Kommunalwahlen (den einzigen Wahlen, die es im Königreich gibt) abzustimmen und bestimmte Ämter in Regierungsbehörden zu bekleiden.

Seit 2015 finden in Saudi-Arabien erneut große politische Veränderungen statt. MBS hat mit Unterstützung seines Vaters in nur zwei Jahren zumindest zeitweilig alle Rivalen ausgeschaltet und hält die Macht in den Händen. Um inneren und äußeren Herausforderungen zu begegnen und seine eigene Position zu legitimieren, erklärt er bei jeder Gelegenheit seine Entschlossenheit, das Königreich umzukrempeln Die Religion ist davon nicht ausgenommen: Ab Juni 2018 dürfen Frauen Auto fahren, und nach 35 Jahren soll es wieder Kinos geben.

In einer Rede auf der Wirtschaftskonferenz Future Investment Initiative am 24. Oktober in Riad prangerte der Kronprinz „extremistische Ideen“ an und kündigte an, diese zu „zerstören“. Das Land werde „zu einem gemäßigten, toleranten Islam der Mitte zurückkehren, offen für die Welt und alle anderen Religionen“. Das heißt aber noch nicht, dass diese Worte und Taten einen Bruch mit dem Wahhabismus bedeuten.

Zunächst übernahm Mohammed bin Salman gern die Formel vom „moderaten Islam der Mitte“, derer sich fast alle islamischen Richtungen bedienen – besonders die strengeren, um sich von den Dschihadisten abzugrenzen. Später wurde MSB deutlicher und bezeichnete die Veränderungen von 1979 und auch die Sahwa-Bewegung als Quellen des Extremismus. Der Kronprinz möchte erklärtermaßen die Muslimbrüder und all ihre Ableger, besonders den Dschihadismus, ausrotten. Darüber können sich die Wahhabiten nur freuen, da sie von jeder Mitverantwortung reingewaschen werden.

In der Frauenpolitik kommen Opportunismus und strukturelle Zwänge zusammen. Mit der Erlaubnis, Auto zu fahren, wird die Politik fortgesetzt, die König Abdullah eingeleitet hat (ab 1995 de facto Regent und von 2005 bis 2015 König). Damit sichert sich das System die Unterstützung der Frauen und der liberaleren Männer und verbessert das Image des Regimes im Westen. Das ist die opportunistische Seite. Andererseits sind die saudischen Frauen zunehmend gut ausgebildet. Ihr Ausschluss von der Arbeitswelt ist eine gewaltige ökonomische Verschwendung. Besonders im Dienstleistungssektor könnten sie einen Teil der ausländischen Arbeitskräfte ersetzen.

Und die wahhabitischen Reli­gions­führer? Passen sich an. Um ihre weltlichen und religiösen Interessen zu wahren, akzeptieren die Ulemas eine Art kleines „Aggiornamento“, eine Anpassung der Religion an die Aktualität, und machen Zugeständnisse bei Dingen, die sie für zweitrangig halten. Im Gegenzug stellen sie Bedingungen. Mehrere bedeutende Geistliche haben zum Beispiel schon vor einigen Jahren erklärt, dass das Autofahren der Frauen kein religiöses Problem sei, sondern ein gesellschaftliches. Für den Erwerb des Führerscheins werden saudische Frauen jedenfalls die Zustimmung des Vaters beziehungsweise des (männlichen) Vormunds brauchen.

Niemand weiß, wie sich die Beziehungen zwischen der Monarchie und dem religiösen Establishment in Saudi-Arabien entwickeln werden. Bisher steht die historische Allianz nicht infrage, das betonen Mohammed bin Salman und die Ulemas immer wieder. Um die aktuelle autoritäre Umstrukturierung zu überstehen, stimmen die wahhabitischen Geistlichen eben wieder bestimmten Veränderungen zu – damit grundsätzlich alles beim Alten bleibt.

1 Siehe Nabil Mouline, „Traditionalismus und Herrschaft“, Le Monde diplomatique, April 2015.

2 1918 in: „Politik als Beruf“, und 1919 in: „Wissenschaft als Beruf“, Berlin (Duncker & Humblot) 1996.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Nabil Mouline ist Historiker und Politikwissenschaftler am Centre national de la recherche scientifique (­CNRS). Autor von: „Le califat: histoire politique de l’islam“, Paris (Flammarion) 2016, und zusammen mit Sabrina Mervin von: „Islams politiques: courants, doctrines et idéologies“, Paris (CNRS Éditions) 2017.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2018, Nabil Mouline