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Die bescheidene Revolution

Geschichte des Zapatismus

Die bescheidene Revolution

Die indigene Selbstverwaltung im mexikanischen Chiapas ist ein Prozess, der schon über 20 Jahre dauert. Nun hat er eine neue Richtung genommen. Eine Frau aus dem Volk der Nahua, María de Jesús Patricio Martínez, tritt als erste indigene Präsidentschaftskandidatin an. Subcomandante Marcos, der Mann mit der Maske, ist in den Hintergrund getreten.

von François Cusset

Seit 23 Jahren arbeiten die Zapatisten in Chiapas jenseits der jahrhundertealten Prinzipien der politischen Repräsenta­tion, der Machtdelegation und der Trennung zwischen Regierenden und Regierten, die das Fundament von Staat und Demokratie in der Moderne bilden.

Die Größenordnung des Experiments ist beachtlich. In der Wald- und Bergregion, die über ein Drittel des Territoriums des Bundesstaats Chia­pas umfasst (mit 28 000 Quadratkilometer etwa so groß wie Belgien), sind rund ein Viertel der 100 000 bis 250 000 Einwohner (genaue Zahlen gibt es nicht) daran beteiligt. Diese wichtige Tatsache gerät leicht in Vergessenheit, wenn man nur an die maskierten Kämpfer oder die listige Eloquenz von Subcomandante Marcos alias Galeano denkt. Das zapatistische Abenteuer ist als großer Versuch kollektiver Selbstverwaltung in der Geschichte der Moderne vergleichbar mit den Arbeiter- und Bau­ern­rä­ten während der Russischen Revolution von 1917, bevor die Bolschewiken die Macht übernahmen; mit den Clubs und Räten der Pariser Kommune von 1871; mit dem Rätekommunismus in Ungarn und der Ukraine nach den Aufständen von 1919 und der direkten Demokratie der Bauern in Aragon und Katalonien im Spanischen Bürgerkrieg.

Im Gegensatz zu diesen historischen Beispielen gelang es dem Zapatismus, seine Basis zu festigen und eine ungekannte politische Autonomie aufzubauen. Die wird inzwischen von einer Generation getragen, die nach dem Aufstand von 1994 groß geworden ist. Im Laufe dieser 23 Jahre wurde der avantgardistische Leninismus der Anfänge ganz pragmatisch aufgegeben: „Als wir anfingen, waren wir quadratisch wie professionelle Politiker. Die indianischen Gemeinschaften, die eher rund sind, haben uns die Ecken und Kanten abgeschliffen“, witzelt Galeano. Da man die Macht nicht auf breiter Front übernehmen konnte, bestand die Herausforderung darin, die Art der Machtausübung selbst zu verändern.

„Der Kapitalismus wird nicht aufhören, es zieht ein großes Gewitter auf. Hier bereiten wir uns darauf vor, ohne ihn auszukommen“, meint lächelnd ein 20-Jähriger, der dem Rat von Morelia angehörte und gerade seinen Nachfolger einarbeitet. Von den fünf zapatistischen Zonen ist Morelia diejenige mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Mittendrin, an einem Hang auf 1200 Metern Höhe, liegt der Caracol (Schnecke), das Hauptquartier dieser Zone. Der Name verweist auf die unumgängliche Langsamkeit der Politik. Ringsum erstreckt sich eine Feld- und Wiesenlandschaft: 700 Hektar gemeinschaftlich angeeignetes Land für 7000 Einwohner, die weit verstreut auf dem ausgedehnten Territorium wohnen.

Zwischen einem Basketballplatz und einem provisorischen Auditorium aus bemalten Ziegeln kommen uns ein paar Dutzend Männer und Frauen mit Rucksäcken entgegen. Sie sind erschöpft von drei langen Versammlungstagen. Auf ihren gebräunten Gesichtern mischen sich die liebenswürdige Ausgeglichenheit der Tzotzil – der hiesigen indigenen Mehrheitsbevölkerung – und der Ernst von Menschen, die drei Tage miteinander über die Aufgaben diskutiert haben, die jeder von ihnen ehrenamtlich übernommen hat.

Drei junge Leute erklären uns, wie die Zone Morelia funktioniert. Für jeden Produktionssektor gibt es ein Kollektiv, vom Radio über Stoffherstellung bis zur Imkerei. Mit 140 Weidetieren, 10 Hektar Feldern im Wechselanbau (milpa), Gemüsegärten, 5 Hektar Kaffeeplantagen, ein paar Hühnerfarmen und Bäckereikooperativen kann sich die Zone selbst ernähren. Die Überschüsse werden an die Nichtzapatisten in der Zone verkauft, die Partidistas, die von den Subven­tio­nen leben, die die regierenden Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) an die Dörfer ihrer Anhänger zahlt. Indirekt ermöglicht dieses Geld der Regierung den Zapatisten, Dinge zu kaufen, die sie selbst nicht herstellen können: Maschinen, Büromaterial, ein paar Fahrzeuge. Einzelne Projekte, wie der Aufbau eines Lebensmittelgeschäfts mit Kantine, werden von den autonomen zapatistischen Banken (Banpaz oder Banamaz) finanziert, die Kredite zu einem Zinssatz von 2 Prozent vergeben.

Auch ohne Unterstützung von außen gibt es im gesamten zapatistischen Gebiet genug zu essen: einfache und traditionelle Lebensmittel wie Reis, Tortillas, Frijoles (schwarze Bohnen), Kaffee, Obst, seltener auch Hühnchen, Eier und Zuckerrohr. In den Häusern gibt es kaum Computer oder Bücher, kaum Autos, die Leute sind einfach gekleidet. Die materielle Ausstattung ist dürftig, aber alles Lebenswichtige ist verfügbar.

Papierflieger als Luftwaffe

Bildung, Gesundheit und Rechtsprechung werden hier nicht von Lehrern, Ärzten oder Richtern, sondern von freiwilligen ehrenamtlichen Mandatsträgern verwaltet – während ihrer Amtszeit kümmern sich die Nachbarn um ihr Feld und ihren Haushalt. Die etwa 600 zapatistischen Schulen in den fünf Zonen unterrichten Spanisch und in­dia­ni­sche Sprachen, Kolonialgeschichte und Politik (Kapitalismuskritik und soziale Bewegungen in anderen Ländern), Mathematik und Naturwissenschaften („Leben in der Umwelt“). Mit dem Abschluss der Sekundarstufe, im Alter von etwa 15 Jahren, können die Jugendlichen sich für eine Aufgabe melden. Dafür absolvieren sie eine dreimonatige Ausbildung, wenn die Versammlung über ihren Einsatz abgestimmt hat.

Am Ortsausgang von San Cristóbal de las Casas steht die einzige zapatistische Universität: das Indigene Zentrum für integrale Schulung (Cideci). Die gesamte Einrichtung stammt von den Studierenden selbst, bis hin zu Treppengeländern oder bemalten Vorhängen. Jedes Jahr werden hier 200 junge Menschen aufgenommen, um selbstbestimmt Fähigkeiten und Wissen zu erwerben, von Theologie über Schuhherstellung bis zum Maschinenschreiben – angesichts der ständigen Stromausfälle sicherer als Textverabeitung. Das Cideci orientiert sich an den antiutilitaristischen Grundsätzen des Pädagogen Ivan Illich („Lernen ohne Schule“) und frühen indianischen Weissagungen. Hier finden auch die großen zapatistischen Colloquien statt, zuletzt im Dezember 2016 über das Verhältnis der Naturwissenschaften zur Selbstbestimmung.

Auch das Gesundheitssystem funktioniert: „Gesundheitshäuser“ bieten eine gute Grundversorgung, vom Ul­tra­schall bis zur Augenuntersuchung. In jedem Caracol gibt es eine Klinik, in der momentan allerdings nur freiwillige Ärzte aus dem Ausland praktizieren; NGOs liefern Medikamente. Der Einsatz von Heilkräutern und traditionellen Behandlungsformen wird allerorten unterstützt, Prävention hat Priorität.

Die zapatistische Justiz wird von Freiwilligen und Ad-hoc-Gerichten ausgeübt und befasst sich meist mit geringfügigen Vergehen wie Streitigkeiten um Land oder Konflikte innerhalb der Dörfer. Dabei geht Wiedergutmachung vor Bestrafung, man spricht mit den Beschuldigten, und statt einer Haftstrafe setzt man auf Gemeinschaftsarbeit. Es gibt nur ein Gefängnis für alle fünf Zonen. Auch die Nichtzapatisten schätzen dieses System, das Verbrechen und häusliche Gewalt in den letzten 20 Jahren stark zurückgedrängt hat. Dazu hat auch das Alkoholverbot (ley seca) beigetragen, das die Frauen als eine der ersten zapatistischen Regelungen durchgesetzt haben.

Immer mehr Partidistas nehmen die Angebote der Zapatisten in Anspruch und lernen so etwas anderes kennen als Vetternwirtschaft, Bürokratie und Abhängigkeit vom Geld der Regierungspartei. Die Zapatisten wollen sich aus allen Abhängigkeiten befreien, auch von den NGOs. Doch die Selbstverwaltung bleibt Stückwerk, oft Provisorium: Man zapft den Strom vom landesweiten Versorger ab, ohne zu bezahlen, und ist in einigen Bereichen von kollektiven Spenden oder Käufen abhängig, etwa bei Speiseöl oder Handys.

Das Prinzip lautet „caminar preguntando“ (fragend gehen). Überall ist zudem das Motto „mandar obedeciendo“ (gehorchend befehlen) zu lesen – ein Hinweis darauf, dass selbst der reine Horizontalismus anarchistischer Lehre einer Prise vertikaler Organisation bedarf. Die Gemeinden werden zwar ausführlich konsultiert, es gibt oft ein langes Hin und Her zwischen Rat und Gemeinde, aber letztlich sind es die Räte, die Vorschläge formulieren, vorlegen und bei Bedarf eine Abstimmung nach dem Mehrheitsprinzip organisieren.

Alle geben zu, dass bei den ausführlichen Beratungen das Volk manchmal einschläft. Doch man hofft, dass anstelle eines rein horizontalen Systems eine fruchtbare Spannung zwischen einer Regierung aller durch alle und diagonalen oder vertikalen Mechanismen entsteht. Es ist eine prozessuale, entwicklungsfähige Regierungsform, in der man ständig Neues erfinden und austesten muss.

Die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN), die im Januar 1994 aus dem Urwald der Selva Lacandona hervortrat und den bewaffneten Kampf gegen die mexikanische Regierung begann, war eine hierarchisch und militärisch organisierte Gruppe, die dem Geheimen Indigenen Revolutionsausschuss (Comité Clandestino Revolucionario Indígena, CCRI) unterstand. Die EZLN wacht weiterhin über das zapatistischen Experiment, aber sie beschloss 2003, sich aus der Politik zurückzuziehen; sie brach mit dem mexikanischen Staat und richtete das System der basisdemokratischen Selbstverwaltung auf drei Ebenen ein: die Dorfgemeinschaften mit ihren Bevollmächtigten oder Ausschüssen (für Sicherheit, Produktion und so weiter); die Gemeinden (municipios), bestehend aus mehreren Dörfern; und die fünf Zonen (Morelia, La Garrucha, Roberto Barrios, Oventic und La Realidad).

Die regionale Besonderheit des Zapatismus macht ihn nur begrenzt zur Nachahmung tauglich. Heterogene, ja eigentlich inkompatible Elemente kommen hier zusammen: die Kultur der mesoamerikanischen Völker, vor allem der Tzo­tzil, Tzeltal, Tojolabal und Ch’ol, ihre überlieferte Kosmologie und spirituelle Verbindung zur Natur, aber auch ihre lange Geschichte des Widerstands gegen die Kolonisierung. Die Kirche spielt auch eine entscheidende Rolle, der typische synkretistische Katholizismus Mexikos ebenso wie die Befreiungstheologie, die „Kirche der Armen“. Darin findet sich auch eine andere Form der Erinnerung an den Kolonialismus, denn die Einzigen, die die Indigenen Mexikos gegenüber den Conquistadores in Schutz nahmen, waren Geistliche wie der Dominikaner Bartolomé de las Casas oder Bischof Vasco de Quiroga mit seiner Idee einer „Indianerrepublik“. Der entscheidende Impuls ist natürlich die marxistisch-leninistische Lehre der Guerillas in den 1960er und 1970er Jahren.

Dazu kommen weitere unerwartete Elemente, wie libertäre, vor allem anti­patriarchale Ideen: Der zapatistische Grundsatz einer radikalen Geschlechtergleichheit knüpft an die Zeit vor der Kolonialisierung an. Und dann ist da die mexikanische Geschichte mit ihren nationalen Besonderheiten und ihrem Stolz. Es wäre ein Missverständnis, den Zapatismus als Projekt der Abspaltung und Unabhängigkeit von der mexikanischen Nation zu sehen. Bei jeder Versammlung des 1996 gegründeten Nationalen Indigenen-Kongresses (CNI) wird vor den zapatistischen Liedern die Nationalhymne gesungen, und die mexikanische Nationalflagge weht stets neben der rot-schwarzen Fahne. „Wir wollen keinen Staat im Staate schaffen, nur einen Ort, an dem wir frei sein können“, erklärten die EZLN-Kommandanten immer wieder.

Namensgeber der Bewegung ist der Bauernführer Emiliano Zapata, General der Revolutionsarmee des Südens, der 1919 ermordet wurde. Zuvor hatte er einen Plan zur Umverteilung von Land und Ressourcen sowie für eine demokratische Verwaltung entworfen und ihn auch für kurze Zeit in einer modernen sozialen Republik durchgesetzt.

Mexiko ist ein hoch politisiertes Land mit einem dichten Netz von Vereinen und Aktivistengruppen; seit über einem Jahrhundert wird etwa um den Status von gemeinschaftlichem Grundbesitz (éjido) gestritten. Korrumpierte Instanzen der Revolution (wie die PRI) mit ihrer Rhetorik der sozialen Gerechtigkeit stehen den echten Aufständen gegenüber, deren blutige Unterdrückung sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben hat.

Was den Zapatismus ausmacht, ist zum einen sein heterogener Mix von kommunistischen, Gleichheits- und Differenztheorien, zum andern auch seine Tonlage, sein Kampfstil und die Lebensweisen, die er hervorgebracht hat. Bescheidenheit, Stolz, Kampfbereitschaft, Sanftheit der Geste, ein geduldiges Verhältnis zur Zeit, Akzeptanz von Utopien und der eigenen Verletzlichkeit fasst er zu einem zentralen Konzept der Würde zusammen, gepaart mit dem poetischen Universalismus indigener Überlieferungen – und dazu kommt viel Humor und Selbstironie.

Ein Esel namens Internet

Subcomandante Marcos etwa gab seinem Esel, mit dem er 1995 seine Nachrichten an die Regierung überbrachte, den Namen „Internet“; und die EZLN bezeichnete ihre Papierflieger mit abschreckenden Botschaften, die sie über den Militärsperren abwarfen, als „Luftwaffe der zapatistischen Armee“. Karl Marx stand hier ebenso Pate wie die Marx Brothers. Marcos erklärte gern, die besten westlichen Texte zur politischen Theorie seien für ihn „Don Quijote“, Shakespeares „Macbeth“ und die Romane von Lewis Carroll.

Ende 2016 begann eine neue Phase des Zapatismus, als der CNI gemeinsam mit den Gemeinden beschloss, einen Indigenen Regierungsrat zu bilden und eine Vertreterin zu wählen, die für die mexikanische Präsidentschaft kandidieren sollte. Diese Entscheidung stieß bei den Anhängern einer unabhängigen Selbstverwaltung auf heftige Kritik – sie sehen darin einen Kompromiss mit der repräsentativen Demokratie. Der CNI erklärte dazu, es gehe nicht um die Macht, sondern darum, die Bedeutung der 56 indigenen Ethnien Mexikos (14 Prozent der Bevölkerung, 16 Millionen Menschen) und damit auch die „aller Minderheiten“ hervorzuheben. Die Ini­tiative ziele darauf ab, allerorten Formen der Selbstorganisation zu fördern. Man wolle das Terrain des Gegners besetzen und den „Indigenen“ der Welt klarmachen, dass der Kapitalismus in seine letzte Zersetzungsphase eingetreten sei und dass es Möglichkeiten gibt, ohne ihn auszukommen.

Der vom CNI eingeschlagene Weg hat auch mit dem aktuellen politischen Kontext zu tun: Der Drogenhandel in Mexiko hat ein Volumen von 50 Mil­liar­den US-Dollar, der Drogenkrieg forderte in den letzten 10 Jahren 200 000 Todesopfer, 500 000 Menschen wurden vertrieben, Parteien und Institutionen sind größtenteils korrupt. Die Entscheidung für den Indigenen Regierungsrat und die Präsidentschaftskandidatur wurde in einem Kommuniqué1 vom 29. Oktober 2016 damit begründet, dass es zahlreiche indigene Aktivitäten (gegen den Staat, multinationale Konzerne und Drogenkartelle) quer durchs ganze Land gibt, mit denen sich der CNI solidarisch erklärt und die koordiniert werden sollen, damit die Aktivisten nicht auf sich selbst gestellt bleiben. Ende Mai wurde im CNI die Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen 2018 bestimmt: María de Jesús Patricio Martínez, genannt Marichuy, gehört zum Volk der Nahua und ist Ärztin der traditionellen Medizin.

Der Zapatismus will also wieder Akteur auf der politischen Bühne werden. Nach wie vor unterhält die mexikanische Armee mehrere Dutzend Militärposten rund um die fünf Zonen in Chia­pas. Und nach wie vor verbreiten Paramilitärs teils Terror und Schrecken, wie bei den gewaltsamen Übergriffen in La Realidad im Mai 2014 oder in La Garrucha im Sommer 2015. Zudem engagieren sich immer mehr multinationale Konzerne in Chiapas: Der ärmste Bundesstaat ist der wichtigste Lieferant für Öl, Kaffee und Wasserkraft, fast 20 Prozent seines Territoriums sind bereits per Konzession an Bergbaukonzerne oder Touristikunternehmen vergeben.

In den zapatistischen Zonen, wo Unterstützer und Nichtzapatisten aufeinandertreffen, wo staatliche Subventionen und Schmiergelder der Parteien fließen und die örtlichen Kaziken (Großgrundbesitzer) ein Vermögen verdienen, wenn sie ihr Land den Bergbauunternehmen überlassen, ist das fragile politische und wirtschaftliche Gleichgewicht der Gemeinden ständig bedroht. Sie bemühen sich daher, nicht auf Provokationen zu reagieren, um keinen Vorwand für einen Militäreinsatz zu bieten.

Vor der Schranke zum Caracol von Morelia hat sich eine Gruppe Partidistas niedergelassen, man trinkt seit dem Morgen Bier und Tequila, um die Zapatisten, die zu den Versammlungen erschienen sind, mit ihrem Alkoholverbot aufzuziehen. Die sind stolz auf ihre politische Selbstverwaltung und ihren kämpferischen Diskurs; sie haben der Welt bewiesen, dass sie nicht die Marionetten von Subcomandante Marcos sind. Doch im Alltag bedeutet das für diese „zerbrechliche Armada“2 vor allem Schikanen und Hänseleien, Spannungen und Bedrohungen. Im Augenblick hält sie noch durch.

1 „Que retiemble en sus centros la tierra“ („Damit die Erde in ihren Zentren erbebe“), Enlace Zapatista, 14. Oktober 2016: enlacezapatista.ezln.org.mx.

2­ „La fragile Armada“, Dokumentarfilm (2002) von ­Jacques Kebadian und Joani Hocquenghem.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

François Cusset ist Historiker. Autor von: „La Droitisation du monde“,Paris (Textuel) 2016.

Geschichte des Zapatismus

Die Geschichte des Zapatismus in Chia­pas lässt sich bisher in drei Etappen zusammenfassen: 12 Tage Aufstand gegen den Staat, 9 Jahre Verhandlungsversuche mit dem Staat, 14 Jahre Selbstverwaltung ohne den Staat.

Die EZLN formierte sich 1983 im Untergrund und besetzte am 1. Januar 1994 die großen Städte im Süden von Chia­pas. Die nachfolgenden Kämpfe mit der mexikanischen Armee dauerten 12 Tage. Nach dem Waffenstillstand lud Bischof Ruiz García zu Friedensverhandlungen in die Kathedrale von San Cristóbal. Sie wurden durch eine Militäroffensive im Februar 1995 unterbrochen, die in einen langen Zermürbungskrieg zwischen von der Regierung finanzierten Paramilitärs und der EZLN mündete. Chiapas wurde zum Epizentrum der sozialen Bewegungen, hier fanden der nationale demokratische Konvent von 1994 und verschiedene internationale Treffen statt. Zugleich gab es zahlreiche politische Morde und die Bedrohung durch Paramilitärs, die Ende 1997 in dem Massaker an 45 Indigenen, vor allem Frauen und Kindern, im Lager Acteal gipfelte.

Wenig später zerbrach auch das Bündnis mit der parlamentarischen Linken, namentlich der Partei der Demokratischen Revolution (PRD) unter Führung von Andrés Manuel López Obrador. Die Abkommen über die „Rechte und Kultur der Indigenen“ (zur gemeinschaftlichen Selbstverwaltung und autonomen Entwicklung) von 1996 blieben wegen der Ablehnung durch Präsident Ernesto Zedillo wirkungslos und wurden nicht wie vorgesehen in die Verfassung aufgenommen. Auch der große „Marsch der Farbe der Erde“ (Marcha del Color de la Tierra) der Zapatisten von 2001 mit einer Rede der Comandanta Esther vor dem Parlament blieb ohne Folgen. 2003 riefen die Zapatisten schließlich zum Bruch mit der „schlechten Regierung“ (mal gobierno) auf und begannen im August desselben Jahres mit dem Aufbau der basidemokratischen Selbstverwaltung. Die Caracoles wurden gegründet.

Der „andere Wahlkampf“, den Subcomandante Marcos mit viel Spott vor der Präsidentschaftswahl 2006 führte, isolierte die Zapatisten weiter. Zwischen 2009 und 2012 kursierten Gerüchte über eine wachsende Politikmüdigkeit in Chiapas und den Tod von Marcos. Doch am 21. Dezember 2012, dem Ende eines Zyklus des traditionellen Maya­ka­len­ders, zogen die Zapatisten mit 40 000 Anhängern in Schweigemärschen durch alle Städte, die sie 1994 besetzt hatten. Laut einer Mitteilung der EZLN stand dieses Schweigen für „den Lärm ihrer Welt, die zusammenbricht, und den Klang unserer Welt, die wieder aufersteht“. Das informelle Sexta-Netzwerk wurde gegründet, das allen sozialen Bewegungen weltweit offensteht, und im Mai 2014 trat Subcomandante Moisés die Nachfolge von Marcos an der Spitze der EZLN an, der sich seither Galeano nennt.⇥F. C.

Le Monde diplomatique vom 13.07.2017, François Cusset