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Von missionierenden Derwischen und muslimischen Funktionären

Von missionierenden Derwischen und muslimischen Funktionären

Die Geschichte des Islam auf dem Balkan

von Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin

Ende Oktober 2015 erklärte Viktor Orbán: „Der Islam hat nie zu Europa gehört, er ist hereingekommen! … Er ist das Regelwerk einer anderen Welt.“1 Prompt wurde der ungarische Ministerpräsident vom Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina, dem Reisu-l-ulema Husein Kavazović, daran erinnert, dass auch das Judentum und das Christentum ihren Ursprung außerhalb Europas haben.

Die muslimischen Würdenträger in Südosteuropa legen häufig Wert darauf, sich von den Gemeinschaften im Westen abzugrenzen, die sich ursprünglich aus Immigranten rekrutierten, und verweisen deshalb auf die lange Geschichte des Islam auf dem Balkan. Das ist natürlich auch eine Reaktion darauf, dass die diversen Na­tio­na­lismen der Region sich als „autoch­thon“ verstehen und daraus Rechte ableiten, die angeblich dem Volk zustehen, das am längsten in dem betreffenden Gebiet siedelt.

Zugleich ist der betonte Hinweis auf die historische Verwurzelung der muslimischen Religion aber auch ein Echo auf islamophobe Obsessionen von Leuten wie Orbán, die den Islam als Fremdkörper betrachten. Gegen solche Vorurteile kann man – auf einer subtilere Ebene des Diskurses – auf die Tatsache verweisen, dass der Islam auf dem Balkan kulturell ein anderer ist als die Version, die in der arabischen Welt, in Afrika oder in Asien praktiziert wird. Dass dieser „andere Islam“ also mit einer hypothetischen europäischen Identität besser zu vereinbaren ist.

Die lange Geschichte des Islam in Europa beginnt im 8. Jahrhundert. Nach der Epoche von al-Andalus (711 bis 1492) auf der Iberischen Halbinsel und dem Emirat von Sizilien (948 bis 1091) breitete sich der Islam im Gefolge der Eroberung durch die Osmanen auf dem Balkan aus. Schon bevor die türkischen Truppen den Fluss Evros in Thrakien überschritten (1371), sollen tanzende Derwische auf dem Balkan herumgewandert sein, um die mehrheitlich christianisierten, häufig aber auch häretischen Strömungen wie dem Bogomilismus zugeneigten Bewohner zu bekehren.

Populärer wurde die Konversion zum Islam jedoch nach der Entstehung osmanischer Verwaltungsstrukturen im Laufe des 15. Jahrhunderts. Dabei übte die osmanische Obrigkeit keinerlei Druck aus, wohl aber winkten den Bekehrten gewisse materielle Vorteile. Zum Beispiel mussten Nichtmuslime als Gegenleistung für den Schutz durch den Sultan spezielle Steuern entrichten, ihre Eigentumsrechte waren beschränkt und bestimmte zivile und militärische Führungspositionen blieben ihnen verwehrt.

Im Lauf der Massenkonversion, die mit dem 16. Jahrhundert im heutigen Bosnien-Herzegowina einsetzte, wurde ein Großteil der Elite zu Muslimen. Manche Historiker erklären das mit den Reminiszenzen an die eigenständige bosniakische Kirche. Die beruhte auf gewissen „häretischen“ Lehren, die mit dem religiösen Dualismus der Bogomilen oder Katharer verwandt waren. Gegen Letztere hatte Papst Honorius III. (1150 bis 1227) sogar zu einem Kreuzzug aufgerufen.

Die verschwundenen Moscheen von Belgrad

Der Hinweis auf die Tradition des Bogomilismus erleichterte es den bosniakischen Historikern, den Islam in die Nationalgeschichtsschreibung zu integrieren. Auf diese Weise ließ sich die Konversion eher als Resultat einer landesspezifischen Sonderentwicklung darstellen und weniger als Folge der osmanischen Invasion, also eines äußeren Ereignisses.

Das Tempo, mit dem die Bevölkerung sich islamisierte, erklärt sich vor allem durch die Schwäche der katholischen sowie orthodoxen Kirche.2 Am leichtesten konnte sich der ­Islam in den Regionen beiderseits der 395 n. Chr. gezogenen Trennlinie des Römischen Reichs durchsetzen, die traditionell zwischen den westlichen und den östlichen Christen umstritten waren, also vor allem in Bosnien-Herzegowina, aber auch in Montenegro.

Dagegen vollzog sich die Konversion der Albaner nur langsam und schrittweise. In den ländlichen Regionen des Kosovo wechselten die Einheimischen öffentlich zum muslimischen Glauben, behielten aber insgeheim ihre christlichen Riten bei. Dabei waren die Männer, die den Besitz hielten und weitervererbten, häufig Muslime, während die Frauen, und damit die religiöse Unterweisung der Kinder, christlich waren.

1839 wurde mit dem Hatt-ı Şerif (Handschreiben) von Gülhane das erste islamische Reformedikt erlassen. In der Region Vitia/Kosovska Vitina hatte das paradoxerweise tragische Folgen, weil Dorfbewohner, die bis dahin als Muslime gegolten hatten, irrtümlicherweise glaubten, ihren katholischen Glauben fortan ungehindert praktizieren zu können. Doch ihre Rekonversion wurde sofort unterdrückt. Ganze Dörfer wie Binač/Binçë und Stubla wurden nach Anatolien deportiert.3

Dieser eigenartige Synkretismus, der in den retrospektiven Projektionen der serbischen wie der albanischen Nationalisten komplett ignoriert wird, wirft ein Schlaglicht auf die komplexe Identität im Kosovo, zumindest bis ins 19. Jahrhundert.

In den bulgarischen, rumänischen und serbischen Gebieten des Osmanischen Reichs war die jeweilige orthodoxe Kirche stark und fungierte als Gesprächspartner der Obrigkeit, als offizielle Repräsentation und Führung der Millets, also der vom Sultan „geschützten Gemeinschaften“. Der heilige Sava, Sohn des serbischen Großfürsten Stefan Nemanja, hatte 1219 vom Patriarchen von Byzanz die Anerkennung einer autokephalen Serbisch-Orthodoxen Kirche erwirkt. Nach der osmanischen Eroberung von 1557 konnte Patriarch Makarije die Autonomie der serbischen Kirche wieder herstellen, und zwar dank seiner verwandtschaftlichen Beziehung zum Großwesir Mehmet Pascha Sokolović, der als Spross einer aristokratischen Familie der bosnisch-­serbischen Grenzregion zum Islam konvertiert war.

Die Millets wurden zu Vorläufern nationaler Strukturen. Seit dem 18. Jahrhundert, aber vor allem im 19. Jahrhundert boten sie einen institutionellen Rahmen für die Entfaltung moderner Nationalbewegungen – und sorgten zugleich für die nationale Ausprägung der jeweiligen orthodoxen Kirchen.

Aus diesem Prozess des „nation building“ blieben die Muslime von vornherein ausgeschlossen. Sie waren Untertanen des Osmanenreichs, ohne sich auf bestimmte gemeinschaftliche Strukturen – seien sie sprachlicher oder „nationaler“ Natur – beziehen zu können. Dieser Status begründete ihre beharrliche Loyalität zur Hohen Pforte. Aber er erklärt auch ihren Widerstand gegen die nationalistischen Bestrebungen der christlichen Völker, für die alle Muslime „Türken“ waren, auch wenn sie Albanisch oder Slawisch sprachen.

Als der berühmte osmanische Reisende Evliya Çelebi 1660 zum ersten Mal nach Belgrad kam, schwärmte er von den vielen Kunstwerken und von „einer so herrlichen Stadt, dass es unmöglich ist, sie zu beschreiben“. In Belgrad gab es damals etwa 17 000 muslimische Häuser und Dutzende Mo­scheen.4 Heute existiert davon nur noch die Bajrakli-Moschee, die 1575 errichtet und bei den antialbanischen Ausschreitungen im März 2004 schwer beschädigt wurde.5

1804 kündigte die erste serbische Erhebung, auf die 17 Jahre später der Aufstand der Griechen folgte, den allmählichen Zerfall des Osmanenreichs an. Diese Entwicklung bedeutete auch, dass die Siedlungsgebiete der balkanischen Muslime drastisch schrumpften. Bereits nach dem zweiten serbischen Aufstand von 1815 wurden die „Türken“ umgehend aus den Landstrichen vertrieben, die man den Osmanen entrissen hatte. Damit entstand zugleich eine Gegenbewegung von Christen, die aus den osmanisch gebliebenen Re­gio­nen in die entislamisierten Gebiete strömten.

Die allmähliche Ausdehnung des montenegrinischen Staats, die mit Massakern und Zwangsbekehrungen zum orthodoxen Glauben einherging, hatte ebenfalls eine Abwanderung der Muslime zur Folge.6 Das gleiche Schicksal hatten ihre Glaubensgenossen in den Gebieten, die ab 1821 vom griechische Unabhängigkeitskrieg erfasst wurden.

Atheismus unter Enver Hoxha

All das ließ den Strom der Flüchtlinge (muhacirs) anschwellen, die aus dem „Gebiet des Kriegs“ (Dār al-Harb) auszogen, um in das „Gebiet des Islam“ (Dār al-Islām) zu gelangen. Die drastischen Bevölkerungsverschiebungen waren der Preis dafür, dass auf dem Balkan im 19. Jahrhundert ständig neue Na­tio­nalstaaten entstanden.

Im Albanischen war es nicht möglich, eine nationale Identität nach dem Modell der orthodoxen Christen zu formen. Da die albanischen Bevölkerungsgruppen vorwiegend muslimischen Glaubens waren, verschmolz der „Albanismus“ mit dem „Osmanismus“: Die Wortführer des albanischen Nationalismus pflegten eine doppelte Loyalität – gegenüber dem Osmanenreich, dem „allgemeinen Vaterland“, und gegenüber Albanien, dem „speziellen Vaterland“. Nach dem russisch-türkischen Krieg von 1878 und dem Berliner Kongress, der mit der Aufteilung der osmanischen Gebiete in Europa endete, bekräftigte eine Versammlung von Notabeln aus allen albanischen Gebieten des Reichs am 10. Juni 1878 in Prizren den gemeinsamen Wunsch, unter der Herrschaft der Hohen Pforte zu verbleiben, wenn auch in einer geeinten, autonomen Region (Vilâyet).

Doch die Großmächte kümmerten sich nicht um die „albanische Frage“. Die „Liga von Prizren“ gilt als erste Manifestation des modernen albanischen Nationalismus, über die reli­giö­sen Trennlinien hinweg. Albanische Historiker betonen zudem, dass die Gründerväter der „nationalen Auferstehung“ dem Sufi-Orden der Bektaschi angehörten, zum Beispiel Naim Frascheri (1846 bis 1900), der ein Vers­epos über die folgenreiche Schlacht von Kerbela verfasst hat, die im Jahr 680 den Bruch zwischen der sunnitischen Version der Geschichte des Islam und der Sichtweise der Schiiten wie der sufistischen Derwische besiegelte. Der Bektaschismus wird in dieser Wahrnehmung zu einer Art „nationalen Konfession“, die sich vom sunnitischen Islam unterscheidet und sich als Merkmal für die Besonderheit der eigenen Nation anbietet.

Am Ende des ersten Balkankriegs (1912) musste das Osmanische Reich seine letzten europäischen Territo­rien aufgeben. Die Truppen des Sultans hielten dem gemeinsamen Angriff der bulgarischen, griechischen, montenegrischen und serbischen Streitkräfte nicht stand. Die Albaner erklärten am 28. November 1912 in der Küstenstadt Vlora ihre Unabhängigkeit. Zwar versuchten einige Beys in den mehrheitlich muslimischen Gebieten im Kosovo und Mazedonien, die vorrückenden Streitkräfte des Balkanbunds zu stoppen, aber Hunderttausende wählten den Weg ins Exil.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schätzte das türkische Innenministerium die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge auf knapp über 400 000; Zehntausende hatten in den Kämpfen ihr Leben verloren. Und der Exodus setzte sich in der Zwischenkriegszeit weiter fort. Im Rahmen des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs, der im Vertrag von Lausanne 1923 vereinbart worden war, mussten etwa 400 000 Muslime ihre Heimat in Griechenland verlassen.7

Nach dem Zweiten Weltkrieg unterzeichneten auch das sozialistische Jugoslawien und die Türkei ein Abkommen, das die Abwanderung von rund 200 000 Muslimen aus Mazedonien, dem Kosovo und dem Sandschak Novi Pazar zur Folge hatte. Diese „jugoslawischen“ Türken ließen sich vor allem in dem Istanbuler Stadtviertel Bayrampaşa nieder.

Die geografische Verteilung der Muslime in Südosteuropa hat sich also durch Kriege und Bevölkerungsverschiebungen immer wieder verändert. Das bedeutete zwar eine etappenweise Homogenisierung ganzer Regionen, aber das Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen blieb dennoch überall die Regel. Das ist allerdings keineswegs eine balkanische Besonderheit: Ganz ähnlich sah es bis zum Ende des 20. Jahrhundert in zahlreichen Regionen des Nahen Ostens aus, wo große jüdische und christliche Gemeinschaften nebeneinander lebten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in allen Ländern Südost­euro­pas kommunistische Systeme (abgesehen von Griechenland, wo ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach). Für die ­neuen Machthaber war jede Religion ein Symp­tom von Rückständigkeit, das es zu bekämpfen galt. Nach 1945 wurden die alten religiösen Würdenträger durch bequemeres Personal ersetzt. Die traditionellen muslimischen Eliten wurden durch die Kollektivierung ökonomisch ruiniert, das traditionelle Kopftuch der Frauen fiel der politischen „Umerziehung“ zum Opfer.

Die Mitglieder des Warschauer Pakts (Bulgarien, Rumänien und bis 1968 Albanien) und der „Dissident“ Jugoslawien entwickelten sich jedoch sehr rasch auseinander. Das Engagement der Tito-Regierung für die Bewegung der Blockfreien, die ihre erste offizielle Konferenz 1961 in Belgrad abhielt, führte zu einer Annäherung an die arabischen Länder, vor allem an das Ägypten Nassers. Jetzt wurden die jugoslawischen Muslime zu wertvollen Botschaftern. Studenten durften zum Theologiestudium nach Ägypten, Sy­rien oder in den Irak fahren, und es entstanden neue Moscheen.

1969 erkannte das Regime den muslimischen Bosniaken den Status einer eigenen Nation zu, gleichrangig mit den Slowenen, Kroaten, Montenegrinern, Serben und Mazedoniern. Von da an konnte man sich als „Muslim“ im Sinne der nationalen Zugehörigkeit definieren, ohne unbedingt gläubig sein zu müssen.8 In den 1960er Jahren nahm die Schülerzahl an der Medresse (Religionsschule) der Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo kontinuierlich zu, während der Druck auf die religiöse Presse nachließ.

1977 wurde in Sarajevo sogar eine Fakultät für das Studium der islamischen Theologie gegründet, die einem doppelten Zweck diente: der Ausbildung eigener jugoslawischer Imame und der Eindämmung ausländischer Einflüsse. Zudem förderte das jugo­sla­wische Regime die Entwicklung einer stark zentralisierten islamischen Gemeinschaft unter der Leitung eines Reisu-l-ulema mit Sitz in Sarajevo, das immer mehr zur Hauptstadt der jugo­sla­wischen Muslime wurde, einschließlich der albanischsprachigen aus dem Kosovo und Mazedonien.

Unter Tito wurden die muslimischen Führungspersönlichkeiten allmählich zu Funktionären des Re­gimes. Damit knüpfte man einerseits an die osmanischen Verhältnisse an, aber vor allem ging es darum, Dissidenten jeglicher Couleur zu verhindern und die staatliche Kontrolle über die Religionsausübung dauerhaft sicherzustellen. Selbst die mystische Bewegung der sufistischen Derwische, die in der albanischen Welt besonders einflussreich war, wurde strenger kontrolliert. 1974 gründete der jugoslawische Staat eine Gemeinschaft der heiligen Derwisch-Orden (Zidra) – gewiss der einzige Fall einer mystischen muslimischen Organisation, die von einem sozialistischen Regime betrieben wurde.

Dagegen wurde die panislamistische Strömung in Bosnien-Herzegowina unterdrückt, deren Wurzeln in die Bewegung der Jungen Muslime (Mladi muslimani) zurückreichen, die 1941 mit Zustimmung der nationalsozialistischen Besatzungsarmee geschaffen wurde. Die Panislamisten prangerten die Erstarrung der islamischen Institutionen ebenso an wie die Verwestlichung der geistigen Eliten. Ihr erklärtes Ziel war die Rückkehr zum „reinen Islam“.

Die panislamistische Strömung war eine Reaktion auf den dezidierten Antikommunismus, der in der katholischen Kirche unter dem Einfluss des 1979 gewählten Papstes Johannes Paul II. immer stärker wurde, sowie auf den serbischen Nationalismus, der von den orthodoxen Klöstern ausging. Die zentrale Figur der Bewegung war Alija Izetbegović, der spätere erste Präsident der unabhängigen Republik Bosnien und Herzegowina (1990 bis 2000). Izetbegović wurde 1983 verhaftet, nachdem er seine berühmte „Islamische Deklaration“ veröffentlicht hatte, eine antikommunistische Streitschrift, die eine Verschmelzung von Glauben und Politik propagierte und Pakistan als Modell eines islamischen Staats anpries.

In Bulgarien und Rumänien hatte der Druck auf die Muslime nie nachgelassen. In beiden Ländern wurden sie noch stärker ausgegrenzt, während deren kommunistischen Regime gleichzeitig nationalistische Tendenzen entwickelten. So wurde in Bulgarien seit 1984 eine Politik der nationalen „Erneuerung“ verfolgt, die darauf abzielte, die Minderheiten der Türken, Pomaken9 und Roma gewaltsam zu assimilieren. Innerhalb eines Jahres wurden die Namen von 850 000 Bürgern „bulgarisiert“, und im Sommer 1989 wanderten zwischen 300 000 und 400 000 Muslime in die Türkei aus. Westthrakien, das nach dem Vertrag von Lausanne griechisch geblieben war, bot ein weiteres Beispiel für die gezielte Ausgrenzung muslimischer Bevölkerungsgruppen: Ihr Zugang zu Privateigentum wurde eingeschränkt, im Zivilrecht galten weiterhin religiöse Normen, und bis 1989 blieb Ausländern der Zugang zu bestimmten Gebieten an der Grenze zu Bulgarien verwehrt.

Radikale Imame aus Saudi-Arabien

Albanien hatte sich 1967 zum „ersten atheistischen Staat des Planeten“ erklärt. Das Regime Enver Hoxhas verbot jede Form der Religionsausübung. Der Atheismus wurde mit eiserner Faust und blutigem Terror durchgesetzt. Priester, Imame und Scheichs der Derwische wurden hingerichtet oder in Arbeitslager gesteckt. Deshalb mussten nach dem Fall des kommunistischen Regimes 1991 alle religiösen Strukturen aus dem Nichts neu aufgebaut werden, was nur mit ausländischer Hilfe möglich war: In den 1990er Jahren zählten die Bibel und der Koran zu den wichtigsten Importartikeln Albaniens, das zu einem neuen „Missionsgebiet“ geworden war.10

Seitdem gibt es in Albanien zwei islamische Strömungen. Dabei konkurriert eine radikalere Richtung, getragen von jungen, in den Golfstaaten ausgebildeten Imamen, mit den offiziellen Vertretern des Islam, die Verbindungen zum türkischen Amt für religiöse Angelegenheiten haben und eine eher traditionelle Richtung repräsentieren.

Die islamische Gemeinschaft in Ju­go­slawien wurde durch den Zerfall des Staates auseinandergerissen, weil jeder Nachfolgestaat seine eigenen nationalen Institutionen begründete. Allerdings hat sich Mustafa Cerić, seit 1993 Reisu-l-ulema von Bosnien-Herzegowina, mit der Zeit zu einer zentralen Figur des Islam auf dem Balkan entwickelt. Der bosniakische Großmufti stand der Partei der demokratischen Aktion (SDA) von Präsident Izetbegović sehr nahe und sah im Zerfall Jugoslawiens die Chance zu einer tiefgreifenden Reislamisierung der Gesellschaft. Das Projekt scheiterte jedoch am Krieg (1992 bis 1995) und der darauffolgenden Teilung des Landes in ethnokonfessionelle Einheiten, die im Friedensabkommen von Dayton vereinbart wurde.11 Eine Reislamisierung konnte daraufhin nur in den Kantonen mit einer bosniakischen Mehrheit gelingen.

Vor diesem Hintergrund tolerierten die politischen und religiösen Verantwortlichen islamistische Freiwillige aus dem Ausland, die nach Bosnien-Herzegowina gekommen waren, um humanitäre Hilfe zu leisten oder in der internationalen Brigade der Mudschaheddin zu kämpfen. Diese durch internationale salafistische Strömungen geprägten Leute betrachteten den zuweilen von anderen Religionen beeinflussten „bosnischen Islam“ mit Misstrauen und kritisierten die örtlichen Muslime als „zu lasch“. Hunderte dieser Kämpfer ließen sich in Bosnien-Herzegowina nieder, erwarben häufig die bosnische Staatsbürgerschaft und konnten unbehindert weitere Anhänger rekrutieren.

Nach den Attentaten vom 11. September 2001 begannen die im Land stationierten internationalen Streitkräfte islamistische Netzwerke anzugreifen. Davor war die Rolle der Dschihadisten im Bosnienkrieg lange Zeit verschleiert oder heruntergespielt worden. Verschwiegen wurde damit auch, wie tief islamistische Ideen in die bosniakische Gesellschaft eingedrungen waren. Das hatte auch mit der etwas voreiligen Annahme zu tun, ein solches Transplantat aus dem Ausland werde vom spezifisch bosnischen, „durch und durch toleranten und gemäßigten“ Islam rasch wieder abgestoßen.

Aber stimmt diese Annahme? Tatsächlich wurde der Islam, wie er im ehemaligen Jugoslawien praktiziert wird, in erster Linie durch den Sozialismus geprägt, was einen sehr spezifischen Kompromiss mit der Moderne ermöglicht hat. Doch die organisatorische und normative Kraft des offiziellen Islam wird heute ebenso infrage gestellt wie dessen theologische und spirituelle Legitimität. Und zwar auf doppelte Weise: durch die erwähnten radikalen Imame, die meist in den Golfstaaten ausgebildet wurden, wie auch über die neuen Medien und sozialen Netzwerke. Radikale Predigten werden heute über das Internet verbreitet; und der „gelebte Glaube“ ist eher in geschlossenen Facebook-Gruppen als in der Moschee zu Hause.

Die gewaltsamen Konflikte, die insbesondere in Mazedonien und im Kosovo die muslimischen Gemeinschaften zerreißen, sind großenteils Generationenkonflikte zwischen alten Imamen, die einem traditionellen Modell des Islam anhängen, und jungen Eiferern, die von importierten Lehren beeinflusst werden. Es ist ein Konflikt zwischen zwei Visionen des modernen Islam: der Vision, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im sozialistischen Jugoslawien vorherrschte, und der neuen, „weltumspannenden“ Vi­sion, die sich im Zuge der Globalisierung ausbreitet. Das könnte auch für die übrigen postkommunistischen Länder der Region bedeuten, dass der komplizierte Wiederaufbau der muslimischen Gemeinschaften ein günstiges Terrain für radikale Prediger bietet.

1 Interview mit dem Magazin Focus (München), 17. Oktober 2015.

2 Vgl. John V. A. Fine jr., „The Late Medieval Balkans. A Critical Survey from the Late Twelfth Century to the Ottoman Conquest“, Ann Arbor (The University of Michigan Press) 1987.

3 Vgl. Ger Duijzings, „Religion and the Politics of Identity in Kosovo“, London (Hurst) 2000.

4 Evliya Çelebi (1611 bis 1682) veröffentlichte den Bericht über seine Abenteuer unter dem Titel „Seyahatnâme“.

5 Die Ausschreitungen waren eine Reaktion auf antiserbische Pogrome im Kosovo.

6 Vgl. Nathalie Clayer und Xavier Bougarel, „Les Musulmans d’Europe du Sud-Est. De l’Empire aux États balkaniques“, Paris (Karthala) 2013.

7 Die „ausgetauschten“ Muslime waren keineswegs nur Türken, deportiert wurden auch muslimische Griechen wie die „Kreta-Türken“. Die griechische Regierung versuchte 1923, auch die muslimischen Albanier der nordwestlichen Provinz Epirus (die Volksgruppe der Cham) in das Austauschprogramm zu pressen, was aber vom Völkerbund abgelehnt wurde.

8 Die Bezeichnung wurde im Bosnienkrieg offiziell geändert: Die Muslime heißen seitdem Bosniaken, der Begriff Bosnier bezeichnet hingegen alle Einwohner des Landes, ob Bosniaken, Kroaten, Serben oder andere Minderheiten.

9 Die Pomaken sind islamisierte Slawen und leben hauptsächlich in den bulgarischen Rhodopen, aber auch jenseits der Grenze in Griechenland. Die große Mehrheit der bulgarischen Roma sind seit jeher Muslime.

10 Miranda Vickers, „L’Albanie, terre de mission et la foi des Albanais“, Le Courrier des Balkans, 22. November 2006.

11 Das Abkommen von Dayton schrieb die Teilung von Bosnien und Herzegowina in zwei Teilrepubliken (Entitäten) fest, die Republika Srpska und die Föderation von Bosnien und Herzegowina, die wiederum in zehn Kantone (mit jeweils bosniakischer oder kroatischer Mehrheit) untergliedert wurde.

Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin sind Redakteure des Onlineportals Le Courrier des Balkans.

Le Monde diplomatique vom 08.09.2016, Jean-Arnault Dérens