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Wo in aller Welt

Über Pässe, Identitäten und Grenzen

von Frances Stonor Saunders

Am späten Abend des 3. Oktober 2013 kenterte vor der Küste von Lampedusa ein Kutter mit mehr als 500 Menschen aus Eritrea und Somalia. Auf der Insel hörte man die verzweifelten Schreie, hielt sie in der Dunkelheit aber für das Kreischen von Möwen. Das Boot sank innerhalb weniger Minuten. Die Überlebenden hielten sich fünf Stunden lang über Wasser; einige von ihnen schafften es nur, indem sie sich an treibende Leichen klammerten. Von den 368 Menschen, die an jenem Abend ertranken, waren 108 im Innern des gekenterten Kutters eingeschlossen. Darunter eine etwa 20-jährige Frau aus Eritrea, die noch ein Kind geboren hatte. Rettungstaucher fanden das tote Baby, noch an der Nabelschnur, in ihrer Strumpfhose.

Schon im Mutterleib bildet unser Gehirn Nervenbahnen aus, die prägend dafür sind, wie wir die Welt und unseren Platz in ihr wahrnehmen. Aus solchen kognitiven Zuordnungen erzeugen wir eine Definition dessen, wer wir sind. Grenzen sind dazu da, diese Definition zu schützen; sie sind also stets Abbilder unserer Identität, ob als Linie auf einer Landkarte oder als Mauern und Zäune in unserer realen Umgebung oder als komplexes Geflecht von Normen und Verpflichtungen, mit denen wir unser Leben regeln. Wir errichten solche Grenzen – handfeste wie symbolische –, um uns zu vergewissern, wer wir sind. Und wir überschreiten sie, um herauszufinden, wer wir werden könnten. Sie sind von allem etwas: Philosophie des Raums, Ringen um Glaubwürdigkeit, Freiraum für Neurosen, Bekräftigung des Gesellschaftsvertrags, beruhigende Abkapselung, Narben.

Grenzen sind außerdem Todeszonen, Tore zur Unterwelt, an denen sich jeder Identitätsnachweis erübrigt. Der Kutter, der vor drei Jahren bei Lampedusa sank, befand sich in italienischen Territorialgewässern. Er hatte die Linie überquert, die unsichtbar im Meer verläuft – eine im Grunde unmögliche Linie. Er hatte die EU-Außengrenze erreicht und gelangte doch nur an seinen eigenen Punkt der Auslöschung, den Punkt, an dem seine menschliche Fracht einfach von der Landkarte fiel.

Ich habe keine Theorie, keine große Erzählung, die erklären könnte, warum so viele Menschen bei lebendigem Leib ihren eigenen Leichenwagen besteigen. Ich durchschaue die Mechanismen nicht, mit denen uns die Globalisierung – trotz des ganzen Geredes über Mobilität und schwindende Entfernungen – eine Welt der Barrikaden und Trennlinien beschert hat, in der ganze Völker offenbar in einer anderen Geschichte als der meinen leben und sterben.

Ich weiß nur, dass eine Frau, die an die Zukunft glaubte, ertrunken ist, während sie ein Kind gebar, und dass wir keine Ahnung haben, wer sie war. Und dass ihre Identität unbekannt ist, bringt uns, die wir übervoll sind mit Identität, in eine unmittelbare und hoffnungslos ungleiche Beziehung zu dieser Frau.

Jeder Mensch, der dies liest, hat eine Identität, eine Selbstwahrnehmung, die durch eine als „wahr“ genommene Identifizierung geprägt und immer wieder bestätigt wird. Ohne eine solche „verifizierte“ Identität kannst du kein Bankkonto eröffnen, bekommst du keine Kreditkarte, keine Sozialversicherungsnummer, keinen Führerschein; du hast keinen Zugang zu einer E-Mail-Adresse und zu den sozialen Medien, du kriegst keinen Pass, kein Visum, keine Bonuspunkte im Supermarkt. Du kannst dir nicht die Mandeln rausnehmen lassen, ja, du kannst nicht einmal sterben. Die verifizierte Identität ist, ob wir darüber nachdenken oder nicht, ob es uns gefällt oder nicht, die bestimmende Rechengröße unseres Lebens, die Skala, auf der wir – als Individuen – von der Wiege bis zur Bahre verortet sind.

Wer im Londoner Nahverkehr mit einer registrierten Oyster-Card unterwegs ist, wird durch den RFID-Microchip in der Karte erfasst.1 Auf dem Chip sind persönliche Daten in Form eines Codes gespeichert, und dieser Code signalisiert, wo man sich gerade befindet und wie viel Guthaben noch auf der Karte ist. Er hat eine Miniantenne, die über ein Lesegerät am U-Bahn-Eingang Informationen bekommt und sie an eine externe Datenbasis übermittelt oder umgekehrt von dieser empfängt. Die Karte braucht man eigentlich gar nicht, sie ist nur die Hülle des RFID-Chips. Hat das Lesegerät die Identität bestätigt, öffnet sich die Zugangsbarriere: Man darf eine weitere Grenzlinie überschreiten und legt sich eine weitere Identitätsschicht zu.

Diese integrierten Chips oder Schaltkreise sind überall, sie stecken als unsichtbare Schlüssel für die Identitätsfeststellung in Kreditkarten, Autoschlüsseln und Mobiltelefonen, in Firmenausweisen und Reisepässen. Manche tragen sie in einem Band am Fußgelenk, zum Beispiel Straftäter auf Bewährung oder Asylbewerber, wenn sie das Aufnahmezentrum verlassen, oder auch Neugeborene auf der Entbindungsstation.

Hunde haben solche Chips zwischen den Schultern. Für Menschen sind die Implantate bisher noch nicht sehr verbreitet. Die Firma Dangerous Things bietet im Internet immerhin schon ein „steriles Implantationsset“ an, das derzeit nur 39 Dollar kostet. Damit kann man sich einen von biokompatiblem Borosilikatglas umhüllten Chip unter die Haut schieben, also die Epidermisgrenze durchbrechen, woraufhin der Chip eine lebhafte Kommunikation mit dem PC oder anderen smarten Geräten aufnehmen kann, um alle möglichen Dinge zu tun: die Autotür öffnen oder die Heizung anstellen oder dem Arzt mitteilen, dass man gerade einen Herzinfarkt hat.

Noch sind implantierbare GPS-Chips eine eher theoretische Möglichkeit, aber sie könnten dazu dienen, eine Person überall auf der Welt zu lokalisieren, zum Beispiel nach Längen- und Breitengrad, Höhe über dem Meeresspiegel, Geschwindigkeit und Richtung der Fortbewegung. Das ist nützlich, wenn jemand in der Westsahara entführt wurde oder sich im Parkhaus der Shoppingmall verlaufen hat. Und auch, wenn man Migranten aufspüren will.

Ein Kernelement der digitalen Identitätsfeststellung ist der elektronische oder biometrische Reisepass. Mein britischer und – demnächst ehemaliger – EU-Pass überträgt die meiste Zeit keine Daten, weil er keine eigene Energiequelle hat. Aber er wacht auf, sobald er in das elektromagnetische Feld der Lesegeräte gelangt, mit denen intelligente Grenzkontrollsysteme ausgestattet sind. Sobald der Chip im Pass aktiviert wird, gibt er sich zu erkennen, indem er dem Lesegerät seine Kennung übermittelt; und erst wenn diese akzeptiert wird, überträgt der Chip seinen Inhalt mithilfe einer digitalen Signatur, mit der die Echtheit der Daten bestätigt wird.

Es handelt sich also um ein System der doppelten Verschlüsselung, das verhindern soll, dass Hacker meine elektronische Identität klauen oder klonen. Derzeit sind die Daten auf meinem Chip noch identisch mit denen auf der ersten Seite meines Passes: Vorname, Familienname, Geburtsdatum, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Seriennummer, Ausstellungsdatum, Ablaufdatum. Diese Daten bilden das Scharnier zwischen mir und den staatlichen Behörden, das bestätigt: Das bin ich.

Sie wissen, dass ich es bin. Die digitale Kopie meines Fotos in dem Mikrochip ist ein JPEG, ein komprimiertes Foto also, das mit viel höherer Auflösung vergrößert werden kann als der kleine Ausschnitt, der im Pass zu sehen ist. Das bedeutet, dass die einzigartige Geometrie meines Gesichts von einer Gesichtserkennungssoftware gelesen werden kann, die den exakten Abstand zwischen Augen, Nase und Ohren erfasst.

Deshalb dürfen wir, wenn das Foto gemacht wird, weder lächeln noch die Stirn runzeln, noch eine Augenbraue hochziehen. All das wurde 2004 verboten, weil die Software das Gesicht wie eine leere, von allen Gefühlsregungen bereinigte Körperfläche behandelt, um es von anderen Gesichtern unterscheiden zu können. Es geht um die Suche nach festgelegten Markern und nicht um eine vollständige kartografische Erfassung.

Ein weiterer wichtiger Nachweis der Identität ist das Visum. Ohne ein solches Dokument waren die Menschen aus Eritrea und Somalia unsichtbare, nicht wahrgenommene Wesen – schon lange, bevor sie vor Lampedusa im Meer versanken, unsichtbare, nicht wahrgenommene Wesen. Vermutlich hatten die meisten von ihnen auch keinen Pass. Sie gehörten zu der neuen, mobilen Spezies, die wir Sans-Papiers nennen.

Dass es Menschen ohne Identitätsdokumente gibt, hat mehrere Gründe. Einer liegt darin, dass Leute, die aus einem gescheiterten oder repressiven Staat fliehen wollen, um anderswo Asyl zu beantragen, ihr Vorhaben nicht ankündigen wollen, indem sie beim Passamt ihres Landes vorstellig werden. Das erklärt auch die Rolle der Menschenschmuggler beim „Wettlauf aus Afrika“, die übrigens einiges aus dem „Wettlauf um Afrika“ gelernt haben dürften, der Ende des 19. Jahrhunderts den umfangreichsten Menschenhandel aller Zeiten ausgelöst hat.2

Das Visum hat, ebenso wie der Reisepass, eine lange Geschichte. Seit 9/11 hat es wieder erheblich an Bedeutung gewonnen. Die dramatische Wende zeigt sich am deutlichsten in den Einreisekontrollen nach den USA und der Europäischen Union, wo die alten Prinzipien von Offenheit und Mobilität inzwischen in einer neuen Ausgrenzungspolitik eingemauert sind. Anstelle des liberalen Grundsatzes, demzufolge die Grenzen der Geografie nicht die Grenzen unseres Lebens sein dürfen, herrscht heute der Liberalismus des Besitzes.

Beschützt und verteidigt wird er durch dichtere Grenzen, steigende Ausgaben für Polizei und Justiz, neue und in alle Bereiche vordringende Überwachungstechnologien und andere Mechanismen der Exklusion – wie eben auch strengere Visabestimmungen. Während das Visum früher meist in den Pass oder ein anderes Reisedokument hineingestempelt wurde, hat es sich nach 9/11 zum aufgewerteten Instrument der smarten Grenzkontrolle entwickelt, weshalb es auch einen eigenen eingebauten Chip hat.

Spezielles Visum für Sportsegler und Gospelgruppen

Schon das Antragsformular für ein Visum bietet einen kleinen Anschauungsunterricht über die schwere Persönlichkeitsstörung, die den Nationalstaat befallen hat: Hier treten sowohl seine tief sitzenden Ängste als auch sein Größenwahn offen zutage. In vielen aktuellen Visaformularen muss man Auskunft über „besondere Kennzeichen“ geben. Pakistan zum Beispiel verlangt die Angabe der Blutgruppe, der Religionszugehörigkeit und der Dauer des Militärdienstes. Birma verlässt sich auf eine Selbstbeschreibung der Antragsteller, die ihre Körpergröße und Haarfarbe, aber auch die Farbe ihrer Augen und ihrer Haut eintragen sollen.

Die Demokratische Republik Kongo fordert Beweise für deinen „guten moralischen Charakter“ und einen Nachweis, dass dein Gastgeber eine „natürliche oder juristische Person“ ist. Japan will vor allem wissen, ob du Marihuana, Opium oder andere Drogen nimmst. Papua-Neuguinea, das spezielle Visa für Sportsegler, Komödianten und Gospelgruppen anbietet, fordert ein Gesundheitszeugnis, ein Röntgenbild der Lunge, einen beglaubigten HIV-Test und eine Bescheinigung deiner heimatlichen Polizeibehörde, dass du ein guter Mensch bist.

China will wissen, ob du eine „schwere geistig-psychische Störung“ oder ansteckende Lungentuberkulose hast. Für das saudische Visum, das beim Außenministerium zu beantragen ist, musst du deine Religionszugehörigkeit angeben und zusichern, dass du die islamischen Tradi­tio­nen samt Drogen- und Alkoholverbot respektieren wirst, wobei man dich darauf hinweist, dass bei Zuwiderhandlungen „die Todesstrafe verhängt werden kann“. Vor der Reise nach den Salomonen wirst du ermahnt, dass alle Angaben in deinem Visumsantrag „in Tatsache und Inhalt der Wahrheit entsprechen müssen“. Und fast alle Länder – außer Thailand – wollen wissen, ob du jemals mit Prostitution oder Frauenhandel zu tun hattest.

Auf dem russischen Visumantrag musst du auflisten, welche Länder du in den letzten zehn Jahren bereist hast. Dasselbe verlangen die Briten, deren zwölfseitiges Antragsformular ein kleines, tückisches Kunstwerk ist. Am wichtigsten ist ihnen die Frage, wie viel Geld du besitzt – in Form von Einkommen, Staatsanleihen oder Aktien – und wofür du es ausgibst. Aber sie wollen auch wissen, ob du den Terrorismus verherrlichst oder rechtfertigst, ob du ganz allgemein ein anständiger Mensch bist oder wegen irgendwas im Knast gesessen oder verurteilt worden bist, und sei es nur ein Verkehrsdelikt.

Und dann gibt es zu guter Letzt noch die moralische Spitze, die Mutter aller Anträge: für ein Einreisevisum in die USA. Abgefragt werden hier Zwangssterilisierung, Prostitution, ansteckende Krankheiten, Polygamie und „moralische Verkommenheit“; Spionage, Weitergabe von „vertraulichen Informationen über US-Unternehmen, die im Zusammenhang mit dem Beitritt der USA zur Chemiewaffen-Konvention erlangt wurden“, Folter (dieses schreckliche Unrecht, das die USA bekanntlich zutiefst verdammen) sowie tätlicher wie verbaler Terrorismus. Und am Ende kommt immer noch die berühmte Frage nach der Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei.

Splittergranate aus dem Duty-free-Shop

Man fragt sich ja immer, was es bringen soll, einen Folterer oder Terroristen aufzufordern, sich freiwillig zu outen. Schließlich wirkt die Vorstellung, man könne in Zeiten der fast totalen Überwachung irgendjemanden für einen verlässlichen Zeugen in eigener Sache halten, schon seltsam anachronistisch. Aber das Bekenntnis per Kreuzchen im Formular ist weniger rätselhaft, als es scheint. Natürlich wissen die Einreisebehörden, dass eine Selbstbezichtigung extrem unwahrscheinlich ist, aber entscheidend ist für sie etwas ganz anderes: Wenn du bei der Einreise falsche Angaben gemacht hast, kannst du sofort abgeschoben werden. Du wirst also nicht rausgeschmissen, weil du ein Terrorist bist, sondern weil du in deinem Antrag gelogen hast.

Damit ist das Visum ein noch stärkeres Instrument der Exklusion als der Pass, der seinem Besitzer, zumindest theoretisch, einen gewissen Schutz bietet. Außerdem ist das Visum eine zudringlichere Erfindung, weil es sich nicht nur mit deiner Identität befasst, sondern auch mit deinen Absichten – ganz im Sinne von René Descartes, demzufolge das wirklich Wichtige das ist, was in deinem Kopf vorgeht.

Es gab Zeiten, da konnte man über all das noch Witze machen. Auf die Frage: „Haben Sie die Absicht, die Regierung der Vereinigten Staaten gewaltsam zu stürzen?“, antwortete der britische Journalist Gilbert Harding einst: „Das ist der einzige Zweck meines Besuches.“ Inzwischen befinden wir uns im Zeitalter extrem autoritärer Grenzen, mit deren Regeln und Vollstreckern du dich nicht anlegen willst. Also suchst du deine Strafzettel wegen Falschparkens heraus, legst das Röntgenbild deiner Lungen bei und den ganzen anderen Unsinn dazu und unterzeichnest am Ende, was du zu gestehen hast. Das alles kommt dir ganz normal vor – außer wenn sie dich am Ende des mexikanischen Visumantrags auffordern: „Please sing in the box.“3

Ein legaler Grenzübertritt ist heutzutage eine sich lange hinziehende Gehorsamsübung, eine stumme Prozession vom Konsulat bis zum Einreiseschalter am Flughafen. Und dort nähern wir uns, mit Trippelschritten wie unterwürfige Geishas, dem Apparat, der uns erfasst, durchleuchtet, scannt und filtert. Danach schleichen wir auf Socken zu der Person, die uns abtastet, oder zu dem Gerät, das die Securityleute Pornoscanner nennen, weil sie durch unsere Kleider sehen können, ohne dass wir uns ausziehen müssen.

Zu einem solchen Verhalten würden wir uns – außer bei einer ärztlichen Untersuchung – normalerweise nicht bewegen lassen. Insofern muss man das als einen Akt der Unterwerfung sehen. Tatsächlich sind Grenzkontrollzonen – insbesondere auf Flughäfen – bewusst auf eine disziplinierende Wirkung angelegt: Das Gewusel wird zu einer Warteschlange gebändigt, und die Passagiere lassen sich das gefallen, weil sie glauben, dass es ihrer Sicherheit dient und dass eine Nahaufnahme ihrer Genitalien ein angemessener Preis für einen sicheren Flug ist.

Der unabhängige Sicherheitsexperte Evan Booth hat allerdings herausgefunden, dass Terroristen sich tödliche Waffen aus Bestandteilen zusammenbauen können, die ausnahmslos in Läden jenseits der Sicherheitskontrollen zu kaufen sind. Booth hat aus solchen Elementen ein ganzes Arsenal voll funktionsfähiger Waffen zusammengebastelt. Zum Beispiel eine Splittergranate, die er in knapp acht Minuten aus einem Kaffeebecher gefertigt hat, wobei die Spitzen an der ­Kroneeiner 20 Zentimeter hohen Souvenir-Freiheitsstatue das ideale Schrapnellmaterial boten. Ein Video auf seiner Website (www.­terminalcornucopia.com) zeigt, wie er ein Hinterladergewehr abfeuert, das aus einer Deosprühdose, Red-Bull-Dosen, 9-Volt-Batterien, Klebeband, Zahnseide, Alufolie, einem Haarföhn, einem Kühlschrankmag­neten und einem Kondom zusammengebaut ist.

Mit seinen Lowtechexperimenten entlarvt Booth das ganze Sicherheitsgetue als ein superteures Theater der Hightechfreaks, die unsere Angst zu ihrem Geld machen. Für die Profiteure der Unsicherheit, die jenseits der rauchenden Trümmer des World Trade Center schnell neue Chancen für sich entdeckten, sind die „intelligenten Grenzen“ ein Riesengeschäft. Vor dem Beschaffungsausschuss des US-Senats warnte Verkehrsminister Norman Mineta schon im Mai 2002: „Wir haben es mit allen möglichen Geschäftsleuten zu tun – es sind an die 20 000 –, die uns irgendein Gerät anbieten, das für alle möglichen Zwecke gut sein soll und zum Beispiel nicht nur Sprengstoff, sondern auch Fußpilz aufspüren kann.“

Kein Marktschreier und kein Stammtischphilosoph wollte die Party verpassen. Einer von ihnen war Paul Ekman. Der emeritierte Psychologieprofessor der University of California ist Gründer der sogenannten Emotional Intelligence Academy. Bereits in den 1960er Jahren hatte er sich vorgenommen, „das Gesicht zu enthüllen“. Es sei eine „Goldmine von Informationen, die bislang alle ignoriert haben“. Also schuf Ekman einen „Atlas der Emotionen“, der mehr als 10 000 Gesichtsausdrücke verzeichnet, darunter welche, die nur 0,04 Sekunden andauern. Er behauptete, wer diese „Mikroausdrücke“ zu entziffern lerne, könne ein lebender Lügendetektor werden. Ekmans ­„Gesichtsbewegungskodierungssystem“ (facial action coding system oder FACS) kommt in der Ausbildung von Grenzbeamten und an­derem ­Sicherheitspersonal zum Einsatz, die lernen sollen, bei den Aussagen von Leuten „zu lesen und zu verstehen, was diese denken und fühlen“.

Damit wird die verifizierte Identität zu einem permanenten Geständnis, bei dem Körper und Geist zu Zeugen des Befragten werden, ohne dass er es überhaupt merkt. Und während er versucht, unschuldig auszusehen, bildet sein Bewusstseinsstrom schon einen Pool, in dem Ekmans Wahrheitsprofis angeln. Für das ebenfalls von Ekman inspirierte Verhaltenserkennungsprogramm SPOT (screening passengers by observation techniques), das auffällige Passagiere während der Eincheckprozeduren erkennen will, hat Washington bereits mehr als eine Milliarde Dollar investiert. Was für eine Goldader.

SPOT ist mittlerweile auf jedem größeren US-Flughafen installiert. Es beruht auf einem Punktesystem. Wie es funktioniert, geht aus einem im März 2015 durchgesickerten Dokument hervor: Zu viel Gähnen gibt einen Punkt. Einen zweiten gibt es für Pfeifen auf dem Weg zur Personenkontrolle. Ein starrer Blick, arrogantes Auftreten, eine verkrampfte Körperhaltung bringen je zwei Punkte, das Zappeln nur einen. Auf der Checkliste stehen außerdem: ein lebhaft hüpfender Adamsapfel, auffälliges Räuspern, übertriebenes oder wiederholtes Rumfummeln an der Frisur oder im Gesicht sowie unangemessene Kleidung. Wer mehr als sechs Punkte hat (von möglichen 94), wird von einem SPOT-trainierten Polizeiermittler aus der Schlange geholt und genauer unter die Lupe genommen.

2011 behauptete Ekman vor einem Unterausschuss des US-Kongresses, die in seinen Methoden ausgebildeten Grenzbeamten seien bei der Entdeckung von Hochrisikopassagieren 50-mal effektiver als ihre Kollegen. Die Behauptung widerspricht allerdings einem unabhängigen Bericht, der zu dem Ergebnis kam, dass die Sicherheitsleute („professionelle Lügenexperten“ eingeschlossen) mit Münzenwerfen ziemlich ähnliche Trefferquoten erzielen könnten. Und vor zwei Jahren befand der US-Rechnungshof, dass es keine wissenschaftlich fundierte Rechtfertigung für das Programm gebe, und empfahl eine Kürzung des entsprechenden Etats, bis die Verkehrssicherheitsbehörde TSA die Nützlichkeit von SPOT belegen könne.

Womöglich wird das SPOT-Programm verworfen, aber nicht die Theorie, auf der es beruht. Ekmans „Wissenschaft der Gesichtskodierung“ gilt inzwischen bei den seit 9/11 eingeführten Sicherheitssystemen, die das „Gesicht des Terrors“ identifizieren wollen, als Goldstandard. Ob automatisierte Gesichtsausdrucksanalyse oder Wärmekameras, die ein Erröten entdecken, oder Sensoren, die eine Pupillenerweiterung verzeichnen, oder automatisierte Lügendetektoren vom Typ Avatar (automated virtual agent for truth assessments in real-time): All diese Geräte und Verfahren behandeln das Gesicht als ein dynamisches Feld systematisierbarer Informationen über einzelne Personen. Sie vermessen dich nicht einfach, sie sind vielmehr darauf ausgelegt, die emotionale, affektive Wahrheit über dich zu enthüllen und in Informationsnetze einzuspeisen.

Diese Ausforschungspolitik wird sich nicht aufhalten lassen. Ihr Ziel ist die totale Erkennbarkeit, und ihre Hohepriester behaupten, dass es die erforderliche Technologie bereits gebe. Das ist natürlich Unfug. Kein Algorithmus, kein „System der Systeme“ kann die Verschlüsselungen und Fantasien des Ich knacken.

In John Updikes Roman „Roger’s Version“ (deutscher Titel: „Das Gottesprogramm“) versucht ein Doktorand seinen Professor zu überzeugen, dass er mithilfe eines ausgefeilten Computergrafikprogramms die Existenz Gottes beweisen könne. Updike entwickelt aus diesem Plot eine theologische Debatte, in der das Bemühen des Studenten, Gott auf die Spur zu kommen, als ein Akt der Gotteslästerung erscheint. Dabei bedient sich Updike vornehmlich bei dem Schweizer Theologen Karl Barth, der argumentiert hat, dass es für den Menschen keinen Weg zu einer Gotteserkenntnis gebe, weil ihm die Fähigkeit, Gott zu verstehen, prinzipiell abgehe. Das aber, meint Karl Barth, können wir Menschen in unserer Arroganz nicht akzeptieren. Wir wollen vielmehr, dass auch die transzendente Welt für uns erkennbar und zugänglich ist.

Am 8. Juli 2013, drei Monate nach seiner Wahl, machte Papst Franziskus seine erste offizielle Reise nach Lampedusa. Er wollte der vielen Tausend Migranten gedenken, die bei der Überfahrt aus Nordafrika ertrunken waren. Nachdem Franziskus einen Kranz ins Wasser geworfen hatte, zelebrierte er eine Messe auf dem Sportplatz, der als Aufnahmezentrum für die Migranten dient. In seiner Predigt – vor einem aus einem alten Fischerboot gezimmerten Altar – fragte der Papst: „Wo ist dein Bruder? Wer ist verantwortlich für dieses vergossene Blut?“

Tausende Gräber unbekannter Migranten

Und dann erzählt er die Handlung einer Komödie des bedeutenden spanischen Barockdichters Lope de Vega: Die Einwohner von Fuente Ovejuna töten ihren Gouverneur, weil der ein Tyrann ist. Dabei sorgen sie dafür, dass niemand weiß, wer der tatsächliche Mörder ist. Und als der königliche Richter fragt: „Wer hat den Gouverneur getötet?“, antworten sie alle: „Fuente Ovejuna, mein Herr.“ Alle und niemand. Auch heute muss die Frage gestellt werden: Wer ist verantwortlich für das vergossene Blut dieser unserer Brüder und Schwestern? Niemand! Die globalisierte Gleichgültigkeit macht uns alle zu Namenlosen: verantwortlich, aber ohne Namen und ohne Gesicht.

Alle Migranten wissen, dass die Antwort auf die Frage: Wer in aller Welt bist du?, in einer Gegenfrage besteht: Wo in aller Welt bist du? Und deshalb wollen sie etwas, das wir schon haben: eine bestätigte Identität, mit der sie auf unsere Seite der Geschichte gelangen können. Deshalb wird den Migranten die Identität zu einer Last, die sie loswerden wollen. Migranten machen sich oft ohne Papiere auf die Reise. Einen Grund dafür habe ich bereits erwähnt: Der Versuch, in ihrem Herkunftsland einen Pass zu beantragen, kann sehr gefährlich sein. Manche haben ihn gleich zu Beginn ihrer Reise verloren, wenn sie von der Polizei oder von Grenzbeamten oder später von Menschenhändlern ausgeraubt wurden. Und viele vernichten ihre Papiere selbst, weil sie die nicht unberechtigte Angst haben, dass unser Kontrollsystem dazu da ist, sie abzuweisen. In Algerien nennt man diese Migranten harraga – Leute, die verbrennen. Und sie verbrennen ja nicht nur ihre Dokumente. Viele verbrennen ihre Fingerspitzen, am Gasherd oder mit Feuerzeugen oder chemischen Säuren; oder sie verstümmeln sie mit Rasierklingen, damit sie nicht bio­metrisch erfasst und ausgewiesen werden. Das sind die Waffen der Schwachen.

Das Boot mit den mehr als 500 Menschen aus Eritrea und Somalia ist drei Monate nach dem Besuch des Papstes in Lampedusa gesunken. Vielleicht hatten auch sie ihre Ausweise zuvor verloren oder vernichtet, doch im Angesicht des Todes wollten die Flüchtlinge sich kenntlich machen. Als der Kutter Schlagseite bekam und Wasser eindrang, waren die meisten Frauen und Kinder unter Deck eingeschlossen. Als einige von ihnen merkten, dass sie nicht mit dem Leben davonkommen würden, riefen sie ihre Namen und die Namen ihres Dorfes, damit die Überlebenden die Nachricht von ihrem Tod überbringen konnten.

Inzwischen haben die Migranten sich angewöhnt, ihre Namen und die Telefonnummern ihrer Familien auf die Bordwand oder auf ihr T-Shirt zu schreiben, wenn das Boot ablegt oder spätestens wenn es in Seenot gerät. Das ist die einzige Möglichkeit, da es für die Ertrunkenen kein offizielles Identifikationsverfahren gibt. Aus den vielen Schildchen mit der Inschrift „nicht identifizierter Migrant“ auf dem Friedhof von Lampedusa geht nur hervor, dass im Mittelmeer seit mindestens 25 Jahren Menschen sterben; nach neuesten Schätzungen mehr als 25.000. Alle werden gezählt, aber nur die Leute, die wirklich zählen. Tote Migranten zählen nicht.

Die Frau, die ertrunken ist, während sie ein Kind bekam, war kein biometrisch erfasstes Subjekt, nur ein biologisch abbaubares. Ich möchte sie nicht als ein Gefühlsobjekt auferstehen lassen, nur um sie in den bereits überfüllten Raum meines schlechten Gewissens zu schmuggeln. Aber ich will, dass man mehr kennt als nur die Nummer, die sie bekam, als man sie aus dem Wasser holte, nämlich 288 (und 289 für ihr Baby), andernfalls wird die Geschichte der Migranten unendlich reproduzierbar und nur noch abstrakt.

Zwei Jahre lang habe ich nach jemandem gesucht, der die Frau identifizieren könnte. Fast hatte ich schon aufgegeben, als ich auf einen Artikel des Journalisten Matthias Schwartz stieß, der sich nach der Tragödie auf den Weg nach Lampedusa gemacht hat. Er fand unter den Überlebenden den Partner der Frau und Vater ihres Babys. Ihr Name, sagte der Mann, war Yohanna. In der Sprache der Eritreer bedeutet das „Glückwünsche“.

1 Es handelt sich um die elektronische Fahrkarte für den öffentlichen Personennahverkehr in London; die registrierte Oyster-Card ist eine Wochen- oder Monatskarte, wofür man persönliche Daten angeben muss. RFID steht für radio frequency identification.

2 Als scramble for Africa (Wettlauf um Afrika) bezeichnet man die Durchdringung, Eroberung, Besetzung, Aufteilung und Kolonisierung großer Teile Afrikas durch die europäischen Großmächte in der Zeit zwischen 1880 und 1914.

3 Hier handelt es sich um einen Buchstabendreher der mexikanischen Behörden. Gemeint ist: „Please sign in the box“ – bitte unterschreiben Sie im nebenstehenden Feld.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Frances Stonor Saunders ist Historikerin und Journalistin. Auf Deutsch erschienen: „Wer die Zeche zahlt ... Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg“, Berlin (Siedler) 2002. Dieser Text beruht auf einem längeren Essay, der am 3. März 2016 in der London Review of Books erschienen ist.

© London Review of Books; für die deutsche Übersetzung Le ­Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.11.2016, Frances Stonor Saunders