Keine Lust auf Revolution

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Keine Lust auf Revolution

Keine Lust auf Revolution

Der Kreml hat Probleme mit der Hundertjahrfeier

von Korine Amacher

Am 7. November 2016, zum 99. Jahrestag der Oktoberrevolution,1 stellte ein Journalist von Radio Swoboda den Moskauern auf der Straße die Frage: „Hätten Sie 1917 die Weißen oder die Roten unterstützt?“ Die Antworten ließen eine leichte Vorliebe für die Roten erkennen und zeigten, dass die ablehnende Haltung gegenüber Revolutionen in Russland nicht unbedingt mit den Bolschewisten und ihren Plänen für eine neue Gesellschaft zusammenhängt. Meinungsumfragen der vergangenen Jahre bestätigen diesen Trend.2

Angeführt von Gennadi Sjuganow, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, zogen am selben Tag etwa 2000 Kommunismusnostalgiker mit Lenin- und Stalinporträts durch Moskau. Zwei Stunden zuvor hatte der Vorsitzende der liberalen Partei Jabloko, Sergei Mitrochin, zum Ruhm der „Verteidiger der Demokratie und der verfassungsgebenden Versammlung“ vor dem Verteidigungsministerium Blumen und eine Gedenktafel niedergelegt. Diese Männer seien Helden gewesen, sie hätten Widerstand geleistet gegen die politischen Räuber – gemeint sind die Bolschewisten. Diese hatten im Januar 1918 die am 25. November 1917 gewählte verfassunggebende Versammlung wieder aufgelöst, da sie nicht die Sitzmehrheit erhalten hatten.

Die Moskauer Führung teilt die Ansichten der russischen Liberalen nicht. Sie verbietet regelmäßig Veranstaltungen von Jabloko und erlaubt den Kommunisten, mit Stalin-Bildern zu marschieren. Lenin ruht nach wie vor (gegen seinen Willen) im Mausoleum auf dem Roten Platz, wo er wohl noch lange bleiben wird. Zu groß ist die Befürchtung, dass eine Umbettung mehr Unfrieden stiften würde als der Status quo.

Die beiden Beispiele zeigen, welche Kontroversen die Revolution von 1917 in der russischen Gesellschaft nach wie vor auslöst und wie heikel der Umgang mit dem Gedenken für die Machthaber ist. Mit Wladimir Putin ist der Antistalinismus der Jelzin-Ära einer positiveren Sicht auf das ehemalige Staatsoberhaupt gewichen. Und doch ist beiden Epochen tiefe Abscheu vor revolutionären Umstürzen gemein.

1996 wurde der 7. November zum „Tag der Versöhnung und Eintracht“ ernannt. 2004 verlor der Gedenktag der Februarrevolution sogar den Status als Nationalfeiertag. Und 2005 wurde stattdessen der 4. November zum „Tag der Einheit des Volkes“ erkoren. Dieses Datum erinnert an das Ende der ausländischen – vor allem polnisch-litauischen – Interventionen im Moskauer Reich im Jahr 1612. Der bis 1917 gefeierte Tag markierte das Ende der sogenannten Zeit der Wirren, auf die die Dynastie der Romanows folgte. Die Abschaffung dieser Feierlichkeiten zeugt von dem Bestreben, anstelle der Oktoberrevolution versöhnliche Ereignisse hervorzuheben.

Weiterhin gefeiert wird jedoch der Jahrestag des Sturms auf das Winterpalais. Seit Jahren organisiert die Regierung am 7. November eine Militärparade auf dem Roten Platz, mit der nicht so sehr der Oktoberrevolution, sondern der Militärparade vom 7. November 1941 gedacht wird – an dem Tag stand die deutsche Wehrmacht vor Moskau. Von den 28 000 damals paradierenden Soldaten brachen die meisten direkt zur Front auf. Damit streicht die Regierung die Revolution zwar nicht aus dem offiziellen Gedächtnis. Aber sie versucht verschiedene Ereignisse zu verbinden und so – vielleicht – mehr Gemeinsamkeit und Identifikation zu erzeugen.

Der sowjetische Oktobermythos hat ausgedient

Am 4. November 2016, vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts, weihten Präsident Putin und Patriarch Kyrill auf dem Roten Platz eine monumentale Statue ein, die Wladimir, den Großfürsten von Kiew, darstellt. Auf ihn geht die Taufe der Rus im Jahre 988 zurück, die Christianisierung des Vorläuferstaats Russlands, der Ukraine und Weißrusslands. Der 400. Jahrestag der Thronbesteigung durch den ersten Romanow im Jahr 1613 wurde 2013 mit Pomp zelebriert. 2012 war das 200-jährige Gedenken des Vaterländischen Kriegs gegen die Truppen Napoleons im Jahr 1812 Anlass für beeindruckende Festveranstaltungen. Und für 2017 plant auch die Ukraine ihren eigenen 100. Gedenktag dessen, was sie als Kampf für die nationale Unabhängigkeit präsentieren wird, den die Moskauer Bolschewisten niedergeschlagen hätten.

Auch an den 9. Mai 1945,3 den Tag der Kapitulation Hitlerdeutschlands, wird in Russland alljährlich erinnert. Seit vier Jahren ist einer der Höhepunkte die Parade des „Unsterblichen Regiments“, bei der Millionen Menschen Fotos von Verwandten zeigen, die am Großen Vaterländischen Krieg teilgenommen haben. All diese Feiern dienen demselben Ziel: Sie sollen die Einheit und Zentralisierung des russischen Staats betonen. Die Revolution hingegen ruft Bilder eines zerschlagenen Staatsapparats wach, eines in die Knie gezwungenen Russlands und des blutigen, von ausländischen Mächten geschürten Bürgerkriegs.

Die Oktoberrevolution steht für das, was die russische Führung verabscheut: den Zerfall von Stabilität, Tradition und staatlicher Autorität. Der politische Diskurs ist geprägt von antirevolutionärer Rhetorik. So schärfte der Putin-Berater Wladislaw Surkow all jenen, die in Russland von der Revolution träumen, schon 2007 ein: „Die Handlungen romantischer Individuen führen meist dazu, dass Wahnsinnige und Terroristen die Macht übernehmen.“4

Natürlich haben die Machthaber auch die „farbigen Revolutionen“ im Visier, insbesondere die Rosenrevolu­tion von 2003 in Georgien und die Orange Revolution 2004 in der ­Ukraine, die als Ergebnis westlicher Machenschaften wahrgenommen werden. Die Proteste nach den Wahlen in Russland 2011 und 2012 verstärkten den Verdacht auf ausländische Einmischung. Den Demonstrantinnen und Demonstranten warf die Regierung damals vor, sie würden die staatliche Souveränität untergraben und ihre Proteste seien revolutionär und folglich gefährlich. In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am 28. September 2015 verurteilte Putin „den Export sogenannter demokratischer Revolutionen“.

Im Herbst wird der Jahrestag der Oktoberrevolution weltweit Anlass zu Konferenzen, Podiumsdiskussionen, Dokumentationen und Veröffentlichungen liefern. Russland wird dem in nichts nachstehen. Für den September organisieren das Moskauer Staatsinstitut für Internationale Beziehungen, das Historische Institut der Wissenschaftsakademie und die Russische Historische Gesellschaft eine internationale Konferenz, zu der sie über hundert Historikerinnen und Historiker eingeladen haben.

Seit einigen Jahren versucht sich die russische Führung an einer eigenen Deutung der Revolution. Bereits in den neuen Richtlinien für Geschichtsbücher von 2007 werden Februar- und Oktoberrevolution sowie auch der Bürgerkrieg unter dem Titel „Die Große Russische Revolution“ zusammengefasst. Dahinter steckt der Wille, diese der „Großen Französischen Revolu­tion“ gleichzustellen. Die Darstellung betont die dramatische Seite des Bürgerkriegs und seiner Folgen: Aus der „großen Tragödie“ sei Russland – in Gestalt der UdSSR – robuster hervorgegangen. In dieser Logik verliert die Frage der Schuld oder der politischen Sichtweisen ihre Bedeutung. Schließlich waren die Weißen wie die Roten bereit, ihr Leben für Russland zu geben, und dafür hätten beide Respekt verdient.

Der Begriff der „Großen Russischen Revolution“, inzwischen auch in der Wissenschaft verwandt, verweist auf die Bedeutung, die das Ereignis im Land selbst und weltweit hatte. Und er erlaubt die Einordnung in einen längeren Prozess, um die sich Historiker seit dem Ende des sowjetischen Oktobermythos bemühen – dieser hatte jegliche Auseinandersetzung mit der als „bürgerlich“ verrufenen Februarrevolution verhindert.

2015, als der 100. Jahrestag allmählich näher rückte, organisierte Wladimir Medinski, Minister für Kultur, im ehemaligen Revolutionsmuseum in Moskau, das 1998 zum Staatsmuseum für zeitgenössische russische Geschichte umbenannt worden war, eine Podiumsdiskussion. Ihr Titel – „Der 100. Jahrestag der Großen Russischen Revolution: Verständnis im Namen der Konsolidierung“ – lässt keinen Zweifel zu: Der 100. Jahrestag soll helfen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die „objektive“ Erforschung dieser Epoche solle, so Medinski, „uns helfen, uns der Notwendigkeit einer starken staatlichen Führung für Russland bewusst zu werden, die von allen Schichten der Gesellschaft gestützt werden muss“. Im Rahmen der Feierlichkeiten müsse die Kontinuität der historischen Entwicklung herausgestellt werden, „vom Russischen Reich über die UdSSR zur Russischen Föderation“.

Das Drama der gesellschaftlichen Spaltung infolge der Revolution von 1917 und des Bürgerkriegs sowie das respektvolle Andenken an die Helden beider Lager müssten gleichermaßen in Erinnerung gerufen werden. Schließlich gelte es, den revolutionären Terror zu verurteilen und sich darauf zu besinnen, dass es ein Fehler sei,5 bei internen Auseinandersetzungen auf „die Unterstützung ausländischer Verbündeter zu setzen“ – was im heutigen Russland wie eine Warnung klingt.

Sympathien für die Weißen

Die Gedenkfeierlichkeiten haben im Dezember 2016 begonnen, als Putin die Russische Historische Gesellschaft aufforderte, einen Organisationsausschuss zu bilden. Der 100. Jahrestag, so erklärte er, sei „eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich noch einmal den Ursachen und dem Wesen der Revolution in Russland zuzuwenden. (. . .) Die russische Gesellschaft braucht eine objektive, aufrichtige und tiefgreifende Analyse der Ereignisse.“6

Auch Sergei Naryschkin, von 2011 bis 2016 Duma-Vorsitzender und außerdem Leiter der Russischen Historischen Gesellschaft, hatte betont, dieser Jahrestag dürfe nicht gefeiert werden. Vielmehr gehe es darum, die damaligen „Ereignisse zu reflektieren und Lehren daraus zu ziehen“. Die wichtigsten seien „der Wert von Einheit und Solidarität unter den Bürgern und die gesellschaftliche Fähigkeit, an den schwierigsten Wendepunkten der Geschichte Kompromisse einzugehen, um die radikale Spaltung durch einen Bürgerkrieg zu vermeiden“.7

Angesichts der vielen vom Organisationsausschuss genehmigten Veranstaltungen – Ausstellungen, Veröffentlichungen, Konferenzen, Podiumsdiskussionen, Forschungsprojekte, Ge­denkveranstaltungen, Spiel- und Dokumentarfilme – scheint es unwahrscheinlich, dass sich eine einheitliche Sichtweise durchsetzen wird. Die historische Zunft wird sich jeglicher Mythenbildung verweigern. Der offiziellen Darstellung werden Meinungen aus Wissenschaft, Kultur und Politik gegenüberstehen, ähnlich wie zwischen 2001 und 2009. Damals hatten die Machthaber versucht, den Stalinismus in ein positiveres Licht zu stellen und auf die durch massiven Druck bewirkte Modernisierung verwiesen, die es der UdSSR ermöglicht hatte, als Sieger aus dem Zweiten Weltkrieg hervorzugehen. Zahlreiche Publikationen zur Geschichte des Stalinismus verhinderten damals, dass diese Sichtweise sich etablieren konnte.8

Diesmal werden viele aus der historischen Zunft daran erinnern, dass der Untergang des Zarenreichs im Februar 1917 und die Machtergreifung durch die Bolschewisten im Oktober nur möglich waren, weil die erdrückende Mehrheit der russischen Bevölkerung nach Veränderungen strebte und das extrem ungerechte soziale und politische System des Russischen Reichs nicht länger ertragen wollte.

Am 7. November 2016 wussten die von dem Journalisten befragten Moskauer anscheinend um die Unterschiede zwischen Weißen und Roten. Eine Frau im eleganten Pelzmantel antwortete, ihre Familie sei 1917 sehr arm gewesen und hätte damals wohl die Bolschewisten unterstützt. „Heute wäre ich mit Sicherheit aufseiten der Weißen“, fügte sie mit strahlendem Lächeln hinzu.

1 Nach dem gregorianischen Kalender fand die bolschewistische Revolution in der Nacht vom 7. November 1917 statt. Das Datum entspricht dem 25. Oktober des julianischen Kalenders, der damals (bis Februar 1918) in Russland verwendet wurde.

2 „Die Oktoberrevolution: Ursachen und Folgen“ (auf ­Russisch), Levada-Center, 2. November 2011: www.levada.ru.

3 Die militärische Kapitulationsurkunde wurde am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr Berliner Zeit unterzeichnet. Das entspricht dem 9. Mai 1945 um 1.01 Uhr Moskauer Zeit.

4 Rossijskaja Gaseta, 15. März 2007.

5 „Der 100. Jahrestag der Großen Russischen Revolution: Überlegungen zur Festigung“, Nachrichten des Ministeriums [für Kultur], Moskau, 21. Mai 2015: mkrf.ru.

6 RIA Novosti, 1. Dezember 2016.

7 RIA Novosti, 27. Dezember 2016.

8 Die Reihe „Geschichte des Stalinismus“ des Moskauer Verlagshauses Rosspen umfasst heute etwa 100 Bände.

Aus dem Französischen von Inga Frohn

Korine Amacher ist Honorarprofessorin für russische und sowjetische Geschichte an der Universität Genf.

Le Monde diplomatique vom 06.04.2017, von Korine Amacher

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