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Die Spur des Wassers

Die Spur des Wassers

Der Kongo-Fluss bestimmt das Leben in Kinshasa. Über Gegenwart und Geschichte einer unbändigen Stadt

von Lea Frehse

Wenn die Trockenzeit im August das Wasser zähmt, kann Mama Cécile die Höhe und Tiefe ihres Lebens an ihren eigenen vier Wänden ablesen. Der Fluss vor ihrer Haustür liegt dann ruhig in seinem Bett. Doch in das Wellblech ihrer Hauswand frisst der Rost in Hüfthöhe eine rotbraune Linie. Bis zu dieser Marke steht in den Wintermonaten das Wasser. Der Rost erinnert an das, was war und wieder kommen wird. Mama Cécile erinnert sich an keine besseren Jahre. „Wir leben mit dem Fluss, mit der Malaria, der Cholera, der Diarrhoe”, sagt sie.

Von September bis Dezember flutet der Kongo das Viertel der Fischer von Kinshasa. Dann treibt der zweitmächtigste Fluss der Erde, braun von Sediment und gesättigt von der Regenzeit, die Bewohner auf die Dächer ihrer Hütten. Nachts schlafen sie dort oben unter Planen, tagsüber fahren sie auf Pirogen durch die Gassen. Ihr Viertel liegt direkt am Fluss, doch sie leben hier abseits. Dabei ist das Ufer der Ort, an dem die Stadt ihren Anfang nahm.

Die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo hat heute 12 Millionen Einwohner und wächst schneller als jede andere Stadt Afrikas. So schnell, dass Kinshasa schon 2025 nach Lagos die zweitgrößte Stadt des Kontinents sein dürfte.1 Niemand weiß, wohin sich die Megapolis ausbreitet oder was sie im Innern zusammenhält: Weder verfügt der Staat über verlässliche Daten noch über einen Plan.

Als Joseph Kabila 2006 seine erste Wahl gewann, versprach er, der Präsident zu werden, der Kinshasas Schlaglöcher füllt und seine Bürger mit Wasser und Strom versorgt. Seither ist Kinshasas Einwohnerzahl um ein Drittel gewachsen, im Schnitt kommen jedes Jahr etwa 390 000 Zuwanderer in die Stadt. Kinshasa ist groß geworden durch jene, die sich eine bessere Zukunft erhofften. Doch die meisten von ihnen wurden enttäuscht. Für die Regierung sind sie unberechenbar. Wer erfahren will, was sie bewegt, der folge der Spur des Wassers.

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Im Viertel der Fischer steht die 56-jährige Cécile Bamolona mit ihren sieben Kindern inmitten einer Traube neugieriger Mädchen und Jungen und erzählt vom Überleben. „Wir haben kein fließendes Wasser, keinen Strom, keinen Arzt und keine Schule in unserem Viertel“, sagt die Frau mit den schmalen Schultern und weiten Gesten. „Aber wir haben hier unseren Platz.“ Ein paar Gassen weiter steht die Hütte von Érnest Bamuina Doudou. Der 59-Jährige stieg als Jugendlicher in seinem Dorf in der Provinz Équateur auf einen Kahn und kam Wochen später in Kinshasa an. Anfangs lebte auch er mit den Fluten der Regenzeit, doch mit den Jahren hat er für sein Heim ein Fundament errichtet: Seit einem Jahrzehnt schüttet er Erdreich auf, um dem Fluss ein Stückchen Grund abzutrotzen. Heute bleibt seine Hütte auch in der Regenzeit trocken.

Während das abnehmende Licht den Schmutz der Lagune milder aussehen lässt, kocht Doudous Frau über dem offenen Feuer Linsen und Fisch. Wasser zum Kochen und Trinken holen sie nahe der Hauptstraße von einem Trinkhahn; 50 Kongo-Franc kostet der 20-Liter-Kanister, umgerechnet etwa 5 Eurocent. Das ist auch für Doudou erschwinglich. Trotzdem ist Wasser ein knappes Gut. Weil die Stadt rasch wächst und die staatliche Wasserbehörde Regideso chronisch ­unterfinanziert ist, wird weit weniger Trinkwasser bereitgestellt, als nötig wäre. Im Schnitt stirbt im Kongo eines von 100 Kindern noch vor seinem fünften Geburtstag wegen verseuchten Wassers an Durchfallerkrankungen.2 Wenige Tage nach dem Besuch bei Érnest Doudou bricht im ­Nachbarviertel Pakadjuma wieder die Cholera aus.

Die Trinkwasserversorgung spiegelt den Alltag im Staat: Mangel als Dauerzustand und Verwaltung als Versagen. Mitte der 1990er hatten noch zwei Drittel der Bewohner Kinshasas Zugang zu sauberem Trinkwasser, zehn Jahre und eine schwere politische Krise später war es nur noch ein Drittel. Die Regierung verweist bei ­Kritik auf fehlende Mittel. Vielmehr aber geht es im Kongo um Verteilung: 2014 zahlte die Regierung nicht mehr als 6 Prozent des für die Was­serbehörde veranschlagten Budgets aus. Das ­Budget der Polizei hingegen deckte sie zu 85 Prozent.3

Doudou hat sein täglich Brot immer mit Fischfang verdient. Seine Kinder aber schickt er in die Schule. „Auf dem Fluss haben sie doch keine Zukunft“, sagt der Fischer. Bildung ist hier im wahrsten Sinne des Wortes eine Investition. Zwar sind staatliche Schulen offiziell kostenfrei, doch in der Praxis bezahlen Eltern die Lehrenden aus eigener Tasche. Der Staat zahlt seinen Angestellten so unregelmäßig so niedrige Gehälter, dass Lehrer zu Beginn jedes Schulhalbjahrs in ihren Klassen das Geld einsammeln. Auch die beiden Polizisten, die rund um die Uhr durch das Viertel streifen, leben von „Gebühren“, eingetrieben in der Nachbarschaft. Man kann das korrupt nennen oder lebenspraktisch – es läuft halt so.

Genaugenommen existieren Doudous Siedlung und Bewohner für den Staat gar nicht. Das Viertel der Fischer ist wie drei Viertel der Wohngegenden Kinshasas ungeplant und ohne Genehmigung entstanden. In der Sprache von UN-Experten heißt das informelle Siedlung, man kann auch sagen: Slum. Der Staat hat diese Viertel entstehen lassen und sorgt kaum für öffentliche Infrastruktur wie Wasser, Strom und Nahverkehr. Damit kosten sie den Staat fast nichts – sie sind ihm aber auch nichts schuldig.

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Wie ein Fächer liegt Kinshasa ausgebreitet am Ufer des Kongo. Ein Dutzend kleinerer Flüsschen durchziehen die Stadt und haben ihre Namen den größten Vierteln geliehen: Makelele, Gombe, Yolo, Ndjili. Auf Lingala nennt man die Bewohner Kinshasas auch „Mbwana Mai“, Kinder des Wassers.

Vor Cécile Bamolonas Hütte erweitert sich der Kongo auf einer Länge von 30 Kilometern zu einem See, bis zu 21 Kilometer breit und 16 Meter tief, genannt Pool Malebo. Von seiner Quelle bis hierher hat der Strom auf fast 4000 Kilometern einen gigantischen Graben ins Zentrum des Kontinents geschlagen. Hunderte Zuflüsse haben ihn so wasserreich gemacht wie keinen zweiten Fluss in Afrika. Weiter flussabwärts, auf dem Weg zum Atlantischen Ozean, tobt er noch 600 Kilometer und 300 Höhenmeter durch Stromschnellen und Wasserfälle, so wild, dass sich kein Schiff auf ihm halten kann. Es gibt Stellen, da wird das Flussbett so eng und der Strom so schnell, dass kein Mensch je gemessen hat, wie tief er dort ist.

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Auf der Landkarte sieht der Kongo wie eine Sichel aus, die das Land umschließt: Die Staatsgrenzen haben ihren Ursprung im Strom. Von seinen Wassern aus erkundete der britisch-amerikanische Journalist Henry Morton Stanley, stets im hellen Flanellanzug mit Tropenhelm und Nilpferdpeitsche, zwischen 1874 und 1877 Zentralafrika.

Seine Reiseberichte erregten auch die Aufmerksamkeit von Belgiens König Leopold II., der mit Stanley einen Deal schloss: Dieser sollte im Namen der von Leopold gegründeten Internationalen Afrikagesellschaft im großen Stil rund um den Kongo Land erwerben. Bis 1885 schloss Stanley im Zuge der Expedition über 450 Kaufverträge mit lokalen Stammesoberhäuptern, die die französischen Papiere unterzeichneten – meist ohne sie lesen, geschweige denn die Konsequenzen abschätzen zu können. Um die Ländereien in Besitz zu nehmen, gründete Stanley im Auftrag des belgischen Königs entlang des Flusses militarisierte Siedlungen, darunter 1881 den Handelsposten Léopoldville, das spätere Kinshasa.

Léopoldville war der zentrale Umschlagplatz für Sklaven und Güter vom befahrbaren Teil des Kongos bis zur Küste. Mit der 1898 fertiggestellten Eisenbahnlinie zwischen Léopoldville und Matadi nahe der Atlantikküste hatten die europäischen Kolonialisten eine Trasse geschaffen, um die natürlichen Ressourcen des Landes – zunächst vor allem Kautschuk und Kupfer – zu exportieren.

1926 wurde Léopoldville zur Hauptstadt der Kolonie. Wäre es nach der Kolonialregierung gegangen, Kinshasa wäre nie über einen Handelsposten hinausgewachsen. Schwarze Menschen duldete das weiße Regime zunächst nur als männliche Arbeiter in Siedlungen mit einigem Abstand zu Gombe, dem nur weißen Europäern vorbehaltenen Viertel am Fluss. Trotz regelmäßiger Razzien ließen sich immer mehr Menschen in den neuen urbanen Räumen nieder. 1960, im Jahr der Unabhängigkeit, zählte Léopold­ville 400 000 Einwohner, darunter 25 000 Europäer.

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Im Distrikt Tshangu sammeln sich kilometerweit niedrige Häuser rund um die größte Ausfallstraße der Stadt. Der Boulevard ist nach Patrice Lumumba benannt, dem Helden der Unabhängigkeit, der mit seinen Reden zu sozialer Teilhabe einst die internationale Linke begeisterte. Heute riskieren Fußgänger ihr Leben, wenn sie versuchen, die achtspurige Straße zu überqueren – es gibt keine Ampeln.

In Tshangu lebt man besser als die Fischer am Fluss, trotzdem trägt der Stadtteil den Beinamen „rote Zone”: Wenn es in Kinshasa Unruhen gibt, dann beginnen sie hier.

In Seitenstraßen verkaufen junge Männer von Plastikstühlen aus Handyguthaben oder Taschentücher und mustern mit ausdrucksloser Miene die Passanten. Clément, 25, ist in der Nachbarschaft bekannt als einer, der viel nachdenkt – und darüber zu sprechen wagt. Und in diesen Monaten ist er sich einer Sache ganz sicher: „Der Präsident muss weg.“ Die meisten seiner Freunde leben von Gelegenheitsjobs. „Se débrouiller”, sich durchschlagen, ist im Kongo so etwas wie eine Berufsbezeichnung. Die Perspektivlosigkeit trifft vor allem junge Menschen: Zwei Drittel der Kongolesen sind unter 25. Der Kampf um die Präsidentschaft gibt ihrer Wut einen Anlass.

Der Fluss, durch den die Stadt Kinshasa einst entstand, nagt auch an ihrem Fundament. Grundwasser steht mancherorts schon in eineinhalb Metern Tiefe. Hochhaussiedlungen können hier kaum entstehen. Ebenso wenig wie die typische urbane Anonymität solcher Siedlungen. „Wir leben in der Großstadt wie in einem Dorf“, sagt Clément. Er und seine Freunde sprechen offen über ihre Unzufriedenheit. Doch sie haben die Vorbeigehenden dabei immer im Blick. Dutzende junge Männer sind in den letzten Monaten verschwunden, mitgenommen von Geheimdienstlern, die tagsüber in Zivil durch die Straßen laufen, um Abweichler aufzuspüren, die sie nachts aus ihren Häusern holen. Cléments Nachname soll deshalb nicht in der Zeitung stehen. „Es ist die Angst, die die Leute davon abhält, frei zu denken oder sich zu organisieren”, sagt Clément. Doch in den sozialen Medien hat er eine neue Sprache gefunden. „Da ist dieses neue Gefühl, dass etwas passieren wird.”

Noch nutzen weniger als 5 Prozent der Kongolesen das Internet, die Mehrheit von ihnen in der Hauptstadt. Doch Smartphones erreichen schon jetzt mehr Menschen, als es Computer je taten. Die Bürger erobern neue Räume, in denen Debatten wieder möglich sind.

Auf dem Boulevard Lumumba erwacht die Stadt mit einbrechender Dämmerung zum Leben. Windig wie ihr Spitzname „Esprit de Mort“ (Geist des Todes), nutzen Minibusse mit mehr Passagieren als Sitzen jede Lücke, die der Stau lässt, aus. Es riecht nach Abgasen und Kohlenfeuern. Weil der Strom ständig knapp ist, kochen viele Kinois auf Holzkohlen.

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Eine Ursache für den Strommangel liegt 300 Kilometer flussabwärts und 20 Jahre zurück. Nahe der Stadt Matadi verengt sich der Kongo und beschreibt eine enge Kurve. An diesem Nadelöhr mit starkem Gefälle liegen die Wasserkraftwerke Inga I und II; sie produzieren 99 Prozent des Stroms im Kongo. 1996, als Rebellen unter der Führung von Laurent-Desirée Kabila, dem Vater des heutigen Präsidenten, im Kampf gegen Mobutus Armee auf die Hauptstadt vorrückten, legten sie die Turbinen des Kraftwerks still – da wurde es in Kinshasa schlagartig dunkel.

Im nahen Dorf erinnern sich ein paar ältere Männer, dass einige der Rebellen nicht einmal Schuhe trugen. Weil die Söldner die Turbinen stümperhaft abdeckten, sammelten sich Tonnen von Sediment in den Anlagen und machten sie unbrauchbar. Das Kraftwerk lief danach nie wieder mit mehr als 25 Prozent Auslastung.

Da der Strom bevorzugt in die Kupferminen des Südens weitergeleitet wird, bleibt für Kinshasa kaum etwas übrig. 2005 begann die von der Weltbank finanzierte Instandsetzung der Kraftwerke. Eigentlich sollten die Bauarbeiten längst abgeschlossen sein. Doch der Zeitplan, sagen die daran beteiligten deutschen Ingenieure von der Firma Andritz Hydro, sei längst gescheitert. Bevor die Reparaturarbeiten überhaupt beginnen konnten, mussten die Arbeiter erst mal sechs Monate lang Sand aus den Turbinenschächten schaufeln. Dann hingen Bauteile monatelang im Zoll fest.

Kongolesische und ausländische Offizielle schmückten sich zwar gern mit dem Projekt, erzählt ein Bauleiter, doch an der praktischen Umsetzung hätten Beamte und Politiker offensichtlich wenig Interesse: „Die Energiebehörde hat seit Baubeginn niemanden vorbeigeschickt, um den Fortschritt der Arbeiten zu kontrollieren.“ Auf dem Land sind nur 1 Prozent der Haushalte überhaupt an das Stromnetz angeschlossen, in den Städten sind es 19 Prozent. „Hier wird in keinem Dorf das Licht angehen, wenn die Turbinen wieder laufen“, meint der deutsche Angestellte. „Der Strom wird dorthin fließen, wo damit Geld gemacht wird. Das ist Politik. Aber wir machen hier nur unsere Arbeit.“

In Kinshasa bekommt ein durchschnittliches Viertel nur etwa vier Stunden Strom am Tag. Am Boulevard Lumumba verkaufen Frauen im Licht von Öllampen gebratenen Fisch in kleinen Stücken. Hinter ihnen steht ein ausrangierter weißer Bus, darauf in blauen Lettern: La vie est une lutte (das Leben ist ein Kampf).

Vier von zehn Kongolesinnen und Kongolesen konnten 2015 weder lesen noch schreiben. Der Kongo-Franc verlor in der ersten Hälfte 2016 11 Prozent an Wert. Ein Sack Maniokmehl, Grundnahrungsmittel für die meisten Familien, kostet heute fast doppelt so viel wie noch vor einem Jahr. In Kinshasa haben nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung einen festen Job mit geregeltem Gehalt, der Großteil von ihnen im öffentlichen Dienst.4

Das Ausmaß der Misere lässt sich dort ablesen, wo man einmal auf fette Jahre baute: Die staatliche Werft von Kinshasa sieht auf den ersten Blick wie ein Schiffsfriedhof aus. Dutzende Kadaver aus Stahl liegen auf Sand oder vertäut im Hafenbecken. Simon Disasi Mabula, 52, ist einer von denen, die sie hier „Kinder der Werft“ nennen. Schon sein Vater und Großvater haben hier gearbeitet. Wie es damals wohl hier aussah? „Wie heute“, meint Maluba, „nur mit mehr Arbeit.“

Als Mabulas Vater hier anfing, hieß das Land noch Zaire und dessen Langzeitherrscher Mobutu hatte die Wirtschaft mit seiner Politik der zaïrianisation (Enteignung von Unternehmen in ausländischer Hand zugunsten eigener Gewährsmänner) in eine schwere Krise gestürzt. „Von der haben wir uns nie erholt“, meint der Arbeiter. Die Lethargie von heute sei allerdings auf die 1990er Jahre zurückzuführen. Damals versuchten internationale Finanzinstitutionen mit Stellenstreichungen und Budgetkürzungen den Kongo zu reformieren.

Nach den „Strukturanpassungen“ waren in Mabulas Team noch 25 von über 40 Arbeitern übrig. Die Korruption an höherer Stelle aber blieb die gleiche. Ebenso wie das Hafenbecken, die Hallen, die Schiffsheber: Sämtliche Infrastruktur stammt noch aus der Kolonialzeit, seither hat hier niemand investiert. Das einzige Großprojekt der Werft steht im August 2016 auf Stahlstreben auf dem Trockenen: Die „Mongala“, ein Passagierschiff aus den 1930er Jahren, wird im Auftrag der Schifffahrtsbehörde mit Mitteln der Weltbank zum Frachter umfunktioniert.

Im Hafen von Kinshasa haben zum gleichen Zeitpunkt die Zollbeamten seit elf Monaten keinen Lohn erhalten und kassieren deshalb „Gebühren“ an den Kassenbüchern vorbei. Im Hafen von Matadi, Kongos Tor zur Welt, stehen hunderte fabrikneue Autos, fingerdick mit Staub belegt. Um das Haushaltsloch zu stopfen, hat die Regierung kurzerhand die ohnehin horrenden Einfuhrzölle mehr als verdoppelt, die Ware steckt fest. Kongos Wirtschaft leidet an der Abwesenheit des Staates mindestens genauso stark wie an seiner Präsenz.

Von der Grandeur des Kongo-Flusses als Exporttrasse für die Reichtümer des Kontinents ist nicht mehr geblieben als marode Kähne. Kongos natürliche Ressourcen – einst Kautschuk und Palmöl, heute Diamanten, Kupfer und Coltan – verlassen das Land nicht mehr über das Meer, sondern direkt ab den Minen im Osten und Süden des Landes Richtung Angola, Ruanda und Sambia. Das Geld verdienen ausländische Unternehmen und jene, die ihnen mit dem Verkauf staatlicher Konzessionen Zugang verschaffen: Kongos Staatsmänner.5 Der Rohstoffsektor gilt als extrem intransparent und korrupt.6 Das Africa Progress Panel schätzte 2013, dass dem kongolesischen Staat zwischen 2010 und 2012 durch Korruption im Bergbau etwa 1,36 Milliarden US-Dollar entgangen sind.

Einen der prestigeträchtigsten und wohl korruptesten Verträge präsentiert Kabila gern als seine größte Errungenschaft: Im Gegenzug für Konzessionen im Kupfer- und Kobalt-Abbau hat das chinesische Konsortium Sicomines seit 2009 laut der kongolesischen Regierung rund 1,5 Milliarden US-Dollar in den Bau von Straßen und Kliniken investiert. Insgesamt sieht der 2007 geschlossene Vertrag Investitionen in Höhe von 6 Milliarden US-Dollar vor. Der IWF hatte den Vertrag aufgrund hoher Verschuldungsrisiken für den Kongo scharf kritisiert und die Regierung unter der Androhung, bestehende Schulden nicht zu erlassen, gezwungen, das Vertragsvolumen nachträglich zu reduzieren.7

Im Straßenbild von Kinshasa ging Kabilas erklärte Absicht, schnell greifbare Ergebnisse zu erzielen, oberflächlich auf: Chinesische Baufirmen haben Hauptverkehrsadern wie den Boulevard Lumumba erneuert und Kliniken gebaut. Auf den zweiten Blick aber erweisen sich die Großprojekte als Makulatur. Am Boulevard stehen Straßenlaternen, die nie leuchten. Die Krankenhäuser finden keine Spezialisten, denn das Land bildet jedes Jahr nur wenige Dutzend Fachärzte aus. Die neue Prachtstraße vor dem Präsidentenpalast wurde so schlampig gebaut, dass der Regen nach wenigen Monaten einen Graben hineinriss. Dafür hängen seit den großen Demos im Sommer an allen wichtigen Kreuzungen Überwachungskameras.

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Aus dem zweiten Stock der Akademie der Bildenden Künste von Kinshasa wehen Klavierklänge durch den steinernen Treppenaufgang, so geschmeidig und voll, dass der Straßenlärm dagegen einfach keine Chance mehr hat. Es sind Semesterferien, doch wer üben will, dem stehen die Türen offen. Einer ist ohnehin meist hier: André Yoka Lye Mudaba, Schriftsteller, Direktor der Akademie und Kinois, ein Kind der Hauptstadt: „Kinshasa“, sagt Yoka, „ist wie eine ka­pri­ziö­se Schönheit. Verheißungsvoll und unberechenbar.“

„Bei aller Armut“, meint der Künstler, „sind die Straßenbars abends trotzdem immer voll. Und über allem steht die Musik.“ Die Rumba begründete in den 1930er Jahren Kinshasas Ruf als Stadt der unangepassten Stimmen. Der Jazz machte sie in den Jahren der Unabhängigkeit weltberühmt. „Hör genau hin“, sagt Yoka, „dann wiegt sich mit einem Mal der große Fluss im Rhythmus der Rumba.“ Das Motiv des Kongo stehe längst für eine tiefe Nostalgie. „Als läge der Fluss mit all seinen Möglichkeiten nicht direkt vor uns.“

Der Schriftsteller hat Mobutus Diktatur erlebt, den Krieg und das Versprechen von Freiheit. In all den Jahren hat sich das Leben in der Stadt nur wenig verändert. Aber vielleicht, meint Yoka, verändere sich langsam ihre Melodie: „Die jungen Leute haben angefangen, uns Alte ins Kreuzverhör zu nehmen.“

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In Mikonga kam der Wandel aus der Tiefe. Das Viertel liegt dort, wo auf dem Boulevard Lumumba längst kein Stau mehr ist, abgeschlagen hinter dem Flughafen zwischen Ausfallstraße und dem sumpfigen Südufer des Kongo. Bis vor wenigen Jahren zogen alle, die es sich leisten konnten, von hier weg Richtung Innenstadt. Heute ziehen Kinois nach Mikonga.

Auch in Mikonga sind die Gassen aus Sand, zünden die Marktfrauen bei Einbruch der Dämmerung ihre Ölfunzeln an. Doch der Sand ist sauberer, der Gestank von Abwasser fehlt. Und da ist dieser Turm: Zwölf Meter hoch, auf Stelzen aus Beton, ragt ein Wassertank über dem Marktplatz in die Höhe. Er gehört dem lokalen Trinkwasser-Verband Asurep (Association des Usagers des Réseaux d’Eau Potable) und ist so etwas wie ein Monument bürgerschaftlicher Emanzipation. Der Erfolg der Initiative lässt sich an zwei Zahlen ablesen: Vor 2012 kamen jeden Tag im Schnitt 92 Kranke mit Diarrhoe und Cholera in die Klinik von Mikonga, infiziert durch verseuchtes Trinkwasser. Heute sind es höchstens zwei.

Vor 2012, berichtet Kathy Makombo, die auf dem Markt geräucherten Fisch verkauft, holten sie und ihre Kinder das Trinkwasser von den Regideso-Brunnen oder aus dem Sumpf. „Es schmeckte nach Salz und man bekam Durchfall“, erzählt Makombo. Der Weg zum Fluss war mühselig, das Wasserholen verschlang jeden Tag bis zu vier Stunden. Und im Gestrüpp wurden immer wieder Frauen vergewaltigt. Heute trägt Makumba ihre Kanister zu einem Asurep-Brunnen gleich um die Ecke.

Von den Nutzern getragen wie eine Kooperative, versorgt Asurep seit 2012 das Viertel mit sauberem Trinkwasser. Die Initiative entstand 2010 und wurde von belgischen und französischen Entwicklungsorganisationen unterstützt; doch richtig Fuß fassen konnte sie nur, weil Menschen wie Robert Aembe monatelang an Türen klopften. Aembe, 40, ein leiser Mann, wird von allen Seiten gegrüßt, während er die Besucher durch das Viertel führt. In jedem größeren Straßenzug deutet er auf einen sauber betonierten Brunnen mit vier bis sechs Wasserhähnen. Drum+herum stehen Kinder, die einer Asurep-Mitarbeiterin 50 Kongo-Franc geben und dafür einen vollen 20-Liter-Kanister bekommen.

„Die Regideso lieferte kein gutes Wasser und ließ ihre Einnahmen versickern“, sagt Aembe. „Vor uns hat eine andere Hilfsorganisation zwar einen Brunnen gebaut, aber sie schaffte keine Strukturen, um ihn zu verwalten.“ Bevor der erste Brunnen entstand, wurden die Anwohner für das Asurep-Projekt mobilisiert: „Wir mussten die Menschen erst mal überzeugen, dass sie überhaupt etwas ändern können, für sich und ihr Viertel“, sagt Aembe.

Es entstanden Nachbarschaftskomitees, und die Initiative kaufte kleine Grundstücke für die Brunnen. 2012 konnten die ersten der 4000 Bewohner in Mikongo ihr eigenes sauberes Trinkwasser gleich um die Ecke holen. Inzwischen sind rund ein Dutzend Brunnen im Viertel entstanden, einzelne Haushalte zahlen extra und haben dafür eine eigene Wasserleitung bekommen. Anwohner haben Land gespendet, damit auch in ihrer Straße ein Brunnen entsteht.

Seit diesem Jahr gibt es auf dem Marktplatz von Mikongo sogar eine öffentliche Asurep-Toilette. Die französische Entwicklungshilfeorganisation AFD hat den Anschub finanziert, die Instandhaltung aber finanzieren die Nutzer mit ihren 50 Franc pro Kanister selbst. Wohin das Geld fließt, entscheiden gewählte Nachbarschaftskomitees.

Der Staat, sagt Aembe diplomatisch, halte sich weitgehend raus. Andere Beteiligte berichten von Beamten, die das Projekt sabotieren und Schmiergelder erpressen wollten. Bislang aber konnte sich Asurep in Mikongo und zwei Dutzend weiteren Nachbarschaften durchsetzen. Auch weil die internationalen Geldgeber Druck auf die Regierung ausüben und den Mitarbeitern den Rücken frei halten. Etwa 700 000 Kinois haben durch Initiativen wie die in Mikonga sicheren Zugang zu sauberem Wasser.

Seit das Wasser nach Mikonga kam, zieht das Viertel neue Bewohner an. Die Grundstückspreise sind in die Höhe geschnellt. Gleichzeitig sparen Familien Zeit und Geld, weil die Wege zum Wasser kürzer sind und die Kinder seltener krank werden. Die Brunnen, meint Makombo, hätten den alten Sinn für Gemeinschaft wieder zutage gefördert. „Wasser“, sagt Kathy Makombo, „ist Leben.“

1 Siehe mgafrica.com/article/2016-03-29-kinshasa-the-dysfunctional-megapolis-of-12-million-souls.

2 data.unicef.org/topic/child-health/diarrhoeal-disease/.

3 www.licocordc.org/wp-content/uploads/2016/02/ANA­LYSE-DE-LA-LICOCO-SUR-LA-REDDITION-DES-COMPTES-2014-1.pdf.

4 Vgl. Götz Heinicke, „Kinshasa – Symbiose aus Metropole und Dorf“, in: Susanne Luther (Hg.), „Stadt, Land, Fluss. Hauptstädte – Motor der Entwicklung?“, AMEZ 12, München (Hanns-Seidel-Stiftung) 2014.

5 www.business-anti-corruption.com/country-profiles/democratic-republic-of-the-congo.

6 uk.reuters.com/article/congodemocratic-mining-china-idUKL8N0ZN2QZ20150708.

7 www.globalwitness.org/sites/default/files/library/friends_in_need_en_lr_1.pdf.

Lea Frehse ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Nahost und Afrika (leafrehse.de).

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.12.2016, Lea Frehse