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Zwischen Israel und Syrien

Zwischen Israel und Syrien

Ein Besuch bei den Drusen auf dem Golan

von Sophia Marchesin

Am Fuße einer gewundenen Straße, die sich in den hoch aufragenden grünen Bergen verliert, verweist ein Schild mit der Aufschrift „Golan“ auf die einstige Grenze zwischen Israel und Sy­rien. Weiter oberhalb, in einer Kurve, erinnern Steinhaufen daran, dass hier einmal Häuser standen. Am Ende des Sechstagekriegs im Juni 1967 besetzte Israel dieses syrische Territorium und vertrieb alle Zivilisten, die bis dahin noch nicht geflohen waren. Etwa einhundert Dörfer wurden zerstört. Niemand entkam dieser Umsiedlung – mit Ausnahme der Angehörigen der drusischen Gemeinschaft. Die israelische Regierung glaubte, sie könne sie ebenso wie die Drusen von Galiläa auf ihre Seite ziehen (siehe Kasten).

Zwischen dem 5. und 10. Juni 1967 flohen zwischen 115 000 und 120 000 Syrer aus dem Golan nach Damaskus oder Südsyrien. Nur 6400 Syrer drusischen Glaubens blieben in ihren Dörfern. Die hügelige, etwa 1200 Qua­drat­kilometer große Hochebene wurde 1970 zur Besiedlung freigegeben und 1981 von Israel annektiert.

Die Golanhöhen mit ihren Wasserreserven, die einen Großteil des Landes versorgen, sind ebenso wie der Gipfel des Hermon, der die gesamte Region überragt,1 strategisch wichtig für den israelischen Staat. Ministerpräsident Netanjahu bekräftigte im April 2016 noch einmal, der Golan werde „auf immer in den Händen Israels verbleiben“. Diese Äußerung rief auf vielen Seiten Protest hervor, denn die internationale Gemeinschaft betrachtet den Golan weiterhin als besetztes Gebiet, das eines Tages zurückgegeben werden muss. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sprach in der Resolution 242 vom 22. November 1967 von der „Unzulässigkeit des Gebietserwerbs durch Krieg“; und in der Resolution 497, die am 17. Dezember 1981 verabschiedet wurde, verurteilte er die Annexion des Golan.

Mittlerweile leben etwa 50 000 Menschen auf dem Golans, verteilt auf zahlreiche kleine Dörfer: 33 jüdische Siedlungen, in denen 30 000 Menschen wohnen, und die fünf letzten drusischen Dörfer im Norden. Die Straße endet in Madschdal Schams, wenige hundert Meter vor der Grenze nach Syrien. „Willkommen am Ende der Welt!“, sagt Samir S., der in Tel Aviv Architektur studiert und jedes Wochenende in sein Heimatdorf fährt.

Der Weg ins Nachbarland ist durch einen drei Meter hohen Stacheldrahtzaun abgeschnitten, israelische Soldaten beobachten die Grenze von ihren Wachtürmen aus. Die Geräusche des nahen Kriegs, die man seit fünf Jahren hier am Fuße des Hermon hört, schüren die Ängste der Einwohner, denn sie haben ihre syrische Herkunft und die Verwandten, die auf der anderen Seite leben, nicht vergessen. Mit Ausnahme einer christlichen Familie wohnen in Madschdal Schams nur Drusen, Angehörige einer religiösen Minderheit, die im 11. Jahrhundert aus einer Abspaltung vom schiitischen Islam hervorging; sie sind heute auf Syrien, den Libanon, Israel und Jordanien verteilt.

Obwohl die Grenze nur schwer zu überschreiten ist, halten die Drusen des Golans ständig Kontakt mit Suweida, der wichtigsten drusischen Stadt im Süden Syriens. „Wir schicken Geld an unsere Familien, die vom Krieg bedroht sind. Unsere Solidarität geht über Grenzen“, erklärt Samir S. „Wir essen wie die Syrer, wir schauen dieselben Fernsehsendungen. Ich weiß, dass ich Syrer bin. Ich kann die Kriegsgeschichten meiner Eltern und Großeltern nicht vergessen.“

Ein Lautsprecher dröhnt durchs Tal. Wie an jedem 17. April findet auf dem Dorfplatz eine Versammlung statt, um den Tag zu feiern, an dem Syrien im Jahre 1946 von Frankreich unabhängig wurde. Ein zehn Meter langes Stoffband in den syrischen Nationalfarben schmückt den Platz. In der Mitte fotografieren sich ältere Paare vor einem Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Etwa dreihundert Menschen singen Lieder zu Ehren des „Mutterlands“ und der in Damaskus regierenden Baath-Partei.

Der 65-jährige Salman betrachtet die Szene von seinem Balkon aus und erinnert sich an die Zeit, als er selbst an dieser Feier teilnahm: „Vor dem Krieg waren alle für Syrien und gegen die israelische Besatzung. Aber inzwischen ist das eine Demonstration für das syrische Regime, und deshalb machen immer weniger Leute mit.“ Nach den ersten Protesten der Opposition in Syrien im März 2011 bildeten sich in Madsch­dal Schams zwei Lager: die einen für, die anderen gegen Assad. „Vor fünf Jahren haben wir hier auch Demonstrationen gegen das syrische Regime organisiert, genau wie in Damaskus“, erinnert sich Salman. Er erzählt, dass einige regimetreue Nachbarn auf einmal Drohungen ausstießen oder gewalttätig wurden. Angesichts des Chaos in der Region hat man die politischen Differenzen inzwischen lieber auf Eis gelegt. Die drusische Bevölkerung auf den Golanhöhen hat sich für die Einheit im Schweigen entschieden.

Inmitten dieses angespannten Klimas sind seit 2013 rund 2000 Syrer über die Grenze gekommen, um sich in israelischen Krankenhäusern behandeln zu lassen. „Wir nehmen sie nur aus humanitären Gründen auf. Es handelt sich um Zivilisten, die zurückgeschickt werden, sobald sie geheilt sind“, versichert Moti Almos, Sprecher der israelischen Armee. Israel wird jedoch regelmäßig beschuldigt, es versorge auf diese Weise die Dschihadisten der Al-Nusra-Front, die sich inzwischen in Dschabhat Fatah asch-Scham umbenannt hat und gegen Assads Truppen um die syrische Seite des Golans kämpft. Die in der neutralen Zone stationierten Beobachter der Undof berichten von zahlreichen Grenzübertritten bewaffneter Kämpfer oder von Fahrzeugen der Dschihadisten, die vom israelischen Militär freundlich in Empfang genommen würden.2 In der aufgeheizten Atmosphäre griffen am 22. Juni 2015 etwa 15 Einwohner einen Krankenwagen der israelischen Armee an, der durch Madschdal Schams fuhr. Die beiden verletzten Syrer im Wagen­innern wurden mit Steinen beworfen und mit Stöcken geschlagen, einer starb.

Die Drusen im Golan sorgen sich angesichts des Syrienkriegs nicht nur um den Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft, sondern auch um ihre Landwirtschaft, die sie dem Wasserreichtum der Gegend verdanken. Bis 2014 ging ein Viertel der jährlich 80 000 hier produzierten Tonnen Äpfel nach Syrien. Dieser Handel war eine der seltenen Gelegenheiten zur Begegnung zwischen den Bewohnern beider Ländern, wie sonst nur ein Studium in Damaskus oder Hochzeiten zwischen Leuten vom Golan und Syrern, die mithilfe des Roten Kreuzes organisiert wurden.3

Aber die heftigen Kämpfe auf der syrischen Seite unterbrachen die Handelsbeziehungen. Der Fotograf und Apfelbauer Wassim schätzt, dass er dadurch die Hälfte seines Umsatzes verloren hat. Es gebe keine einfachen Lösungen, meint Asad Safadi, Leiter einer der vier Kühlkammern von Madschdal Schams: „Auf den Golanhöhen sind die Besatzer heute eine brutale Konkurrenz für uns. Wir zahlen dreimal so viel für jeden Liter Wasser wie sie, und dann boykottieren viele Kunden aus der arabischen Welt Produkte aus Israel. Letzten Endes sind wir die Opfer und stehen völlig isoliert da.“ Die wirtschaftlichen Einbußen sind auch auf symbolischer Ebene schmerzhaft: „Für uns bedeutete der Handel mit diesen Äpfeln die Hoffnung auf eine Rückkehr. Jetzt sind die Äpfel hier genauso eingeschlossen wie wir.“

Über die politischen Spannungen und deren wirtschaftliche Folgen hinaus durchleben die 20 000 Drusen auf dem Golan eine Identitätskrise, die noch dadurch verstärkt wird, dass die meisten von ihnen keinen Pass besitzen und die israelische Staatsbürgerschaft ablehnen. Auf den Passierscheinen, die ihnen als Ausweis dienen, steht als Nationalität: „unbestimmt“. Wer die israelische Staatsbürgerschaft annahm, wurde lange Zeit des Verrats bezichtigt und von der Gemeinschaft ausgegrenzt. In letzter Zeit ist jedoch eine Veränderung spürbar. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, aber nach Angaben des israelischen Bürgermeisters von Madschdal Schams hatten im Jahr 2011, vor Beginn des Syrienkriegs, fünf Personen heimlich die israelische Staatsbürgerschaft beantragt – im Jahr 2015 waren es bereits einhundert. Insgesamt sollen etwa 10 Prozent der Drusen im Golan die israelische Staatsbürgerschaft besitzen.

Am Tresen im Green Apple, einem beliebten Irish Pub, sagt uns der 32-jährige Jad S. offen seine Meinung. „Ich habe fünf Jahre Musik in den USA studiert, und ich will nicht, dass meine Kinder dieselben Probleme bekommen wie ich, wenn sie keinen Pass haben. Ich will zusammen mit meiner Frau aus ganz praktischen Gründen die Staatsbürgerschaft beantragen. Bin ich also Syrer oder Israeli? Keine Ahnung. In diesem Dorf spricht niemand offen über das Problem. Es verursacht zu viel Kopfzerbrechen. Deswegen denkt man lieber nicht darüber nach“, erklärt er uns bei einem Bier. Taiseer Merei, der Vorsitzende des Vereins Golan for Development, versucht zu relativieren: „Wir haben die osmanische, die französische und die israelische Besatzung überlebt. Für mich sind die Israelis keine Feinde, sondern nur Fremde, die unser Land besetzen. Wir wollen in Frieden mit der ganzen Welt leben, aber wir kämpfen jeden Tag für mehr Rechte, zum Beispiel darum, die Fläche unserer Stadt auszudehnen.“

Der Widerstand gegen eine vollständige Eingliederung in die israelische Gesellschaft bleibt jedoch lebendig. „Ich für meinen Teil würde niemals einen israelischen Pass annehmen“, sagt der Informatiker Youssef R. „Letztendlich fahre ich ganz gut damit. Wenn man sich all die Konflikte in der Region anschaut, hat man keine Lust mehr, an die Politik zu glauben!“

Viele junge Leute sind wie er stolz auf ihre „unbestimmte“ Nationalität. Sie träumen von einer Region ohne nationalistische Ideologien und ohne Grenzen. „Natürlich ist unsere Kultur drusisch; aber ich persönlich möchte nicht über meine Religion definiert werden“, erklärt Nour S., die in Haifa Psychologie studiert. Sie sei „vor allem Syrerin und Araberin“ und bedauert, dass die israelischen Geschichtsbücher behaupten, die Drusen seien keine Araber.

Das Wochenende ist vorbei. Der junge Architekt Samir muss sich wieder hinters Steuer klemmen und von Madsch­dal Schams nach Tel Aviv fahren. „Wenn man nicht dem rechten Weg folgt – also zum Beispiel, wenn man keine Drusin heiratet –, dann hat man nicht mehr das Recht, in der Gemeinschaft zu leben. Aber hier ist definitiv der einzige Ort, wo man sich zu Hause fühlt. Wir sind eine Minderheit, und wir müssen uns schützen. Ob man will oder nicht, wir kommen alle zurück, um in diesem Refugium zu leben, da, wo unsere Wurzeln sind.“

Wir fahren vorbei an der Ruine eines hundertjährigen Hauses, aus dem Kakteen und Birken wachsen. Das Autoradio knistert bei der Suche zwischen syrischen, libanesischen, israelischen und jordanischen Sendern. „Mein Land liegt in Ruinen“, seufzt Samir. „Aber irgend­wann werden sie doch Architekten brauchen, um Syrien wieder aufzubauen, oder?“

1 Der höchste Punkt (2814 Meter) liegt auf der Kammlinie zwischen dem Libanon und Syrien, in der von der UNO kontrollierten Zone.

2 „Report on the United Nations Disengagement Observer Force for the period from 20 November 2014 to 3 March 2015“ (S/2015/177), UN-Sicherheitsrat, New York, 13. März 2015.

3 Vgl. der Film „Die syrische Braut“ des israelischen Regisseurs Eran Riklis (2004).

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Sophia Marchesin ist freie Journalistin in Frankreich.

Le Monde diplomatique vom 13.10.2016, Sophia Marchesin