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Exotische Feindbilder und moderne Gotteskrieger in Afghanistan

von Patrick Porter

Die USA haben den Glauben verloren, sie könnten allein durch technologische Überlegenheit die Geschicke Afghanistans lenken. Zu Recht. Nun bemühen sie kulturelle Klischees über Stammestraditionen, den islamischen Ehrbegriff oder die bizarren Aspekte des Dschihads, um die Unverträglichkeit von Taliban und modernem Denken zu beweisen. Zu Unrecht.

Kämpfen wir gegen Außerirdische? Zumindest Ralph Peters scheint dies zu glauben. Der pensionierte US-Offizier und Polemiker fürchtet die Taliban wie irgendwelche Wilde, die „primitive Lebensformen und erbarmungslose Kulte pflegen“. Der Krieg gegen diesen Feind ist für ihn eine „Frontalkollision zwischen Zivilisationen aus unterschiedlichen Galaxien“.1

Peters ist keineswegs siegesgewiss. Er fürchtet die Islamisten als zähe und schwierige Gegner, die von einem „zornigen Gott“ in einen erbitterten Krieg getrieben werden, die vor laufender Kamera Enthauptungen vornehmen, Menschen als Schutzschilde benutzen und eine neue Wunderwaffe einsetzen: Selbstmordattentäter. Er glaubt, dass feindliche Medien, ignorante Regierungen und eine desinteressierte, durch Wohlstand und Liberalismus verweichlichte Öffentlichkeit den US-Soldaten die Hände bindet. Peters ist gleichsam die zeitgenössische Version eines Rudyard Kipling, der dem viktorianischen Großbritannien prophezeite, seine kostspieligen Armeen würden von kaum ausgebildeten „hausgemachten Horden“ über den Haufen geknallt. Afghanistan sei das Land, wo Imperien zugrunde gehen.

Dass man sich als Antwort auf die Komplexität des Krieges der Exotik zuwendet, ist ein parteiübergreifendes Phänomen. Der Vielfalt zu huldigen, ist zu einem Zeichen intellektueller Respektabilität geworden. Und die Vorstellung, dass sich die anderen nicht grundsätzlich von uns unterscheiden, wurde durch den Irakkrieg und Bushs Projekt einer Neuordnung der Welt nach dem Muster der Vereinigten Staaten ernsthaft beschädigt. Das Pendel der öffentlichen Meinung schwingt zurück: Man betont wieder die Differenz.

Die gegenwärtigen Kriege der USA seien Kulturkriege am „Rande des Imperiums“, ließ kürzlich ein General verlauten. Um in fremden Landen operieren zu können – zum Zweck der Stabilitätssicherung oder der militärisch gestützten Staatenbildung – müssten sich die US-Streitkräfte reformieren und kulturell aufrüsten. Das Human-Terrain-Team-Programm des Pentagon, das Handbuch FM3-24 zur Bekämpfung von Aufständischen im Feld und die Renaissance klassischer Werke zur „arabischen Mentalität“ bezeugen die Wiedergeburt einer kolonialen Anthropologie. In der Geschichte haben Krisen der Imperien – etwa der indische Aufstand von 1857 – immer wieder ethnografische und tribalistische Diskurse angestoßen. Nach den ersten Begegnungen mit „Fremden“ brachte das U.S. Marine Corps 1940 ein „Small War Manual“ heraus, das die Soldaten zum Studium „rassischer Merkmale“ anhielt.

Kulturelle Kategorien sind das Gegenmittel gegen die technologische Hybris der 1990er-Jahre, als die Visionäre noch glaubten, dass Präzisionswaffen, Informationstechnologie und Satellitenüberwachung den USA nicht nur ein einzigartiges Zerstörungspotenzial, sondern auch ein panoptisches Gesamtbild des Kriegsschauplatzes verschaffen. Damit sollte der Gefechtsnebel durchdrungen und die Supermacht unbezwingbar werden. Der Irakkrieg und das Wiederaufleben der Taliban hat diese Vorstellungen radikal diskreditiert. Die kulturelle Wende der Wiederentdeckung von Identität, Blut und Boden und Glauben als Konfliktmotoren zeigt die Grenzen dieser Allmachtsfantasie.

Die Überbetonung der Kultur ist jedoch ebenso irreführend wie blinde Technomanie. Stets von Gleichheit auszugehen, mag gefährlich sein, doch das gilt gleichermaßen für die Fixierung auf das Bizarre. Die Foltermethoden von Abu Ghraib beruhten auf Vorstellungen von arabischem „Stolz“, islamischer „Ehre“ und der kulturell verankerten Abscheu vor Hunden. Und der Glaube, dass wir den Gegner gut „kennen“ oder uns seine Kultur systematisch erschlossen hätten, kann zu falscher Zuversicht und analytischen Fehlschlüssen führen. Unvergessen bleibt jener CIA-Experte, der sechs Monate vor der iranischen Revolution von 1979 die Stabilität des Schah-Regimes rühmte.

Wenn es einen Ort auf der Erde gibt, den Außenstehende als kulturell erstarrtes Nest voll exotischer Feinde wahrnehmen, so ist es die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan, das Hauptkampfgebiet der USA und ihrer Verbündeten. Seit 2001 grassieren die Klischees vom „Grab der Imperien“, vom „Land der Gebeine“, das seit jeher alle Eroberer abgewiesen habe: vom blutigen Raubzug Alexanders des Großen bis zum Vorstoß der Sowjetarmee unter Breschnew. Kommentatoren behaupten, die Taliban seien nur in Kategorien zu begreifen, die „dem westlichen Denken fremd sind“. Andere sehen den Krieg als Kulturkampf zwischen einer archaischen Theokratie und einer reichen, hoch technisierten Supermacht.

Die Afghanen als Gefangene ihrer eigenen Traditionen zu behandeln, hat etwas Verführerisches. Von den Paschtunenstämmen, aus denen sich die Taliban vor allem rekrutieren, heißt es, sie pflegten die Blutrache und gehorchten einem strengen Ehrenkodex. Der Economist sorgt sich: „Wenn ein Paschtune seine Ehre besudelt sieht – und das ist für die Amerikaner das Problem –, ist er zu Rache verpflichtet.“2 Einige Berichterstatter schildern die Taliban auch als mystische Muslime aus einer fernen Welt. Als Kämpfer der Taliban ein Interview unterbrachen, um zu beten, beneidete der Journalist sie um ihre „Strenge und Reinheit“ und ihre „Nähe zum Tode und zu Gott, wie man sie im modernen Westen nur selten findet“.

Fremde Wesen aus dem All

Die Botschaft lautet: Während wir strategisch, modern und politisch agieren, sind sie emotional, jenseitig und primitiv. Aber nicht nur Westler sind von diesem Gefühl einer radikalen Differenz gebannt. Ein afghanische Kämpfer sagte stolz: „Die Amerikaner lieben Pepsi Cola, wir lieben den Tod.“

Nachdem die Taliban 1998 im Zuge des Bürgerkriegs fast das gesamte Land unter ihre Kontrolle gebracht hatten, verordneten sie der Bevölkerung eine strenge Scharia. Unter der neuen Ordnung wurden in einem Land, in dem puritanische Versionen des Islam nur selten dominiert hatten, Musik und Alkohol verboten, Strafen wie die Amputation von Händen oder Füßen und die Steinigung eingeführt. Tausende von vorislamischen Artefakten in den Museen von Kabul und antike buddhistische Statuen fielen einem Bildersturm zum Opfer. Das Regime organisierte ethnische Säuberungen, ermordete tausende von Schiiten, ließ Homosexuelle und politische Dissidenten hinrichten. Mädchen wurden vom öffentlichen Schulunterricht ausgeschlossen, Frauen wegen Verstößen gegen die Kleiderordnung von der Religionspolizei ausgepeitscht.

Doch wie sich zeigte, waren die Taliban realistisch genug, ihre Gesetze bei Bedarf zu ändern. Von gottgewollten Gegnern des Opiumanbaus mauserten sie sich zu Verteidigern des Drogenhandels und Hütern der Mohnbauern. In Musa Qala wurden Verordnungen wie die Bartpflicht oder das Verbot von moderner Musik und Filmen gelockert, um die Einwohner für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt änderten die Taliban auch ihre Einstellung zu Selbstmordattentaten. Die hatten einige ihrer Repräsentanten zunächst als Ausdruck von Feigheit verurteilt. Eine Splittergruppe setzte in Kandahar eine Anzeige in die Zeitung, in der Selbstmordattentate als antiislamisch gebrandmarkt und den Verantwortlichen harte Strafen angedroht wurden. Mittlerweile greifen die Taliban selbst zu diesem Mittel. Ihre Kleriker haben den Koran neu interpretiert und mit Geschichten über Märtyrer in der muslimischen Armee des 7. Jahrhunderts garniert, um Selbstmordattentate zu rechtfertigen.

Was den Informationskrieg betrifft, so haben sich die Taliban derart flexibel auf die Macht der modernen Medien eingestellt, wie es selbst ihre Gegner nicht fertigbringen. Sie geben Fernsehinterviews, machen voll computerisierte Propagandaläden auf, schicken Abgesandte in den Irak, um sich von den Videoproduzenten der al-Qaida instruieren zu lassen, und imitieren westliche Praktiken bis hin zu dem unmittelbar ins Kampfgeschehen „eingebetteten Journalismus“. Als sie an der Regierung waren, hatten sie noch jede Abbildung des menschlichen Körpers als Götzendienst verboten; inzwischen missachten sie selbst sämtliche Bilderverbote und haben sich zu einer Guerilla des Informationszeitalters entwickelt. Die soziale Bewegung, die einst gegen moderne Musik zu Felde zog, benutzt jetzt Popsänger für ihre Propaganda und produziert Musikkassetten, die auf eine dem amerikanischen Rap vergleichbare Weise das Martyrium der Taliban preisen und die Ungläubigen zu ewiger Verdammnis verurteilen.

Zudem haben die Taliban, um die Loyalität der Afghanen zu gewinnen, eine alternative Regierung beziehungsweise einen Gegenstaat errichtet: das Islamische Emirat Afghanistan. Sie verüben weiterhin Gräueltaten, übernehmen aber auch Versorgungsleistungen. So haben sie nicht nur eine Schattenjustiz und -polizei gegründet, sie betreiben auch Krankenhäuser. In der Gegend von Kandahar haben sie sogar einen Ombudsmann, bei dem Beschwerden eingereicht werden können. Ihren Bürgerwehren sind Plünderungen, Raub und Vergewaltigungen verboten.

Im Konkurrenzkampf zwischen US-Koalition und Taliban bemühen sich beide Parteien auf ähnliche Weise, die Zivilbevölkerung für sich einzunehmen. Längst haben sich die Gotteskrieger die westliche Strategie der Widerstandsbekämpfung zu eigen gemacht und versuchen, die Herzen und Seelen der Bevölkerung zu gewinnen. Die strategische Interaktion mit dem Feind ist ebenso wichtig geworden wie die geheiligten Traditionen.

Der afghanische Widerstand hat sein ethnisches Zentrum zwar bei den Paschtunen, lässt sich aber keinesfalls auf eine Stammesbewegung reduzieren. Die traditionellen Loyalitäten und ihre landwirtschaftliche Machtbasis wurden durch das Aufkommen von Tansims (politische Gruppierungen oder Parteien) und durch das Qawm-System subnationaler Loyalitäten – etwa gegenüber religiösen Sekten oder pragmatischen Allianzen – verändert und untergraben.

Flexible Nutznießer der Moderne

Die Taliban funktionieren also nicht mehr auf der Grundlage von Stammeszugehörigkeiten. In ihrer Führung gibt es sowohl Angehörige der Durrani wie der Ghilsai, aber auch Mitglieder rivalisierender Stämme wie der marginalisierten Hasara-Gruppen in Ghasni. Und zu ihren Anhängern zählen auch viele tadschikische und usbekische Kleriker. Zudem verlaufen die Nachschublinien und Informationswege der Neotaliban meist durch Gegenden, die dicht von nichtpaschtunischen ethnischen Minoritäten besiedelt sind. Auch deshalb rekrutieren sie neue Anhänger in Gegenden, die sie noch nicht kontrollieren.

Die Taliban hassen also alles, was sie für die Dekadenz der Moderne halten, dennoch nehmen sie die Segnungen ihrer Technologie in Anspruch. Sie predigen das Festhalten an der Tradition, aber praktizieren den Wandel.

Al-Qaida stellt uns vor ein ähnliches Paradox. Man kann darin einen Rückschritt ins Mittelalter sehen, den Traum von einem islamischen Kalifat, der dem Verlust des iberischen Reichs im Jahr 1492 nachtrauert. Oder man kann das Netzwerk als einen strategischen Akteur betrachten, der Gewalt als Selbstzweck begreift: Krieg nicht als Mittel der Politik, sondern als Bühne des Schreckens.

Doch wiewohl sich seine Aktivitäten aus mittelalterlichen Träumereien und reaktionärer Nostalgie speisen, ist al-Qaida doch auf dem weltweiten Marktplatz der Ideen und Technologien entstanden. Das Netzwerk versucht seine gewalttätigen und puritanischen Anhänger zu kontrollieren, deren Übereifer rechtschaffene Muslime von Algerien bis zum Irak vor den Kopf stößt. Aber al-Qaida ist keine vormoderne Bewegung und mehr als nur eine nihilistische Strömung, die Terror um des Terrors willen ausübt.

Als Ussama Bin Laden den USA den Krieg erklärte, rechtfertigte er seine Guerillataktik nicht nur als Ausdruck heiliger Gewalt, sondern auch als strategisch notwendige Maßnahme gegen das „Ungleichgewicht der Kräfte“, das durch die militärische Macht der USA entstanden sei. Für al-Qaidas Cheftheoretiker, Aiman al-Sawahiri, ist es wichtig, die Gewalt in politische Erfolge umzusetzen; erfolgreiche Operationen gegen die Feinde des Islam seien vergebens, solange sie nicht dem Zweck einer „muslimischen Nation im Herzen der islamischen Welt“ dienten. Als die Al-Qaida-Mitglieder aus ihrem Versteck in Tora Bora flohen, fand man ein kommentiertes Exemplar des Clausewitz’-schen Klassikers „Vom Kriege“.

Al-Qaida übernimmt Ideen der Ungläubigen, und in ihren Ausbildungslagern zirkulieren westliche Texte. Die Organisation benutzt westliche Ausbildungshandbücher und Analysen der revolutionären Linken, beruft sich auf die zeitgenössischen Theorien über „Kriege der vierten Generation“ und auf Maos Konzept der drei Stadien des Guerillakriegs. Ihre Ideen sind ein Amalgam aus religiösen Überzeugungen und klassischem und zeitgenössischem strategischen Denken.

Es ist wichtig, die kulturelle Dimension stets im Kopf zu haben. Das neu erwachte Interesse für die sozialen Welten fremder Gesellschaften ermöglicht der US-Armee durchaus ein effektiveres und auch humaneres Vorgehen. Damit kann sie sich besser auf den Widerstand vor Ort, auf Konflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung vorbereiten.

Aber Kulturen können unterschiedlich differenziert betrachtet werden, deshalb sollte der Rückgriff auf „Kultur“ stets hellhörig machen. Vielleicht werden wir den mythologisierenden Orientalismus niemals aus unserem Denken verbannen können. Er könnte, wie die Angst vor dem Tod und der Dunkelheit, so tief sitzen, dass er letztlich nicht ganz zu beseitigen ist und weiterhin unseren geistigen Horizont überschattet. Doch die Beweglichkeit und Hybridität von Taliban und al-Qaida beweisen, dass der Krieg nicht nur polarisiert, sondern die Gesellschaften auch durcheinanderwirbelt und neu zusammenschweißt. Eine Kultur, so fremd sie uns sein mag, ist keine Insel.

Fußnoten: 1 „Taliban from Outer Space: Understanding Afghanistan“, New York Post, 3. Februar 2009. 2 „Honour Among Them: The Pashtun’s Tribal Code“, The Economist, 22. Dezember 2006.

Aus dem Englischen von Robin Cackett Patrick Porter lehrt am Joint Services Command and Staff College am King’s College London. Autor von „Military Orientalism: Eastern War through Western Eyes“, New York (Columbia University Press & Hurst), 2009.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2009,