Die Puppenspieler von Jakarta

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Die Puppenspieler von Jakarta

Die Puppenspieler von Jakarta

Indonesiens toleranter Islam gerät unter Druck

von Martine Bulard und Marie Beyer

An diesem feuchtheißen Spätnachmittag ist der Flohmarkt auf der Surabaya­straße am Kanalufer nahezu menschenleer – ein Hort des Friedens mitten im Durcheinander aus Autos und Motorrädern, die die ganze Innenstadt von Jakarta verstopfen. Diky Rachma hat hier einen Stand mit traditionellen Handpuppen, kleinen Preziosen und Antiquitäten, echten wie falschen. Über die ungewohnte Stille kann er sich gar nicht freuen. Er und ein Kunde schimpfen über die großen Kundgebungen vom vergangenen Oktober und November, die die Touristen aus der Hauptstadt vertrieben hätten. Schuld an allem sei die Islamische Verteidigungsfront (FPI) samt ihren Unterstützern. Die Gruppe muslimischer Extremisten wurde 1998 nach dem Ende der Diktatur gegründet, von Armee und Polizei gefördert und streckt ihre Tentakel inzwischen bis in die höchste Politik aus.

Kurz vor den Kommunal- und Provinzwahlen im Frühjahr gelang es der FPI gemeinsam mit befreundeten Organisationen, eine große, sehr gemischte Menge zu mobilisieren: Muslime, die sich um die Zukunft ihrer Religion sorgten, islamische Fundamentalisten und Bürger, die ihren Ärger über den Stadtgouverneur bekunden wollten. Dieses Amt, das dem eines Bürgermeisters entspricht, bekleidete der chinesischstämmige Christ Basuki Tjahaja Purnama, genannt Ahok, der zu Beginn der mehrstufigen Kommunalwahlen im Frühjahr als Favorit galt. Doch dann wurde er im April von Anies Baswedan vernichtend geschlagen.

Baswedans Karriere ist bezeichnend für die aktuelle politische Entwicklung: Als Rektor der islamischen Paramadina-Universität war er früher für gute Lehre (vor allem zum Thema Menschenrechte) und seine progressive Haltung bekannt. „Wir haben unsere Islamisten und Fundamentalisten“, erklärte er damals in einem Interview, „aber durch den Demokratisierungsprozess wurden sie teilweise aufgefangen.“1 Inzwischen ist er selbst offenbar von den Fundamentalisten aufgefangen worden. Jedenfalls tauschte Baswedan seinen Lehrstuhl gegen die Politik, protegiert von der FPI und deren Marionetten, die gegen den Gouverneur Ahok intrigierten: Sie beschuldigten ihn, er habe den Koran kritisiert, und obgleich zahlreiche prominente Muslime dieser Darstellung widersprachen2 , landete er nach einem Blasphemieprozess schließlich im Mai im Gefängnis.

„Sie haben unsere Religion verkauft“, erregt sich der Händler Rachma. Er ist glühender Anhänger von Ahok,3 dessen Politik er lobt: seinen Kampf gegen Korruption, die Armenhilfe, insbesondere in Sachen Schulbildung und Gesundheitsversorgung, die Stadtsanierung und nicht zuletzt die Reinigung des Kanals, an dessen Ufer wir sitzen und reden. Seiner Meinung nach kam Ahok „zu vielen Interessengruppen in die Quere“.

Diky Rachma ist Muslim, er trinkt keinen Alkohol und betet fünfmal am Tag, er sagt, er sei „auf indonesische Art“ gläubig. „Unser Islam war immer tolerant, nicht wie im Nahen Osten.“ Tolerant „gegenüber den anderen Religionen“ wie Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus, die in Indone­sien ebenfalls Staatsreligionen sind; tolerant aber auch „gegenüber Muslimen“.4

Angesichts der Ereignisse in der abgelegenen Provinz Aceh, wo die Scharia gilt5 und Ehebrecherinnen oder Homosexuelle öffentlich misshandelt werden, mag man an solchen Äußerungen zweifeln. Doch in Jakarta und anderen Städten sieht es tatsächlich ganz anders aus.

Hier sieht man selten Frauen im Ganzkörperschleier. Die Indonesierinnen können sich ohne männliche Begleitung frei bewegen, sie fahren Auto oder Motorrad, manchmal mit Helm über dem Kopftuch, sie warten am Straßenrand auf die Go-Jek-­Mopedtaxis und schwingen sich locker auf den ­Sozius.

Die Mütter der Verfassung wollten kein islamisches Gesetz

Nicht nur die jungen Leute kommunizieren über soziale Netzwerke, insgesamt stehen die Indonesier an der Spitze der asiatischen User. In den Cafés und Restaurants treffen sich ganz selbstverständlich junge Männer und Frauen – mit oder ohne Kopftuch. Nur die vielen alkoholfreien Getränke auf den Tischen erinnern daran, dass 87 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind.

„Indonesien ist ein muslimisches Land, aber kein islamischer Staat“, erklärt Jakob Tobing, Direktor des Leimena-Instituts für interreligiösen Dialog. Er erzählt, dass die Gründerväter des Staats – „und die -mütter, denn es gab ja auch Unabhängigkeitskämpferinnen“ – einst darüber debattierten, ob das islamische Gesetz für alle gelten sollte. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Am 1. Juni 1945, Indonesien war gerade zweieinhalb Monate unabhängig, stellte der künftige Präsident Sukarno die Fünf Prinzipien (Pancasila) zur Abstimmung: Glaube an Gott, nationale Einheit, Volkssouveränität, Humanismus und soziale Gerechtigkeit. Diese „Staatsphilosophie“ war allerdings nicht leicht umzusetzen, wie Sukarno selbst 1964 in Le Monde diplomatique schrieb.6

Der Soziologe Faisal Sukanta untersucht im Auftrag multinationaler Konzerne das Konsumverhalten der Jugend. Er beobachtet „seit vier oder fünf Jahren ein Erstarken religiöser Werte, vor allem unter jungen Menschen“, dabei gehe es jedoch „eher um Anerkennung als um Fundamentalismus“. Nachgefragt werden zwar bleichende Gesichtscremes, um den Porzellanteint der japanischen oder südkoreanischen Models zu imitieren –, aber halal sollen sie sein. Gefragt ist auch die Mode von Aniesa Hasibuan, die ihre Hidschab­kollektion letztes Jahr auf der New Yorker Fashion Week vorstellte. Und die Frauenband Voice of Baceprot spielt Hard Rock und trägt Hidschab. „Mit 17 000 Inseln, 700 Regionalsprachen, 300 Volksgruppen und 200 Glaubenssystemen ist Indonesien zu vielfältig, um intolerant zu sein“, meint Sukanta. Das möchte man ihm gern glauben.

Der 20-jährige Darsam Sakrotomo sieht mit seinen schicken Klamotten und seinem blondierten Haar wie ein koreanischer Popper aus. Wir treffen ihn in der Villa seiner Familie in einer Gated Community in Serang, die inmitten grüner Reisfelder liegt. Drei Stunden dauert die Autofahrt durch die Ausläufer und Vorstädte von Jakarta nach Serang. Darsam ist der Sohn eines hohen Beamten, bald wird er für ein paar Wochen nach Seoul gehen, danach für einige Monate nach Paris. Beim Smalltalk im Wohnzimmer äußert er sich erfreut über Ahoks Sturz – weil „Muslime nicht von Nichtmuslimen regiert werden können. Das steht im Koran.“

Als wir ihn darauf hinweisen, dass die frühere Religionsministerin (1999–2007) Musdah Mulia, Vorsitzende der indonesischen Konferenz für Reli­gion und Frieden, auf Grundlage des Korans diese Behauptung widerlegt hat,7 wischt er das als Argumente einer „Hauptstadtliberalen“ beiseite und beginnt dann noch über „die Chinesen“ zu schimpfen. Gemeint sind Indonesier chinesischer Abstammung, die zum Teil seit dem 15. Jahrhundert im Land leben. Die meisten sind seit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert auf dem Archipel ansässig.

Ähnlich wie Darsam redet auch der stellvertretende Chefredakteur einer großen Wochenzeitung in Jakarta, der anonym bleiben will. Er sitzt im Informationsausschuss des Rats der muslimischen Geistlichen,8 hat aber kein Mandat für dieses Gespräch. Er bestellt uns in die Citos Mall, einen beliebten Treffpunkt der wohlhabenden Mittelklasse, sein Ton ist sehr höflich, die Aussage unmissverständlich: „Das Problem ist entstanden, weil sich zwischen den einheimischen und den chinesischstämmigen Indonesiern ein Graben aufgetan hat. In unserem Land stellen Muslime die Mehrheit, aber sie verfügen über keinerlei Macht, weder politisch noch wirtschaftlich.“

Als Beweis führt er an, dass „von den 50 reichsten Indonesiern im ­Forbes-Magazin 42 chinesischer Abstammung und nur acht Muslime sind“. Er vermischt, wie es hier häufig geschieht, Abstammung und Reli­gion. Und es ärgert ihn, dass die islamischen Parteien verlieren: Bei den letzten Kommunal- und Parlamentswahlen errangen sie 24 bis 26 Prozent der Stimmen, bei den ersten Wahlen 1955 waren es noch 43 und nach dem Ende der Diktatur 1999 noch 37 Prozent: ein Indiz für die Säkularisierung der Gesellschaft. „Wir mussten reagieren, um diese fortgesetzte Niederlage aufzuhalten. Wir mussten den Kampf um Jakarta gewinnen. Es geht um die Sicherheit der Muslime.“ Dahinter steckt, dass der Posten des Gouverneurs von Jakarta als Sprungbrett für die kommende Präsidentschaft gilt: auch Joko Widodo, genannt Jokowi, war Stadtgouverneur, bevor er 2014 Staatschef wurde.

Die Vorurteile gegen Chinesischstämmige, etwa drei von insgesamt 257,6 Millionen Indonesiern (Statistiken gibt es nicht), sind alt. Alwi Shihab, Experte für interreligiöse Fragen und Sonderbotschafter bei der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC) im saudi-arabischen Dschidda, erklärt das mit der Kolonialgeschichte: „Die Niederländer verboten den Chinesen, in die Politik oder in die Armee zu gehen; ihnen blieb nur der Handel. Das war ihr Metier über Jahrhunderte. Jetzt sind sie in der Wirtschaft und im Finanz- und Immobiliensektor sehr stark vertreten.“ Auf der Halbinsel im Norden der Hauptstadt protzt das Viertel der wohlhabenden Chinesischstämmigen mit seinem Reichtum, doch im alten Chinesenviertel Jakartas sieht man auch die Armut. Gleichwohl sind „die Chinesen“ Sündenböcke für alle sozialen Probleme.

Als General Suharto im Namen des Kampfs gegen den Kommunismus9 1965 zwischen 500 000 und einer Million Menschen ermorden und etwa eine Million ins Gefängnis werfen ließ, waren darunter auch viele Indonesier chinesischer Herkunft. Nach Suhartos Sturz brachten die Reformen für ­Demokratisierung und Wirtschaftswachstum eine selbstbewusste Mittelschicht hervor, mit der das alte Motto „Einheit in Vielfalt“ im Alltag umgesetzt werden konnte. Es durfte wieder Chinesisch unterrichtet werden, der Konfuzianismus wurde als Religion anerkannt, und unabhängig von seiner Herkunft konnte jeder Land erwerben. Aber in einer Gesellschaft, in der das oberste eine Prozent der Reichen 49 Prozent der Reichtümer des Landes auf sich vereint, ließen sich rassistisch motivierte Ressentiments leicht reaktivieren.

Sämtliche Regierungen versprachen zwar, die soziale Spaltung zu verringern. Und einiges wurde auch umgesetzt, zum Beispiel eine allgemeine Krankenversicherung und Rente eingeführt, aber alles in allem habe sich das Leben der Arbeiter nicht verbessert, erzählt der stellvertretende Vorsitzende des großen Gewerkschaftsverbands KSPI, Mohammad Rusdy. Bei der letzten Präsidentschaftswahl hatte die Gewerkschaft Prabowo Subianto unterstützt, einen ehemaligen General Suhartos, der zum ultranationalistischen Oligarchen aufstieg und nun mit der FPI verbandelt ist. Auch Su­bian­to ist ein Gefolgsmann des neuen Gouverneurs von Jakarta.

Mit einer seiner ersten Amtshandlungen versuchte Präsident Jokowi die Verbrauchersubventionen zu senken, die 20 Prozent des Staatshaushalts verschlangen. Dazu ergriff er Maßnahmen, vor denen seine Vorgänger stets zurückgeschreckt waren: Er strich die Subventionen für Benzin, von denen die Reichen viel mehr profitierten als die Armen; er hob die Strompreise an und führte gleichzeitig einen Basistarif für die Ärmsten ein. Doch diese Politik traf diejenigen, deren Einkommen knapp oberhalb der Armutsgrenze lagen, am schwersten. Da es in Indonesien keine Tarifverträge und Kontrollen gibt, ist „der Mindestlohn zugleich der höchstmögliche Lohn für Arbeiter, vor allem in den großen Subunternehmen, die für internationale Marken wie Gap und Nike fertigen“, berichtet Vivi ­Widyawati von der Organisation Perempuan Mahardhika (Freie Frauen). Davon abgesehen arbeitet sowieso über die Hälfte der Bevölkerung im informellen Sektor.

Hinzu kommen die massiven Eingriffe in Jakartas bauliche Infrastruktur. Um die Über-30-Millionen-­Einwohner-Stadt attraktiver und moderner zu machen – Straßenbahnen gibt es nicht, von U-Bahnen ganz zu schweigen –, geht die Entwicklung in Richtung Singapur. Die weniger Begüterten werden aus der Hauptstadt verdrängt, die Kampongs (= Dörfer), die traditionellen alten Stadtviertel, abgerissen und stattdessen seelenlose Viertel mit Wohntürmen hochgezogen.

Die Regierung gießt zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie 17 künstliche Inseln in der Bucht von Jakarta errichten lässt. „Zunächst ging es darum, Überschwemmungen und das allmähliche Versinken der Stadt im Meer zu verhindern“, berichtet Mahmud Syaltout, Chef einer Consultingfirma. „Mit der Zeit ist diese Zielsetzung verschwunden, und die Pläne, die im Umlauf sind, lassen keinen Zweifel daran, was hier entstehen sollen: ein luxuriöser Jachthafen mit allem Drum und Dran.“ Für die neue Enklave der Reichen werden Flora und Fauna unwiederbringlich zerstört, die die Schönheit dieser Bucht ausmachen und die Lebensgrundlage der Fischer bilden. Eine ähnliche ökologische und soziale Katastrophe spielt sich auch in der Bucht von Bali ab.

Präsident Jokowi hat den Kampf gegen die Multis verloren

Viele Umweltgruppen und soziale Aktivisten hatten große Hoffnungen auf Jokowi gesetzt, der aus einfachen Verhältnissen stammt und der erste Präsident seit 20 Jahren ist, der nichts mit dem alten Suharto-System zu tun hat. Doch das bedeutet auch einen Nachteil in einem Land, das seine Vergangenheit nicht aufgearbeitet hat. Obwohl jeder bestätigt, Jokowi sei „der ehrlichste aller Präsidenten“, gerät er mit seinem Kampf gegen die Korruption ins Schlingern, auch weil er im Parlament nicht über eine stabile Mehrheit verfügt.

Bei seinem Amtsantritt erließ der Präsident ein Exportverbot für Roh­erze. Er wollte die multinationalen Konzerne dazu zwingen, nicht nur die Bodenschätze auszubeuten, sondern auch eine verarbeitende Industrie aufzubauen. Eine vernünftige Entscheidung, doch das Verbot wurde im Mai wieder aufgehoben, unter dem Druck der Armee und der großen Konzerne, die gemeinsame Interessen verfolgen. Noch ist unklar, ob Jokowi dem US-amerikanischen Giganten Freeport-McMoRan standhalten wird, der die größten Kupfer- und Goldvorkommen der Welt kontrolliert und seine Gewinne großenteils an der Steuer vorbeischmuggelt. Er beutet vor allem die Vorkommen im von Indonesien annektierten Westpapua aus.10 Jokowi entschied, der Staat solle 51 Prozent der indonesischen Tochtergesellschaft von ­Freeport-McMoRan zurückkaufen. Daraufhin mobilisierte der Konzern alles, was das Land an korrupten Geschäftsleuten und Politikern hergab, einschließlich den US-Vizepräsidenten Michael Pence, der auf Staatsbesuch in Jakarta im April den indonesischen Präsidenten scharf kritisierte.

Nur wenige glauben, dass Jokowi diese Kraftprobe gewinnen kann; viele verweisen auf seine vielen Rückzugsmanöver. „In zwei Jahren hat seine Administration drei Handelsminister, drei Minister für natürliche Ressourcen, zwei Finanzminister und vier Energieminister verschlissen – und jeder von ihnen ist anders an die Investitions-, Handels- und Wachstumsfragen herangegangen“, schreibt die Südostasien­expertin Eve Warburton.11

Im Parlament kann Jokowi nur auf 20 Prozent der Stimmen zählen, deshalb schließt der Präsident seltsame Bündnisse: Letztes Jahr im August ernannte er General Wiranto, der während der Besatzung von Osttimor (1975–1999) traurige Berühmtheit für seine Übergriffe auf die Bevölkerung erlangt hatte, zum Minister für Justiz und Sicherheit – für viele Beobachter ein Beweis der Rückkehr der „militärisch-­oligarchischen Mafia“, die das alte Regime ausgezeichnet hatte.

Wenn Jokowi klein beigibt und die Mächtigen nicht auf seine Seite ziehen kann, wird die Unzufriedenheit wachsen. Wut und Enttäuschung werden dann von dieser Mafia weiter instrumentalisiert werden, die ihre bedrohten Privilegien retten will. Außerdem arbeiten mit ihr die unter Suharto entstandenen paramilitärischen Milizen wie die FPI zusammen.

Als Puppenspieler nach bester indonesischer Tradition fungieren zwei Exgeneräle, der bereits genannte Prabowo Subianto und der frühere Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, genannt SBY. Sie ziehen im Hintergrund die Fäden, um bei den Wahlen 2019 an die Macht zu gelangen. „In der Blasphemie­affäre geht es nicht um Religion, sondern um Handlungsmacht und politischen Ehrgeiz“, kommentiert Sonderbotschafter Alwi Shihab. Tatsache ist, dass ein Gouverneur im Namen der Religion zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Der islamische Fundamentalismus konnte das als Sieg verbuchen. Und er ist auf dem Vormarsch, was vor allem Frauen zu spüren bekommen.

Musdah Mulia, Verfasserin des oben erwähnten Korangutachtens und eine der prominentesten Musli­min­nen Indonesiens, meint, „in der Begeisterung für die neu erwachte Demokratie nach dem Fall Suhartos“ habe man „die extremistischen Bewegungen unterschätzt“, die „wie alle anderen“ von der Meinungsfreiheit profitierten. ­Unter dem Druck der Islamisten erließen manche Provinzen Gesetze, die es Frauen verbieten, nachts allein auszugehen, unter dem Vorwand, sie zu schützen.

Golfstaaten finanzieren Koranschulen und Moscheen

Alwi Shihab stimmt dieser Analyse zu und verweist auf die Ausbreitung des strengeren arabischen Islams und die „Ausschüttung von Petrodollars“ an Wohltätigkeitsorganisationen, Stipendien für Studienabgänger, die sich in den Golfstaaten weiterbilden wollten, Koranschulen und Moscheen. Shihab fügt hinzu: „Natürlich wird da die weniger tolerante Auffassung des Islams gelehrt. Das ist neu für uns. Manche Muslime haben sich vom traditionellen indonesischen Islam abgewandt, denn die neuen Prediger meinen, das sei nicht der ‚wahre Islam‘. Dieser Realität müssen wir uns stellen.“

Für viele war das Gerichtsurteil gegen Ahok ein heftiger Schock, der zugleich neue Energien freisetzte. Die feministischen Bewegungen sind sich zwar bei den Themen Homosexualität, Abtreibung und sexuelle Belästigung nicht einig, doch sie rauften sich zusammen und einigten sich auf ein gemeinsames Ziel: den Kampf gegen häusliche Gewalt. Auch kleinere Gruppen traten auf den Plan, solche wie Young Nusantara, die jungen Menschen die wenig bekannte Geschichte des Landes und dessen synkretistische Kultur vermitteln will, um sie gegen den Fundamentalismus zu immunisieren.

Auch muslimische Organisationen wie Nahdlatul Ulama (NU), mit 4 Mil­lio­nen Mitgliedern die größte traditionelle Vereinigung, setzen sich für einen offeneren „indonesischen Islam“ ein und sind offenbar bereit, den Kampf gegen die Fundamentalisten aufzunehmen: „Der Islam ist im 7. Jahrhundert entstanden, in Zeiten von Unwissenheit, Patriarchat und Feudalherrschaft“, erläutert Musdah Mulia. „Wir müssen zu dem zurückkehren, was das Herz des Koran bildet, dem Glauben an einen einzigen Gott, an Allah. Von dort aus müssen wir eine neue Interpreta­tion des Islams voranbringen. Vor allem, was die Beziehungen zwischen Religion und Staat betrifft.“

Der Berater Mahmud Syaltout ist Mitglied von Ansor, der Jugendorganisation der NU, und will sich ebenfalls den FPI-Milizen entgegenstellen, besonders auf dem Feld der Bildung. Er bedauert, dass Präsident Jokowi die Massaker von 1965 nicht aufarbeiten wolle und damit einem gefährlichen Antikommunismus Vorschub leiste; die Kommunistische Partei sei immer noch verboten, und das neue Strafgesetzbuch, das derzeit im Parlament debattiert wird, ist seiner Auffassung nach voller Artikel, die sich gegen alles richten, was als kommunistische Aktivität verstanden werden könnte. Man müsse nur eine innovative Idee vorbringen und werde sofort als Kommunist gebrandmarkt.

Jokowi selbst wurde wegen seines Kampfs gegen die Korruption und seiner Einführung der Krankenversicherung als „Roter“ beschimpft. Daraufhin verpflichtete er sich öffentlich, gnadenlos gegen „alle Organisationen, die zerstörerische Ideologien fördern, wie Kommunisten oder andere verbotene Gruppen“12 vorzugehen. Gleichzeitig erhob er den 1. Juni zum Feiertag der Pancasila-Prinzipien, die nicht sehr weit von sozialistischen Idealen entfernt sind. Manche sehen darin ein weiteres Zeichen von Jokowis Autori­tarismus, mit dem er seine Gegner ab­zu­wehren suche, andere loben dagegen die Rückkehr der Pancasila als probaten Schutz gegen den Islamismus. Noch ist offen, wohin die Reise geht.

1 Siehe Wendy Kristianasen, „Indonésie, musulmans contre islamistes“, in: Le Monde diplomatique, Oktober 2010.

2 Callista Anggun Wijaya, „Ahok’s speech not blasphemous expert“, The Jakarta Post, 21. März 2017.

3 Ahok und Präsident Jokowi gehören der Demokratischen Partei des Kampfes Indonesiens (PDI-P) an, die man politisch etwa in der linken Mitte einordnen kann, allerdings greift das übliche Rechts-links-Schema für Indonesiens Parteien nicht.

4 Daniele Godor, „Im Land der sechs Staatsreligionen. Muslime, Christen und Buddhisten sprechen über ihr Indonesien“, Le Monde diplomatique, August 2015.

5 2005 wurde der 1976 begonnene Guerillakrieg in Aceh mit einem Friedensabkommen beendet, seither gilt in der teilautonomen Provinz die Scharia.

6 Sukarno, „Une révolution nationale dans la ligne des grandes transformations politiques et économiques de notre temps“, Le Monde diplomatique, Mai 1964.

7 Siehe auf der Website der Indonesian Conference on Religion and Peace (ICRP).

8 Majelis Ulama Indonesia wurde 1975 unter der Diktatur von General Suharto (1967–1998) gegründet und berät immer noch die Regierung.

9 Vergleiche: Annett Keller, „Indonesiens Opfer“, Le Monde diplomatique, Oktober 2015.

10 Siehe Philippe Pataud Célérier, „Minderheit im eigenen Land. Der verzweifelte Kampf der Papua gegen die indonesischen Besatzer“, Le Monde diplomatique, Februar 2015.

11 Eve Warburton, „What does Jokowi want for the Indonesian economy?“, East Asia Forum, 30. November 2016.

12 Rede von Jokowi, in: The Jakarta Globe, 1. Juni 2017.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Marie Beyer ist Journalistin, und Martine Bulard ist ­stellvertretende Chefredakteurin von Le Monde diplo­ma­tique, Paris.

Le Monde diplomatique vom 10.08.2017, von Martine Bulard und Marie Beyer

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