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Nouroz und die iranische Seele

Nouroz und die iranische Seele

Teheran begrüßt das neue Jahr mit Goldfischen, Dattelkuchen und dem Buchstaben S

von Charlotte Wiedemann

Es gibt eine Art von Aufregung, die Kinder befällt, wenn sie sich in einer Konsumwelt befinden, die ihnen üblicherweise fern und fremd ist. An den erregten Kindern bemerkte ich sie zuerst, die Armut. Sie betritt in den Tagen vor Nouruz die Straßen, Plätze und Einkaufspassagen Irans und zeigt sich in ihrem ganzen Ausmaß.

Womöglich sind es jene zehn Millionen, von denen Experten sagen, sie hätten nur das Allernötigste, zehn Millionen von achtzig Millionen Iranern. Arm zu sein ist eine Schande, deshalb verbirgt sich die Armut an den meisten Tagen des Jahres, zieht sich ins Innere der Häuser zurück. Vor Nouruz aber geht sie aus.

Wörtlich bedeutet Nouruz der neue Tag, gemeint ist seit Menschengedenken das neue Jahr, das Leben, das Licht, der Frühling. Daran teilzuhaben, kann auch Armut nicht hindern.

In Teheran bekamen Bedürftige als Gegenleistung für das Einsammeln von Müll Nouruz-Gratifikationen, Kaufgutscheine. In Yazd, am Rande der Wüste gelegen, fielen mir die vielen ländlich gekleideten Gestalten auf, denen große Mengen billiges Zeug angeboten wurde, auf Wühltischen oder gleich in Haufen auf dem Trottoir: Socken, Badelatschen, Plastikgürtel. Es ist Sitte, sich neu einzukleiden für das neue Jahr, und offenkundig sollte für jeden zumindest ein Plastikgürtel dabei sein.

Nun in Schiras: Die Bürgersteige der Lotf-Ali-Khan-Zand-Straße sind so voll, dass es unmöglich ist, gegen den Strom der Fußgänger zu gehen. Fliegende Händler besetzen im Getümmel jede für Momente freie Nische, manche stehen auf Plastikhockern, um ihr Angebot über die Köpfe der Menge zu rufen. Jeans, preiswert wie nie. Letzte Gelegenheit zum Kauf von Goldfischen; sie schwimmen wie tot in winzigen Tütchen. Grellgrünes Plastikgras, Prosperität verheißend.

Das Püppchen namens „Sara“, mit dem die Islamische Republik Barbie den Kampf angesagt hat, trägt zu Nouruz ein knallbuntes Folklorekostüm, natürlich langärmelig und mit einem winzigen Tüllhidschab am Hinterkopf. Damit konkurriert eine leichtbekleidete Version, vermutlich chinesischer Fabrikation: Groß wie ein zweijähriges Kind steht sie auf dem nächtlichen Straßenpflaster, im dekolletierten Abendkleid, neongrün. Ein Mädchen, bis zum Kopftuch in Schwarz, hockt sich in einem von den Eltern unbeobachteten Moment vor die Puppe, umarmt den schlanken Körper, streichelt die blonden Haare, zupft an den Brüsten.

An Straßenecken, wo einst an solchen Tagen Gaukler und Märchenerzähler standen, führt das iranische Prekariat aus der Not geborene Kunstfertigkeiten vor; sie dienen natürlich dem Verkauf von Utensilien. Etwa die Schnellsticknadel: Ein Mann, dessen Finger von einer Batterie betrieben scheinen, produziert in rasender Geschwindigkeit ein frotteeweiches Rosenbild.

Das aufziehende Jahr ist 1395; ich kaufe es mir als vier glitzernde Zahlen auf künstlichen Erdbeeren; bei näherem Hinsehen haben sie einen Docht, es sind Kerzen. Während meine falschen Erdbeeren also das Jahr 1395 ankündigen, befindet sich die übrige islamische Welt längst im Jahr 1437 – die Iraner halten mit ihrem Kalender nicht nur Abstand vom Westen, sondern auch von den übrigen Muslimen.

Die Erklärung dafür findet sich in dem Wort „Sonnen-Hidschra“. Die Iraner zählen die Jahre ab der Hidschra, dem Auszug des Propheten Mohammed aus Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Doch das iranische Jahr beruht wie das unsrige auf dem Lauf der Erde um die Sonne, während andere Muslime das Mondjahr zugrunde legen – und das beträgt nur 355 Tage. Die kleine Differenz hat sich über die Jahrhunderte summiert.

Um gleichwohl im Rhythmus der Umma, der muslimischen Weltgemeinde, zu bleiben, richten sich die religiösen Feiertage in Iran wie anderswo nach dem Mondkalender. Sie schieben sich deshalb, wie wir es vom Ramadan kennen, im Schritt von zehn oder elf Tagen rückwärts durch das Sonnenjahr.

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Iraner sein ist eine komplexe Angelegenheit. Diesmal ragen die schiitischen Trauertage für Fatemeh, die Tochter des Propheten, in den Vor-Nouruz-Trubel hinein; eine eigentümliche Kol­li­sion von ritueller Entschleunigung und kommerzieller Ekstase. Für die Umzüge von Männern, die mit Lehmflecken auf schwarzen Hemden ihre Trauer um die Verstorbene bekunden, werden Straßen gesperrt. Manche Passanten bleiben stehen und klopfen sich zum Zeichen der Anteilnahme rhythmisch auf die Brust, während andere mit Einkaufstüten ruppig durch die Menge drängeln.

Obwohl mir Iran keineswegs neu ist, habe ich unterschätzt, mit welcher Wucht sich Nouruz über das Land legt – ein vorislamisches Fest in einer islamischen Republik. Sogar Redaktionen staatsnaher Organe verkünden mit einem Abschiedsbild, sie gingen jetzt zwei Wochen in Ferien. Und der Kaufrausch übertrifft bei weitem, was ich aus der Vor-Ramadan-Zeit sunnitischer Länder kenne. Auch zum Ramadan kleidet man sich neu ein; Regeln einer Epoche, in der Garderobe noch nicht aus Sweatshops kam. Wenn es aber stimmt, dass sich an Nouruz die iranische Seele zeigt (und davon sind Iraner überzeugt), dann füllt der Konsum eine ihrer Kammern.

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In den Gärten von Schiras lassen sich Paare in historischen Kostümen vor Palästen und Wasserfontänen fotografieren. Eine Szene im Schapuri-Garten halte ich im ersten Moment für eine Filmaufnahme: Eine Assistentin zeigt zwei jungen Leuten, wie sie sich im Licht eines Scheinwerfers auf einer Bank neben einem Grammofon platzieren sollen, im Hintergrund die weißen Säulen des Herrenhauses. Die Frau, die ich für eine Schauspielerin hielt, ist heftig geschminkt und gibt vor, auf einem Zupfinstrument zu spielen; ihr Partner trägt einen Seidenkaftan und versucht sich an einem Gesichtsausdruck, der zu seiner historischen Samtkappe passt. „Bitte nicht zu eng sitzen!“, mahnt die Assistentin. Diese Anweisung hat nichts mit der Gegenwart der Islamischen Republik zu tun, sondern mit originalgetreuer Schicklichkeit des 19. Jahrhunderts.

Als das Shooting vorbei ist, nimmt der Mann im Seidenkaftan erleichtert die Kappe vom Kopf, und die beiden fassen sich zärtlich an den Händen. In einem provisorisch aufgebauten Digitalstudio werden die Fotos an Ort und Stelle auf dem Bildschirm begutachtet und nach den Wünschen der Kunden retuschiert.

Fotosessions auch in anderen Parks, etwa dem Afif-Abad-Garten, der sich im Besitz des Militärs befindet und hinter dem Eingang gleich mit Kanonen aufwartet. Unter den geschmeichelten Blicken ihrer Eltern posieren kostümierte Schuljungen mit Schwertern und Schießeisen, die man an Kiosken ausleihen kann. Im Teehaus des Parks werden auf Fliesen mythische Helden dargestellt, und ein Gast mit üppigem Vollbart erklärt mir, er trage einen Dariusbart. Unter Da­rius I. hatte das Persische Reich seine größte Ausdehnung, von Ägypten bis Indien.

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An Nouruz wird der Rückzug in ein historisches Iranertum gepflegt, den man – ähnlich wie den Konsumismus – als eine Art inneres Exil betrachten kann. Dass dafür vor allem Kostüme und Kulissen der langen Kadscharen-Ära (1779–1925) benutzt werden, erstaunt mich zunächst; deren Bewertung ist unter gebildeten Iranern extrem umstritten, nicht zuletzt aus ethnischem Dünkel: Es war eine Dynastie aserbaidschanischen Ursprungs.

Doch scheint die Ästhetik der Kadscharen in diesen Tagen eher als eine Folie zu fungieren, in die Elemente anderer Epochen willkürlich eingearbeitet werden – Hauptsache, schön alt. In der jüngeren Generation ist das Wissen über die Geschichte des vorrevolutionären Iran oft schemenhaft, und so heftet sich eine diffuse Wertschätzung von Vergangenem an Bilder und Symbole.

Selfies zu machen ist in Iran eine Obses­sion und bei Familienausflügen das Hobby aller Altersklassen. Im Eram-Garten ist es vor dem Wasserbecken nahezu unmöglich, nicht in eine Aufnahme zu geraten. Eine Palme und eine hohe Zypresse umrahmen hier den Blick auf einen weißen Palast, der vor dem braunen Hintergrund einer felsigen Anhöhe wie gestochen in der klaren Frühlingsluft steht. Die Iraner betrinken sich heute an der Schönheit ihres Landes, die an so vielen Tagen im Jahr von Dunklem verhüllt wird – von einer dem Smog ähnlichen Erschöpfung, von Hetze und Stress. Nouruz entschädigt, auch für entgangenes Leben.

Sogar ältere Damen im Tschador fuchteln mit Selfiestangen. Binnen Minuten mache ich flüchtige Bekanntschaft mit Menschen aus diversen Ecken des Landes: eine Großfamilie aus dem südlichen Ahvas, ein Ehepaar aus dem nordöstlichen Maschhad, ein Mann mit turkmenischen Gesichtszügen, und eine Frau, die sich selbstbewusst als Bakhtiari vorstellt, der Name einer einstmals mächtigen Föderation von Nomaden.

Es wird oft übersehen, dass nur für jeden zweiten Iraner Persisch die Muttersprache ist. An Nouruz gibt sich der Vielvölkerstaat ein Stelldichein in den Gärten von Schiras; anders als im Norden ist hier der Frühling mit Sicherheit anzutreffen.

Im Eram-Garten, der aus dem 12. Jahrhundert stammt und von der Universität in einen botanischen Garten verwandelt wurde, betasten Ältere ehrfürchtig knospende Zweige. Junge Liebende machen einander auf erste Blüten aufmerksam. Väter zeigen ihren Kindern, wie man in einen Zitronenbaum hineinschnuppert. Einige junge Männer ziehen sich mit anzüglichem Lachen auf schmalere Pfade zurück. Armeen von Blumentöpfen warten darauf, dass ihr Inhalt in die Erde kommt. Wer sich Iran ausschließlich als Diktatur vorstellt, mag überrascht sein, dass der Staat viel Aufwand treibt, um das Land an Neujahr für die eigene Bevölkerung schön zu machen – ausländische Touristen meiden diese Zeit.

In ihrer frühesten Phase hatte die Islamische Republik versucht, die Popularität von Nouruz zu brechen. Mittlerweile nutzt sie das Fest, um sich selbst populär zu machen, und der gemeinsame Bezugspunkt heißt nun: Nationalbewusstsein. Dies wird unterstrichen durch einen zusätzlichen Feiertag, der Nouruz vorausgeht: „der Tag der Nationalisierung des Erdöls“. Dem Entschluss des Parlaments von 1951 folgte zwei Jahre später der von Briten und USA orchestrierte Sturz des populären Premierministers Mohammad Mossadegh, ein Wendepunkt in der iranischen Geschichte.

An diesem arbeitsfreien Öl-Feiertag rackern nur afghanische Gartenarbeiter ohne Unterlass mit Schubkarre und Schaufel, um dem Park den letzten Schliff zu geben. Kein Lächeln in ihren Gesichtern; eine Mauer scheint sie von den gelassenen Ausflüglern zu trennen.

Vor dem Parkausgang eine Polizeistation in einem Container. Ein großflächiges Plakat verschönt den Hinweis auf das vorgeschriebene Kopftuch mit Sonnenblumen. „Der Hidschab beschützt Sie vor übelwollenden iranischen Männern“, erklärt mir ein Polizist. So hatte ich das noch nicht gesehen. Darf ich das Plakat fotografieren? Er deutet entschuldigend auf eine Überwachungskamera, die genau auf uns gerichtet ist.

Am Straßenrand werden grüne Mandeln feilgeboten, nass, mit grobem Salz bestreut und von pelzig-bitterem Geschmack. „Sehr gesund!“, versichern mir Umstehende. Wenn eine Westlerin in diesen Tagen einer beliebigen iranischen Sitte folgt, erfährt sie eine Zuneigung, die übertrieben scheint – weil sich in ihr spiegelt, wie sehr die Iraner unter der langen Phase der Isolation gelitten haben.

Wohlwollendes Nicken auch, als ich mir einen Hadschi Firuz kaufe, eine Nouruz-Figur vom Genre lustiger Neger, mit Kulleraugen und breitem Lachmund, auf dem Eierkopf ein spitzer roter Hut mit Goldquaste. Der Herold des Frühlings: Gelegentlich sehe ich ihn sogar leibhaftig auf einer Straße, ein Spaßmacher mit geschwärztem Gesicht und komischem Akzent.

Sklaven zu halten war in Iran im 19. Jahrhundert noch weit verbreitet, überall dort, wo es wohlhabende Kaufmannsfamilien gab; am Hof wurden Kinder von ihnen betreut. Nachdem 1929 ein königliches Dekret die Sklaverei verbot, setzte bald ein nationaler Akt der Verdrängung ein Als wären nur Ausländer, Araber zumal, beteiligt gewesen.

Hadschi Firuz: Es gab einen Eunuchen dieses Namens am Hof des Kadscharen-Schahs Nasr-ed-Din, das könnte der Ursprung der Figur sein. Lieber wird in Iran erzählt, es handle sich um einen alten zoroastrischen Brauch, und das Feuer habe das Gesicht von Hadschi Firuz geschwärzt.

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Nouruz wird an diesem Morgen um 12 Sekunden nach 8 Uhr beginnen, so haben es die Astronomen ausgerechnet. Wann genau die Tag-und-Nacht-Gleiche den Beginn des neuen Jahres anzeigt, wird in Iran wie in allen anderen Ländern, die Nouruz begehen, jedes Jahr erneut mit wissenschaftlicher Akribie beziffert. Mal wird also nachts gefeiert, mal mittags und diesmal am Morgen.2

Um rare Taxis konkurrierend stehen in der Frühe Familien am Straßenrand, sie halten schlafende Kleinkinder in Decken gewickelt auf den Armen wie warme Fladenbrote. Wer nicht zu Hause feiert, trifft an diesem Morgen eine weltanschauliche Entscheidung: das Neue Jahr am Grab von Hafez begrüßen, fröhlich und säkular, oder im Schah-Tscheragh-Schein, dem wichtigsten Heiligtum von Schiras, mit Gebet und politischer Predigt?

Viele sind zu Fuß Richtung Schrein unterwegs, erneut habe ich den Eindruck, dass es sich um den ärmeren Teil der Bevölkerung handelt. Ich entscheide mich für die Hafeziye, das Ehrengrab des Dichters, der 1390 in Schiras starb.

Die Grabstätte in einem früheren Orangenhain wurde über die Jahrhunderte diverse Male umgestaltet. Dazu gehörte auch der Konflikt, ob ein zoroastrischer Gönner das Grab eines Muslims ausstatten durfte. Hafez ist im Westen für seine Lebens- und Trinklust bekannt, doch besagt sein Künstlername, dass er den Koran auswendig konnte: Hafez (arabisch: Hafidh) bedeutet Wächter oder Hüter. Die von Säulen getragene kupferne Grabkuppel ist einer Gelehrtenhaube des 14. Jahrhunderts nachempfunden.

Lange Schlangen vor den Kassen an den Gartentoren. Im Inneren steht um Hafez’ Ruhestätte herum schon eine Menschenmauer, junge Leute, sie müssen um 6 Uhr früh gekommen sein. Aus Lautsprechern Verse des Dichters im Wechsel mit Musik. Es wird bedrohlich eng, ich suche mir eine Säule als Rückendeckung. Handystangen allerorten. Ein junger Mann neben mir trägt Krawatte und Seitenscheitel, Retrolook aus den 1950ern. Als er hört, dass ich Deutsche bin, sagt er, was ein gebildeter Iraner in einem solchen Moment zu sagen pflegt: Goethe! Hafez ist unser Goethe. Ich versuche mir vorzustellen, wir feierten Silvester mit Goethe.

Rhythmisches Klatschen setzt ein, der Countdown zu Neujahr. Die jungen Leute am Grab stimmen plötzlich eine Melodie an, sie ist wehmütig und zugleich kämpferisch. Täusche ich mich? Nein, es ist tatsächlich „Yare dabestani man“, „Mein Schulkamerad“, das iranische Widerstandslied par excellence. Ursprünglich aus den Tagen vor der Revolution, wiederbelebt durch die Studentenbewegung 1999, dann 2009 die Hymne der Grünen Demokratiebewegung. „Ungerechtigkeit und Unterdrückung haben ihre Male auf unseren Körpern hinterlassen, (…), wer außer dir und mir kann unsere Schmerzen lindern“. Es ist gefährlich, das in der Öffentlichkeit zu singen; die eng stehende Menge dient heute als Schutz.

In den letzten Minuten vor 8 Uhr wird das Klatschen immer schneller, irgendwann wird losgejubelt, und ob es nun exakt Neujahr ist oder nicht, scheint nicht von Belang.

In der Masse, die sich bald darauf zum Ausgang schiebt, komme ich mit einem Ehepaar ins Gespräch; sie sind nur für diesen Moment eigens aus Teheran gekommen Davon habe ich immer geträumt, sagt der Mann.

Vor der Hafez-Halle tanzt ein kleines Mädchen auf einer improvisierten Bühne. Ihre Bewegungen sind anmutig und frühreif kokett, ihr wird reichlich Geld zugesteckt, grüne 10 000-Toman-Scheine wedeln durch die Luft, mehr, als ihre kleinen Hände halten können. Nach ihr versucht ein armselig aussehender Junge sein Glück, er kann kaum tanzen, und seine breitgetretenen Sandalen machen ihn schwerfällig. Die Zuschauer zerstreuen sich rasch, der Junge bleibt mit leeren Händen zurück.

Außer dem Heiligtum und der Hafeziye gibt es noch eine dritte weltanschauliche Option, um das Neue Jahr zu begrüßen: am Grab von Kyros dem Großen oder in den Ruinen von Persepolis, beide im Umland von Schiras; dort versammeln sich Nationalisten, die von der Wiedererrichtung des Persischen Reichs träumen.

Eine Landkarte, die dessen phänomenale Ausdehnung zeigt, hängt an der Tür eines Ladens in der Anvari-Straße. Als ich sie einen Moment betrachte, nimmt der junge Ladenbesitzer die Karte sogleich von der Tür, befreit sie vom Klebeband und schenkt sie mir. Der Mann ist in gehobener Stimmung, auf dem Ladentisch, an dem er mit einem Freund saß, steht eine halb geleerte Flasche, es ist Wodka oder Arak. In der Anvari-Straße befinden sich Geschäfte für teure Importwaren, auch erstaunlich viele Läden mit Bodybuilder-Nahrung. Zu jeder Tageszeit stehen in dieser kurzen Straße junge Männer herum, die auf eine andere Art regimekritisch sind als die Singenden am Hafez-Grab.

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Einladung zum Nouruz-Essen bei einer Familie. Als ich ankomme, schenkt mir die Gastgeberin, ich will sie Zohreh nennen, ein Eidi, ein Trinkgeld zum Fest. 50 000 Toman, fast 15 Euro, die Geste stürzt mich in Verlegenheit.

Zohreh, eine gelernte Krankenschwester, ist bekannt für ihre vielen wohltätigen Aktivitäten. Meine Frage nach ihren Motiven wehrt sie erst scherzhaft ab, einen Vorwurf ihres Mannes wiederholend: Ich will uns in die Armut treiben. Dann murmelt sie etwas von Imam Ali, dem von Schiiten besonders geschätzten Philanthropen; sie sagt das so nebenbei, als würde ich sie ohnehin nicht verstehen. Diese Familie, sehr offen einer Westlerin gegenüber, ist doch stillschweigend davon überzeugt, dass ich ihre Werte nicht teile.

Zu Mittag gibt es Fisch und Kräuterreis, so muss es sein an Nouruz. Dazu eine Schiraser Spezialität, Reis mit Fleischklößchen, gefolgt von Dattelkuchen. Wir essen in der Küche, denn der gewöhnliche Esstisch ist für die nächsten dreizehn Tage zum Nouruz-Schautisch umfunktioniert. Darauf liegen traditionell sieben Dinge, die im Persischen mit dem Buchstaben „S“ beginnen, dazu zählt ein Apfel, eine Münze, grüne Sprossen, Knoblauch. Außerhalb der S-Serie gibt es weitere Standardbeigaben: Ein Spiegel steht metaphorisch für die Reflexion des abgelaufenen Jahres, verzierte Eier symbolisieren Fruchtbarkeit, und jene Goldfische, die mir in den Tütchen der Händler schon halbtot vorkamen, repräsentieren neues Leben.

Sie werden am Ende der dreizehn Tage, falls sie bis dahin nicht wirklich tot sind, im Wasserbecken am Grab von Schiras’ zweiter Dichtergröße, Saadi, ausgesetzt. Wer den Film „Taxi Teheran“ von Jafar Panahi gesehen hat, wird sich an die beiden aufgeregten alten Damen auf dem Rücksitz erinnern, die ihre Fische in der Plastiktüte dringend zu einem heiligen Pool im Süden Teherans bringen wollen.

Wie ein Nouruz-Tisch dekoriert wird, ist aber immer auch ein Statement. Weil Zohreh sehr religiös ist, liegen auf dem Tisch gleich zwei Koran­ausgaben, außerdem das Büchlein eines Geistlichen, vom vielen Gebrauch zerfleddert. In einer Metrostation sah ich einen Tisch, auf dem das Bild des Revolutionsführers im Silberrahmen weitaus größer war als alle anderen Utensilien. In einem Café der säkularen Kulturszene lagen auf dem Tisch wiederum Vollkornkekse, getrocknete Kräuter, Blüten und „natürlich kein Koran!“, wie mir der langhaarige Kellner mit indigniertem Unterton versicherte. Nur ein Band mit Gedichten von Hafez.

Aber Vorsicht mit schnellen Schlüssen. Auf Zohrehs Tisch mit den zwei Koranen liegt nur deshalb kein Hafez-Band, weil sie ihn sogar an diesen Tagen lieber auf dem Nachttisch hat. Sie liest jeden Abend vor dem Einschlafen zur Beruhigung ein sogenanntes Fal. Es ist iranische Tradition, Hafez als Orakel zu betrachten und ihn vor einer Entscheidung um Rat zu fragen. Dazu wird sein Diwan willkürlich aufgeschlagen, und die Zeile, auf die der Blick als Erstes fällt, enthält eine Antwort – sofern der Leser sie als Spiegel seiner eigenen Seele begreift. Der Rest des Gedichts gibt weitere Anhaltspunkte, um durch Selbsterforschung zu einem Entschluss zu kommen. Auf dieselbe Weise wird auch der Koran befragt, wenn es um die ganz großen Dinge des Lebens geht.

Zohreh holt ihren Diwan aus dem Schlafzimmer. Die Ausgabe wurde speziell zum Zweck der Lebensberatung gestaltet. Eine rosafarbene Doppelseite ist in Quadrate aufgeteilt, darin befinden sich die Seitenzahlen der Gedichte in willkürlicher Folge. Man schließt die Augen, konzentriert sich, hört in sich hinein und tippt dann blind auf ein Quadrat. Unter dem Gedicht, das einem auf diese Weise zugeteilt wird, steht eine kurze Interpretation, sie liest sich wie eine Mischung aus Horoskop und Lebensberatung.

Auch in meinem Hotel hatte ich am Morgen in einem verschlossenen Briefumschlag ein Fal vorgefunden: Wie ich mich von unbewussten Abhängigkeiten befreien könne. An Straßenecken spielen Kanarienvögel Schicksal und picken aus einer Schachtel mit Papierröllchen einen Vers heraus, sofern man ihren Besitzer dafür bezahlt hat.

Zohrehs Söhne, beide Ingenieurstudenten, ähneln einander äußerlich, doch nicht in ihrer Einstellung. Der Ältere hat für Religion nichts übrig; an Wahlen nimmt er teil, um mit den Reformern zumindest das, wie er sagt, kleinere Übel zu wählen. Der Jüngere ist religiös und betet regelmäßig, geht aber nie zu einer Wahl: weil er alle ablehnt, die sich am System der Islamischen Republik beteiligen.

Zohrehs Mann, der sich über die Frömmigkeit seiner Frau manchmal amüsiert, sagt über den religiösen Sohn: Wir sind demokratisch in der Familie; ich habe den Kindern nie meine Haltung aufgedrängt.

Es klingelt an der Wohnungstür. Ein ärmlich gekleideter Mann, der in diesem Viertel gewöhnlich den Müll einsammelt, holt sich sein Eidi. Zohreh greift dafür in eine blau gemusterte Büchse, es ist die in Iran allgegenwärtige Spendenbüchse der regimenahen Chomeini-Stiftung. Doch Zohreh gibt das Geld, das sie darin sammelt, nie den Stiftungsleuten, die ab und an vorbeikommen, sondern verschenkt es nach eigenem Gutdünken. Die regimenahe Büchse ist nur ein Behältnis und ihre Religiosität nicht der Staatsislam.

Im Wohnzimmer läuft auf einem großen Flachbildschirm BBC auf Persisch. In den Abendnachrichten sehe ich, dass der Sprecher des Parlaments, der einflussreiche Ali Laridschani, dort aufgetreten ist, wo ich am Morgen die frommen Massen hinströmen sah, im Schiraser Schah-Tscheragh-Schrein. Revolutionsführer Ali Chamenei sprach in Maschhad im Imam-Reza-Schrein, dem wichtigsten Heiligtum Irans. Dort spricht er stets an Neujahr, und manche Iraner reisen dafür eigens nach Maschhad, so wie andere nach Schiras fliegen, zum Grab von Hafez.

Ähnlich wie westliche Politiker markieren auch die iranischen in ihren Neujahrsbotschaften politische Eckpunkte für die kommende Zeit.

Auffallender ist: Chamenei gratuliert „allen Iranern, wo immer sie sind in der Welt“. An Nouruz gibt es offenkundig auch für die Nomenklatura der Islamischen Republik einen Iran jenseits der physischen Grenzen des Landes, ein „Gefühlsuniversum von Heimat“, wie es der US-iranische Linke Hamid Dabashi in seinem jüngsten Buch „Iran without Borders“ nennt. Aus der iranischen Staatsbürgerschaft wird niemand entlassen, und Auslandsiraner müssen fürchten, unter einem Vorwand als Spione verhaftet zu werden, wenn sie iranischen Boden betreten.

Heute indes wird ihnen gratuliert, und man könnte die Gratulation so übersetzen: Make Iran great again.

1 Die Autorin machte ihre Beobachtungen an Nouruz 2016.

2 2017 wird Nouruz in Iran am Nachmittag des 20. März um 01 Uhr 58 Minuten 40 Sekunden beginnen, in Berlin bereits um 11 Uhr 28 Minuten 40 Sekunden.

Charlotte Wiedemann ist Journalistin und Autorin; am 10. März ­erscheint „Der neue Iran“, München (dtv) 2017.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.03.2017, Charlotte Wiedemann