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Theater gegen das Trauma

Theater gegen das Trauma

In Bagdad ist in den letzten Jahren eine lebendige Kulturszene wiedererwacht, die dem Terror trotzt

von Marina Da Silva

Es sind vor allem junge Leute, die an diesem Abend in Scharen ins Muntada-al-Masrah-Theater strömen. Die alte Villa am Tigris, die seit 2009 als Spielstätte genutzt wird, gehörte einst Abd al-Rahman al-Gillani, dem ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Irak (1920–1922) nach der Auflösung des Osmanischen Reichs. Heute steht Ali Daims Stück „Ammonium“ auf dem Programm, das sich mit dem Bagdader Bombenattentat vom 3. Juli 2016 aus­ein­andersetzt.

Auf der Bühne kehren mehrere junge Männer stumm und behutsam, ja geradezu andächtig Schutt und Trümmer zusammen. Beißender Rauch hängt in der Luft, als sie verschwinden und uns allein lassen mit der bleiernen Stille eines schwarzen, beklemmend wirkenden Kraters. Musik setzt ein. Ein Lichtstrahl fällt auf einen am Boden liegenden gefolterten Körper im Todeskampf. Wie gebannt starren wir auf sein schmerzverzerrtes Gesicht. Ein Leidensgenosse in abgerissener Kleidung nähert sich. Er will den Sterbenden in einer brüderlichen Geste umarmen. Doch der weicht zurück, krümmt sich zusammen. Jeder Versuch, sich ihm zu nähern und Mitgefühl zu zeigen, scheint zum Scheitern verurteilt. Der Mann gibt aber nicht auf und umfängt den Sterbenden im Moment seines letzten Atemzugs mit seinen großen Vogelarmen.

Es ist ein ergreifendes Ballett, das sich über zwanzig intensive und verstörende Minuten hinzieht. Am Ende erklingen Korangesänge, die uns signalisieren, dass die Zeit für Trauer und Gebet gekommen ist, dass wir unseren Frieden jenseits dieser Welt suchen müssen.

Am Ende der Aufführung feiert das Publikum mit stehenden Ovationen Ali Daims Inszenierung. „Ammonium“ ist den Opfern von Karrada gewidmet, dem beliebten Einkaufsviertel in Bagdad, in dem hauptsächlich Schii­ten, aber auch zahlreiche Christen leben. Am 3. Juli 2016 tötete hier ein Selbstmordattentäter über 300 Menschen mit Sprengstoff aus Ammoniak, den er in seinem Lastwagen versteckt hatte. Ganze Familien sind bei dem Anschlag umgekommen. An jenem Tag waren in Karrada besonders viele Leute auf den Beinen gewesen, weil sich alle auf das Fest zum Ende des Ramadan vorbereiteten. Der Regisseur von „Ammonium“, der bei dem Attentat selbst Angehörige verloren hat, erklärt: „Wir haben diese grauenvollen Szenen mit eigenen Augen gesehen. Sie haben sich für immer in unser Gedächtnis gegraben.“

Am 29. Mai 2017 explodierte wieder eine Autobombe in Karrada und kurz darauf noch eine, diesmal in der Nähe einer Brücke. Auch am nächsten Tag gab es ein Attentat, im 200 Kilometer westlich von Bagdad gelegenen Hit, mit mehr als 40 Toten und vielen Verletzten. Drei Tage zuvor hatte der Fastenmonat begonnen, und wie im Juli 2016 schaffte es der IS, während er seine Hochburg Mossul im Nordirak kaum noch halten konnte, die Bevölkerung der Hauptstadt in Angst und Schrecken zu versetzen.

Dabei schien sich im Vergleich zu dem Annus horribilis 2015 mit seinen 380 Anschlägen die Lage in letzter Zeit gerade etwas zu entspannen. Nun geht wieder die Angst um. Die Stimmung ist zwar sichtlich angespannt, doch die Bewohner Bagdads gehen trotzdem auf die Straße. Der Schauspieler Yahia erklärt: „Hier haben alle schon Verwandte oder Freunde im Krieg oder bei einem Attentat verloren. Der Tod ist unser ständiger Begleiter, aber wir verkriechen uns deshalb nicht. Wir kehren immer an die Orte des Dramas zurück, wir bauen auf, was wiederaufgebaut werden kann. Das ist unsere Art weiterzuleben.“

In Bagdad prägen gewalttätige Milizen und Bandenterror den Alltag; mal gibt es keinen Strom, mal kein Wasser; der Straßenverkehr ist die Hölle; ständig wird man an irgendeinem Checkpoint kontrolliert; ein Gewirr aus gigantischen Betonklötzen hat der Stadt ihr Gesicht geraubt; überall sind Sicherheitskräfte unterwegs.1

„Mord. Ersticken. Lärm.“ Das ist das Thema der Tanzperformance ­„Noise“ von Rasul Abbas. Gasmasken, eine angedeutete Hinrichtung, Kugelhagel. Dazu Tänze von freien und befreiten Körpern, ausgelassen, rebellisch und wütend.

Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler kennen nichts als die Raserei eines Krieges, der den Irak zu einem der gewalttätigsten Länder der Welt gemacht hat. Sie müssen den Preis für das verheerende Embargo der 1990er Jahre bezahlen, dessen Folgen – die Verarmung der Bevölkerung und der Zusammenbruch der alten Strukturen – bis heute spürbar sind. Es ist ihr schockierender Alltag, den die junge Generation mit den Mitteln der Kunst auf der Bühne reproduziert. „Manchmal proben wir gerade, und es gibt ein Attentat. Dann müssen wir unsere Sachen zusammensuchen und nach Hause gehen“, erzählt Rasul Abbas.

Ein irakischer Hamlet von heute

Der Regisseur Fekret Salem verlegt in „Hamlet 1983“ die Handlung in den heutigen Irak. Neben Gewalt und Korruption prangert er das Joch der Tradition an, an dem die Gesellschaft zu ersticken droht. Anhand der Familienintrige – Hamlets Onkel ermordet dessen Vater und heiratet dann dessen Mutter, weshalb Hamlet auf Rache sinnt – kritisiert Salem die im heutigen Irak immer noch übliche Zwangsverheiratung von Witwen mit einem Bruder des Verstorbenen. Ebenso wie die Frauen, die ihren neuen Lebenspartner nicht frei wählen können, sind auch junge Männer, deren Zukunftspläne zusammenbrechen, in den starren Familientraditionen eingesperrt. Das auf ethnisch-religiösen Zugehörigkeiten ruhende politische System, das im Zuge der US-Besatzung nach 2003 installiert wurde, hat die Fesseln der Konvention noch fester gezurrt.

Am Nationaltheater Bagdad hat Regisseur Anas Abdessamad, der auch zu internationalen Festivals eingeladen wird, vor Kurzem das Stück „Taubek“ (Vorwurf) inszeniert. Es ist eine Pantomime aus Bildern, in der sich die gewohnten Bezugspunkte und Darstellungsformen auflösen. Dieses Theater der Unruhe stellt sich der Gewalt und Brutalität in einem zerfallenden Staat, der von mehreren Konflikten unterhöhlt wird: dem „Heiligen Krieg“ der Dschihadisten und der US-Interven­tion, die einen grollenden Nährboden für alle möglichen Rachegelüste geschaffen hat.

Ikbal Naim ist seit April 2017 Generaldirektorin für Kino und Theater am Kultusministerium und die erste Frau auf diesem Posten. Sie hat ein Theaterfestival mit sechs Stücken organisiert, die mit auffällig wenig Frauen besetzt sind. Das war in der Vorkriegszeit noch komplett anders, wie die vielen Archivfotos an den Wänden des Nationaltheaters zeigen. Ikbal Naim ist selbst eine legendäre Schauspielerin, sie wollte nie ins Exil gehen. Zusammen mit Haythem Abderrazak, Regisseur und Leiter des Theaterinstituts an der Akademie der Künste, gründete sie einen „Training Space Workshop“ (Fada’ Atamrin almostamir). In diesem veritablen Thea­ter­labor können sich die Künstler fortbilden und frei experimentieren.

„Zwischen 2003 und 2010 gab es keine nennenswerte Theaterszene mehr in Bagdad“, erzählt Ikbal Naim. „Die Theater mussten schließen, eines nach dem anderen. Sie wurden ausgeplündert und besetzt. Doch die Künstler haben trotzdem weitergemacht, zwischen Explosionen und Bombeneinschlägen, sie haben sich neue Orte und neue Ausdrucksformen gesucht, die sie an die jüngere Generation weitergeben können. In den letzten Jahren, seit 2013 vor allem, gab es wieder sehr starke Aufführungen, und inzwischen haben auch wieder neue Ensembles zueinander gefunden.“

Die jungen Theaterkompanien arbeiten alle am Muntada al-Masrah. Deshalb würde es Ikbal Naim gern zu einem Verein umwidmen, damit die Thea­ter­macher ihre Stücke ohne Auflagen einstudieren und aufführen können. „Das Theater ist ein großartiges Mittel, um kollektive Sehnsüchte darzustellen. Die Europäer meinen, junge Iraker denken nur ans Auswandern, und außer Soldaten und Extremisten würde niemand hierbleiben. Dabei wollen die Iraker ihre Zukunft hier gestalten.“

Frauenfilme und satirische Graffitis

Der 25-jährige Performancekünstler Abk­dallah ist einer, der bleiben will. Er hat sich mit ein paar Freunden zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen und ein Atelier für Kunsthandwerk gegründet. „Mein Leben ist hier. Wir haben keine Lust, auf den Straßen von Athen oder Paris zu landen. Hier können wir inzwischen sogar Straßentheater machen. Die Leute sind baff, weil sie so etwas schon ewig nicht mehr gesehen haben. Aber sie sind neugierig und freuen sich über das, was wir machen.“

Es wird wohl noch etwas dauern, bis auch wieder mehr junge Frauen den Weg auf die Bühne finden. Basma und Redhab sind da Pionierinnen. Basma trägt normalerweise Kopftuch, aber der Regisseur will keine verschleierten Frauen auf der Bühne. Also verbirgt sie ihre Haare unter einer Perücke.

Die etwas ältere Redhab ist im vierten Ausbildungsjahr und bereits eine fantastische Schauspielerin. Während ihr Haar in der Sonne schimmert, erklärt sie uns, dass das im Irak heutzutage auch als eine Geste des Widerstands verstanden wird, nachdem sich die fundamentalistischen Islamisten und Terrormilizen zuerst auf die Frauen gestürzt haben: „Es kam ständig zu Entführungen und Vergewaltigungen.“

In Bagdad trifft man auf viele Leute wie Redhab. Nach jedem Attentat steht die Stadt wieder auf. Ihre Bewohner hoffen auf ein neues Leben, viele gehen auch auf die Straße, um gegen Korruption und Vetternwirtschaft zu protestieren. Das Wichtigste wäre jetzt ein Wiederaufbau des Landes. Aber dafür reicht das Geld nicht, da bleibt für Kulturprojekte erst recht kaum etwas übrig. Das jährliche Kulturbudget beträgt weniger als ein Prozent des Staatshaushalts, von dem 76 Prozent allein in Gehälter fließen.

Auch die Filmregisseure arbeiten weiter, trotz Embargo, Reisebeschränkungen, fehlenden digitalen Equipments und Geldmangel. Mittlerweile gibt es in der Metropole Bagdad mit ihren 7 Millionen Einwohnern nur noch zwei Kinos, das Séminaris und ein neu gegründetes, in dem vor allem Kinderfilme laufen.

Der Produzent Hikmat Albeedahn hat im Begegnungszentrum Art City gerade ein Kurzfilmfestival organisiert. Der Eintritt war frei, und die Zuschauer kamen in Scharen. Albeedahn unterstützt auch die Produktion und den Auslandsvertrieb von Filmen, die kreativ und kraftvoll die Erfahrungen mit dem Chaos verarbeiten, wie Mejd Hameeds Stummfilm „Der Fotograf von Bagdad“. Es ist eine Familiengeschichte, die vom Krieg handelt, aber auch von Widerstand und Liebe. Blicke ins Objektiv, flüchtige Berührungen der Hände: Mit poetischen Mitteln zeigt der Film einen trotzigen Lebenswillen, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Der 1982 geborene Luay Fadhil hat mit „Cotton“ und „Lipstik“ zwei einfühlsame Coming-of-Age-Filme gedreht. Und die Regisseurin Inaam Abdelhamid erzählt in „Shuruk“ (Erwachen) von einer zwischen Liebe und Freundschaft changierenden Frauen­beziehung. Diesen Film konnte sie 2013 dank der Fördermittel drehen, die Bagdad als Kulturhauptstadt der arabischen Welt bekam.

Auch in der bildenden Kunst tut sich etwas. Maler haben Galerien im eigenen Garten oder in kollektiven Ausstellungsräumen wie der Iraqi Plastic Artists Society eröffnet, in der junge Künstler ihre Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Keramikarbeiten ausstellen, die einen realistisch, andere abstrakt, aber stets kraftvoll und bunt. Auch die Graffitikünstler erobern mit ihrer Energie die Mauern von Bagdad und malen ihre farbenfrohe Wut und ihren respektlosen Humor auf den stummen Beton.

2007 forderte ein Attentat auf dem Büchermarkt in der Mutanabbi-Straße 30 Tote. Inzwischen drängen sich dort freitags wieder die Intellektuellen und Bücherliebhaber. An den Ständen gibt es auch viele Werke von ausländischen Autorinnen und Autoren – ein Beleg für die reiche verlegerische und übersetzerische Tätigkeit. In den zahlreichen Cafés in der Umgebung scheint die Zeit stillzustehen. Man nippt genießerisch an seinem Kaffee und rezitiert Poesie: von Ibn ‘Arabi über Mahmud Darwisch und Nazik al-Mala’ika bis hin zu Badr Shakir as-Sayyab und al-Jawahiri.

„Das ist das Paradox von Bagdad“, resümiert Haythem Abdelrazak. Wenn er manchmal im Ausland unterwegs ist, hat er immer Sehnsucht nach seiner Stadt, in der sich „unter den Trümmern die Diamanten verbergen“.

1 Siehe Peter Harling, „Die Märtyrer von Basra“, Le Monde diplomatique, August 2016.

Aus dem Französischen von Cordula Didion

Marina Da Silva ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 07.09.2017, Marina Da Silva