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Die große Umarmung

Die große Umarmung

Die Inderin Amma ist ein Guru mit globaler Anhängerschaft und besten politischen Beziehungen

von Jean-Baptiste Malet

Hypnotische spirituelle Gesänge und Weihrauchdüfte strömen in Toulon durch den Eventpalast Zénith Oméga. Hoch über unseren Köpfen steht in riesigen Lettern „Embracing the World“ (ETW), „die Welt umarmen“. So heißt die internationale Organisation des weiblichen Guru Mata Amritanandamayi, besser bekannt unter dem Namen Amma (das Hindiwort für Mutter).

In einen strahlend weißen Sari gehüllt, sitzt sie unter den wachsamen Blicken ihrer Leibwächter im Lotussitz auf einem kleinen Thron, vor dem ihre begeisterten Anhänger darauf warten, sich an ihre Brust zu schmiegen – die letzten Meter legen sie auf Knien zurück. Mehrere Tausend Menschen sind gekommen, um den Darshan in Empfang zu nehmen, Ammas Umarmung, das Symbol ihrer Organisation, die behauptet, der Guru habe damit weltweit schon mehr als 36 Millionen Menschen beglückt.

1987 ging die „göttliche Mutter“ zum ersten Mal auf Europatournee. Nachdem die jährliche „Amma Tour“ in diesem Sommer zehn US-Großstädte angesteuert hatte, gastierte sie anschließend in Toronto und Tokio. Im Oktober machte sie unter anderem im schweizerischen Winterthur Station; Toulon stand für den 7. bis 9. November auf dem Programm, und Mitte November wird sie in München erwartet.

Die ETW fungiert als eine Art Auslandsbüro für die Zweigstellen, die Ammas Tourneen vor Ort organisieren. Die perfekte Logistik der Auftritte ist wahrlich beeindruckend. Überall, wo Ammas Karawane haltmacht, werden riesige mobile Industrieküchen aufgestellt; Hunderte Freiwillige stehen an den Herden und kochen, andere servieren die vegetarischen Mahlzeiten, von denen täglich Tausende verkauft werden, während Amma auf ihrem Thron pausenlos die gleiche Geste zelebriert. Die Bons für den Darshan sind gratis; aber es dauert viele Stunden, bis es so weit ist. Die freiwilligen Helfer kon­trol­lieren auch die langen Warteschlangen und greifen ein, wenn der Strom der Zärtlichkeit ins Stocken gerät, indem sie dem Nächsten in der Reihe mit sanftem Druck eine Hand in den Nacken legen.

Amma spricht nur Malayalam1 , doch sie murmelt jedem, den sie umarmt, in dessen Landessprache „mein Schatz“ ins Ohr. Ihre exakt einstudierte Standardliebkosung erinnert an Fließbandarbeit: Arme öffnen, um den Unbekannten schlingen, zehn Sekunden drücken, jedem Liebkosten ein Rosenblatt, einen Apfel oder einen Bonbon schenken. Die Massenumarmungen ziehen sich über viele Stunden hin.

Danach laufen die Umarmten barfuß in der riesigen Halle herum, viele sind sichtlich berührt, manche brechen in Tränen aus. „Was ich empfinde, ist unbeschreiblich. Amma ist reine Liebe“, schwärmt eine arbeitslose Sekretärin mit rot glänzenden Wangen. „Amma hat mir mehr Liebe gegeben als meine Eltern“, sagt ein Informatiker. „In dieser Welt von Verrückten tut eine Unterbrechung gut, um bei Amma zu sein und sich wieder auf sich selbst zu besinnen“, erklärt eine Säuglingsschwester, die mit ihrer Tochter gekommen ist. Die beiden haben dreieinhalb Stunden gewartet, um vor Amma nieder­knien zu können.

Für die Psychologin Elodie Bonetto ist der Fall klar: „In unseren modernen, zutiefst narzisstischen Gesellschaften sind viele Menschen auf der Suche nach sich selbst. Wenn sie sich Amma nähern, findet ein Prozess der Idealisierung statt; Amma, der leader, verkörpert das Ideal. Die Hingabe des Individuums lässt sich vor allem durch sein Verlangen erklären, als einzigartig anerkannt zu werden. Man unterscheidet drei Typen: den sozioaffektiven, der Trost sucht, den utilitaristischen, der nach Selbstverwirklichung strebt, und den flexiblen Typus, der sich zwischen den beiden Polen bewegt.“

Dachorganisation des internationalen ETW-Netzwerks ist der karitative Verein Mata Amritanandamayi Math, der seit Juli 2005 im UN-Wirtschafts- und Sozialrat den Status einer konsultativen NGO hat. 2002 wurde Amma von der UNO mit dem renommierten Gandhi King Award für Frieden und Gewaltlosigkeit ausgezeichnet. Seitdem hat sie regelmäßig vor den Vereinten Nationen in New York gesprochen. Im Dezember 2014 saß sie im Vatikan neben Papst Franziskus und unterzeichnete eine Erklärung religiöser Führer gegen Sklaverei. Und im vergangenen Jahr war sie eine von 50 Persönlichkeiten, die in der Vorbereitungsphase für die UN-Klimakonferenz in Paris zu Gesprächen in den Élysée-Palast eingeladen wurden. Die „göttliche Mutter“ schickte eine Videobotschaft und entsandte ihren Stellvertreter Swami Amritaswarupananda, der für ein Erinnerungsfoto mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande posierte. Amma war auch schon im US-Kongress zu Gast, um Abgeordnete der Demokraten zu umarmen.

Stars wie Marion Cotillard, Sharon Stone oder Jim Carrey haben den Darshan empfangen. „Sie hat mich in die Arme genommen und gehalten. Man regrediert förmlich. Das letzte Mal, dass ich so etwas erlebt habe, war in den Armen meiner Mutter. Es ist wie ein sehr angenehmes warmes Bad“, erzählt der Schauspieler Jean Dujardin,2 der in Claude Lelouchs Spielfilm „Un plus une“ (2015) mit seiner Filmpartnerin Elsa Zylberstein zu Amma pilgert.

Internationale Anerkennung, ehrenvolle Einladungen, eine erlesene Schar umarmter Persönlichkeiten auf der Suche nach Exotik oder Trost – Amma verfügt über ein riesiges symbolisches Kapital und ein großes diplomatisches Netzwerk. Für die meisten Medien, die sie als „große Figur der Menschheit“ oder „indische Heilige“ beschreiben, ist sie über jeden Zweifel erhaben. Aus den zahlreichen ETW-Publikationen erfährt man etwa, dass die Haut von Mata Amritanandamayi bei der Geburt blau gewesen sei wie die des Gottes Krishna. Als sie auf die Welt kam, habe Amma weder geweint noch geschrien, sondern nur gelächelt. Mit sechs Monaten konnte sie schon sprechen und habe als Kind mehrere Wunder vollbracht, zum Beispiel eine Kobra umarmt, die ihr Heimatdorf bedroht habe. Vor den Augen ungläubiger Ra­tio­na­lis­ten habe Amma einmal Wasser in Milch verwandelt und einen Leprakranken geheilt, indem sie seine Wunden geleckt habe. Wegen dieser Legenden, die im indischen Kerala editiert und gedruckt werden, konkurriert Amma direkt mit den Heiligen der großen Weltreligionen. Die Zahl ihrer außergewöhnlichen Taten schwankt je nach Ausgabe, Überarbeitung und Sprache, in die diese Bücher übersetzt sind.

Sandelholzpulver und Gebets-DVDs

Im dicht gefüllten Saal des Darshan werden unzählige Fanartikel verkauft, darunter von Amma gesegnete Säckchen mit Basilikum oder Sandelpulver, ETW-T-Shirts, Poster, Kinderbücher, ayurvedische Ratgeber zur Heilung von Krebs, CDs mit Gesängen, Gebets-DVDs, Girlanden, Zweige, Talismane, Kristalle, die „Überfluss erzeugen“, „energetische“ Steine, Messingketten, Ölessenzen und Kerzen. Die Kassen ­füllen sich rasch. Eine Puppe mit Ammas Gesichtszügen kostet 90 Euro. „Wenn Sie einen Darshan erhalten wollen, aber fern von Amma sind, können Sie die Puppe umarmen“, erklärt eine Verkäuferin. Die Puppe wird vor allem von den treuesten Anhängern verwendet, die als freiwillige Helfer Ammas Tourneen begleiten und für die der Empfang des Darshan beschränkt ist, damit sie nicht zu viele Gratisumarmungen erhalten.

Im Amma-Onlineshop gibt es außerdem Biokosmetik und Lebensmittelergänzungen zur „reinigenden Entgiftung“, Ammas gesammelte Werke, Statuen und Stoffe zur Raumdekoration, Sticker, Schlüsselanhänger, Thermoskannen und vieles mehr. All diese Merchandisingprodukte sind in den Augen der Gläubigen Fetische, in denen Ammas Liebe steckt. Vor allem ermöglicht ihr Verkauf jedoch die Finanzierung „humanitärer Werke“, wie die ETW-Pressesprecher erklären. Neben den Einnahmen aus dem Gastro- und Warenangebot wird während der Veranstaltungen auch ordentlich gespendet. Die Helfer gehen die ganze Zeit mit Sammelbüchsen herum. „Ammas Liebe ist kosten- und bedingungslos. Jeder Einzelne kann entscheiden, was er geben möchte, entsprechend dem, was er von Amma empfangen hat“, heißt es.

Wenn Amma auf Tournee geht, sind oft Wochen vor ihrer Ankunft alle Hotels reserviert. Jede Reise wird von „Ammas Kindern“ begleitet: Hunderte Gläubige aus aller Welt folgen auf eigene Kosten der „Göttin“, um freiwillig zu helfen. Überdurchschnittlich vertreten sind alleinstehende, meist arbeitslose Frauen, die nächtelang auf dem nackten Fußboden campieren. In Toulon schlafen jedes Jahr sehr viele Anhänger unter Missachtung sämtlicher Brandschutzbestimmungen in den Gängen oder verborgenen Winkeln des Zénith Oméga.

Für die Mitfahrgelegenheit in den ETW-Bussen zahlen die Freiwilligen der Europatournee fast 1500 Euro. Die vegetarischen Mahlzeiten und Übernachtungen müssen sie ebenfalls selbst bezahlen. Nicht wenige müssen sich vorher dafür viel Geld leihen. Dafür werden sie dann ganz in Weiß gekleidet, bekommen ein Namensschild angeheftet und gelten als vollwertige ETW-Mitglieder. Amah Ozou-Mathis, eine frühere Anhängerin, hat die Europatourneen fünf Jahre lang begleitet: „Die Tage beginnen sehr früh mit Mantras und der Rezitation der 800 Namen von Amma. Es folgt ein langer Arbeitstag, und am Abend gibt es rituelle Zeremonien, bei denen viele Teilnehmer in Trance geraten und die sehr spät enden. Meistens bekommt man nachts nicht mehr als drei bis vier Stunden Schlaf.“

Für die Tourneen wird vor allem in Werbemittel investiert: von den riesigen Schauwürfeln aus Karton mit Fotos von Krankenhäusern und Schulen in Indien, die zeigen sollen, dass alle Gewinne aus Ammas Tourneen wohltätigen Zwecken dienen, bis zu den aufwendig gestalteten Pressemappen für Journalisten. Die ungeprüft übernommenen Zitate aus den ETW-Texten tauchen weltweit in den verschiedensten Medien auf. Seit mehr als 30 Jahren wird weltweit über Amma-Tourneen berichtet – ein geradezu klassischer Topos ist die Beschreibung des selbst erlebten Darshan.3

In Frankreich wird Amma in den Medien quasi vergöttert. Es begann 1994 mit einem Beitrag in der linken Tageszeitung Libération: „Amma, Mêre divine aux 500 câlins quotidiens“(Amma, göttliche Mutter der 500 täglichen Umarmungen). Seither folgt ein Artikel auf den anderen. 2005 lief Jan Kounens Dokumentarfilm „Dar­shan – Die Umarmung“ außerhalb des Wettbewerbs in Cannes und wurde im selben Jahr im Abendprogramm auf Arte gesendet. Im Grunde lassen sich all die Lobeshymnen, die online, im Fernsehen oder im Radio zu lesen, zu sehen und zu hören sind, in einem einzigen Zitat zusammenfassen: „Amma ist eine große ­Weise, eine große Seele, wie man in Indien sagt, die ihr Leben damit verbringt, zu trösten, und die alle, die sich ihr nähern, mit Mitgefühl überschwemmt.“4

Vom Libanon bis Jamaika, von Japan bis Kanada, vom italienischen Fernsehen bis zu den Hunderten US-amerikanischen Presseberichten wird über Ammas einzigartige Lehren aus dem Munde einer „Vertreterin der Hindureligion“ fast nur wohlwollend berichtet.

Amma wendet sich in ihren Werken gegen den Anspruch des Individuums, die Welt zu verstehen und sie zu verändern: „Bis ihr versteht, dass ihr ohnmächtig seid, dass euer Ego euch nicht retten kann und dass all eure Errungenschaften nichts wert sind, wird Gott oder der Guru die notwendigen Bedingungen schaffen, euch diese Wahrheit verstehen zu lassen.“5 Sie predigt den klassischen Rückzug auf sich selbst und erklärt: „Wenn Gott Teil unseres Lebens ist, wird die Welt folgen. Aber wenn wir die Welt an die erste Stelle setzen, wird Gott nicht folgen. Wenn wir die Welt umarmen, wird Gott uns nicht umarmen.“ Es sei wichtig, den Geist nicht mit allzu viel Verstand zu belasten: „Bemühen wir uns, den Intellekt von unnötigen Gedanken zu leeren und unser Herz mit Liebe zu füllen.“ Ihre eigene Mission besteht für Amma darin „die angeborene unendliche göttliche Energie zu wecken, die in jedem von uns ruht, und die Menschheit auf den rechten Pfad des Dienens und der uneigennützigen Liebe zu führen“.

In Tausenden Artikeln und Reportagen heißt es, ETW sei eine „karitative NGO“. Die internationalen ETW-Web­sites präsentieren unzählige Bilder von „humanitären Projekten“ und Fotos, auf denen etwa US-Präsident Bill Clinton von Amma einen Scheck über eine Million Dollar für die Opfer des Wirbelsturms „Katrina“ entgegennimmt, der 2005 über New Orleans hinwegfegte. Die Organisation hat es jedoch nie für nötig gehalten, einen detaillierten Finanzplan und einen Bericht über Einnahmen, Ausgaben oder allgemeine Kosten zu veröffentlichen. Nach Abzug der Miete für die riesigen Säle belaufen sich die Einnahmen aus der Welttournee täglich auf Zehntausende Euro – besonders groß ist die Spendenfreudigkeit bei Menschen, die den Darshan erhalten haben.

Kritik vom Verein der indischen Rationalisten

„Ammas Reich ist keineswegs eine karitative NGO“, behauptet hingegen Sanal Edamaruku, der Vorsitzende des Vereins der indischen Rationalisten. Er lebt derzeit im finnischen Exil. Das Unternehmen Amma betreibe vielmehr „ein schmutziges Business“, das man „auf die lange Liste der Scharlatane setzen kann, die in Indien ihr Unwesen treiben“. Die genaue Verwendung der auf ihren Tourneen gesammelten Gelder sei völlig undurchsichtig, meint Edamaruku.

Nach Einsicht in die Unterlagen des indischen Innenministeriums und Steuererklärungen einer US-amerikanischen ETW-Filiale fällt tatsächlich auf, dass Ammas Verein über mehrere Jahre hinweg weniger Einnahmen deklariert hat, als die US-Filiale an sie überwiesen hat. Noch überraschender: 2012/2013 soll die Dachorganisation M. A. Math 219 Millionen Ru­pien (fast 2,9 Millionen Euro) Zinsen eingenommen haben. Eine „humanitäre Organisation“, die ihre Kassen füllt, um das Geld arbeiten zu lassen? Die Pressesprecher von ETW lehnen jeden Kommentar dazu ab.

Amma spaltet die indische Gesellschaft, seit sich der kommunistische Politiker T. K. Hamza 1998 im Bundesstaat Kerala öffentlich kritisch über den Guru geäußert hat. Daraufhin brach der Zorn der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) in organisierten Massenprotesten über ihn herein. Ammas frühere Privatsekretärin Gail Tredwell, die 20 Jahre lang für den Guru gearbeitet hat, erzählt in ihrem Erfahrungsbericht6 , wie sich Amma vom lokalen Guru zum internationalen Star entwickelt hat. Tredwell berichtet auch von Unterschlagungen und Gewalt, sogar Vergewaltigungen innerhalb der Organisation, und den engen Verbindungen zu hindunationalistischen Regierungsvertretern. Der Weltkonzern der Umarmung hat durchgesetzt, dass Tredwells Buch wegen „Blasphemie“ im Bundesstaat Kerala nicht vertrieben werden darf. Schon 1985 wurde ein Buch des ehemaligen Polizisten Sreeni Pattathanam, der über seltsame Todesfälle in Ammas Aschram berichtete, wegen „Blasphemie“ zensiert. Der Autor arbeitet heute für den Verein der indischen Rationalisten in Kerala. Kürzlich wurde eine indische Buchhandlung, die einen Band mit Tredwell-Interviews herausgegeben hat, von Amma-Anhängern verwüstet.

Trotz der Kritik nimmt Ammas Einfluss in Indien ständig zu. Der Geburtstag der „göttlichen Mutter“ ist ein politisches Ereignis. Jedes Jahr am 27. September versammeln sich Zehntausende Menschen. Die Feierlichkeiten beginnen mit einer Zeremonie, die an die Eröffnung der Olympischen Spiele erinnert: Gläubige aus allen Ländern paradieren in traditionellen Kostümen und schwenken Nationalflaggen. Zu Ammas 50. Geburtstag, der 2003 im Nehru-Stadion von Kochi (Kerala) gefeiert wurde, kamen mehr als 100 000 Menschen. M. A. Math hatte über 2500 Busse angemietet und sämtliche Hotelzimmer im Umkreis des Stadions reserviert, das für diesen Anlass in einen riesigen Aschram verwandelt wurde.

2015 wurde auch der französische Botschafter in Indien, François Richier, zu den Feierlichkeiten geladen. „Es ist eine große Ehre, heute bei Ihnen zu sein, um den Geburtstag unserer geschätzten Amma zu begehen“, erklärte er im Beisein des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi und des BJP-Vorsitzenden Amit Shah. „Ammas Gedanken und ihre Weisheit helfen uns beim Verständnis der großen Pro­ble­me unserer Zeit, zeigen uns Möglichkeiten, Frieden zwischen den Ländern und den Völkern zu schaffen, und behandeln Fragen, die uns alle betreffen, wie Bildung oder Klimawandel.“

Edamaruku warnt davor, sich täuschen zu lassen. Amma baue in Indien zwar tatsächlich Krankenhäuser, Schulen und Hochschulen. Doch meistens handele es sich um private Einrichtungen, die Profit generieren sollten, „damit sich Ammas Organisation institutionell etablieren und ihre Macht noch weiter festigen kann“. Unter dem Label Amrita verwaltet ETW einen eigenen Hochschulverbund inklusive eigener Universitätsklinik mit mehr als 18 000 Studierenden. In einem Werbeclip werden 23 wissenschaftliche Forschungszentren (unter anderem für Luft- und Raumfahrttechnik, Chemie, Ingenieurwesen, Informatik, Medizin und Biotechnologie) genannt, die 51 Patente entwickelt haben sollen. Die Amrita-Universität, der Amma als Präsidentin vorsitzt, wird im Ranking der besten indischen Hochschulen geführt und kooperiert mit Universitäten in Europa und den USA.

Die vom Obolus der Gläubigen aus aller Welt finanzierte Hochschule ist in der indischen Oberschicht sehr gefragt. Das Medizinstudium kostet 144 000 Dollar. Laut Tredwell sind sämtliche Einrichtungen, also auch die medizinische Versorgung, für die Sprösslinge ranghoher hindunationalistischer Politiker kostenlos, während die Studierenden aus armen Familien einen Kredit aufnehmen müssen.

Im Juli 2014 besuchten 300 Mitglieder der ETW-Jugendorganisation Amrita Yuva Dharma Dhara (AYUDH) das Europaparlament, um dort im Beisein mehrerer Abgeordneter das zehnjähriges Bestehen der Organisation zu feiern. AYUDH ist vor allem dazu da, Ammas Interessen in Europa zu vertreten. Sie beteiligt sich an der „No ­Hate Speech Movement“-Kampagneder Jugendorganisationen des Europarats und erhält Fördermittel aus dem Europäischen Jugendfonds. Die EU-Kommission unterstützt auch AYUDHs religiöse Veranstaltungen, auf deren Programm unter anderem Gebete und die Einführung in Kunsttherapie oder Permakultur7 stehen.

Der Guru aus Kerala kann sich auch auf die politische Unterstützung der EU-Kommissarin für Kultur und Bildung, Martine Reicherts, verlassen. Auf der Website von AYUDH sieht man die Luxemburgerin, die sich auch als Yogalehrerin betätigt, zwischen lauter jungen Gläubigen fröhlich posieren, und in den EU-subventionierten Broschüren der Organisation ist sie ebenfalls abgebildet. Am 21. Oktober 2014, damals war sie noch EU-Kommissarin für Justiz, besuchte sie die jährliche Massenveranstaltung im französischen Pontoise. In einem Video ist zu sehen, wie der Guru Blütenblätter auf Reicherts Kopf regnen lässt. Die EU-Kommissarin nähert sich dem Thron, legt der Göttin eine Blumenkette um den Hals und umarmt sie sichtlich gerührt. Dann kniet sie nieder, faltet als Zeichen ihrer Hochachtung die Hände und neigt den Kopf, bis ihre Stirn Ammas Knie berührt.

Später ergreift Reicherts auf der Bühne das Wort und wendet sich feierlich an die Tausenden Anwesenden: „Ich habe das Amt einer Kommissarin, das ist so etwas wie die europäische Justizministerin, und ich möchte Amma in dieser Welt ohne Glauben meine Zuneigung bekunden, nicht als Anhängerin oder als Schülerin (. . .). Wir leben in einer Welt, in der wir Spiritualität, Werte und Mut brauchen. Dank Amma habe ich verstanden, dass das Konkrete, das Alltägliche, das Politische zum Spirituellen führen kann.“

Allerdings beschränkt sich die Unterstützung der Europäischen Union nicht auf warme Worte: Im Rahmen des Programms „Jugend in Aktion“ hat die Kommis­sion bereits mehr als 243 000 Euro an Ammas Jugendorganisation überwiesen.

1 Diese drawidische Sprache ist vor allem in Ammas Heimatstaat Kerala im Südwesten Indiens verbreitet.

2 „Jean Dujardin rencontre Amma: ‚Une Gandhi au féminin‘“, Europe 1, 4. Dezember 2015.

3 „Ich bin wieder Kind, und so soll es auch sein. Worte, mütterlich wirkende Liebkosungen fallen, Erinnerungen kommen hoch, die ich schon vergessen glaubte“, schreibt etwa Kerstin Rottmann in „Versuchen Sie nicht, die ‚Umarmerin‘ auszutricksen“, Die Welt, 6. Oktober 2012. Nahezu wortgleiche Beschreibungen finden sich bei Sophie Albers Ben Chamo, „Im Clinch mit einer lachenden Göttin“, Stern, 6. Oktober 2012, Jenny Becker, „Drücken an Drücken“, Spiegel Online, 28. Oktober 2013, oder Marlene Halser, „Meineliebemeineliebe“, taz.de, 28. Oktober 2013.

4 So die Radiomoderatorin Elisabeth Assayag am 22. Oktober 2015 auf Europe 1.

5 Siehe www.amma-europe.org.

6 Gail Tredwell, „Holy Hell: A Memoir of Faith, Devotion, and Pure Madness“, London (Wattle Tree Press) 2013.

7 Anhänger der Permakultur treten für eine nachhaltige Landschaftsgestaltung ein. 1978 veröffentlichten Bill Mollison (1928–2016), damals Dozent an der Environmental Design School, und sein Schüler David Holmgren das erste Konzept. Siehe auch Bill Mollison, David Holmgren, „Permakultur. Landwirtschaft und Siedlungen in Harmonie mit der Natur“, Darmstadt (pala-verlag) 1984.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Jean-Baptiste Malet ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 10.11.2016, Jean-Baptiste Malet