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Für Guinea mit Guinea

Mit Durchhalteparolen wie zu Sowjetzeiten betreiben die Russen Afrikas ältestes Aluminiumwerk in Fria von Julien Brygo

Hundertjährige Bäume, Kolonialbauten, eine Landschaft aus dichten Wäldern und bewachsenen Felsen. Dann plötzlich in natura das Bild von der guineischen Banknote: die Bauxitminen von Fria, zwei Autostunden nördlich von Conakry. Dicht beieinander stehen drei Plattenbauten, mit Satellitenschüsseln auf fast jedem Balkon. Fria, 60 000 Einwohner, gleicht einer europäischen Bergarbeiterstadt, nur dass der feine Staub, der in der Luft liegt, nicht aus Kohle, sondern Bauxit besteht. Vor 60 Jahren gab es hier nur ein paar Hütten – doch das Dorf Kimbo ist längst von der Landkarte verschwunden.

Als Guinea vor über 50 Jahren, am 2. Oktober 1958, unter der Führung von Ahmed Sékou Touré (1922–1984) per Referendum entschied, sich als einzige Kolonie in Afrika vollständig von Frankreich zu lösen, ging Charles de Gaulle sofort beleidigt auf Distanz. Doch der große französische Aluminiumkonzern Pechiney blieb. Erst Anfang 1957 hatte er Fria mit internationaler Beteiligung gegründet.1 Die Verantwortung für Bau und Betrieb blieb bei Pechiney, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Verfahren zur Weiterverarbeitung des Aluminiumerzes Bauxit entwickelt hatte.

Neben der „ersten Aluminiumoxidfabrik auf afrikanischem Boden“ ließ Pechiney damals auch die Plattenbauten errichten, mit Fußballplätzen, Jugendzentren und Schwimmbädern.2 1973 wurde das Unternehmen in die gemischte Gesellschaft Friguia umgewandelt, mit dem Staat Guinea als Hauptaktionär (51 Prozent). 1997 zog sich Pechiney ganz zurück – und überließ dem Staat seine Anteile für einen Dollar.

Heute ist auf den Wohnblocks schon von weitem die Losung zu lesen: „Verantwortung, Zuverlässigkeit und Kompetenz“. Der russische Konzern RusAl (Russki Aljumini) ist seit 2001 in Guinea aktiv. Zunächst übernahm er das Management in der Bauxitmine von Kindia, westlich von Fria, und erwarb in Dian Dian, im Nordwesten des Landes, die Konzession zur Bauxitförderung. Ende 2002 folgte die Leitung von Friguia und nach deren Privatisierung der inzwischen umstrittene Kauf: Am 10. September erklärte ein Gericht in Conakry die Übernahme des Bauxit-Tonerde-Kombinats in erster Instanz für nichtig. Der Kaufpreis von umgerechnet 14 Millionen Euro sei nicht rechtens gewesen, nachdem Gutachter den Wert von Friguia auf umgerechnet 175 Millionen Euro angesetzt hatten. RusAl hat bereits angekündigt, das internationale Schiedsgericht in Paris anzurufen, das in solchen Fällen vermittelt.

Bakary Kourouma wohnt in dem alten Pechiney-Komplex im achten Stock. Als wir ihn besuchen, zeigt er uns eine Ehrenurkunde, das ihm RusAl zum Tag des Metallarbeiters 2006 verliehen hatte: „Für die hervorragende Arbeit in seiner Abteilung und seinen Beitrag zur Entwicklung des Unternehmens“. Als Leiter der städtischen Strom- und Wasserversorgung, die vollständig von dem Unternehmen abhängig ist, verdient Kourouma monatlich 900 000 Guinea-Francs (etwa 130 Euro). Für ihn bleiben allerdings nicht mehr als 15 Euro übrig: „Allein 200 000 Francs für meine Mutter, 100 000 für meinen Vater, noch einmal 100 000 für meine Schwester und meinen Bruder, 50 000 für die Telefonrechnung und noch einmal 50 000 fürs Motorradtaxi zur Arbeit.“ Von seinem Balkon blickt er auf eine riesige Villa für Führungskräfte. Auf dem von Stacheldraht umgebenen Gelände mit Schwimmbad leben zudem 40 russischsprachige Guineer.

In Guinea sollen etwa 16 Milliarden Tonnen Bauxit liegen, also ein gutes Drittel der weltweit bekannten Reserven dieses Minerals, aus dem Aluminium hergestellt wird. Gemessen am gegenwärtigen Verbrauch wäre der Bedarf damit in den nächsten 1 600 Jahren gedeckt. Bauxit macht 80 Prozent der guineischen Exporte aus (der Rest sind Eisen, Diamanten und Gold), womit 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet werden.

Seit dem Kurseinbruch3 im Herbst 2008 weigert sich die Direktion von RusAl, dringend erforderliche Modernisierungen in Angriff zu nehmen. 1 200 Angestellte und 1 600 Vertragsarbeiter fürchten um ihren Arbeitsplatz. „Wir halten die Fabrik irgendwie am Laufen, Ersatzteile bauen wir aus unseren eigenen Maschinen aus“, erzählt ein Arbeiter. „Weil die Rechnungen nicht bezahlt sind, kriegen wir keine Teile mehr.“ Die Direktion sagt, es ist die Krise, deshalb gibt es auch keine Lohnerhöhung, obwohl das Unternehmen als eines der wenigen in Guinea nicht einmal den nationalen Mindestlohn von 2,5 Millionen Guinea-Francs (330 Euro) zahlt.

Verfall und Autismus

„Wenn jeder Verantwortung übernehmen würde, ginge es unserer Fabrik besser, und alles würde wie am Schnürchen laufen.“ Das stand im Mai 2008 in der wöchentlich erscheinenden Werkszeitung Die Stimme von Rusal. Und weiter: Statt über den Verfall der Industrieanlagen und den Autismus der Russen zu jammern, die unter sich blieben und die Guineer aus allen Leitungsposten vertrieben hätten, sollten sich RusAls Arbeiter vielmehr fragen: „Was kann ich tun, um dem Unternehmen in dieser schwierigen Situation zu helfen? Was habe ich persönlich für die Reduzierung der Kosten, die Steigerung der Produktivität und die Einsparung von Rohstoffen getan?“

Als sich die Leute ein Jahr zuvor wegen der häufigen Stromausfälle in ihren Wohnungen beschwerten, veranstaltete RusAl unter dem Motto „Ich kann Energie sparen“ einen Zeichenwettbewerb für Kinder.

Illusionen macht sich hier niemand. Ibrahima Diallo Taribé arbeitete früher bei Pechiney, heute ist er Bahnhofsvorsteher. Er kenne sich zwar im „weltweiten Aluminiumgeschäft“ nicht so gut aus, sagt er, aber er habe gehört, dass RusAl seit 2008 der zweitgrößte Konzern in der Branche sei und dass der Chef der RusAl, der Oligarch Oleg Wladimirowitsch Deripaska, der achtreichste Mann Russlands und ein enger Vertrauter Putins sei.

Unter der orangefarbenen Sicherheitsweste trägt Gennadi Uljanitsch, der Pressesprecher des Unternehmens, ein Hemd der Fulbe, der größten Ethnie Guineas. Ein bisschen Lokalkolorit muss sein, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Er sitzt an seinem Schreibtisch, vor sich ein Foto seiner in der Ukraine gebliebenen Kinder, und haut wild in die Tasten, um letzte Hand an Die Stimme von Rusal zu legen. Jeden Artikel muss er vor Erscheinen der Zentrale in Moskau mailen. Zwischen zwei Korrekturen erzählt uns Uljanitsch, was ihn belastet: „In Moskau begreifen sie nicht, dass hier Familienväter in Schwierigkeiten kommen und dass jeder Arbeiter dutzende Mäuler stopfen muss.“ Und in einer Mischung aus Stolz und Sorge: „Die Guineer haben mir gesagt, an dem Tag, wo sie uns wegjagen, bin ich der Einzige, der ihnen leid tut.“ Uljanitsch ist sich sicher: „Die Chinesen“ werden RusAls Nachfolger.

Anfang April 2009 beschlossen die Arbeiter von Fria zu streiken. Sie appellierten auch an Präsident Camara. Der rügte zwar RusAl, verlangte aber von den Streikenden, wieder an die Arbeit zu gehen. Anfang Juni 2009 wurden zwar die niedrigsten Löhne um 40 Euro erhöht, aber der Mindestlohn wird noch immer nicht gezahlt.

„Junggesellenstadt“ werden die Wohnheime mit den winzigen heruntergekommenen Zimmern genannt, in denen es pro Haus nur einen Waschraum gibt. Draußen auf dem Hof treffen wir uns mit einem Dutzend RusAl-Leuten, die sich dem Verbot der Direktion, mit der Presse zu sprechen, widersetzen. Die Angestellten, Hilfsarbeiter,Vertragsarbeiter, Ingenieure und Handwerker lassen sich von dem Krisengerede nicht täuschen: „Die Russen sagen, der Konzern kann nur bleiben, wenn wir uns einschränken. Das ist doch die reinste Erpressung!“

„Als sie Fria übernommen haben, haben sie versprochen, dass sich nichts ändert. Die alten Rechte würden bestehen bleiben“, erinnert sich Gewerkschafter Mamadi Kourouma von der Confédération guinéenne des syndicats libres (CGSL), der wichtigsten Gewerkschaft im Betrieb. „Aber jetzt reden sie nur noch von Kostenreduzierung. Früher hat die Firma sich um die Instandhaltung unserer Wohnungen gekümmert, es gab keine Stromausfälle, und das Einkaufen bei Economat war billiger.“ Wie viele andere idealisiert der 29-jährige Arbeiter die Zeiten von Pechiney, deren Ende er noch miterlebt hat: Man erinnert sich daran umso positiver, je weniger man die Russen mag.

Wenn man sich heute ansieht, was von den Vorrechten übrig ist, fällt die Bilanz gemischt aus: Es gibt ein nagelneues Ausbildungszentrum, aber die Sportanlagen sind baufällig, Wasser und Strom, einst gratis, sind kontingentiert, der Kindergarten ist geschlossen, und den Fahrdienst nach Conakry für Missionare und Familien hat ein Subunternehmer übernommen. Dem „Hôpital Pechiney“, wie es im Volksmund genannt wird und das früher als Guineas bestes Krankenhaus galt, wurde das Budget gekürzt, und es bekommt nicht mehr regelmäßig Medikamente. Die Wohnungen sind aber immer noch mietfrei.

Als die Leute in Fria Anfang März 2009 gegen den Anstieg der Lebensmittel- und Benzinpreise protestierte, bekundeten sie gleichzeitig ihre Solidarität mit dem Putschistenregime von Hauptmann Camara, der gelobt hatte, die Korruption zu bekämpfen und sämtliche Bergbauverträge neu aushandeln zu lassen. Der verstorbene Präsident Lansana Conté, der während seiner 20-jährigen Amtszeit das Land komplett heruntergewirtschaftet hatte (seine eigenen Söhne dirigierten den weit verzweigten Handel mit Drogen und Prostitution), wird verantwortlich gemacht für das, was man nun als „Fria-Skandal“ bezeichnet, für den Ausverkauf der Ressourcen an ausländische Konzerne.

RusAl-Direktor Pawel Owtschinnikow bestreitet zwar, dass die Fabrik geschlossen werden soll, gibt aber zu bedenken, dass in den vergangenen 22 Jahren der Aluminiumverbrauch weltweit noch nie so niedrig gewesen war wie heute. „Russland war immer ein zuverlässiger Partner für die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika“, sagt Owtschinnikow, und dann erzählt er uns die ganze Geschichte: Wie Moskau und Peking in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit die Bodenschätze des guineischen Bruderlands erkundeten, wie eng die Zusammenarbeit auf akademischem und kommerziellem Gebiet gewesen sei und wie die damalige UdSSR dem Land zum Zeichen der sowjetisch-guineischen Freundschaft sogar Schneepflüge geschenkt hat und wie Ahmed Sékou Touré, der 1961 mit dem Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet wurde, Balletttänzer nach Moskau sandte.

Im „Hôpital Pechiney“ sagt Chefarzt Alpha Hassimou Diallo: „Wir müssen halt den Gürtel enger schnallen.“ Als er noch in den Krankenhäusern der Pariser Banlieue gearbeitet hat, hieß es auch immer, man müsse sparen, sparen, sparen. „Bei euch fangen sie doch auch an, bestimmte Medikamente nicht mehr zu bezahlen, oder?“ Dass man seine Klinik jetzt als Hospiz abqualifiziert, findet er ungerecht. So redeten Leute, die immer nur den alten Zeiten nachtrauern. „RusAl übernimmt 100 Prozent der Kosten. Das ist ein Krankenhaus für die Beschäftigten und ihre Familien, aber auch die übrige Bevölkerung kommt zu uns, weil wir den Ruf haben, das beste Krankenhaus Guineas zu sein. Kaum ein Drittel der Patienten sind Arbeiter oder Familienmitglieder, viele Patienten kommen als Notfälle her, und wir weisen sie nicht ab.“

Der russische Konzern hat allerdings auch hier seit 2007 keine Geräte mehr erneuert. „Die Krise, die berühmte Krise“, kommentiert Zahnarzt Boubacar Bah, der resigniert auf seine beiden alten Behandlungsstühle zeigt: Die Plastiksitze sind zerbrochen, alles ist rostig.

Krise oder nicht, von Fria fahren weiterhin jeden Tag die Waggons nach Conakry, vollgeladen mit Bauxit. Wenn die Züge in der Hauptstadt ankommen, richten sich die Alten auf und betrachten voller Stolz die einzige noch funktionierende Bahnlinie und rühmen dann die Reichtümer des Landes. Die jungen Guineer (60 Prozent der Bevölkerung) halten sich die Ohren zu und betrachten die Züge, die sie in Wolken aus weißem Staub tauchen, mit trotzigem Blick.

Wer hier lebt, an dem klebt das Aluminium. Es steht für 51 Jahre Unabhängigkeit in dem einzigen Land, das Frankreich Nein zu sagen wagte4 und von dem es heißt, es sei als einziges den Netzen der Françafrique entwischt. Doch entlang der Straßen erinnern riesige Werbetafeln an die einst gebräuchlichen Losungen: „RusAl: für Guinea, mit Guinea“.

Fußnoten: 1 Das waren die US-amerikanische Olin Matheison Chemical Corporation (48,5 Prozent), die französischen Unternehmen Pechiney und Ugine (26,5 Prozent), The British Aluminium Company Limited (10 Prozent), Aluminium Suisse SA (10 Prozent) und die deutsche Vereinigte Aluminium-Werke Aktiengesellschaft (5 Prozent). 2 Über den Paternalismus von Pechiney siehe Céline Pauthier, „Fria, une ville-usine en Guinée“, Université Denis Diderot, Paris VII, 2001–2002, S. 17 3 Ende 2008 kostete eine Tonne Aluminium weniger als 1 000 Euro, im dritten Quartal waren es noch 1 700 Euro gewesen. 4 Siehe Michel Galy, „Präsident der Plünderer“, Le Monde diplomatique, Dezember 2003.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Julien Brygo ist unabhängiger Fotojournalist; im September 2008 erschien sein erstes Buch (zusammen mit Laure Bigourd): „Paris–Conakry. Cinquante ans après le ‚Non!‘ de Sékou Touré à de Gaulle“, Paris (Karthala) 2008.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2009,