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Politische Nostalgie

Politische Nostalgie

von Zygmunt Baumann

Der Gedanke an die Zukunft löst heute Angst aus, da wir das Vertrauen in unsere kollektive Fähigkeit verloren haben, mögliche Exzesse zu verhindern und das Morgen weniger furchteinflößend und abstoßend und dafür „nutzerfreundlicher“ zu machen. Was wir aus Gewohnheit nach wie vor „Fortschritt“ nennen, löst heute ganz andere Emotionen aus, als Kant, der Schöpfer des Begriffs, damit wecken wollte: nicht freudige Hoffnung auf einen Zugewinn an Komfort und das baldige Verschwinden von Unannehmlichkeiten und Beunruhigungen, sondern Furcht vor nahenden Katastrophen.

Das Erste, was vielen von uns bei dem Wort „Fortschritt“ in den Sinn kommt, ist die Aussicht, dass immer mehr Arbeitsplätze von Computern und von computergesteuerten Robotern übernommen werden und dass der Abhang, auf dem wir den Kampf ums Überleben führen, immer steiler wird. Zukunft wird zunehmend mit sozialem Abstieg assoziiert, nicht mehr mit Aufstieg und Vorwärtskommen.

Während „die Fortschrittshoffnungen verblassen, versöhnt uns die Überlieferung mit der Tradition“, schreibt der US-Historiker David Lowen­thal.1 „Warum nimmt die Überlieferung heute so großen Raum ein?“, fragt er und versucht für diesen „derart ansteckenden Trend“ eine über die vielen Einzelbeispiele ­hinaus­rei­chen­de Erklärung. Sie besteht aus einem „ganzen Bündel von Trends, deren Prämissen, Verheißungen und Probleme wahrhaft global sind“.

Diese Trends bewirken die Ablösung und Isolierung des Einzelnen von der Familie, der Familie aus der Nachbarschaft, der Nachbarschaft vom Staat und sogar die der eigenen Person von vergangenen Ichs. Derart von Verlusten und Veränderungen bedrängt, „können wir nur noch Orientierung finden, indem wir uns an die Reste einstiger Stabilität klammern“.

Im Anschluss an diese Überlegungen warnt Lowenthal: „Großer zeitlicher Abstand und Unkenntnis machen die kritische Überprüfung der Überlieferung unmöglich.“ Solche Unkenntnis und Vagheit habe jedoch einen Vorteil: „Als Reich des Glaubens erscheint die Vergangenheit weit verlockender denn als Reich der Tatsachen.“ Die Folge sei, dass sich die Überlieferung auf „kurzsichtige Rivalität“ reduziere: Ihr wesentlicher Inhalt sei, „darauf zu bestehen, dass wir die Ersten oder die Besten waren, uns selbst zu bejubeln und andere auszuschließen.“

Die Überlieferung begründet den Stolz und die Sinnhaftigkeit einer Gemeinschaft, doch indem sie dies tut, unterstreicht sie auch den Unterschied zwischen „ihnen“ (den Bösen) und „uns“ (den Guten). Überlieferte Reli­gion, überlieferte Werte und überlieferte Rhetorik lösen Feindschaft aus, vor allem, wenn unser einzigartiges Erbe bedroht scheint. Verinnerlichte Kurzsichtigkeit schürt Konflikte; Unkenntnis verhindert Gegenseitigkeit. Von unserem Erbe berauscht und blind für die Überlieferungen anderer, scheuen wir nicht nur den Vergleich, sondern bringen uns auch um dessen Vorteile.

Eine Welt voller Falltüren und Hinterhalte

Eine Nachbarschaft voller Fremder ist ein sicht- und greifbares Zeichen dafür, dass sich die Gewissheiten verflüchtigen und die Lebenschancen – ebenso wie die Möglichkeiten ihrer Verwirklichung – nicht mehr der eigenen Kon­trol­le unterliegen. Die Fremden stehen für alles schwer Fassbare, Schwächliche, Instabile und Unvorhersehbare im Leben, das das alltägliche Gewusel mit Mahnungen an unsere eigene Ohnmacht und die schlaflosen Nächte mit albtraumhaften Vorahnungen vergiftet. Es sind vor allem die Fremden (und zuerst alle „auffällig fremdartigen“ Fremdlinge, Ausländer, Immi­gran­ten), gegen die sich die Bewohner der von ihnen „heimgesuchten“ Nachbarschaften organisieren, schreibt Michael Walzer. Und zwar mit dem Ziel, „ihre lokale Politik und Kultur“ zu verteidigen und in einen „kleinen Staat“ zu verwandeln.2

Da die Herausbildung eines von allen Ausländern „gesäuberten“ Staats kaum im Bereich des künftig Möglichen liegt, orientieren sich diese Anstrengungen in aller Regel an einem bestimmten Bild der Vergangenheit (einer realen Vergangenheit, öfter aber noch einer imaginierten, die unzweideutig „uns“ gehörte und in der „sie“ nicht einmal in der Nähe waren). Ist sie der Macht beraubt, die Zukunft zu gestalten, wird Politik in die Sphäre kollektiver Erinnerung verlagert – wo sie der Steuerung und Manipulation weitaus zugänglicher ist und deshalb eine beglückende Omnipotenz verheißt, die in der Gegenwart seit Langem wohl unwiederbringlich abhandengekommen ist.

Offensichtlich – und daher zum erheblichen Schaden unseres Selbstvertrauens, Selbstbewusstseins und Stolzes – sind es nicht wir, die die Gegenwart bestimmen, aus der die Zukunft hervorgehen wird; deshalb haben wir wenig bis gar keine Hoffnung, diese Zukunft in irgendeiner Weise kontrollieren zu können. Stattdessen fühlen wir uns dazu verurteilt, die Bauern in einer Schachpartie zu sein, die jemand spielt, den wir nicht kennen und niemals kennen werden.

Welche Erleichterung ist es da, aus dieser undurchschaubaren, unergründlichen, unfreundlichen, entfremdeten und entfremdenden Welt voller Falltüren und Hinterhalte in die vertraute, gemütliche und heimatliche, manchmal schwankende, aber tröstlich unangefochtene und erträgliche Welt von Gestern zurückzukehren. Eines Gestern, das uns gehört – und mithin mir als einem von „uns“ –, das unser Gestern ist – nämlich unsere, nicht ihre Vergangenheit –, das wir und nur wir allein besitzen, also auch ge- und missbrauchen dürfen und können, wie es uns gefällt.

In der Theorie ist die Zukunft das Reich der Freiheit (in dem schlicht alles denkbar ist), die Vergangenheit hingegen das Reich des Unabänderlichen (das nur aus Tatsachen besteht); die Zukunft ist im Prinzip anpassungsfähig – die Vergangenheit hingegen starr, unbeugsam und ein für alle Mal fixiert.

In der Praxis der Erinnerungspolitik dagegen haben Zukunft und Vergangenheit ihre Eigenschaften getauscht oder werden jedenfalls so wahrgenommen. Die Anpassungsfähigkeit und Steuerbarkeit der Vergangenheit, ihre Empfänglichkeit für beliebige Modifikationen, sind zugleich die unabdingbare Voraussetzung der Erinnerungspolitik: die nahezu axiomatische Bedingung ihrer Legitimität und der Möglichkeit, sie beliebig oft wieder neu zu erschaffen.

Oberstes Ziel der Erinnerungspolitik ist heutzutage die Legitimierung des Anspruchs einer Gruppe (der sogenannten „Nation“) auf territoriale politische Souveränität – was wiederum oberstes Ziel des Nationalismus ist. Und den hat Ernest Gellner so definiert: „Nationalismus ist vor allem ein politisches Prinzip, das besagt, politische und nationale Einheiten sollten deckungsgleich sein.“3

Gellner zufolge ist die Verschmelzung von Staat und Nation eine historische Kontingenz und gerade kein Naturgesetz, obwohl der Nationalismus das Gegenteil behaupte und die Vorstellung zu etablieren suche, dass ein Mensch eine Nationalität braucht, „so wie er eine Nase und zwei Ohren haben muss; das Fehlen eines dieser Attribute ist zwar nicht unvorstellbar und mag von Zeit zu Zeit vorkommen, aber nur als Ergebnis eines Unglücks: Es ist selbst eine Art Unglück.“

Ein Phänomen wie Nationalismus wäre ohnehin undenkbar oder jedenfalls äußerst unwahrscheinlich, gäbe es nicht die Idee des territorial souveränen Staates, die auf der Formel ­cuius regio, eius religio beruht. Ursprünglich beim Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück geprägt, wurde diese Idee Jahrhunderte später von Woodrow Wilson bei den Friedensverhandlungen in Versailles aus praktischen Erwägungen in cuius regio, eius natio umformuliert.

Die Nation als Projektionsfläche

Der moderne Nationalismus war, ist und bleibt ein Machtkampf, und das heißbegehrte Ziel dieses Machtkampfs – die zu Aufständen und nationalen oder internationalen militärischen und diplomatischen Konflikten verlockende Beute – war und ist der Besitz eines politisch unabhängigen souveränen Territorialstaats. Noch einmal Gellner: „Dass Nationen eine natürliche, gottgegebene Art der Klassifizierung von Menschen seien – ein in der Weltgeschichte angelegtes, wenn auch lange aufgeschobenes politisches Geschick –, ist ein Mythos. Der Nationalismus, der manchmal bereits vorhandene Kulturen in Nationen umwandelt, erfindet manchmal Kulturen und vernichtet häufig tatsächlich bestehende: Das ist eine Realität, ob gut oder schlecht, und im Allgemeinen ist diese Realität unausweichlich.“

Paradoxerweise ist die Vergangenheit ein bequemer und in vielen Hinsichten äußerst attraktiver Bauplatz für Komfortzonen. Paradoxerweise deshalb, weil sie ja als Depot unwiderruflicher faits accomplis gilt, durchsetzt mit Leerstellen, die sich im Nachhinein nicht mehr füllen lassen.

Eigentlich müsste sie die Freiheit zum Komponieren von Botschaften erheblich einschränken und damit die Wahlmöglichkeiten mindern. Jedenfalls müssten viele der Rückkehrwilligen, würden sie Leopold von Rankes Forderung ernst nehmen, das Vergangene so darzustellen, „wie es wirklich war“, gerade auf ihre Lieblingsoptionen verzichten. Und schlimmer noch: Die praktische Unabgeschlossenheit der historischen Forschung und – daraus folgend – die endemische Unentscheidbarkeit der Debatten über die Deutung der Geschichte könnte die Nostalgiker veranlassen, die Hoffnung auf eine aus „Informationen über die Vergangenheit“ konstruierte solide „Komfortzone“ ganz aufzugeben.

Doch dazu wird es aller Voraussicht nach nicht kommen. Im Gegenteil: Das unvermeidliche Dunkel aller Vergangenheit, die Vielzahl von Deutungen, die jeder ihrer Perioden zulässt, die Unvollständigkeit und Umstrittenheit jedes umfassenden, kohärenten Narrativs mag eine ärgerliche Irritation für professionelle Historiker sein. Doch all dies macht die Vergangenheit aus Sicht derjenigen, die tiefe Gräben ausheben möchten, um ihren Glauben zu verteidigen, erst richtig attraktiv. Gerade die Unauflösbarkeit von Meinungsunterschieden, die Unmöglichkeit, die Narrative einer ultimativen Überprüfung zu unterziehen, machen es den Gläubigen leicht, an ihrer Überzeugung festzuhalten, so gewichtig die Argumente ihrer Gegner auch sein mögen.

1 David Lowenthal, „The Heritage Crusade and the Spoils of History,“ New York (Viking) 1997.

2 Michael Walzer, „Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit“, Frankfurt (Fischer) 1998.

3 Ernest Gellner, „Nationalismus und Moderne“, Hamburg (Rotbuch) 1995.

Aus dem Englischen von Frank Jakubzik

Zygmunt Bauman (1925 bis 2017) war Soziologe und Philosoph. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch „Retrotopia“, das am 13. November 2017 in der edition suhrkamp erscheint. Wir danken dem Verlag für die Abdruckrechte.

© Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

Le Monde diplomatique vom 09.11.2017, Zygmunt Baumann