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An der irischen Grenze

An der irischen Grenze

Im kleinen Dorf Pettigo gab es früher eine Zollstation – niemand will sie wiederhaben

von Susan McKay

Beim Brexit-Referendum vom Juni 2016 stimmte eine Mehrheit der Bürger Nordirlands gegen den Austritt Großbritanniens aus der EU. Die britisch gesinnten, protestantischen Unionisten waren großenteils für den Brexit, die irischen Nationalisten und Republikaner eher dagegen. Insgesamt stimmten 56 Prozent der Wähler mit „remain“, aber entlang der Grenze zur Republik Irland waren es 65 Prozent, obwohl in diesen Gegenden viele gar nicht an die Urnen gingen.

„Ich habe das nicht verstanden“, meint Mervyn Johnston aus Pettigo. Auf der Landkarte verschwindet der Name des Dorfs fast unter der fetten roten Grenzlinie, deren Zickzack sich wie der Heimweg eines Besoffenen ausnimmt. Der größte Teil von Pettigo liegt auf dem Gebiet der Republik Irland, im County Donegal. In der Mitte des Dorfs steht ein Denkmal, das „Der stille Mann“ genannt wird, wie Johnston erklärt. Der stille Mann trägt Trenchcoat und Schirmmütze und blickt in Richtung der steinernen Brücke, die über den reißenden Fluss Termon führt.

Laut Inschrift erinnert das Denkmal an die vier jungen Männer, die 1922 „im Kampf gegen die britischen Truppen“ gestorben sind. „Hier kommen am Ostersonntag immer eine Menge Leute zusammen“, sagt Johnston. Der 100. Jahrestag des Osteraufstands von 1916 voriges Jahr wurde überall in der Republik Irland feierlich begangen.

Dessen Anführer hatten damals eine Irische Republik ausgerufen, in der alle Bürger gleich sein und in der die „von einer fremden Regierung genährten Unterschiede, die eine Minderheit von der Mehrheit trennen“, nicht mehr existieren würden.

Die protestantische Minderheit, die vor allem im Nordosten des Landes lebte, war davon nicht beeindruckt. Der damalige britische Premierminister Lloyd George erklärte 1917 vor dem Unterhaus, die Protestanten seien „von ihrem Blut, ihrem religiösen Glauben, ihren Traditionen, ihrem Aussehen her dem übrigen Irland so fremd wie die Einwohner von Fife und Aberdeen“, also die Schotten. Ähnlich sah das Margaret Thatcher, die 1981 erklärte, Nordirland sei „so britisch wie Finchley“ (ihr Londoner Wahlkreis).

Mit der Teilung Irlands im Jahr 1921 wurde auch Pettigo auseinandergeschnitten. Zunächst wurde das Dorf von der IRA eingenommen, dann von der britischen Armee zurückerobert. In diesen Kämpfen fielen die vier Männer, an die der „Stille Mann“ erinnert, auf der anderen Seite ein nordirischer Polizist und ein britischer Soldat. Als man sich 1939 in ganz Großbritannien auf deutsche Luftangriffe vorbereitete, lag der eine Teil des Dorfs im Dunkeln, der andere Teil blieb dagegen erleuchtet, weil sich die Irische Republik zu Beginn des Zweiten Weltkriegs für neutral erklärte.

In den 1950er Jahren attackierte die IRA erneut die Grenzanlagen, es gab Überfälle und Bombenanschläge. Aber ihre Kampagne fand wenig Unterstützung und verlief schließlich im Sande. Das Gewehr des „Stillen Mannes“ zielte weiterhin über die Grenze in Richtung des Territoriums, das die Republikaner das „britisch besetzte Ulster“ nannten. Und so ist es bis heute.

Johnston ist heute 77 Jahre alt, verbringt seine Zeit aber immer noch in der Autowerkstatt, die sein Stiefgroßvater 1922 aufgemacht hat. Dort macht er alte klassische Minis wieder fit und fährt mit ihnen Rennen. Die Werkstatt liegt am nördlichen Ende der Brücke, direkt am Fluss. Wenn man vom „Stillen Mann“ kommend hinübergeht, kommt man an einem alten Häuschen vorbei: der ehemaligen Zollstation mit Irisch-Grün gestrichenen Wellblechwänden und gelben Fensterrahmen.

„Die Grenze verläuft in der Mitte des Flusses“, erläutert Johnston, „auf der Brücke ist an der Stelle ein Krähenfuß in den Stein geritzt.“ Jahrzehnte irischen Wetters haben das Zeichen fast ausgelöscht, aber mit dem Finger lässt es sich noch ertasten. Über die Brücke fahren große Laster – dies ist der kürzeste Weg vom Süden der Grafschaft Donegal nach Belfast, wo die Schiffe nach Schottland und England ablegen. „Als es noch eine Zollstation gab, war das hier nur eine Nebenstelle“, erzählt Johnston, „Laster durften hier nicht durch, die mussten den längeren Weg über eine der großen Abfertigungsstellen nehmen. Und man musste immer zusehen, was man auf welcher Seite kaufte. Man brauchte einen speziellen Ausweis, und wenn man an der Grenze ankam und die Zollstation war nicht mehr geöffnet, musste man das irgendwie arrangieren. Es würde mir nicht gefallen, wenn das wieder losgehen würde.“ Die „Nordleute“ überquerten die Grenze, um bestimmte Dinge zu besorgen, erzählt Johnston, genauso wie die Leute aus „dem Staat“ (wie ältere Leute die Republik bis heute nennen) nach Norden gingen.

Der Stille Mann schaut nach Norden

Der europäische Binnenmarkt hat den Charakter der Grenze in mancherlei Hinsicht verändert, aber sie gehört noch immer zum Alltag. Wenn auf der einen Seite eine Schule geschlossen wird, können die Kinder nicht einfach auf eine Schule der anderen Seite wechseln, denn die Lehrpläne und das Prüfungssystem sind unterschiedlich. Früher hatte Johnston auch eine Benzinzapfsäule neben seiner Werkstatt, aber die hat er aufgegeben, weil das Benzin jenseits der Grenze billiger ist.

Wenn bei ihm eingebrochen wird, kann er nicht den Polizisten von Pettigo anrufen, sondern muss sich an die Polizeistation im zwanzig Meilen entfernten Enniskillen wenden. Er kann jenseits der Brücke einen Liter Milch kaufen, aber wenn er dort eine britische Zeitung holt, könnte es eine andere Ausgabe sein als die am Kiosk im Norden. Und auf den Straßenschildern sind die Entfernungen im Süden in Kilometern, im Norden dagegen in Meilen angegeben.

Beim Herumfahren im Grenzgebiet wird schnell deutlich, dass der größte Investor in den letzten Jahren die Europäische Union gewesen ist. Da die inländischen Investitionen hauptsächlich nach Dublin beziehungsweise Belfast flossen, blieb die Grenzregion eine der rückständigsten Gebiete der irischen Insel, und sie ist es bis heute. Eine Anzahl größerer Häuser erweckt zunächst einen falschen Eindruck. Aber die Menschen, die hier leben, haben auf dem Grund und Boden ihrer Familien gebaut, und auch zu sehr viel niedrigeren Kosten als in anderen, reicheren Gegenden.

Einige der größeren Villen gehören allerdings Leuten, die von Schmuggel und Geldwäsche leben oder die Nähe zur Grenze anderweitig ausnutzen. So entdeckten Zollfahnder und Polizisten im Jahr 2006 Banknoten im Wert von rund 800 000 Euro, die in Heuballen versteckt waren. Besitzer der Farm, deren Land sich über die Grenze hinweg erstreckt, war ein prominenter Re­publikaner und früherer IRA-Offizier.1

Im Laufe der „Troubles“ (wie man hier den 1969 eskalierten Nordirlandkonflikt nennt) sprengte oder blockierte die britische Armee viele der „ungenehmigten Straßen“ und Brücken über die innerirische Grenze. An diesen Stellen wucherten alsbald wilde Gräser und Blumen, die verblüffend leicht den Asphalt aufsprengten. Damals wurden Orte wie Pettigo von ihrem Hinterland abgeschnitten. Aber die Einheimischen behalfen sich, indem sie die Straßensperren aus Beton („Drachenzähne“ genannt) schleiften, die Löcher in den Straßen auffüllten oder provisorische Brücken errichteten.

Nach dem Waffenstillstand von 1994 entstanden – mit Hilfe von EU-Geldern – all die schönen Fernstraßen und breiten Betonbrücken, die uns heute über die Grenze tragen. Pettigo hat viele verfallene Häuser und leere Läden – aber dank der Subventionen aus Brüssel jetzt ein neues Sport- und Konferenz­zen­trum.

Johnston hat die Wände seiner Werkstatt mit Fotos von Autorennen gepflastert, aufgenommen in den 1960er Jahren und der Zeit des „Troubles“ bis in die Gegenwart. Er ist gesamtirischer Champion – und er ist Protestant, Anhänger der Unio­nis­ten und hat im Ulster Defense Regiment gedient, das 1970 von der britischen Armee in Reaktion auf die „Troubles“ gegründet wurde. Die IRA hat seine Werkstatt etwa sechsmal in die Luft gesprengt, bei der Entschärfung einer der Bomben kam ein Sprengstoffspezialist der Armee ums Leben.

„Damals blieb im protestantischen Teil der Stadt praktisch kein Gebäude stehen“, erzählt Johnston. Einmal wollte ihn die IRA erschießen. Er überlebte, aber ein anderer Dorfbewohner nicht. Er hieß Ronnie Funston. Dessen Bruder Ken hat erst in jüngster Zeit darüber gesprochen, wie sehr sich seine Eltern von der IRA verraten fühlten, denn sie waren mit ihren katholischen Nachbarn immer gut ausgekommen. Der Schock war so groß, dass sie weggezogen sind.

Ken Funston ist Mitglied einer Betroffenengruppe, die sich für die Rechte „unschuldiger Opfer“ einsetzt. Viele Unionisten haben das Gefühl, dass das EU-Friedensprogramm für Nordirland2 zu sehr zugunsten der Republikaner gewirkt hat. Sie weisen die Forderung zurück, dass Mitglieder ihrer eigenen Sicherheitskräfte, die damals in Mord­ak­tio­nen verwickelt waren, vor Gericht gestellt werden sollen. Johnston meint, in Pettigo sei es im Großen und Ganzen eigentlich nie besonders feindselig zugegangen. „Wir gehen freundlich miteinander um.“ Er selbst hat seine Gewalterfahrungen hinter sich gelassen: „Ich lasse diese Sachen nicht von meiner Erinnerung Besitz ergreifen.“

Der Termon entspringt nur wenige Meilen entfernt im Lough Derg, einem Binnensee in der irischen Grafschaft Donegal. Ein von der EU gesponsertes Schild auf einer Steinbrücke erklärt, dass der Fluss früher die Grenze der klösterlichen Besitztümer am Lough Derg markierte. Das Kloster St. Patrick liegt mitten im See auf Station Island und ist ein traditioneller Wallfahrtsort der Katholiken. Johnston und sein Vater waren für die Wartung der Boote zuständig, mit denen die Pilger zu der Insel übersetzten. „Das war ein verdammt kalter Ort“, meint Johnston, „da habe ich mit den Pilgern gebüßt.“

1 Es handelt sich um Thomas Murphy, der nach langwierigen Prozessen im Februar 2016 zu einer milden Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

2 Über diese mittlerweile drei Peace-Programme siehe: www.europarl.europa.eu/atyourservice/de/displayFtu.html?ftuId=FTU_5.1.9.html.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Susan McKay ist Journalistin und Autorin in Derry, Nord­irland. Sie leitet ein Kunsthaus in Leitrim südlich der Grenze.

© London Review of Books, für die deutsche Übersetzung Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.07.2017, Susan McKay