Courtney singt

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Courtney singt

Courtney singt

Jamaikas Dancehall-Industrie von Romain Cruse

Kingston ist eine der heißesten und trockensten Metropolen der Karibik. Courtney trotzt dem Staub seiner Heimatstadt mit makellosen Mokassins, einem sauberen Hemd und blütenweißer Schirmmütze. Denn wer ein Dancehall-Star werden will, muss cool aussehen – beziehungsweise „swag“.1 Dancehall“ entstand in den 1980er Jahren und wurde zum Synonym für jamaikanische Musik, mit allem, was dazugehört, von der Produktion bis zum Publikum, der Kleidung, der Bands, dem Tanz, den gigantischen Lautsprecherwänden unter freiem Himmel.

Courtney singt. Er übt einen neuen Song ein, den er aufnehmen will. Der junge Mann hat es nie leicht gehabt. Seine Familie: eine Tante, die am anderen Ende der Stadt wohnt. Ersparnisse hat er keine, für Gartenarbeiten im Nobelviertel Beverly Hills bekommt er 12 000 Jamaika-Dollar (etwa 110 Euro) alle zwei Wochen.2 Sein Lohn entspricht dem Landesdurchschnitt. Er kann seine Miete, seine Rechnungen und sein Essen bezahlen – aber selten alles auf einmal für einen ganzen Monat. Wie Hunderte anderer Jamaikaner verbringt er den größten Teil seiner Freizeit in einem der zahlreichen Musikstudios von Kingston. Frei nach dem Sprichwort „Arbeit macht nicht reich, aber bucklig“ gilt eine Musikkarriere als kürzester Weg in ein besseres Leben, jedenfalls bei denen, die mit Gangs und Waffen nichts zu tun haben wollen.

Sie träumen vom schnellen Erfolg mit einem einzigen Hit. Ihre Vorbilder sind die Stars aus dem Ghetto: Mavado, Elephant Man, Beenie Man, Vybz Kartel und andere, die mit einem Konzert manchmal über 50 000 Euro einnehmen. Am Steuer ihrer teuren deutschen Cabrios sieht man sie Kingstons Hauptstraße, die Hope Road rauf- und runterfahren, und die Klatschspalten sind voll mit ihren Eskapaden. Doch für die meisten Jamaikaner ist Dancehall nur die Begleitmusik zu ihrem Alltag in der Tourismusindustrie3 , in den Betrieben der Freihandelszonen oder in einem der zahllosen Jobs im informellen Sektor, in dem zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt sind.

Courtney legt alle Wege auf einem alten roten Mountainbike ohne Bremse zurück. Er lebt am Fuß des Wareika-Hügels in einem Armenviertel. Es wird von einer der Gangs kontrolliert, die direkt von Jamaikas politischen Parteien bezahlt werden. Früher war das Viertel hier im Osten von Kingston eine gute Wohngegend. Die Häuser wurden kurz nach der Unabhängigkeit von 1962 gebaut. Doch die Mittelschicht ist längst weggezogen. Danach wurden die Zimmer einzeln vermietet.

Die Leute, die hier wohnen, können sich zwar keine anständige Wohnung leisten, aber sie müssen auch nicht in einem der Slums leben, wie in Riverton im Westen Kingstons an einer Mülldeponie oder in den Mangrovenwäldern von Seaview. Hier sind die Mauern am Straßenrand mit den Konterfeis von Helden bemalt, darunter die nationale Ikone Marcus Garvey,4 der legendäre Reggae-Musiker Bob Marley, der ehemalige sozialistische Premierminister Michael Manley, der von 1972 bis 1980 und von 1989 bis 1992 das Land regiert hat – und einige Ghettobosse, die sogenannten Dons.

Schmiergelder für ein Lied

Courtneys Zimmer ist gerade groß genug für ein Bett mit Schaumstoffmatratze, einen alten Kühlschrank, einen kleinen Fernseher, eine Stereoanlage und einen großen Waschzuber, in dem ein Großteil des Regenwassers landet, das von der Decke tropft. Vor den Tag und Nacht herabgelassenen Metalljalousien hängen rosa geblümte Vorhänge. Das Kabel für den illegal gezapften Strom geht quer durchs Zimmer, ein paar Kleiderbügel hängen daran. An einer mit schwarzem Klebeband behelfsmäßig isolierten Steckdose ist ein Ventilator angeschlossen, der sich permanent dreht. Das Licht geht an, wenn man die Glühbirne in die Fassung dreht, und die Tür lässt sich schließen, wenn man einen abgebrochenen Stift in die Halterung steckt, an der früher mal ein Schloss angebracht war.

Erwähnt man den Namen dieses Viertels in den besseren Gegenden von Kingston, rümpfen die Leute nicht nur die Nase. Sie haben richtig Angst. Der Klientelismus, der Drogenhandel und der Kampf um Schutzgelder, die von den Ladenbesitzern in der Innenstadt erpresst werden, haben Waffen in die Ghettos gebracht. Die Gangmitglieder bringen sich gegenseitig um, auch Jugendliche tragen Waffen, die „Gun Bwoys“.

Das Singen hat Courtney in der Kirche gelernt, und im Laufe der Jahre hat er seine Stimme verbessert, ohne groß darüber nachzudenken. Er klingt wie ein US-amerikanischer Soulsänger, wenn er morgens seine Schuhe putzt und dabei traurige Ghettolieder singt. Abends improvisiert er gern etwas Anzügliches auf Patwa (Patois), dem jamaikanischen Kreolisch, wenn eine attraktive junge Frau vorbeigeht – und sein Freund schlägt dazu mit zwei Flaschen den charakteristischen Dancehall-Rhythmus.

Das Ganze findet vor der kleinen Bar des Viertels unter den Augen der vergnügten Chefin statt. Ein Stück weiter spielen Kinder mit nacktem Oberkörper und bewaffnet mit hölzernen Pistolen Polizei und „Bad Bwoy“. Ein Mädchen in Schuluniform durchsucht die Taschen ihres kleinen Bruders und ahmt dabei die brutalen Gesten der „Squadies“ (Polizisten) nach. Der Junge steht mit gespreizten Armen und Beinen an einer Mauer, während seine Schwester seine Taschen abtastet und ihm jede Menge Schläge auf den Hinterkopf verpasst.

Plötzlich nehmen die Kinder Reißaus, und es wird auf einmal bedrückend still. Zwei Armeejeeps fahren langsam die marode Straße hinauf, um den Weg für einen Konvoi von fünf Polizeiautos freizumachen. Dahinter folgen zwei schwer bewaffnete Militärfahrzeuge mit Scharfschützen auf dem Dach. Die Ausbildung der jamaikanischen Polizisten ist ein Relikt aus der britischen Kolonialzeit. Damals wurden sie gegen Revolten aus der Unterschicht eingesetzt, heute sollen sie die reichen Jamaikaner genau vor den Gangs schützen, die diese Oberschicht einst selbst geschaffen hat.

Als auf Jamaika die ersten Parteien gegründet wurden, war die Funktion der Gangs, die Parteitreffen zu schützen, politische Gegner auszuschalten und gewissen Personen den Zugang zu den Wahllokalen zu versperren. In den 1940er Jahren engagierte man dafür gewerkschaftlich organisierte Werftarbeiter, dann setzte man auf Jugendbanden. Die ersten Waffen in den Ghettos wurden daher auch „Vote Getters“ (Stimmeneintreiber) genannt.

In dieser Umgebung ist Courtney aufgewachsen, sie ist der Hintergrund seiner Songs und überhaupt des ganzen Dancehall. Die beiden berühmtesten Musiker des Landes, Vybz Kartel und Buju Banton, sitzen gerade wegen Mordes beziehungsweise Drogenhandels im Gefängnis. Der dritte, Jah Cure, hat seine Karriere im Gefängnis St. Catherine gestartet, wo er fast acht Jahre wegen Vergewaltigung saß.

Die Produktion eines Songs verläuft in drei Etappen: Tonaufnahme, Mix und Promotion. Nur wenige junge Musiker schaffen es, einen „tune“ (Song) innerhalb von drei Stunden aufzunehmen. Das Studio Cell Block verlangt pro Stunde 1 500 Jamaika-Dollar (etwa 14 Euro), bei einem renommierten Studio wie Tuff Gong zahlt man fast das Doppelte. Für den Backgroundsänger müssen 5 000 Dollar einkalkuliert werden, für den professionellen Mix, der den Song erst kommerziell verwertbar macht, noch einmal mindestens die gleiche Summe. Danach beginnt der schwierigste und kostspieligste Teil: Das eigene Stück soll unter den Tausenden der jährlich in Jamaika produzierten Titel ein größeres Publikum erreichen.

Der Song muss nicht nur im Radio laufen, zum Beispiel bei so wichtigen Sendern wie Irie FM, und am besten in den Charts, sondern auch in den Dancehall-Fernsehsendern wie RE TV oder Hype. Auch wenn die Verantwortlichen das Gegenteil behaupten: Das kostet eine Stange Geld – allein 50 000 Jamaika-Dollar (460 Euro) Schmiergeld für die tägliche Ausstrahlung über drei Monate in einer der Sendungen des ersten Inselradios. Trotzdem werden noch lange nicht alle Stücke angenommen, deshalb empfiehlt es sich, einen Mittler einzuschalten, der den Moderator gut kennt. Damit steigen die Kosten weiter. Da das Geschäft illegal ist, gibt es keinerlei Garantie, dass der Titel tatsächlich gespielt wird. Und wer in die Charts will, muss noch mehr hinblättern. Das Gleiche gilt für die Fernsehsender, für die auch noch ein Video produziert werden muss. Allein die Werbung verschlingt mehr als das Jahresgehalt eines jungen Manns wie Courtney.

Viele Jamaikaner verdienen ihr Geld rund ums Dancehall-Business: Als Tänzer, Stylisten und Techniker, als Getränke- und Essensverkäufer bei Konzerten oder als Bus- und Taxifahrer. Zudem werden Wachleute, Lagerarbeiter und Helfer gebraucht, die bei den Konzerten und Sound Systems mitanpacken. Manche verscherbeln auch Raubkopien. Doch das große Geld wird anderswo gemacht, dort, wo Kapital investiert wird: bei den Agenten, Produzenten, Marketingleuten und Investoren, bei den großen internationalen Marken, die die Events sponsern, den ausländischen Plattenfirmen – und den Drogenhändlern, denn die weltweiten musikalischen Vernetzungen dienen auch ihrem Geschäft.

So spiegelt die Dancehall-Ökonomie mit ihrem pyramidalen Aufbau die Wirtschaft Jamaikas insgesamt wider: Die Profite konzentrieren sich in den Händen einer kleinen – hellhäutigen – Oberschicht, die auch nach der Unabhängigkeit an der Macht geblieben ist, und einer Schicht schwarzer Neureicher, die sich seit dem Ende der 1970er Jahre vor allem im Finanzsektor herausgebildet hat.

Auch wenn sich die Wirtschaft seit der Unabhängigkeit diversifiziert hat (Bergbau, Gewerbe, Tourismus und Musikindustrie), hat sich strukturell kaum etwas geändert. Manche karibische Ökonomen sprechen daher von einer „modifizierten Plantagenwirtschaft“,5 die zwar schon lange nicht mehr von der Landwirtschaft abhängig ist, deren Profite aber weiterhin in die Taschen der örtlichen Bourgeoisie und der ausländischen Investoren fließen. Frantz Fanon hat es in seinem 1961 veröffentlichten Werk „Die Verdammten dieser Erde“ vorausgesehen: Die neuen Reichen haben fast überall das koloniale Herrschaftssystem nur diversifiziert – um es in seinen Grundzügen zu konservieren.

Fußnoten: 1 In der Rappersprache bedeutet „swag“ (abgeleitet von to swagger: herumstolzieren) „beneidenswerte, lässig-coole Ausstrahlung“. In Deutschland wurde „swag“ 2011 zum Jugendwort des Jahres gewählt, das durch die Coverversion von Soulja Boys „Turn my swag on“ des österreichischen Rappers Money Boy „Dreh den Swag auf“ bekannt geworden ist. 2 Das Mindesteinkommen beträgt 20 000 jamaikanische Dollar (etwa 182 Euro) im Monat, seit Juli 2012 ist es um 11 Prozent gestiegen. 3 Laut offizieller Statistik werden 79 Prozent des Inlandsprodukts im Dienstleistungssektor erwirtschaftet; dabei sind jedoch die Einnahmen aus der informellen Wirtschaft und die Rücküberweisungen der Migranten nicht berücksichtigt. 4 Berühmter Panafrikanist, der für die Rückführung der Afroamerikaner in die Heimat ihrer Vorväter nach Äthiopien kämpfte. 5 Siehe Lloyd Best und Kari Levitt, „Essay on the Theory of Plantation Economy“, Kingston (University of the West Indies Press) 2009. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Romain Cruse ist Autor von „Géopolitique d’une périphérisation du bassin caribéen“, Québec (Presse de l’Université du Québec) 2011.

Le Monde diplomatique vom 09.11.2012, von Romain Cruse

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