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Die toten Häuser von London

Die Brandkatastrophe im Grenfell Tower ist Symptom einer jahrzehntelang verfehlten Wohnungspolitik in London. Die zielt einzig darauf ab, möglichst viel Geld in die Stadt zu holen und möglichst wenig auszugeben – etwa für den sozialen Wohnungsbau.

von Rowland Atkinson

Als das Feuer den Grenfell Tower, einen 24-geschossigen Sozialbau in einem der wohlhabenden Stadtteile Londons, zerstört hatte, gaben Regierungsmitglieder mit sichtlichem Unbehagen Erklärungen dazu ab. Sie sind schließlich für die immer neuen Kürzungen bei den öffentlichen Dienstleistungen verantwortlich, die mit zu der Katas­trophe beigetragen haben.

Der Hochhausbrand illustriert die Folgen einer ideologischen Fixierung auf Einsparungen bei der Gebäudesicherheit, die dann – unter anderem – zur Verwendung von offenbar feuergefährlichen Dämmplatten geführt haben. Angesichts der mindestens 80 Toten sind viele Bürger nicht nur wütend und traumatisiert, sondern sie beginnen auch, die politischen und ökonomischen Entscheidungen zu hinterfragen, die möglichst geringe Ausgaben erzwingen. Zunehmend drängt sich der Eindruck auf, dass in einer Stadt, die immer mehr für die Reichen da ist, ärmere Menschen kaum noch eine Rolle spielen. Haushaltskürzungen bei den Kommunen und öffentlichen Dienstleistungen sowie bürokratische Sicherheitsbestimmungen bilden in Verbindung mit der starken sozialen Ungleichheit eine brisante Gemengelage mit weitreichenden politischen Folgen.

Der Grenfell Tower liegt im Wahlkreis Kensington und Chelsea, der bei den Wahlen Anfang Juni mit gerade einmal 20 Stimmen Vorsprung erstmals an die Labour-Partei ging. Beherrschendes Thema im Wahlkampf war die Wohnungspolitik. Der Stadtbezirk erzielte bisher regelmäßig Haushaltsüberschüsse und gewährte seinen Bewohnern Ermäßigungen bei der Gemeindesteuer, während er gleichzeitig möglichst wenig Geld für Erhalt und Sicherheit seiner Sozialbauten ausgab.

Hier, in Londons westlicher Innenstadt, treten massive Ungleichheiten besonders deutlich zutage. Sozialbauten existieren neben mehrere Millionen Pfund teuren Wohnungen, deren Preise von ausländischen Investoren und reichen Käufern immer weiter in die Höhe getrieben werden.

Geldanlagen für die globale Elite

Die Brandruine des Grenfell Tower ist zu einem Symbol für die schleichende soziale Katastrophe einer gnadenlosen Sparpolitik geworden. Die Leute spürten, dass die Armen immer weniger zählen und sozial wie physisch nicht ausreichend geschützt werden. Manche fragten sich sogar, ob das Feuer womöglich Teil eines Plans zur Beseitigung der hässlichen Sozialbauten und zur Entfernung ihrer armen Bewohner aus der Gegend war. Der Brand schien das Ereignis zu sein, an dem die Regierung gemessen wird – eine Regierung mit äußerst knapper Mehrheit, die Allianzen schmieden muss, um weiterregieren zu können.

Die Stimmung in London scheint zu kippen. Jetzt, da viele jüngere Leute wieder wählen gehen und Labour-Chef Jeremy Corbyn sich neuen Respekt verschafft hat, liegt ein Wechsel in der Luft, der in künftigen Wahlen wirksam werden könnte. Viele Wähler stellen die Frage, für wen die Stadt da sein soll, und ihre Antwort lautet nicht: für das Kapital.

Seit dem Großbrand fordern viele eine vermehrte Schaffung von hochwertigem und zugleich erschwinglichem Wohnraum. Voraussetzung dafür wäre allerdings die Einsicht, dass das Pro­blem nicht nur im sozialen Wohnungsbau liegt, sondern im Rückgang öffentlicher Investitionen allgemein und im rüden Umgang mit der ärmeren Stadtbevölkerung. Die meisten vorhandenen und künftigen Hochhäuser in London sind keine Sozialbauten. Über 400 Projekte sind derzeit im Bau oder genehmigt. Praktisch keine der entstehenden Wohnungen ist für Normalverdiener erschwinglich und nur sehr wenige gehören der öffentlichen Hand.

In den nun häufig erzählten Geschichten von massiver Ungleichheit und Wohnungsnot in London stehen die privat errichteten Wohntürme für die Extreme in der Stadt und für die Unfähigkeit des Staats und des Markts, soziale Grundbedürfnisse zu befriedigen. Diese Gebäude sind als Polster für die globalen Eliten gedacht, und sie sehen auch so aus, als wären sie nur dafür gemacht, Geld zu parken. Die „Gemeinschaft“, die Stararchitekten und Immobilienmakler auf Plakatwändenund in Prospekten beschwören, ist nichts als eine Verkaufspräsentation für die durch die Welt treibende Klasse der Reichen und der Investoren.

Welche Drogen die Architekten des goldfarbenen Apartmentblocks neben dem Battersea-Kraftwerk auch genommen haben: Inspiriert waren sie eindeutig von einem Pfund-Sterling-Zeichen und nicht von dem fliegenden Schwein, das auf dem Pink-Floyd-Album „Animals“zwischen den Schornsteinen schwebte.

Die meisten Neubauten entlang der Themse sind eine Parodie des Raums und ein Trugbild öffentlichen Lebens. Es sind tote Plätze und Behausungen, deren Leblosigkeit den Tauschwert in die Höhe treiben soll, statt den Nutzwert als Wohnungen zu betonen. Die häufig gestellte Frage, wozu solche Bauvorhaben eigentlich gut sind, geht Managern wie Politikern deutlich auf die Nerven.

Dass London die Superreichen aus aller Welt wie ein Magnet anzieht, ist für seine übrigen Bewohner alles andere als ein Segen. Der Boom ging mit einer aggressiven Gentrifizierung einher, mit der Kündigung von Mietverträgen und dem Abriss öffentlicher Wohnungen, mit Verdrängung von Bewohnern und Änderungen der Sozialgesetzgebung. Der Zusammenhang zwischen Investitionen und Zerstörung ist offenkundig.

Der 1980 verstorbene Sozialphilosoph Erich Fromm hätte zu den Prachtbauten und Ruinen der Investoren und Immobilienentwickler bestimmt einiges zu sagen. In seinem späteren Leben beschäftigte ihn der hohe Wert, den unsere Kultur den Dingen beimisst statt den Menschen, dem Haben statt dem Sein. Unser Streben nach leblosen Dingen lasse, so Fromm, auf eine „ne­kro­phile Gesellschaft“ schließen, die darauf fixiert ist, den Tod zu verleugnen und sich lieber glänzenden Objekten zuwendet. Ist die aufgeblasene Londoner Skyline also das Ergebnis einer städtischen Ökonomie, die sich vom Todestrieb des Kapitals und der ungehemmten globalen Reichtumsakkumulation hat einspannen lassen?

In seinem Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ von 1973 definierte Fromm Nekrophilie als die Affinität zu allem Toten, ein rein mechanisches Interesse, das sozialen oder menschlichen Bindungen aus dem Weg geht. Dies scheint eine zutreffende Beschreibung für die Liebe zu sein, die die Superreichen unbelebten Dingen entgegenbringen. Wohneigentum wird als Symbol für das eigene Fortkommen und den Status erworben, bleibt dann aber ganz oder teilweise unbewohnt. Die Werbeprospekte für viele dieser Bauvorhaben zeigen leere Räume mit Blick auf die City. Die potenziellen Käufer können sich dort imaginieren als die erfolgreichen Wirtschaftskapitäne der Stadt, ohne von der Nachbarschaft oder den bedrückenden sozialen Unterschieden etwas mitzubekommen.

Das wäre alles nicht weiter schlimm, hätten diese unbelebten Räume nicht eine derart zersetzende Wirkung auf das soziale Gefüge der Stadt. Der massive Kapitalzufluss aus dem Ausland hat dazu geführt, dass die Bautätigkeit sich nur noch an den Bedürfnissen der Wohlhabenden und der ausländischen Käufer orientiert. Damit nimmt aber auch die Legitimität und die elementare Bedeutung des sozialen Wohnungsbaus Schaden. Dieser gilt nur noch als Verschwendung öffentlicher Mittel, während es doch Käufer genug gibt, an denen viel mehr zu verdienen ist.

Das soziale Leben der Stadt verschwindet unter diesen Umständen nach und nach. Die Stadt verhungert gewissermaßen, aus Mangel an Menschen und sozialem Austausch. Diese Entwicklung wird begleitet von einem politischen System, das die Bedeutung einer Stadt an dem darin vorhandenen Reichtum bemisst und nicht daran, dass sie Wohlstand hervorbringt und verbreitet.

Leere Villen in Billionaire’s Row

Einen Eindruck von diesem Prozess der Akkumulation und gleichzeitigen Entleerung bekommt man beim Spaziergang durch den luxuriösen Geschäfts- und Wohnkomplex One Hyde Park oder die von leeren Stadtvillen gesäumte Bishops Avenue, auch Billionaire’s Row genannt, im Norden von Hampstead Heath.

Die Londoner Bürger leben in einem ständigen Kampf mit Wohnkosten und um das knappe Gut Wohnraum, während sich gleich nebenan eine Landschaft leerer Hüllen erstreckt, die doch Raum zum Wohnen sein sollten. Ein hoher Prozentsatz von Privatwohnungen ist selten oder gar nicht bewohnt, während viele Leute, die auf der Warteliste für eine Sozialwohnung stehen, aus ihrem Stadtteil oder gleich ganz aus der Stadt wegziehen müssen. In London warten derzeit 300 000 Familien auf eine öffentlich geförderte Wohnung.

Am Südufer der Themse in der Nähe von Nine Elms stehen, eins neben dem anderen, etliche neue Hochhäuser. Die Gebäude glänzen wie tote Makrelen, und sie stinken auch so – nach Korruption bei den Baubehörden und einem verrotteten System, das mit den Bedürfnissen normaler Menschen nichts mehr zu tun hat.

Das Argument, mit dem die neue Sykline stets verteidigt werden soll, lautet, dass die Volkswirtschaft und die Bevölkerung als Ganzes von derlei Investitionen profitieren. Doch die Tatsache, dass es auf der einen Seite die großen Gewinner gibt und auf der anderen die schutzlosen Verlierer, macht diese Behauptung zunichte.

Auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan scheint das nicht zu glauben: Er ließ prüfen, wie viele leerstehende Wohnungen im Besitz ausländischer Investoren sind. Für eine aktuelle Erhebung wurden Stromrechnungen überprüft, um Haushalte mit ungewöhnlich niedrigem Verbrauch zu identifizieren. Mit dem Ergebnis, dass rund 21 000 Wohnungen offenbar dauerhaft unbewohnt sind. Offiziellen Statistiken zufolge stehen in der Innenstadt und im westlichen London 5 Prozent aller Wohnungen leer.1

Unabhängige Gruppen haben auch darauf hingewiesen, dass tausende Wohnungen durch anonyme, mutmaßlich kriminelle Käufer erworben wurden. Der Leiter der Behörde zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens (NCA) geht davon aus, dass das viele Geld aus illegalen Quellen zur Preisexplosion auf dem Immobi­lien­sektor beiträgt. Derzeit laufen strafrechtliche Ermittlungen zu Wohnungskäufen im Wert von hunderten Millionen Pfund wegen des Verdachts der Geldwäsche; die tatsächlichen Summen liegen vermutlich um ein Vielfaches höher.2

Unterdessen hat Transparency International enthüllt, dass in Kensington und Chelsea (wo der Grenfell Tower steht) die Eigentümer von etwa 10 Prozent der Wohnungen – das entspricht einem Gesamtwert von 122 Milliarden Pfund – sich mithilfe einer Geheimhaltungsklausel in Steueroasen haben registrieren lassen. Die personell ausgedünnten Finanzämter gehen dem nur in seltenen Fällen nach.

Es ist ein himmelschreiendes Unrecht, dass die für die Stadt so wichtigen Arbeitnehmerhaushalte und auch Haushalte mit mittleren bis höheren Einkommen nur noch unter großen Schwierigkeiten anständigen Wohnraum finden, während tausende Wohnungen für Leute errichtet werden, die nie genutzt werden. Und die Planungsbehörden genehmigen den Bau von Blocks mit hunderten Wohneinheiten, in denen eine Einzimmerwohnung mehr als 600 000 Pfund kostet, während der kleine Anteil bezahlbarer Wohnungen in solchen Projekten für ein Vermarktungsproblem gehalten wird. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass sich Bauherren und Immobilien­entwickler mit allen möglichen Tricks um die gesetzliche Pflicht herumdrücken, entweder bezahlbaren Wohnraum zu schaffen oder eine entsprechende Summe an die Kommune abzuführen. Die Kritik daran gibt es seit Jahren, aber seit der Brandkatastrophe ist daraus Wut geworden.

Im Jahr 1951 hatte Greater London – 32 Stadtbezirke plus die City, das historische und finanzielle Zentrum – exakt 8 164 416 Einwohner; es war ein Spitzenjahr für London wie auch für viele andere britische Städte. Bis 1981, in der Frühzeit der Thatcher-Ära, war die Einwohnerzahl infolge des wirtschaftlichen Wandels und der Abwanderung in die Vororte auf 6 608 513 gefallen. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass die britischen Innenstädte einst von wirtschaftlicher Stagnation, von sozialem Niedergang und Abwanderung gezeichnet waren und dass der Begriff „Innenstadt“ ein Bild des Verfalls beschwor.

Die jüngste Volkszählung von 2011 ergab für London mit 8 173 900 Einwohnern einen Höchststand. Doch die scheinbare demografische Stärke verschleiert die massiven Veränderungen der Londoner Wirtschaftsstruktur und die vielen Opfer des Wohnungsmarkts. Je mehr sich die Stadt in ein Zentrum der globalen Finanzwirtschaft verwandelte, desto mehr veränderten sich auch Stadtteile, die bis dahin vor Gentrifizierung sicher schienen.

Heute sieht London wieder einer unsicheren Zukunft entgegen. Wo man sich früher seiner ökonomischen Vormachtstellung in einem globalen System urbaner Kommandozentralen sicher war, machen sich allmählich Ängste breit, weil viele Banken und Finanzinstitute über einen Wegzug nachdenken. Mit dem Brexit erscheint es nun immer wichtiger, das Huhn, das goldene Eier legt, in der Stadt zu halten, auch wenn die arbeitende Londoner Bevölkerung kaum etwas davon hat.

All diese Sorgen verstärken den Drang der Hauptstadt, sich in die Höhe und in die Breite auszudehnen. Schließlich gehen Prognosen von einem weiteren starken Anstieg der Zahl der Superreichen in London aus. Kritik an den ganz auf die internationalen Investoren zugeschnittenen Bauprojekten wird als realitätsblind abgetan; es gehe schließlich um Marketing im globalen Kontext.3

Doch selbst im Premiumbereich schwächelt der Immobilienmarkt angesichts des Brexit und der Bemühungen anderer Städte, ihrerseits große internationale Geldinstitute und wichtige Finanzmarktinstitutionen anzulocken. Mit jeder weiteren Krisensitzung schrumpft das Verkaufsvolumen im oberen Marktsegment. Die Regierung will derweil von den Sorgen über so­zia­ le Ungleichheit und Exklusion nichts wissen und kämpft in der Hoffnung auf eine ausgeglichene Leistungsbilanz verbissen weiter um jeden Käufer und jedes investitionswillige Unternehmen.

Die Londoner Oberschicht hat längst begriffen, wo das Geld herkommt. Was früher Establishment genannt wurde, könnte man heute auch als Platzanweiser für das internationale Kapital bezeichnen. Die Reichen aus aller Welt kommen nach London wegen der Finanzdienstleistungen und lösen die eifrige Bautätigkeit aus. Arbeitsplätze schaffen sie für Raumausstatter und Kindermädchen. Für den Immobilienerwerb zahlen sie Gebühren und Steuern (sofern sie nicht alles tun alles, um genau das zu vermeiden).

Endlose Wartelisten für Sozialwohnungen

Immobilien- und Finanzexperten überbieten sich mit Warnungen, dass jegliche Art von Steuern, Abgaben oder Regulierungsmaßnahmen den Kapitalzufluss zum Versiegen bringen würden. Das mag inzwischen sogar stimmen. Aber vor zwei Jahren stimmte es noch nicht. Damals ließen sich 10 Millionen Pfund teure Wohnungen verkaufen, bevor sie überhaupt gebaut waren.

Da die Regierenden es auch in guten Zeiten nicht geschafft haben, aus den vielen reichen Leuten mehr für alle herauszuholen, dürften die aktuellen wirtschaftlichen Risiken die Lage der Londoner Armen beziehungsweise der Arbeiterklasse weiter verschlimmern. Nachdem wir in den letzten zehn Jahren den Maseratis der Superreichen hinterhergehechelt sind, müssten wir diesen Leuten jetzt das Steuer aus der Hand nehmen, denn es wird weniger zu verteilen geben.

Die Stärke der Londoner City ist zugleich die Achillesferse der Stadt. Es ist allgemein bekannt, welche herausragende Rolle das Finanzzentrum für die Stadt und das ganze Land spielt, doch diese Abhängigkeit ist riskant. Für Städte, die ganz auf einen Wirtschaftszweig ausgerichtet sind, können Veränderungen extrem gefährlich werden, wenn sie plötzlicher Konkurrenz ausgesetzt sind. Solche Veränderungen haben in der Vergangenheit Glasgow, Sheffield, Birmingham und andere Städte verwüstet.

Heute ist es nicht ausgeschlossen, dass London wesentliche Dienstleistungen an Dublin, Paris oder Frankfurt verliert. Schon jetzt versuchen Finanzanalysten abzuschätzen, wie viele Banken und Finanzinstitute London wohl nach dem Brexit verlassen werden. Es dürften tausende werden. Auch wenn Banken nicht so mobil sind wie die Währungen und Dienstleistungen, mit denen sie handeln, wäre deren auf mehrere Jahre angelegter geordneter Teilrückzug eine durchaus realistische Möglichkeit.

In den guten alten Zeiten vor dem Brexit-Referendum hat man uns eingebläut, den Markt in Ruhe und die Steuersätze niedrig zu lassen, auf dass das ausländische Kapital London zugutekomme (ich bitte um Nachsicht, falls Sie da gerade zu zweit in einer Einzimmerwohnung saßen und auf der Warteliste für eine Sozialwohnung standen oder auf die Anzahlung für eine Hypothek gespart haben). Mit den Risiken, die der Brexit für die Londoner Wirtschaft mit sich bringt, hat sich die Lage zugespitzt. Über ganz London hängt sozusagen eine riesengroße Neonschrift: „Zu verkaufen“.

Viele bekannte und begehrte Immobilien sind im Besitz ausländischer Privatpersonen oder Investmentfonds, wie die Luxuskaufhäuser Harrods und Harvey Nichols oder der modernistische Wolkenkratzer The Shard. Viele Gewerbeimmobilien auf der Sloane Street gehören dem Staatsfonds von Katar.

Diese Entwicklungen belegen insgesamt einen Wandel in Bezug auf Klasse und Geschmack. Sie spiegeln eine Verschiebung wider – weg von den Adligen und Landbesitzern mit ihren Stadthäusern, hin zur wachsenden internationalen Schicht der Nutznießer der Globalisierung oder auch der Kriminalität. Deren Dreistigkeit und der rohen Gewalt ihres Geldes steht die Wut der wenigen verbliebenen alten Bewohner der westlichen Innenstadt gegenüber, die nicht mitbekommen hatten, wie andere Angehörige ihrer Klasse die „For sale“-Schilder vors Haus gestellt haben.

Die naheliegende Erklärung für alle Probleme Londons lautet: Geld. Geld ist der Grund, weshalb Politiker großzügig über dubiose Immobilienkäufe via Steueroasen oder mit Schwarzgeld hinwegsehen; weshalb Gentrifizierung als gut und richtig gilt und weshalb ärmere Einwohner lieber wegziehen sollten. Geld ist der Grund für die toten Räume entlang der Themse und anderswo.

Stadt als Sortieranlage für Chancen und Vermögen

Die Stadt, die durch diese Logik entsteht, hat ihr fettes Zentrum mit Reichtum und Luxuswohntürmen, während draußen die mageren Vororte schleichend verfallen, in die die weniger Betuchten der Stadt verdrängt werden. London verteidigt seinen Ruf als die Stadt mit den meisten Superreichen weltweit: 4750, um genau zu sein, darunter 80 Milliardäre.4 Das ist keine gute Werbung für eine Stadt, die sich in eine Sortieranlage für Chancen und Vermögen verwandelt hat, in der die Reichen zur einen Tür hineinkommen und die Armen zur anderen hinausgehen.

Der Leerstand in London ist das Ergebnis einer politisch gewollten Entwicklung, nämlich der entfesselten Märkte, gepaart mit einer überambitio­nierten urbanen Erneuerung. Und doch halten manche Leute die neue Londoner Architektur für einen Schritt in die richtige Richtung. So gab Patrik Schumacher, der neue Chef des Architekturbüros Zaha Hadid, das Wertesystem zu erkennen, das hinter seinen Geschäftspraktiken steht, als er forderte, den ­Hyde Park zu bebauen, den so­zia­len Wohnungsbau vollständig abzuschaffen und die Entscheidung, wer wo wohnt, allein dem Markt zu überlassen.5

Schumacher hatte zwar die öffentliche Reaktion falsch eingeschätzt – Bürgermeister Sadiq Khan zerriss seine Vorschläge in der Luft –, aber solcherlei Ideen sind nach wie vor weit verbreitet unter den Leuten, die auf der Gehaltsliste des internationalen Großkapitals stehen.

Im Allgemeinen gelten der Erhalt städtischer Wohnungen, die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit oder die Unterstützung von älteren oder behinderten Menschen als bedauerliche Probleme, für deren Lösung leider kein Geld mehr da ist, nachdem es frühere Regierungen zum Fenster hinausgeworfen haben.

Vor ungefähr 20 Jahren lief im Fernsehen ein Comedy-Sketch, in dem das bekannte Londoner Luxushotel Ritz an einen Oligarchen verkauft wird. Der Oligarch erklärt der Belegschaft, es werde kaum Veränderungen geben, nur einen kleinen Wunsch hätte er: den Namen in „Titz“ ändern.6 Inzwischen ist so etwas durchaus in den Bereich des Möglichen gerückt. Der Kulturschock und der anhaltende Konflikt des Finanzkapitalismus mit dem normalem Leben sind charakteristisch geworden für eine Stadt, die für ihre arbeitende Bevölkerung kaum noch etwas tut und immer größer, glänzender, leerer wird.

1 Karen Gask und Susan Williams, „Analysing low elec­tricity consumption using DECC data“, Office for National Statistics, Methodology Working Paper Series, Nr. 6, 2015.

2 Ben Moshinsky, „Britain’s government wants to publish the identities of foreign property owners as part of a money-laundering crackdown“, Business Insider UK, 6. April 2017.

3 Selbst Bürgermeister Khan erklärte zu dem von ihm in Auftrag gegebenen Bericht über Immobilieninvestitionen aus dem Ausland, dass „ausländische Investi­tionen wichtig sind, Bauherren die nötige Sicherheit und die Finanzmittel zu geben, damit sie das Angebot an Wohnungen und Infrastruktur für die Londoner Bürger verbessern können.“ (zitiert in: „Foreign investors snapping up London homes suitable for first-time buyers“, The Guardian, 13. Juni 2017.

4 Knight Frank, „The Wealth Report: the global perspective on prime property and investment“, London 2017.

5 Oliver Wainwright, „Zaha Hadid’s successor: scrap art schools, privatise cities and bin social housing“, The Guardian, 24. November 2016.

6 „Big Train“, „The Titz“: www.bbc.co.uk, 14. Mai 2010. „Titz“, wörtlich „Titten“, lässt sich hier etwa mit „geil“ übersetzen.

Aus dem Englischen von Nicola Liebert

Rowland Atkinson hat den Lehrstuhl für integrative Gesellschaften an der Universität Sheffield inne. Autor (mit Sarah Blandy) von: „Domestic Fortress: Fear and the New Home Front“, Manchester (University Press) 2016; Mitherausgeber von: „Building Better Societies“, Bristol (Policy Press) 2017.

© Le Monde diplomatique, London/Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.07.2017, Rowland Atkinson